Kurzformat #5

Carlson – EP

Na bitte, da sind mal pragmatische Leute am Werk. Weil gerade kein hochtrabender Name zur Verfügung war, heißt diese EP eben ganz schlicht EP. Reicht ja auch. Und alle wissen, was gemeint ist. Was es unter dem großartigen Artwork zu hören gibt, weiß man aber noch nicht. Nun: Alternative. Der spannenderen Sorte. Staubtrockene Produktion, reichlich Stoizismus seitens der Rhythmusfraktion und eine Menge spannender Ideen. Das „Göttinger Tagblatt“ vergleicht die Erfurter gar mit den Kings Of Leon. Und hat damit nicht Unrecht. Nur das hier nervt nicht. Ganz im Gegenteil. Und es hat mit dem Opener Fiddles & Gold sogar einen kleinen Hit mit. [DIY | VÖ: 13.3.2015] – (ms)

Toneron – Toneron

Electro-Alternative. Ein fürchterlicher Name für ein Subgenre. Der sämtliche Nackenhaare in Habachtstellung bringt, könnte sich doch hinter dem Etikett so ziemlich alles verstecken, nur nichts Ordentliches. Zum Glück bilden Toneron hier eine wohlige Ausnahme. Electro ist hier durchaus im Spiel, aber eben auch gutes Songwriting, ein angesoffenes Saxophon und auch sonst allerlei sympathisch-durchgedrehte Ideen. Das könnte sogar uns zum Tanzen animieren. Und das will etwas heißen. [Sportklub Rotter Damm/Believe | VÖ: 27.03.2015] – (ms)

You, Me, And Everyone We Know – Dogged

Weg vom Electro, hin zu, ja, zu was eigentlich? Das lässt sich im Falle dieser Band nicht zu 100 Prozent sagen. Das ist ein bisschen Punkrock, ein bisschen Chaos, ganz viel Pop-Appeal und eine gehörige Portion Emo. Musikalisch ist das alles schön spaßig, textlich geht es allerdings vornehmlich suizidal zu. Was die ganze Chose in die Nähe von Jeff Rosenstock rückt. Mit etwas weniger Wahnsinn. Und etwas mehr Fokus. [Rude Records | VÖ: 17.03.2015]- (ms)

Jim Kroft – Journeys #1

Alle, die das #1 im Titel als Auftakt zu einer Serie verstehen, könnten nicht richtiger liegen. Jim Kroft will eine Art musikalischen Roman schreiben. Oder einen musikalischen Reiseführer, wenn man so will. Dazu wird mal eben flugs die Welt umrundet. Die entstandenen Songs sollen dann auf ganze sechs EPs und zwei Alben verteilt werden. Journeys #1 entstand dabei während einer Reise durch Asien und markiert nun den Anfang eines mehr als nur interessanten Projekts. Ach ja: Zu hören gibt es hier eindrückliche Singer/Songwriter-Nummern, die ganz nach dem Gesamtkonzept klingen. Sehnsüchtig, ruhelos, aufgeladen mit Fernweh und meistens wunderschön. Das hier sollte man unbedingt verfolgen! [Field Recordings/Believe | VÖ: 27.03.2015] – (ms)

Orbit The Earth - The Tidal Sleep - Artwork #1

Orbit The Earth / The Tidal Sleep – Split

Hier muss man eigentlich nicht so wirklich viel erzählen, schließlich sind beide Bands hinlänglich bekannt. Jetzt gibt es auf dieser gar nicht mal so kurzen 12″ jeweils drei neue Songs und ein Cover der jeweils anderen Band zu hören. Wie nicht anders zu erwarten war, gibt man sich hier hüben wie drüben keine Blöße. Wobei Orbit The Earth eine etwas differenziertere Produktion vertragen hätten können. Und The Tidal Sleep ihren Hang zum Postrock noch ein kleines Stück intensiver gestaltet haben. Wie man es auch dreht und wendet, diese Veröffentlichung ist in jedem Fall besonders empfehlenswert. [This Charming Man | VÖ: 04.04.2015] – (ms)

Wind und Farben - SouvenirWind und Farben – Souvenir

Alte Bekannte sind auch Wind und Farben. Jedenfalls haben sie bereits einen Song zu unserem kleinen Sampler beigesteuert. Seit ein paar Tagen gibt es nun auch die 12″ Souvenir. Zu hören gibt es wie schon bisher Post-Punk im Sinne von Captain Planet & Co. mit ordentlicher Emo-Schlagseite. Das klingt dann manchmal so, als hätte man die Trümmer Adolars wieder aufgehoben und einen richtigen Sänger ins Boot geholt. Und das ist als Kompliment gemeint. [lala/Broken Silence | VÖ: 13.03.2015] – (ms)

Im Sampler-Kurzverhör: Wind und Farben

Wind und Farben // Bild: prettyinnoise.de

30 Bands, 65 Seiten Booklet und ein guter Zweck: Auf dem DIY-Solisampler „Gleiches Unrecht für alle.“ veröffentlichen wir zusammen mit dem Musikmagazin Schallhafen auf dem Label My Favourite Chords Punkbands, die wir lieben, ganz unabhängig von ihrer Größe. Und wir sind davon überzeugt, dass auch ihr sie schnell ins Herz schließt. Um den Tag der Veröffentlichung angemessen entgegenzufiebern, enthüllen wir Stück für Stück eine Sampler-Band und lassen sie in unserem Kurzverhör gleich selbst zu Wort kommen. Wir fragen die Musiker, welches Unrecht sie am meisten umtreibt, warum sie genau diesen Song für den Sampler gewählt haben und was das Dasein als Band an Vor- und Nachteilen birgt.

Ganz schön viele Bands sind hier versammelt: Wer seid ihr und warum sollte der Hörer euch nicht skippen?

JOE, Bassgitarre: Wir sind WIND UND FARBEN aus dem kleinen Örtchen Neumünster zwischen Kiel und Hamburg, sprich: drei Freunde, die ganz gerne hin und wieder zusammen Musik machen. Und wir finden, dass das doch ein ganz guter Grund zumindest kurz mal bei uns reinzuhören, oder nicht?

Worum geht es bei eurem Song genau?

MATS, Gesang und Gitarre: Der Song den wir für den Sampler ausgewählt haben ist „999544″, der erste Teil eines Märchens über Vertrauen und Beständigkeit.

JOE: Jedwede weiterführende Interpretation überlassen wir aber lieber der/dem geneigten Hörer_in. Wir wollen ja niemandem den Spass verderben!

Warum habt ihr gerade diesen Song für den Sampler ausgewählt?

JOE: Ich glaube, es ist der Song, der uns selbst von Anfang an und immer noch am meisten Spaß bereitet, sowohl live als auch im Proberaum – und wir hoffen dementsprechend, dass es den Hörerinnen und Hörern dieses Samplers auch so gehen wird.

Unser Sampler trägt den Titel “Gleiches Unrecht für alle.” Was kommt euch als erstes dazu in den Sinn?

MATS, Gesang und Gitarre: Dass gleiches Unrecht für alle wahrscheinlich immer noch besser wäre als das, was überall abgeht.

Welches Unrecht stößt euch am sauersten auf?

JOE: Das ist wohl eine der schwersten Fragen, die man gestellt bekommen kann. Wie soll man sich da entscheiden? Es reicht ja fünf Minuten Nachrichten zu schauen und man hat schon wieder einen neuen Top-Kandidaten gefunden.

Love and Hate: Was schätzt ihr am Bandsein besonders? Was treibt euch in denWahnsinn?

JOE: Es ist immer wieder schön zu sehen, wie herzlich man als Band aufgenommen wird. Sei es von den Veranstalterinnen und Veranstaltern oder natürlich auch von all den lieben Menschen, die immer wieder zu unseren Konzerten kommen und immer noch nicht von uns genervt zu sein scheinen. In den Wahnsinn treibt uns nichts so schnell, dafür sind wir drei einfach alle zu gelassen und zu verliebt in das, was wir machen.

Was weiß sonst keiner über euch – bis jetzt?

JOE: „Keiner“ ist ja immer so eine Sache, aber die wenigstens wissen wohl, dass wir ziemlich auf billig Kräuterschnaps stehen und eigentlich gar nicht wissen, was wir eigentlich tun.

Warum seid ihr eigentlich Teil des Samplers?

JOE: Ich glaube aus den selben Gründen wie alle anderen Bands hier. Der eine kennt wen, der wen kennt und so weiter. Dieses „Vitamin B“ hält ja dann doch irgendwie die ganze Musikszene zusammen. Wir hatten das Glück vor einiger Zeit zuerst den lieben Christian von MFC kennenzulernen und, dass der Schallhafen Marc unsere Platte ganz nett fand. So kam dann das eine zum anderen.

Turbostaat + Wind Und Farben | 08.10.13 | Alte Mälzerei – Club (Regensburg)

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Es ist schon eine eigentümliche Band, dieses Turbostaat. Deutschsprachige Krachmusik genießt ja nun nicht gerade den besten Ruf. Zugegeben: es war schon einmal schlechter um sie bestellt, zu den Zeiten nämlich als durchweg das Proletentum den Deutschpunk regierte. Doch hat man gewiss auch schon weitaus bessere Tage gesehen. Zum Beispiel als Deutschpunk weit über die eigenen Kreise hinaus gesellschaftlich tatsächlich relevant war. Ja, das war er einmal; lang ist’s her. Insofern sind Turbostaat schon ein komisches Bandwesen – niemals Proll und doch relevant, oder mehr noch: immer relevanter trotz Deutschpunk. Wie geht eine Band als Deutschpunk durch, ohne wirklich Deutschpunk zu sein, wie kann sie ein Album wie Stadt der Angst auf Platz 17 der deutschen Albumcharts positionieren, wie schaffen es Turbostaat bedeutend zu sein, obwohl sie deutschsprachige Krachmusik machen? Ist es vielleicht sogar deswegen? Live ist jedenfalls eine gute Gelegenheit diesen blöden Fragen ein paar – hoffentlich weniger blöde – Antworten zu verpassen.

Da wären aber zunächst einmal Wind Und Farben, die zu diesem einen Supportgig extra aus Schleswig-Holstein angereist kamen. Offensichtlich werden keine Mühen gescheut, um gut eine halbe Stunde lang die Bretter für Turbostaat vor- und das Publikum aufzuwärmen. Beide Missionsziele können als erfüllt abgehakt werden, denn Wind Und Farben haben es trotz der Schüchternheit eines frisch geworfenen Rehkitzes und einem fürchterlichen Snare-Klang ihren selbstbenannten „Emo-Math-Punk“ ordentlich krachen lassen. Doch nicht nur das: auch allzu ruhige Passagen verstanden die drei gekonnt in die schwungvollen Momente einzuflechten, so dass sich im Ergebnis der Eindruck verfestigen konnte, dass Wind und Farben nicht mehr sehr lange lediglich die Support-Rolle werden annehmen müssen.

Turbostaat wiederum haben nicht den halben Tag im Auto auf der Straße gesessen, sondern hatten das Vergnügen einen Day Off in Regensburg zu verbringen. Neben Walhalla-Besuch stand auch Bettkur auf dem Programm. Letzteres betraf Drummer Peter, der sich letztlich trotzdem bei mangelnder Gesundheit hinter die Kessel (von denen er gar nicht so viele hat) hieven musste. Seinem schnörkellos stampfenden Spiel tat dies freilich keinen Abbruch. Und Turbostaat taten auch insgesamt genau das, was man von ihnen erwarten konnte: ein Streifzug durch die Band-Diskografie mit deutlichem Schwerpunkt auf dem aktuellen Album Stadt der Angst, eine energiegeladene Show, die auch das eingangs etwas träge Publikum nach und nach auf Touren brachte, eine grundsolide Instrumentierung und ein immer mehr in Richtung „Gesang“ schielender Skandierer Jan Windmeier. Was soll man eigentlich auch sagen, außer „perfekt abgeliefert“? Vielleicht liegt das Geheimnis dieser Institution Turbostaat, die seit fast 15 Jahren jede Zuckung und Abwegigkeit des Deutschpunk unbeschadet überstanden hat, ja gerade in der erstaunlichen Solidität ihres Schaffens. Letztlich aber auch schlichtweg an der Güte ihrer Songs. Es gibt so gut wie keinen schlechten Song von Turbostaat und in dem in Regensburg gespielten Set schon dreimal nicht. Zwar hatte Jan alle Mühen die Songnamen auf der Setlist zu entziffern, sie zu „singen“ schien ihm geradezu das leichteste der Welt. Mit einem Dauergrinsen vergewisserte er sich immer wieder, ob das Publikum auch schön mitskandiert. Dies war in der einigermaßen gut gefüllten Mälze zumindest teilweise der Fall, so dass man sich zwar nicht inmitten einer eingefleischten Turbostaat-Fanmeute wiederfand, doch aber von gut unterrichteten und wohlwollenden Zuschauer_innen umgeben fand.
Turbostaat sprechen viele verschiedene Leute an, ohne sich dabei bei einer bestimmten Peergroup besonders einzuschmeicheln. Sie ziehen ihr Ding durch, seit fast 15 Jahren. Es gibt bei ihnen kein Küsschen rechts und Küsschen links, sondern geradewegs einen fetten Batscher auf die Nase und vermutlich pennen sie immer noch bei Glufke. Das Geheimnis dieses Turbostaats? Tja, das muss es irgendwie sein.

(Martin Oswald)