The Ataris – Welcome The Night

Alles nichts

Was man nicht alles wollen könnte, so zwischen verstiegenen philosophischen Spekulationen und dem schlichten Verlangen nach einem Teller Suppe. Gerade als ziemlich erfolgreiche Band. Wenn man in den letzten Jahren fast durch die Decke gegangen ist und mit Boys Of Summer eine Coverversion auf die Beine gestellt hat, die nicht eben selten für das Original gehalten wird. Einfach gesagt: wenn man 2007 also gerade Mitglied bei The Ataris ist. Da kommt man auf Ideen. Aus vier mach sieben? Keyboard und Cello in den bisherigen Bandsound integrieren? Im Pop-punk? Na wenn das mal gut geht.

Nun: Geht es nicht. Zumindest nicht so richtig. Erster Hördurchgang: Verwunderung. Fassungslosigkeit. Das sind The Ataris? Kann eigentlich nicht sein, aber auch die CD verrät nichts anderes. Also noch einmal von vorne. Und aus dem anfänglichen Unverständnis wird allmählich Respekt. Hier hat eine Band, die – wie erwähnt – eigentlich nichts anderes tun bräuchte, als den Sound vom Vorgänger So long, Astoria weiter zu kultivieren, mal eben keinen Stein auf dem anderen gelassen und so ziemlich alles umgeworfen und neu aufgebaut. Da wurde halt das Wörtchen Punk vor dem Pop mal weggestrichen, Kris Roe taucht in Stimmregionen ab, die man – mit Verlaub – einem blonden Surferbubi so nicht zutrauen würde und nach Uffda-Rhythmen sucht man vergebens. Dabei stampft der Opener Not Capable Of Love noch halbwegs geradeaus drauf los: Eine bös verzerrte Gitarre gibt den Weg vor, die Rhythmusfraktion folgt. Und Roe zeigt mal eben, wo er zwischen Strophe und dem gelungenen Refrain mit seiner Stimme überall herumturnen kann. So kann es weitergehen? Weit gefehlt. Schon direkt im Anschluss servieren uns die Sieben Cardiff-By-The-Sea, einen Song, der mit so vielen Ideen und Details ausgeschmückt ist, wie es in den Anfangstagen wohl für eine ganze Platte gereicht hätte. Und vor allem: Einen einwandfreien Popsong. Noch dazu einen guten. Das Problem mit all den Streichern und Keyboards und der Atmosphäre und überhaupt dem Pop ist allerdings: Sie haben halt übertrieben. Dann klebt ein eigentlich nicht wirklich schlechter Song wie And We All Become Like Smoke nun mal so sehr, dass man ihn nicht mehr anfassen möchte. Und links liegen lässt. Schade drum. Demgegenüber steht allerdings auch so einiges auf der Habenseite: das sauber durchgekopfnickte Connections Are More Dangerous Then Lies, das beschwingte Whatever Lies Will Help You Rest inklusive Roes Ausflug zur Kopfstimme und allen voran The Cheyenne Line. Letzteres bewirbt sich ernsthaft für den besten Song, den The Ataris bislang auf Band gebracht haben. Spannend, mitreißend, atmosphärisch. Hier passt dann wirklich alles zusammen. Und man bekommt eine Ahnung von dem, was auf dieser Platte vielleicht möglich gewesen wäre.

So ist Welcome The Night nicht das Überalbum, das man immer und überall hören möchte, geworden. Es scheitert am eigenen Anspruch – schließlich wurden seitens der Band als Referenz gar Sigur Rós aus dem Hut gezaubert. Diese Platte ist vielmehr eine künstlerische Neuausrichtung zum überraschendsten Zeitpunkt, ein Befreiungsschlag gegen die Erwartungshaltungen, die an eine aufstrebende Band nun einmal herangetragen werden.  Ein gelungener Emanzipationsversuch also. Und in der Nachschau gleichzeitig auch ein kommerzieller Freitod. Sie wollten alles, sie bekamen nichts. Und davor zücke ich meinen virtuellen Hut.

(Martin Smeets)

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