AFI – Sing the Sorrow

Ein Intro, das zunächst an schlimmste musikalische Auswüchse à la Within Temptation oder The Gregorian erinnert. Zum Glück aber nur so lange bis Davey Havok mit seiner fantastischen Stimme einsetzt. Denn dann entpuppt sich das Opulenz trächtige Miseria Cantare – The Beginning als ein angemessener Opener dafür, was AFI am besten können: die Gratwanderung zwischen überzeichnet kitschigem Stadionrock und virtuosem Punkcore. Und ohnehin ist es Havoks Stimme, die diesen gewagten Soundmix so besonders und einzigartig macht.
Sing the Sorrow, eine Platte auf die 13-jährige Emo-Girlies ebenso abfahren können wie Hardcore geschulte, von Kopf bis Zehenspitze tätowierte Antifas im mittleren Lebensalter. Wer denkt, dass diese Beschreibung unsäglich klischeebeladen ist, hat recht. Doch es passt. Denn AFI sind eigentlich selbst ein einziges Emo-Klischee. Allein schon die fürchterliche Frisur Havoks wird viele schon vom Drücken der Play-Taste abhalten, weil dabei klar sein dürfte, dass man hier androgyn gesungene und gefühlsschwangere Teenietragik zu hören bekommt. Und das Artwork? Kommt daher wie ein ganz übler Vampirfilmstreifen FSK 12.
Aber lassen wir Oberflächlichkeiten und Klischees einmal beiseite, denn AFI sind weit mehr als das und das Drücken der Play-Taste lohnt sich bei Sing the Sorrow allemal.
Diese 2002-Platte ist sicherlich so etwas wie der wegweisende Meilenstein in der Diskografie der vier Kalifornier. Der „typische AFI-Sound“ wird konsequent weitergeführt und verfestigt sich und das nicht nur durch die endgültige Emanzipation von Dexter Holland (The Offspring), dessen Label Nitro Records AFI vor der Platte gen DreamWorks verlassen haben. Auch weil man förmlich spürt wie sie an ihrem Sound feilen und die Songs bis zur Perfektion bombastisch aufladen. Das geht nicht immer gut, meistens allerdings schon, niemals aber geht es in die Hose. Ein stetes Highlight ist, wenn und wie sich Havok in verschiedenen Stimm- und Tonlagen selbst zusingt. Und ja: The Leaving Song Pt. II, Bleed Black, Girl´s Not Grey und This Celluloid Dream sind einfach Riesenhits.
Immer bis in die kleinsten Details ausgeschmückt mit viel Melodie, enorm viel Produktionsarbeit und Experimentierfreude. Letztere ist ohnehin auf der ganzen Platte omnipräsent und wird manchmal, wie beispielsweise in den Techno- und Streicherabschnitten in Death of Seasons oder im 15-minütigen teils kammerorchestralen, teils filmmusikreifen Abschluss …But Home Is Nowhere regelrecht auf die Spitze getrieben. Das alles hat bei fast einer Stunde Spielzeit zweifellos auch Längen, denn Dynamik und Spontaneität fehlen der Platte an der einen und anderen Stelle. Gelegentliche Ausflüge in den Kitsch sind auch nicht zu leugnen, was bei dem Programm das AFI darbietet auch nicht wirklich verwundert.
Doch halten sich die eher faden Momente entschieden in Grenzen und es bleibt schlussendlich eine hervorragende Platte, bei der man sich gewiss nicht schämen muss die Play-Taste noch ein paar Mal zu drücken.

(Martin Oswald)

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