The World Is a Beautiful Place & I Am No Longer Afraid to Die – Whenever, If Ever

The World Is - Whenever, If Ever

Organisiertes Durcheinander

Es ist nicht sehr originell eine Review zu dieser Band mit ihrem Bandnamen zu beginnen. Deswegen belasse ich es bei: Puh… Nun, ich werde ihn auch nicht vollständig ausschreiben, das wäre ja noch bunter. The World Is… muss reichen. Whenever, If Ever heißt die Platte, die sich in ein mit Hipsterfiltern bearbeitetes, unscharfes Coverfoto kleidet, das ausgerechnet jetzt, im Hochsommer, förmlich zum Reinhören einlädt. Ein junger Mann ist darauf dem warmen Sonnenschein entfliehend via Klippensprung geradewegs auf dem Weg in den kühlen Bach. Wunderbar. Hat man sich hier also Sommermusik vorzustellen? Ja, durchaus. Doch dazu später mehr.

The World Is… sind irgendetwas zwischen acht und zehn Leuten (so genau konnte ich das nicht recherchieren – aktuell wohl acht) und spielen, wie man es von so einer Horde auch erwarten würde, alle gängigen Instrumente, singen vielstimmig und machen überhaupt recht viel. Letzteres allerdings nicht zu aufdringlich, zu überladen oder zu chaotisch. Vielmehr wählen sie ihre vielen Ausdrucksmittel mit Bedacht aus, sodass die Songs mitunter sogar recht reduziert wirken. Ein gut organisiertes Durcheinander.

Wir waren ja bei Sommermusik, die als solche vielleicht nicht zu wörtlich genommen werden sollte, denkt man hier etwa den ZDF Fernsehgarten oder andere Folterformate. Wir meinen schon so etwas wie Sommermusik im besten Sinne: ein bisschen sonnen- und biertrunken, spaßig, schusselig, kurzweilig, ohrwurmgeschult und einfach liebenswürdig. Wer sich fragt, was ich damit meine, braucht nur ein bisschen in Flightboat reinzuhören. Hier wird man an die besseren Los Campesinos!-Tage erinnert und freut sich darüber. Da sehnt man sich an den kühlen Gebirgsbach, der sanft die Flora der Felsvorsprünge umspült. Whenever, If Ever ist genau der Soundtrack, der bei 30 Grad Außentemperatur dorthin mitzunehmen ist. Rein ins Wasser und wenn man wieder rauskommt, rauf auf den Felsen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen – mit Kopfhörern auf den Ohren versteht sich. Ist hier aber wirklich alles so Holla, Trallala, Sonnenschein? Klingt ja irgendwie auch nicht ganz ehrlich.

Nein, ist es eigentlich nicht, denn Whenever, If Ever lässt sich nicht auf eine Sommerplatte reduzieren, sondern kann deutlich mehr. Zwar ist sie beim ersten Hören catchy ohne Ende, für eine Strandparty dann doch eher ungeeignet, weil sie in ihrer Eingängigkeit, Leichtigkeit und Albernheit doch auch eine ganze Ladung Melancholie und Zerfahrenheit herumschleppt. Das fällt nicht unmittelbar auf, gehen hier doch erst einmal, wie z.B. bei Heartbeat in The Brain, die tollen Riffs und Basslines ins Ohr – nebst dem sich kauzig-schief überschlagenden und irgendwie gleichzeitigen Brust- und Kopfstimmgesang. Und doch ist das nicht alles. Denn The World Is… geben sich mit einem Strophe-Refrain-Schema nicht zufrieden, sondern inszenieren ihre Songs regelrecht in labyrinthischen Strukturen und abseits des zu Erwartenden. Freilich machen sie das nicht auf überfordernde Weise, sondern zelebrieren gewissermaßen Popsongs, die überhaupt nicht den üblichen Standards eines Popsongs folgen wollen. Verstanden? Na ja, da werden schon mal nach ruhig-zarten Melodienbögen regelrechte Postrock-Zieleinfahrten samt orchestral-ausschweifender Instrumentierung genommen, so bei Picture Of a Tree That Doesn’t Look Okay, das im Postrock-Part sogar noch reichlich unentschlossene Lyrics unterbringt: So where did you live and what did you learn there? / We watch the fallen leaves turn to frozen trees, it’s been another year / Where do the echoes from the echoes go? / Where does the water flow when it leaves our homes / I’ve been searching for this, something that I can run away with / It’s a life changing decision / Should I leave or try to beat this? Da wird mit Ultimate Steve und Gig Life die ganze Kunst des alternativen Pop aufgefahren, den man wirklich nur selten besser gehört hat. Ein zauderndes Aufbäumen und Festzurren der Kompositionslinien, Drum- und Percussion dominierte Ausbrüche, die der Bass elegant die Spannungskurve entlang jagt. Immer wieder halten die Songs kleine Überraschungen bereit, flitzen hier und da Cello- oder Trompetentöne durch die Szenerie, vervollständigen Keyboards die Melodie oder jaulen drei, vier, fünf, sechs Stimmen in der Gegend herum. Das ist ausgesprochen gut. Gut ist übrigens auch der 7-minütige Schlusspunkt Getting Sodas, der neben sanften (!) Shouts (!) sehnsuchtsvolle Arrangements empor zaubert und gegen Ende entfernten, immer näher rückenden Chören die Art von Zerrissenheit und Ungewisseheit in die Münder legt, die dieser fabelhaften Platte die Leichtigkeit einer bloßen Sommerplatte raubt: The world is a beautiful place but we have to make it that way / Whenever you find home we’ll make it more than just a shelter / And if everyone belongs there it will hold us all together / If you’re afraid to die, then so am I.

Mehr gibt’s eigentlich nicht zu sagen.

9/10

Anspieltipps: Heartbeat In The Brain, Ultimate Steve, Getting Sodas

(Martin Oswald)

The World Is a Beautiful Place & I Am No Longer Afraid to Die – Whenever, If Ever | Topshelf Records | VÖ: 18.06.13 | LP/CD/digital

Ein Gedanke zu „The World Is a Beautiful Place & I Am No Longer Afraid to Die – Whenever, If Ever

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