Clickclickdecker – Nichts für ungut

Eigentlich, aber.

Kevin Hamann ist so ziemlich genau das, was man einen umtriebigen Geist nennen könnte. Unter anderem als Tom BolaMy First Trumpet, Bratze oder eben Clickclickdecker hat der Kerl inzwischen einen Wust an Alben, EPs, Singles, Tapes und sonstigem Formatkram unter die Leute gebracht, der so manches Paar Augenbrauen hochschnellen lässt. Und wie auch immer die Band, das Pseudonym gerade heißt, unter dem Hamann sein Unwesen treibt: Die meiste Zeit kam und kommt Gutes dabei rum. Das geht dann gar so weit, dass selbst  Zauselbarde Gisbert zu Knyphausen ihn – genauer Clickclickdecker – als einen seiner Einflüsse aufzählt. Und nicht anders herum. Das mag manche Verwundern. Allerdings nur so lange, bis man Hamanns Songwriterprojekt ein Ohr schenkt.

Wenn der dann nämlich sein zwölf Songs umfassendes Zweitwerk Nichts für ungut langsam lostorkeln lässt, wenn im Opener Niemand tanzt so kacke wie ich depressive Streicher von einer gutmütigen Tuba getröstet werden, weiß man: Es gibt noch Hoffnung. Auf Rettung. Lieder schreiben, im Sinne von ‚eigentlich müsst man, aber auch egal‘, irgendwo im Spektrum von Schulterklopfen und inniger Umarmung, ohne dabei kumpelig oder aufdringlich zu wirken, das ist Hamanns große Gabe. Hört man Nichts für ungut, ist man sich sicher: Hamann wäre der Kerl, der alle Anstrengungen unternehmen würde, um dich nach Hause zu bringen, wenn du Morgens um Vier gerade die letzte U-Bahn verpasst hast und kaum mehr laufen kannst. Ein Eindruck, den er hervorruft, ohne dafür große Worte bemühen zu müssen. Serviert wird Hamanns Wortakrobatik zu zurückhaltendem Indiepop, aus viel Akustischer, dezenter Elektronik und den nötigsten weiteren Schnörkeln. Das ist dann schlechtestenfalls ganz gut. Aber meistens doch bewundernswert. Wenn Wer hat mir auf die Schuhe gekotzt mit seinen Elektrobauklötzen spielt, wenn Hamann präzise dazukommt, „overdressed und dehydriert, heldenhaft die Schlacht verliert“ und im Refrain zur finalen Bitte – „Fahr mich einfach nach Hause“ – kommt, ist vieles möglich, außer Desinteresse. Im Gegenteil: Wenn nämlich im Anschluss das gut gelaunte 107 Leider Unvermittelbar die Sonne rein lässt, ihren Widerschein genießt, macht man gerne mit, lässt sich von diesen Songs an der Hand nehmen. Umso schöner, dass Hamann auch anders kann. Anders im Sinne von ganz schön fies in Sozial Brennpunkt Ich. Das fängt an bei „wirst du mir fehlen, ich glaube nicht wirklich“ und hört auf bei „in gläsernen Schuhen tanzt es sich eher beschissen, doch woher sollst du das auch wissen.“ Das sitzt. Punktgenau. Bei allem Anschein der Geborgenheit, der durch Hamanns Songs wabert, zum Feind haben will man diesen Typ nicht wirklich. Anders im Sinne von überraschend krachig geht es dann in Immerhin beabsichtigt zu. „Wollten wir nicht eigentlich gegen das hier sein?“ fragt Hamann energisch und packt dazu die Stromgitarre aus. Abwechslung ist schließlich Trumpf. Und hey: Wenn das vielleicht beste Stück der Platte, Der ganze halbe Liter, mal eben im Vorbeigehen Hamburg abwatscht, ist ohnehin alles gewonnen: „Diese Stadt ist ein verdammter Mutterbusen. Jeder darf mal ran.“

Nichts für ungut, das ist Musik für immer. Für immer im Sinne von jederzeit. Für jede erdenkliche Situation. Und weil es durchaus langweilig ist, jetzt vier, fünf Beispiele herunter zu beten, lassen wir mal schnöde Zahlen sprechen:

9/10

Anspieltipps: Wer hat mir auf die Schuhe gekotzt, 107 leider unvermittelbar, Der ganze halbe Liter, Sozialer Brennpunkt Ich

(Martin Smeets)

Ein Gedanke zu „Clickclickdecker – Nichts für ungut

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