At the Drive-In – In/Casino/Out

Auf den Tag genau zwei Jahre nach ihrem Debutalbum Acrobatic Tenement und ziemlich genau zwei Jahre vor ihrem großen Wurf Relationship of Command veröffentlichten At the Drive-In 1998 ihr zweites und zugleich vorletztes Album In/Casino/Out. Eine Platte, die es in sich hat – eine Offenbarung.
Doch der Reihe nach. Da formiert sich im Laufe der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine Schülerband aus der texanisch-mexikanischen Pampa, die die Leitplanken des Post-Hardcore nicht nur sprengen, sondern auch ganz neu verlegen wird. Jede Band, die auch nur annähernd ähnliche Musik macht, muss sich, ob sie will oder nicht, an At the Drive-In messen lassen.

El Paso, TX. Alles andere als ein seliges amerikanisches Städtchen. Ciudad Juárez, die mexikanische Stadt, die alle Kriminalitätsstatistiken sprengt, liegt nur einen Katzenwurf entfernt. Arbeitslosigkeit, Armut, Drogenkämpfe, Bandenkriege, Frauenmorde… und ein paar Häuser weiter, ein paar gelangweilte, aber ordentlich angepisste Jungs, die anfangs mehr schlecht als recht auf ihren Instrumenten herumhauen. In den Jahren 1994 und 1995 werden zwei beachtliche EPs (Hell Paso und Alfaro Vive, Carajo!) rausgeschickt, zwei Touren (einmal durch Texas, einmal durch die gesamten Staaten) abgefahren und 1996 das erste bärenstarke Album Acrobatic Tenement aufgenommen. In den Straßen, Kneipen und Kellern El Pasos reift eine Band für die Ewigkeit heran. Nach einigen Umbesetzungen findet 1997 endlich das At the Drive-In-Stammquintett zusammen: Cedric Bixler-Zavala, Omar Rodríguez-López, Paul Hinojos, Tony Hajjar und Jim Ward.
Und dann endlich wird die ganz große Platte auf die Welt losgelassen. In/Casino/Out also. Eine Platte voller Wahnsinn, Brachialität, Wut, Virtuosität, Wohstandsverwahrlosung- und/oder verwöhnung, Frust, Verlust, Urbanität, Sentimentalität, Hoffnung und zigtausend anderer treffender Substantive. Verpackt in allzu kurzweiligen 40 Minuten. At the Drive-In sind im Vergleich zu ihrem Debut – nun ja, nachdenklicher, kompakter, komponierfreudiger, exakter und irgendwie schlichtweg besser geworden. Die Produktion ist glatter als beim Vorgänger, allerdings zum Glück noch Lichtjahre entfernt von der aalglatten Soundästhetik The Mars Voltas. Und überhaupt: die beiden Pfade, die letztlich ihre Entzweiung in The Mars Volta und Sparta gefunden haben, werden auf In/Casino/Out gut zusammengehalten. Rodríguez-López` zappeliger Klampfen-Gedudel-Wirrwarr wird hier stets elegant und rechtzeitig von den präzisen und melodiösen Riff-Strukturen Wards eingefangen. Ohnehin geben die beiden Gitarren eine perfekte Kombination ab. Dieses wilde mal Gegen- mal Miteinanderspielen soll erstmal jemand nachmachen. Bixler-Zavalas die Tonleiter auf und ab fetzender Falsett-Gesang wird auf In/Casino/Out von einer ordentlichen Portion Testosteron gerade noch in Zaum gehalten. Ausgetobt wird sich dennoch gehörig in den teils schier atemberaubenden Schreiparts. Die Rhythmusgruppe bringt genau das, wie es sich für eine (Post-)Hardcore Band gehört, in erstklassiger Ausführung obendrein: Präzision, Dynamik, Tempo und Härte.
Die Platte steigt mit Alpha Centauri und Chanbara gewaltig und rastlos ein, bremst über Hulawoop Sounds ein bisschen ab, um ihren (nicht nur) emotionalen Höhepunkt anzusteuern: Napoleon Solo. Wer schon immer einmal wissen wollte, ob es im Hardcore Balladen gibt, sollte hier eine definitive Antwort finden. Ja, gibt es! Ob es bessere Hardcore-Balladen gibt? Nein, gibt es nicht!
Pickpocket, For Now… We Toast, A Devil Amok The Tailors und Shaking Hand Incision kommen zügig aber bedacht daher, Bixler-Zavala darf sich mal ausruhen, meistens aber austoben. Das alles funktioniert wunderbar. Und dennoch sind diese vier Nummern so etwas wie die Schwächephase des Albums. Das allerdings liegt nicht etwa an den eigentlich wirklich starken Songs selbst, sondern vielmehr an dem fulminanten Anfang und dem schlicht überwältigenden Ende der Platte. Was die letzten drei Titel durch die Lautsprecher schicken, lässt einem die Kinnlade doch gehörig runterklappen. Das vertäumt-fröhliche Lopsided, das entrückte, klavierbegleitete und von Ward gesungene Hourglass und das verspielt-brachiale Transatlantic Foe sind vielleicht die besten 12 Minuten, die At the Drive-In je aufgenommen haben. Um es kurz zu machen: das sind in jeder Hinsicht perfekte Songs. Und In/Casino/Out ist nahezu perfekt – cause this is forever!

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