Blink 182 – s/t

Ausgewachsen

Wir schreiben das Jahr 2003. Drei Typen, allesamt Endzwanziger, die auf den seltsam anmutenden Namen Blink 182 hören, haben ein neues Album im Ärmel. So weit, so unspektakulär. So egal, um ehrlich zu sein. Schließlich hatten besagte drei Typen unter besagtem, seltsam anmutenden Namen bis hier hin nichts weiter gemacht, als das aufzuheben, was Green Day einst liegen gelassen haben: Drei schlampig geschrubbte Akkorde, Uffda-Rhythmen noch und nöcher garniert mit Pennälerhumor an der Schmerzgrenze und weit darüber hinaus. Kurz: Was Blink 182 bislang auf Band gebracht hatten, war, wenn überhaupt, in etwa so originell, lustig und anspruchsvoll, wie ein tiefschürfendes Gespräch mit einem Kühlschrank. Im Vorfeld gestreute Meldungen, wonach die Band vorhabe, sich im Zuge der Namensgebung der neuen Platte an den Guns N’Roses zu vergreifen, die neue Platte Use Your Errection I+II zu nennen, ließen das Schulterzucken im Vorfeld umso heftiger werden. Nichts Neues im Pop-Punk-Land also?

Nicht ganz. Allein in der Vorgeschichte zur letzten Endes (zum Glück) selbstbetitelten Platte steckt ein Twist: Ein ganzes Haus musste es als Studio sein, unzählige Räume, ausgestattet mit allem möglichen neuen und alten Equipment, um mal so richtig ausgelassen am Sound herum zu basteln. Klingt ambitioniert? Dauerte auch ganze neun Monate, bis die Band die Zelte 14 Songs schwerer wieder abbrach. Und das – allen mehr oder weniger berechtigten Zweifeln zum Trotz – hört man der Platte auch an. Und wie. Allein in der Klangästhetik hat dieses Album bis heute den restlichen Vertretern des Genres mehr als eine Nasenlänge voraus. Natürlich tut auch Blink 182 wahrlich niemandem weh, jedoch wird man – gerade wenn man sich auf das pop-punksche Feld beschränkt – sehr lange suchen müssen, bis man ein Album findet, dass so organisch daherkommt, wie dieses. So hat jedes Stück sein eigenes Soundgewand verpasst bekommen, während der (seltsamerweise) angenehm höhenlastige Mix den Laden voller Klangindividualisten zusammen hält. Auf maximum-Airplay getrimmte Sterilität? Vergiss den Fall. Und die Chose wird noch viel besser: Die vierzehn Stücke auf dieser Platte wissen nämlich mit ihren Mitteln tatsächlich etwas anzufangen. Das fängt beim Opener Feeling This an, der als Single voraus geschickt wurde und sich für den Verlauf des weiteren Albums als Irrlicht galore heraus stellt, sind doch hier alle typischen Trademarks der Band noch ein mal in voller Pracht vertreten: Eine nette Melodie, Toms quakendes Organ, ein Text über Sex und überbordend viel Mitsingpotential. Der Unterschied zu früher: Dieses mal wird das alles mit einer großen Portion Spielwitz garniert. Wer’s nicht glauben will, höre sich das vielschichtige Songfinale an. So schön kann also Pop-Punk sein. Dabei war das nur der Anfang. Die nächste Überraschung folgt auf dem Fuß und hört auf den Namen Obvious. Wohl zum ersten mal suchen die Gitarren hier nicht den direkten Weg ins Ohr, beweisen nicht nur, dass diese Band auch ein paar mehr Akkorde in einem Song unterbringen kann, sonder auch, dass sie seit neuestem ein Händchen für Dynamik und Wendungen hat. Und seit neuestem auch ein Auge auf ihre Texte und ihren Habitus hat. Ein paar Songs später nämlich, zum Abschluss von Violence gibt es einen Brief zu hören, den Mark Hoppus Großvater während des zweiten Weltkriegs an seine Frau verfasst hat. Ein ungeschminkt persönlicher Moment mitten in einer Platte von Blink 182. Es geschehen also doch noch Zeichen und Wunder. Es ist dann auch nur angemessen, dass es sich die Band nicht nehmen lässt, im Anschluss ihren besten Song von der Leine zu lassen. Stockholm Syndrome prescht unvermittelt los, stürmt nach vorne als gäbe es kein Morgen, überrumpelt sich selber, hält kurz inne, nur um sich schließlich doch wieder die Sporen zu geben. Und geht nebenbei als härtester Track der Bandgeschichte durch. Aus den Ideen, die dieses Stück enthält, hätten Blink 182 früher ein ganzes Album gemacht. Eigentlich schade, dass der Platte im Anschluss zwischenzeitlich doch ein wenig die Luft ausgeht. Stücke wie Down, Go oder Here’s Your Letter stellen sich in die Tradition früherer Alben und kommen so über das Prädikat ’nett‘ nicht hinaus. Ganz im Gegensatz zu Asthenia, das sich zunächst eine Minute Weltraumgeschwurbel gönnt, ehe es in die Puschen kommt und seine Bratzgitarren mit bewundernswertem Verve los lässt. Und wenn die Band ganz zum Schluss noch über fast sieben Minuten zeigt, dass sie auch vertrackt und bombastisch kann, nun, dann muss man eigentlich einfach den virtuellen Hut zücken.

Um die Verhältnisse nach all der (berechtigten) Lobhudelei zum Abschluss doch noch ein wenig gerade zu rücken: Klar, dass alles ist nach wie vor keine hohe Kunst, nichts wirklich Neues, nach wie vor ist Travis Barker der einzige, der sein Instrument wirklich beherrscht, nach wie vor muss man Tom DeLonges Stimme nicht wirklich mögen. Aber: Die Songs dieser Platte sind gut genug, dass die Kollaboration mit Robert Smith (ja, der Robert Smith von The Cure) in der verschleppten Akustikballade All Of This gar nicht so besonders und umwerfend ist, wie man es eigentlich anhand dieser Konstellation vermuten möchten. Im Gegenteil, das besagte Zusammenspiel wirkt im Kontext dieses Album beinahe folgerichtig. Muss man auch erst mal hinbekommen.

7/10

Anspieltipps: Feeling This, Stockholm Syndrome, Asthenia, All Of This

(Martin Smeets)

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