Dredg – El Cielo

Ein Traumgemälde auf Platte gegossen

In diesem Oktober sind genau zehn Jahre vergangen als Dredg ihre Platte El Cielo veröffentlichten. Ein runder Geburtstag, der nicht schweigend begleitet werden sollte, sondern Anlass genug ist, sich El Cielo gründlich zu widmen. Satte vier Jahre ließ sich die Band nach ihrem starken Debut  Leitmotif Zeit, um ein neues Werk vorzubereiten, durchzukomponieren und aufzunehmen. Letztlich wurde ein Konzeptalbum veröffentlicht, das thematisch um Salvador Dalís Gemälde Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen kreist. Die Vertonung eines Gemäldes? Ja, sicherlich eine schwierige Aufgabe, der Dredg sich stellen, zumal bei so einem Projekt wahrscheinlich mehr in die Hose als gut gehen kann. Eigentlich – nicht so bei Dredg.

Denn El Cielo ist purer Wahnsinn und eine bessere Vertonung von Dalís Traumgemälde kann man sich gar nicht denken. 16 Songs in knapp einer Stunde. Davon 5 sogenannte Brushstrokes, die zu Beginn als Intro und danach als Intermezzi fungieren, die Stimmungen und Sequenzen gliedern und neu einleiten, dabei aber ein stets wiederkehrendes Element in dieser unwirklichen Traumwelt darstellen. Und so ist Brushstroke: Debtfoabaaposba ein einminütiges Intro, das mit Pinsel/Mal-Geräuschen, dem Andeuten choraler Gesangspartien, dem Auffahren der schemenhaft flackernden Delay-Gitarre einen herrlichen Einstieg für Same Ol‘ Road liefert, das unter Fortsetzung der Introfigur mit Drums und Bass losstampft und ein grandioses Lied eröffnet. Wenn Gavin Hayes mit seiner für den Rock so unwirklichen Stimme einsetzt und die Gitarre sich in Stellung bringt – dann gibt es kein Halten mehr. Same Ol‘ Road, zweifellos einer der besten Songs, die Dredg jemals geschrieben haben, zieht die/den Hörer_in sofort in seinen Bann. Diese Stimme, diese Harmonie, diese Mystik, diese bezaubernde Rhythmik und die eigenartig-unwirkliche Botschaft: We must push on / Rescent it seems / We must push on / Though we bleed… / All you need is a modest house / In a modest neighborhood. Ein Traum. Die Klinke wird nahtlos Sanzen in die Hand gereicht, das sich aufbäumt als stünde ein ganzes Orchester auf der anderen Seite der Kopfhörer. Und dabei sind es stets lediglich Stimme, Gitarre, Bass und Schlagzeug, also Hayes, Engels, Roulette und Campanella, die, obwohl sich keins ihrer Instrumente in den Vordergrund drängt, eine überbordende klangliche Fülle zustande bringen. Klar fokussiert sich viel auf Hayes´ Gesang, jedoch niemals so, dass er dadurch aufdringlich würde.

Was die drei Instrumente angeht, ist eine bessere Abgestimmtheit und Harmonie kaum denkbar. Sie spielen sich gegenseitig zu, tragen sich gemeinsam von Song zu Song und erschaffen dabei aber stets unprätentiös und pointiert großartige Melodien. Überhaupt atmen die Songs bei aller Experimentierfreude kompositorische Strenge und Exaktheit und das im positivsten aller Sinne. Denn es ist einfach richtig gut. Bei Dino Campanella scheint dies in besonderer Weise der Fall zu sein. Sein Schlagzeugspiel ist in jeder Hinsicht brillant und macht ihn zu einem der besten Progressive-Rock-Schlagzeugern der Gegenwart. So präzise und auf den einzelnen Schlag konzentriert, spielen nur wenige. Die Rhythmen winden sich durch Takt- und Tempiwechel, bleiben dabei aber stets auf das Nötigste reduziert. Kein Schlag zuviel, die Breaks mit Bedacht gewählt und mit Perfektion gespielt. Ja, besser geht nicht! Und allein die klangliche Qualität des Drumsets hätte schon einen Preis verdient.

Überhaupt ist El Cielo klanglich ob der feinen und detailverliebten Produktion schlichtweg herausragend. Das ist in jeder Sekunde zu hören und spüren. El Cielo ist eben eine Platte, die bei allem Experimentieren die Songorientierung nicht vergisst, so dass sie nie auch nur annähernd in The Mars Voltanisches Gedudel abgleitet. Die Struktur, das Konzept halten alles zusammen. Triangle ist so ein Fall. Ein etwas zerfahrener Song mit vielen Wandlungen, Klangveränderungen, rhythmischen Wechseln, der trotz allem eine klare Songstruktur aufweist und einen melodisch satten Refrain darbietet. Bei Convalescent verhält es sich ähnlich: Ein experimentierfreudiger Song mit Bombenrefrain. Und so kommt es, dass die wunderbaren Momente auf El Cielo kaum abzuzählen sind. Wenn sich beispielsweise das Motiv von Same Ol‘ Road in Brushstroke: (Reprise) wie ein Déjà Vue, wie in einer Traumsequenz gefangen wieder anschleicht und zerstreut, um sogleich das überragende Of The Room loszulassen. Es könnte hier weitaus mehr angeführt werden, doch würde dies nur davon ablenken, sich die Platte zum Jubiläum noch einmal (oder auch vielleicht zum ersten Mal) endlich anzuhören, eben auch, weil es hier so unglaublich viel zu entdecken gibt.

El Cielo ist die Platte, für die man Dredg lieben muss, weil wirklich nur wenige Platten so mystisch, unwirklich, rätselhaft, durchdacht, experimentell und so planvoll traumwandlerisch zugleich sind. Oder schon einmal so einen Albumabschluss wie Canyon Behind Her gehört? Unerklärlich bleibt beim Hören aber auch, wie diese fantastische Band mit Chuckles & Mr. Squeezy eine derartige musikalische Missgeburt erschaffen konnte. Aber das nur nebenbei – jetzt feiern wir erst einmal El Cielo.

10/10

Anspieltipps: Same Ol‘ Road, Of The Room, Canyon Behind Her

(Martin Oswald)

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