The Appleseed Cast – Illumination Ritual

The Appleseed Cast - Illumination Ritual // Bild: theaquarian.com

Blumen im Müll

Zum Einstieg ein kleiner Exkurs. In wirklich unwirtliche Gegenden, die ein Mensch, der sich auch nur halbwegs geistiger Gesundheit – sofern selbige definierbar ist – erfreut, niemals freiwillig betreten würde. Zumindest nicht nach dem ersten Besuch. Richtig geraten, es geht kurz um das Forum von plattentests.de. Ein tragisches Sammelsurium von Albernheiten, in dem es zumeist um alles mögliche geht, nur nicht um Musik. Und wenn doch, werden meist wüst flamende Abgrenzungsdebatten geführt. Zumeist. Machmal nämlich passiert es, dass in Mitten dieses streng riechenden Molochs, gut versteckt und nur auf den zweiten Blick sichtbar, plötzlich über Bands und Alben gefachsimpelt wird, von denen man so vermutlich nie Notiz genommen hätte. Jüngster Neuzugang in diesem Fall: The Appleseed Cast.

Dabei gibt es diese Kapelle bereits seit 1997 und einer stattlichen Anzahl von Alben. Jüngster Vertreter: Illumination Ritual. Die neuste Platte also, die gleichzeitig exemplarisch dafür steht, warum diese Band schon mal durch’s Radar rutschen kann. So wirklich direkt zu greifen ist die Genremixtur nämlich nicht, die The Appleseed Cast zu pflegen gewohnt sind. Indieesque Songentwürfe gibt es da zu hören, die immer wieder gerne in Richtung früherer Jimmy Eat World schielen, deren nervöse und spannungsvolle Instrumentierung aber zugleich mit mehr als einem Bein im Postrock verwurzelt ist. Es kommt also zusammen, was man so nicht zwingend als zusammengehörig vermuten würde. Die Gefahr, dass bei derlei Manövern zwischen den Genres am Ende ein unhörbarer Kauderwelsch steht? Nun, die ist nicht eben klein. Ein Glück, dass The Appleseed Cast nicht alles auf einmal versuchen, und in den jeweiligen Songs auf Illumination Ritual immer einen klaren Plan haben, wo sie mit ihren Songs denn nun eigentlich genau hin wollen. Das geht im Opener Adriatic To Black Sea mit recht zurückgelehnter Instrumentalarbeit, auf die die Kollegen von +/- vermutlich stolz wären, los und mündet im selben Song doch in einem krachenden Postrocker. In sich schlüssig wohlgemerkt. Ähnlich gelagert ist North Star Ordination. Ein Stück, dass sich volle sechs Minuten Zeit nimmt um die eigene Brust und mit ihr den Lautstärkepegel behutsam anschwellen zu lassen. Immer mit dabei: Nathan Wilders stets treibendes Schlagzeugspiel, das sich trotz seiner Omnipräsenz nie in den Vordergrund drängt, fortwährend pointiert bleibt.

Demgegenüber stehen dann Songs wie Cathedral Rings, die mit geradezu poppigen Schemata arbeiten, und dennoch zu gefallen wissen. Über allem thront dabei Great Lake Derelict, das in unter fünf Minuten einen gigantischen Postrock-Spannungsbogen, wundervolle Gesanglinien und eine überbordende Liebe zum Pop zusammen bringt. Und gerade deswegen in den schillerndsten Farben alles überstrahlt. In einem Wort: Toll. Eine Beschreibung, die man guten Gewissens auf das gesamte Album anbringen kann. Weil es zur Entspannung mit Simple Forms ein nettes Interlude gibt, weil 30 Degrees 3 AM die überraschend große Geste wagt, weil Barrier Islands (Do We Remain) ein großartiger Song ist. Und nicht zuletzt, weil die Band auf Ausreißer nach unten verzichtet. Danke, du fürchterliches Forum.

7/10

Anspieltipps: Great Lake Derelict, 30 Degrees 3 AM, Barrier Islands (Do We Remain), North Star Ordination

(Martin Smeets)

The Appleseed Cast – Illumination Ritual | Graveface/Cargo | VÖ: 09.08.2013 | CD/LP/Digital

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*