The Bronx – IV

The Bronx - IV // Bild: getmetal.org

Dicke Eier

Sicher kennen inzwischen wirklich alle Rainer Brüderle. Der hat ja vor einer Weile beim abendlichen an der Bar rumhängen nichts besseres mit seiner Zeit anzufangen gewusst, als eine Journalistin anzuquatschen, die das Ganze unlängst publik machte. Was das nun mit der vierten Platte von The Bronx – also wirklich als The Bronx, nicht dieser Mariachi Kram – zu tun hat? Nun, erstmal nichts. Beschriebenes Szenario sorgte allerdings dafür, dass selbst in der entlegensten Provinzwinkeln über Sexismus diskutiert wird. Sogar diese große Boulevardzeitung platziert das Thema prominent. Neben Tittenbildern. Versteht sich. Was es nun aber wirklich auf sich hat, mit dem schief daherkonstruierten Zusammenhang zur vierten Platte von El Mariachi Bronx The Bronx? Also ganz streng genommen eigentlich: Nichts.

Okay, fast nichts. Es ist dieses eine Wort, dass beim Hören von IV ständig in den Köpfen der HörerInnen herumspukt, oder viel besser gesagt, herumpogt: Sexismus. Und hiervon wiederum die Nebenprodukte, nämlich die Klischees. The Bronx‘ vierte Selbstbetitelte arbeitet hart im Wald, riecht nach Männerschweiß, trinkt viel Bier und liebt harte, laute, möglichst breitbeinig vorgetragene Rockmusik. Rainer Brüderle tut dies vermutlich nicht, bestimmt manchmal, hoffentlich sehr selten oder gar nicht und vielleicht. Aber wir schweifen vom Thema ab. Hier geht es schließlich um The Bronx und deren neue Platte. Und die beinhaltet eine ganze Menge – zwölf Songs, um genau zu sein – laute, harte, möglichst breitbeinig vorgetragene Rockmusik. Man könnte es, wäre es nicht gar so flach, auch Hardcore nennen. Wer allerdings glaubt, dass IV wie ein bierbäuchiger, haariger, stinkender Kerl tönt, den man im nüchternen Zustand zumeist meiden würde,  könnte an dieser Stelle allerdings kaum falscher liegen. The Bronx haben nämlich neben kompromisslos kaputtgeschrubbten Saiten und einer Hand voll gerissener Felle vor allem: Verve, Ideen und Melodien für Milliarden. Ach nein, das war ja eine Platte der Terrorgruppe. Nun, gut, dann eben einfach nur Melodien. Klingt profan, ist aber oftmals unwiderstehlich. Zwölf mal, um genau zu sein. Denn es gibt ihn nicht, den schwachen Song auf IV. Gepackt in einen geradezu schlüpfrig guten Sound legt da The Unholy Land einfach mal begierig drauf los. Als gäbe es nichts einfacheres knallt einem diese Band einen Opener vor den Latz, der sich gehörig gewaschen hat. Vordergründig einfach laut polternd, auf den zweiten Blick clever, hintersinnig und vielschichtig. Hinzu kommt die Stimme von Matt Caughthran, die selbst den Kollegen von Fucked Up!  und Hot Water Music noch ein anerkennendes Nicken abringen dürfte. Wie dieser Typ in Too Many Devils inmitten des Geschreis plötzlich eine croonige Leidenschaft, die fast schon unter dem Begriff ‚Soul‘ laufen könnte, in seine Stimme legt: Atemberaubend. Und wenn die Songs dazu von rasant (Too Many Devils) über stampfend (Pilot Light, dessen Hook man ähnlich schon mal bei Fucked Up! gehört haben könnte) bis zu beinahe poppig (Torches) dermaßen tight eingespielt und gelungen sind – dann ist wahrlich alles gut. Ach, da an dieser Stelle ohnehin schon munter alles mit allem verglichen wird – und nein, die nächste Anspielung in Richtung Sexismus oder Rainer Brüderle kommt erst später: Das zweite, was den HörerInnen dieser Platte nach Sexismus in den Sinn kommen dürfte, ist Hot Water Music. Allerdings die Hot Water Music aus früheren (manche, auch ich, würden sagen: besseren) Zeiten. Und da dieses Kompliment allein nicht ausreicht: Wenn The Bronx mit Life Less Ordinary die Ballade, die es irgendwie schafft, immer noch Hardcore zu sein, auspacken, sind sie sogar noch viel besser als Hot Water Music. Und zwar die Hot Water Music aus allen Zeiten.

Eigentlich gibt es nach einem solchen Satz nichts mehr zu sagen. Außer vielleicht, dass es neben all diesen musikalischen Großartigkeiten doch zwei, drei Songs gibt, die einfach ’nur‘ gefällige Krawallbrüder sind. Davon abgesehen ist IV vor allem eines: Geil. Nur das mit dem Mariachi sollten sie in Zukunft lassen.

The Bronx – IV: 9/10

Rainer Brüderle: Ohne Wertung

Anspieltipps: The Unholy Land, Too Many Devils, Pilot Light, Torches, Life Less Ordinary

(Martin Smeets)

The Bronx – IV | Ato / PIAS / Rough Trade | VÖ: 01.02.2013 | CD, LP, Digital usw.

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