Adolar – Schwörende Seen, Ihr Schicksalsjahre!

Umwerfend, sowas

Es gibt ja so ein durchaus merkwürdiges und eigentlich kaum erklärbares Phänomen, das sicherlich nicht wenigen bekannt ist: Bands werden oftmals anhand eines einzelnen Songs beurteilt. Da kann der übrige Output noch so sehr glänzen, da ist dieses eine Lied, dass so penetrant und in einer schwerlich auszuhaltenden Häufigkeit am Nervenkostüm kratzt, dass man aufgeben, die Band zum roten Tuch erklären muss. Beispiele gefällig? Die Kings Of LeonSex On Fire? Igitt. Mando DiaoDance With Somebody? Pfui deibel. MuseUndisclosed Desires? Nur hereinspaziert, lieber Würgereiz.Die Scorpions. Na gut, das war ein Scherz. Weniger humorig liegt der Fall bei Adolar. Die haben vor ein paar Jahren Mariokart vs. Kettcar fabriziert, den Prototypen für vor die Wand gefahrenen Postpunk: Da können die Melodien noch so gefällig sein, zu gewollt klangen diese scharfkantigen, ungelenken Akkorde, zu durchkalkuliert wirkte der Song, zu schlaumeierisch klang es aus dem Text. Kurzum: Das war bestimmt kein schlechter Song, sympathisch war das aber trotzdem nicht. Eine Band zum Vergessen also? Welch Trugschluss!

Zu dieser Erkenntnis ist es ein kurzer Weg. Schon wenn sich Schwörende Seen, Ihr Schicksalsjahre! über den Opener In deiner Wohnung am Horizont heran orgelt, ist klar: da geht was. Und zwar richtig. Gewaltig, möchte man vermuten. Und tatsächlich legt diese Platte mit dem seltsamen Titel nach exakt einer Minute und sechs Sekunden so zwingend, so derbe und mitreissend los, wie schon lange keine Platte vor und nach ihr. Die Drums krachen fast martialisch, die Gitarrenfraktion gniedelt und bratzt kurzerhand alle Zweifel nieder, der ganze Song schreit die Ankunft dieser Platte in den Äther. Und macht nach 40 Sekunden platz für die Strophe, für Spannungsbögen und eine ganze Reihe Überraschender Twists. Dazu gibt es völlig Unprätentiöses über ‚deine Wohnung.‘ Eine Hoch auf die freie Assoziation. „Jetzt liegst du da, sektüberströmt“, setzt das folgende Kitt die Cleverness in der Wortakrobatik fort und zeigt so ganz nebenher, dass sich Adolar auch ganz formidabel auf vertrackte Songstrukturen voller Falltüren und doppelter Böden verstehen. Und doch sind Adolar dann am besten, wenn sie sich auf ihre außergewöhnliches Talent für zwar eingängige, dafür aber wahrhaft organische Songs verlassen. Weltsehen ist so ein Stück, dass auf leisen Sohlen durch’s Halbdunkel trippelt, irgendwo zwischen „Platz und Toastbrot im Kühlschrank“ und „Ich will die Welt sehen, bevor das große Kotzen kommt“ die Fenster aufreisst und eine Flut an Bildern und Projektionen herein lässt, mit der man auch erst mal klar kommen muss. So geht also Cinemascope ohne Peinlichkeit und Prahlerei. Umwerfend, sowas.

Und Zeit zum Aufstehen findet man auch kaum. Schließlich kommt ziemlich unmittelbar Busfahrplan o.D. um die Ecke und hebt das gleich wieder auf, was eben Weltsehen liegen gelassen hat, nur eben mit anderen Mitteln. Statt der leisen Zurückhaltung gibt es hier einen Refrain der sich an sich selbst in schwindelerregende Höhen berauscht. Und seine HörerInnen gleich mitnimmt. Schwindelfreiheit: Empfohlen. Gefahr zu fallen: Nicht vorhanden. Auf die Gefahr, sich zu wiederholen: Umwerfend, einfach umwerfend, sowas. Zwischendrin ziehen Adolar übrigens noch das Überraschungsmoment auf ihre Seite und legen Mitnehmerrippe vor, ein über- und verdrehtes Spoken-Shout-Monster voll fieser Widerhaken, das über seine letzte Minute völlig überraschend mit unglaublicher Wucht nach vorne stürmt. Muss man nicht unbedingt bei mit kommen, aber wenn doch, ist die Freude über dieses spinnerte Stück, dem der Humor wie der Passatwind steht, umso größer.

Da kann man dann auch mal beide Augen zu drücken, wenn der Platte nach dieser Großtat zwischenzeitlich doch ein wenig die Luft ausgeht und für zwei Songs nur im Schongang unterwegs ist. Bevor sich das Titelmonster zum Abschluss doch noch ein mal fängt und mit Tag im Teich einen Rausschmeißer anbietet, der dieses Album in äußerst würdiger Manier abschließt. Nämlich in aufgekratzter Schönheit. Und hey: Nach dem Genuss dieser Platte kann man sich plötzlich auch mit Mariokart vs. Kettcar anfreunden. Es geht doch.

8/10

Anspieltipps: In deiner Wohnung, Weltsehen, Busfahrplan o.D., Tag im Teich

(Martin Smeets)

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