Sigur Rós – Takk…

Das ist eine dieser Platten, die alle im Plattenschrank haben sollten. Also wirklich alle. Ob Hipster, Indie, Klassik-Fan, Popper, Hippie, Punk, Electro-Guru… ach was es nicht sonst noch alles gibt. Ich weiß, nicht allen wird sie gleichermaßen gefallen, nicht alle werden sie anhimmeln wie ich das tue. Aber immerzu griffbereit sollten sie alle haben. Denn auch in einem durchzechten Metal-Leben oder einem gangbangmäßigen Hiphop-Lifestyle wird es Momente geben, in denen sich nichts, aber auch wirklich nichts, besser anfühlen wird, als Takk… auf den Plattenteller zu legen oder in das CD-Fach zu schieben.
Das werden vorzugsweise die einsamen Momente sein. Bei Mistwetter, mit einer warmen Tasse Tee in der Hand, einer Kuscheldecke auf dem Schoß, einer gehörigen Portion Sehnsucht in der Brust und einem Haufen ungeordneter Gedanken im Kopf. Die Momente, in denen der Ofen knistert, die Kinder draußen Drachen steigen lassen und der Nachbarshund neblig in die Kälte schnauft. Oh je, soviel Kitsch?
Aber ja, die volle Ladung.

Denn Takk… ist nicht einfach nur ein Album, das man kauft, um es gekauft zu haben oder mal so hört, um es gehört zu haben. Takk… ist ein Geschenk, ein Traum, der durch die Lautsprecher auf die Hörerin wie Tausend kleine Wölkchen niederprasselt. Oh, jetzt reicht´s aber mit Gossenromantik… Nein, nein, denn das hier ist die Wahrheit. Und alle, die dieser Platte eine Chance geben, die sich ausreichend Zeit für sie nehmen, werden gleiches berichten.

Schon das Artwork der vier Isländer beeindruckt. Ein 8-jähriger Schuljunge steht im altmodischen Wams treuherzig in der Gegend. Er ist allein und etwas ratlos, vielleicht verträumt. Hat er etwas angestellt? Hat er statt dem Unterricht zu folgen draußen die im V-Verbund flatternden Wildgänse beobachtet? Hat er sich vorgestellt mitten unter ihnen in die windgeplagten Lüfte zu steigen und hat er daraufhin die Fragen der Lehrerin überhört und missachtet? Ja, sie hat ihn wohl aus dem Klassenzimmer verbannt. Nun steht er da unter den Andeutungen wehender Sträucher und weiß nicht wie ihm geschieht – er sinniert. Ein begabter Buchdrucker erzählt diese Geschichte auf dem Cover. Oder ist es doch eine ganz andere Geschichte?
Welche Geschichten erzählen uns eigentlich Sigur Rós selbst? Nun ja, es ist natürlich alles andere als einfach hinter dieses isländische Kauderwelsch zu steigen, das Jónsi mit seiner einzigartig-unnachahmlichen Stimme artikuliert. Aber was er wirklich singt, ist ohnehin nebensächlich. Denn auch wenn das mitteleuropäische Ohr in jeder Textzeile eine bloße Ansammlung wunderschöner Lauten wahrnimmt, so ist doch stets klar worum es geht. Es sind schöne Geschichten, die Jónsi erzählt. Es sind Geschichten voller Sehnsucht und Hoffnung, voller Empathie und Liebe – voller Schönheit. Und wenn das Wort Schönheit vertont werden müsste, so müsste Sigur Rós eingeladen werden dies zu tun.

Doch zum Album: Takk… wählt einen majestätischen Einstieg. Der Titeltrack führt knisternd und unpointiert steigernd ins Thema ein, gibt grob die Richtung vor, stimmt die Instrumente ein, klingt ab und setzt in Glósóli langsam anmarschierend wieder ein. Eine überragende Nummer, die sich zögerlich entfaltet, wohldosiert die Dynamik antreibt – und schließlich in einem orgastischen Crescendo aufgeht. Im dazugehörigen Video läuft eine Gruppe Kinder auf eine Klippe zu und springt… aber nicht etwa die Klippe hinab, nein, hinauf in die Lüfte. Die Kinder fliegen über die Weiten des Meeres davon. Und ja unser Schuljunge ist ganz gewiss mit dabei.
Aber damit nicht genug. Wir sind wohlgemerkt erst beim zweiten Song. In Hóppipolla springen vom wundervollen Streichquartett Amiina begleitet alte Menschen in Pfützen. Greise, die Klingelputzen spielen und sonstigen Schabernack treiben. Ist das nicht wunderbar? Ja, ist es. Hóppipolla ist heute nicht zu unrecht der wohl bekannteste und meistgespielte Sigur Rós-Track. Ähnlich schön geht es weiter. Meo Blódnasir leitet das zweite Viertel des Albums ein. Zweites Viertel? Oh ja, bisher sind wir erst ganz am Anfang. Sé Lest, Saeglopur und das überwältigende 10-minütige Milanó gestalten sich musikalisch komplexer. Zwar stets zur Einfachheit neigend, entfalten sie das ganze Können dieser Band. Verspieltes Glockenspiel und Xylophon, einprägend-intoniertes Klavier, mit Geigenbogen bespielte E-Gitarre, über den Horizont hinaustragende Bassläufe, wuchtig-dezent treibendes Schlagzeugspiel und die Streicherinnen. Ja, die Streicherinnen, die unseren Schuljungen über blühende Wiesen und dichte Wälder, über Gebirgsbäche und schneebedeckte Gipfel hinfort tragen. Die Melodien werden opulenter, die Songszenerie ausgedehnter, die Detailverliebtheit prägender. Milanó klingt lang, sehr lang aus, um in das schönste Streicher-Schlagzeug-Gitarren-Intro der Musikgeschichte hinüberzusetzen. Gong ist wesentlich düsterer und mystischer als die ersten zwei Plattendrittel und bleibt damit so etwas wie das etwas traurigere Stiefkind auf Takk… Denn mit Andvari wird die Platte wieder heiterer und trägt sich über Svo Hljótt und Heysátan ruhig in heimische Gefilde.
Der Schuljunge kehrt nach einer abenteuerreichen und wunderbaren (Traum-)Reise nach Hause und legt sich mit müden Augen, aber einem glücklichen Lächeln ins Bett.
Und irgendwo da draußen fliegen die Wildgänse ihre sehnsuchtsvollen Runden…

4 Gedanken zu „Sigur Rós – Takk…

  1. Pingback: Sigur Rós + Blanck Mass | 23.02.13 | Zenith (München) | heartcooksbrain

  2. Eine sehr schön geschriebene und absolut treffende Kritik. Ein Gedanke meinerseits: Vielleicht ist „Gong“ der kurze Moment, in dem der Schuljunge begreift, dass er nicht ewig träumen kann. Dass die überwältigende Schönheit und warme Umarmung der Traumwelt irgendwann wieder von der komplizierten, kalten Realität eingeholt wird?

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