Turbostaat – Stadt Der Angst

Turbostaat - Stadt Der AngstDiese Stadt ist unzerstörbar

Turbostaat sind nicht leicht zu haben. Manche mögen es schon als ordentliche Zumutung empfinden, wenn sie von Jan Windmeier angebrüllt werden: „Guten Tag / Ich bin Lee Hoi Chuen / Mein Sohn macht Filme / inner USA“ (Harm Rochel) oder sich dieser unfähig zeigt vollständige Sätze zu formulieren: „Ein Schultag zu Ende – Nasenbluten / Eine Mutter schweigt – Vielleicht auch gut…“ (Pennen bei Glufke). Sicherlich winken da einige entnervt ab. Das aber ist ein großer Fehler. Das Abwinken war bei Vormann Leiss und Das Island Manöver schon ein Fehler und wäre es bei Stadt Der Angst ein noch viel größerer. Denn mit Stadt Der Angst veröffentlichen die fünf ihr bislang stärkstes Album – und das muss man bei dieser Diskografie erst einmal schaffen. Aber der Reihe nach.

12 Songs verbergen sich hinter dem schlichten Cover, auf dem es nichts außer Buchstaben gibt. Leicht vergoldete Betonbuchstaben, die irgendwie von einer untergegangenen, heruntergekommen, verblichenen Zeit zeugen. Eine karge und trostlose Fassade. Was steckt dahinter? So konkret ist das gar nicht zu sagen, weil sich so ziemlich alles dahinter findet. Ziemlich alles was gut ist. Turbostaat packen gleich zu Beginn die großen auf Moll gestimmten Poltergitarren und einen klackernd-brummenden Bass aus und kicken mit eine Stadt Gibt Auf ein wahres Pfund an Desillusionierung aus den Lautsprechern: „Und es klappt nicht / von Außen zu sanieren / die Jungen merken das sofort / die ganze Stadt ist halber Schutt / komm‘ reiß‘ sie endlich ein“ – man spürt förmlich wie Windmeier den verbliebenen Putz der Attrappe einer Stadt von den Wänden schreit, wie das Pappmaché in sich zusammenkracht, wie betongewordene Verwahrlosung jede Hoffnung raubt. Destruktion, Zerstörung – das sind die Methoden, denn es bringt nichts die Stadt lediglich mit frischer Farbe zu betupfen.

Nach wenigen Xylophon-Klängen geht es kompromisslos weiter. Phobos Grunt flackert metallisch und unentschlossen, um sich in der Eingängigkeit des Refrains zu entladen. Ein Kracher. Turbostaat bleiben sich treu, indem sie in aller wüsten Verzweiflung und Entfremdung ganz zauberhafte Melodien zeichnen können. Dabei lehnen sie sich in der Stadt der Angst doch auch mal etwas weiter aus den kaputten Fenstern, indem sie dem Experiment eine weit größere Bedeutung einräumen als auf den Vorgängerplatten. Psychoreal – ein Song, der in Teilen auch von den Popperkloppern oder Dritte Wahl sein könnte, zieht sich zeitweise ein seltsam psychedelisches Gewand an. Oder das dahinwabernde Fresendelf, das hoffnungsvolle Töne und zügellose Gitarrenmelodien bis ganz zum Schluss unter der Decke hält. Oder eben Alles Bleibt Konfus, das wie die Karikatur eines Songs beginnt und sich insgesamt zu einer verspielten und fast schon fröhlichen Nummer emporhebt. Der Lichtblick liegt also in der Konfusion, in der Zerstreuung, im Rausch? Ist das die Botschaft? Na ja, nicht ganz. Leichte Antworten gibt es Turbostaat nicht. Es gibt allenfalls Andeutungen von Antworten. Turbostaat sind viel zu clever, um Widersprüche, Sorgen, Leid und Verzweiflung in sanfte Gewissensbotschaften und Durchhalteparolen zu packen. Sie entpacken vielmehr, zerreißen, demontieren und konterkarieren auch Mal die Gesamtsituation allzu plakativ: „das ist scheiße, so scheiße, so scheiße“ (Snervt).

In Pestperle packen sie dann einen ganz großen Text aus, der angesichts aktueller Entwicklungen im angeblich so „unpolitischen“ Deutschrock wie eine Verheißung, ja wie eine Prophezeiung klingt: „Hallo Echo, heiß sie willkommen / guter Reibach, gutes Gesicht / Freie Wilde in euren Hallen / Unterm Mantel die alte Idee / sucht man weiter die Erben der Scheiße / ich kann nur hoffen, ihr verendet dabei / In der Dämmerung fallen ihre Masken / und das Gewissen ist als erstes vom Schiff / sie kommen wieder und lächeln dabei freundlich / Patriot, Lügner und Scheiße-Gesicht“. Lyrisch gekonnt unkonkret ist die Botschaft konkret genug, um den Hut zu zücken vor den Worten dieser Band. Und selbst wenn ich übertreiben sollte, so ist dennoch nicht zu leugnen, dass das hier groß ist. Nicht weil sich Turbostaat in großen Gesten üben, auch nicht, weil sie die Fassade auf losem Stein aufpolieren. Stadt der Angst ist groß, weil hier eine Band am Werke ist, die Zerfahrenheit nicht fürchtet, die Experimente nicht scheut, die aber dennoch eine herausragende Solidität in Stimme, Sound und Lyrik zementiert, die unzerstörbar ist. Die Lethargie in Sohnemann Heinz z.B., die irgendwie nicht nur Lethargie, sondern zugleich auch Zuversicht ist. Das alles funktioniert und ja, diese Stadt ist vielleicht auf Angst gebaut, aber sie ist es in einer fruchtbaren Weise. Zaghaft, träge, aber doch aufgewühlt und dynamisch. Die Angst ist die zerstörerische Triebfeder des Fortkommens, des Aufbäumens, des Widerstands gegen die Entfremdung. Diese Stadt ist von Turbostaat erbaut und die haut so schnell niemand zu Staub und Asche.

9/10

(Martin Oswald)

Turbostaat – Stadt Der Angst | Clouds Hill | VÖ: 05.04.2013 | LP/CD/digital

3 Gedanken zu „Turbostaat – Stadt Der Angst

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