Turbostaat – Abalonia

Turbostaat - AbaloniaParadox? Nein, Turbostaat!

Seit Turbostaat begonnen haben ihre kommende Platte zu bewerben, wurde alles trüb, wacklig, schemenhaft, neblig, trist und grau. Homepage, Bilder, Teaser, Videos – alles. Keine Farbtupfer, die einst die Optik dominierten (Flamingo und Schwan) und auch keine rohe Klarheit wie zuletzt bei Stadt der Angst. Der Blick ist verschwommen bei Abalonia und der gleichnamige fremde Ort Ungewissheit, Verheißung und Enttäuschung zugleich.

Turbostaat inszenieren mit Abalonia ein neues Kapitel im mittlerweile 17 Bandjahr, das kompakter, durchdachter und narrativer ist als alle Alben zuvor. Dabei ist die Platte kein Neuanfang oder dergleichen, es ist vielmehr die Fortsetzung einer Band, die keine Rituale der Veränderung braucht, um sich zu verändern, die keine Stilwechsel braucht, um sich stilistisch zu öffnen, die keine anderen Wege gehen muss, um neue Wege zu beschreiten. Das ist nicht paradox, sondern das Wesen Turbostaats.

Dieses scheinbar paradoxe Wesen zeigt sich nun eben auf erneut eindrucksvolle Weise auf Abalonia. Einer Art Konzeptalbum, das kein Konzeptalbum im eigentlichen Sinne ist und auch gar nicht sein will. Es ist eine (lose) zusammenhängende Geschichte von der weitgehend unbestimmten Semona, die sich auf den Weg ins ebenso unbestimmte Abalonia begibt. Ihren Weg säumen dabei allerlei Gestalten, die sich ebenfalls nur selten ins Konkrete und Handfeste wagen, sondern abstrakt und angedeutet, ja schemenhaft bleiben. Rupert und Der Zeuge, Der Wels, Die Arschgesichter, der Ornithologe Wolter, der bedrohliche Eisenmann, der Totmannkopf, Die Toten und das Geistschwein. Turbostaat sprechen in Bildern, arbeiten mit Assoziationen und verweben diese mit trivialen und unscheinbar alltäglichen Begebenheiten. Das ist nichts Neues bei ihnen, aber selten war es derart sehnsuchtsvoll.

In Sachen Musik gibt sich Abalonia deutlich zurückgelehnter als etwa Stadt der Angst, erinnert aber hier und da sehr an Das Island Manöver, das den Punk ebenfalls schon weit interpretiert hat. Freilich ohne sich nun mit einzelnen Songs wie Fraukes Ende oder Pennen bei Glufke besonders auffallend hervorzutun. Das Album fließt in seinem ganz eigenen Rhythmus dahin und verdichtet den Fluss eher in atmosphärischer Hinsicht. Wahre Hits sind hierfür nicht nötig. Es reicht stattdessen, wenn Jan Windmeier eindringlich fragt: „Ist das Quatsch / Oder ist das Euer Ernst?“ (Der Wels) oder sich Wolter zum großen Chor emporhebt: „Die Namenlosen singen für Dich / Ein Lied voller Trauer und Zorn / Die letzte Bindung ist nur dieser Damm / Der Sturm reißt ihn bald schon davon“. Auch, wenn das sonst eher schmucklose Eisenmann kurzzeitig zum Refrain bittet, ist das großartig. Ebenso der Titelsong, der nicht nur namentlich über allem schwebt.

Abalonia wird einem Album einer der besten deutschsprachigen Punkbands vollkommen gerecht, auch wenn es gegen den Vorgänger ingesamt den Kürzeren zieht. Aber wohin auch Turbostaat in Zukunft gehen werden, man wird ihnen voller Überzeugung folgen. Bedingungslos.

8/10

Turbostaat – Abalonia | Pias | VÖ: 05.02.16 | LP/CD/digital

Turbostaat + Wind Und Farben | 08.10.13 | Alte Mälzerei – Club (Regensburg)

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Es ist schon eine eigentümliche Band, dieses Turbostaat. Deutschsprachige Krachmusik genießt ja nun nicht gerade den besten Ruf. Zugegeben: es war schon einmal schlechter um sie bestellt, zu den Zeiten nämlich als durchweg das Proletentum den Deutschpunk regierte. Doch hat man gewiss auch schon weitaus bessere Tage gesehen. Zum Beispiel als Deutschpunk weit über die eigenen Kreise hinaus gesellschaftlich tatsächlich relevant war. Ja, das war er einmal; lang ist’s her. Insofern sind Turbostaat schon ein komisches Bandwesen – niemals Proll und doch relevant, oder mehr noch: immer relevanter trotz Deutschpunk. Wie geht eine Band als Deutschpunk durch, ohne wirklich Deutschpunk zu sein, wie kann sie ein Album wie Stadt der Angst auf Platz 17 der deutschen Albumcharts positionieren, wie schaffen es Turbostaat bedeutend zu sein, obwohl sie deutschsprachige Krachmusik machen? Ist es vielleicht sogar deswegen? Live ist jedenfalls eine gute Gelegenheit diesen blöden Fragen ein paar – hoffentlich weniger blöde – Antworten zu verpassen.

Da wären aber zunächst einmal Wind Und Farben, die zu diesem einen Supportgig extra aus Schleswig-Holstein angereist kamen. Offensichtlich werden keine Mühen gescheut, um gut eine halbe Stunde lang die Bretter für Turbostaat vor- und das Publikum aufzuwärmen. Beide Missionsziele können als erfüllt abgehakt werden, denn Wind Und Farben haben es trotz der Schüchternheit eines frisch geworfenen Rehkitzes und einem fürchterlichen Snare-Klang ihren selbstbenannten „Emo-Math-Punk“ ordentlich krachen lassen. Doch nicht nur das: auch allzu ruhige Passagen verstanden die drei gekonnt in die schwungvollen Momente einzuflechten, so dass sich im Ergebnis der Eindruck verfestigen konnte, dass Wind und Farben nicht mehr sehr lange lediglich die Support-Rolle werden annehmen müssen.

Turbostaat wiederum haben nicht den halben Tag im Auto auf der Straße gesessen, sondern hatten das Vergnügen einen Day Off in Regensburg zu verbringen. Neben Walhalla-Besuch stand auch Bettkur auf dem Programm. Letzteres betraf Drummer Peter, der sich letztlich trotzdem bei mangelnder Gesundheit hinter die Kessel (von denen er gar nicht so viele hat) hieven musste. Seinem schnörkellos stampfenden Spiel tat dies freilich keinen Abbruch. Und Turbostaat taten auch insgesamt genau das, was man von ihnen erwarten konnte: ein Streifzug durch die Band-Diskografie mit deutlichem Schwerpunkt auf dem aktuellen Album Stadt der Angst, eine energiegeladene Show, die auch das eingangs etwas träge Publikum nach und nach auf Touren brachte, eine grundsolide Instrumentierung und ein immer mehr in Richtung „Gesang“ schielender Skandierer Jan Windmeier. Was soll man eigentlich auch sagen, außer „perfekt abgeliefert“? Vielleicht liegt das Geheimnis dieser Institution Turbostaat, die seit fast 15 Jahren jede Zuckung und Abwegigkeit des Deutschpunk unbeschadet überstanden hat, ja gerade in der erstaunlichen Solidität ihres Schaffens. Letztlich aber auch schlichtweg an der Güte ihrer Songs. Es gibt so gut wie keinen schlechten Song von Turbostaat und in dem in Regensburg gespielten Set schon dreimal nicht. Zwar hatte Jan alle Mühen die Songnamen auf der Setlist zu entziffern, sie zu „singen“ schien ihm geradezu das leichteste der Welt. Mit einem Dauergrinsen vergewisserte er sich immer wieder, ob das Publikum auch schön mitskandiert. Dies war in der einigermaßen gut gefüllten Mälze zumindest teilweise der Fall, so dass man sich zwar nicht inmitten einer eingefleischten Turbostaat-Fanmeute wiederfand, doch aber von gut unterrichteten und wohlwollenden Zuschauer_innen umgeben fand.
Turbostaat sprechen viele verschiedene Leute an, ohne sich dabei bei einer bestimmten Peergroup besonders einzuschmeicheln. Sie ziehen ihr Ding durch, seit fast 15 Jahren. Es gibt bei ihnen kein Küsschen rechts und Küsschen links, sondern geradewegs einen fetten Batscher auf die Nase und vermutlich pennen sie immer noch bei Glufke. Das Geheimnis dieses Turbostaats? Tja, das muss es irgendwie sein.

(Martin Oswald)

Turbostaat – Stadt Der Angst

Turbostaat - Stadt Der AngstDiese Stadt ist unzerstörbar

Turbostaat sind nicht leicht zu haben. Manche mögen es schon als ordentliche Zumutung empfinden, wenn sie von Jan Windmeier angebrüllt werden: „Guten Tag / Ich bin Lee Hoi Chuen / Mein Sohn macht Filme / inner USA“ (Harm Rochel) oder sich dieser unfähig zeigt vollständige Sätze zu formulieren: „Ein Schultag zu Ende – Nasenbluten / Eine Mutter schweigt – Vielleicht auch gut…“ (Pennen bei Glufke). Sicherlich winken da einige entnervt ab. Das aber ist ein großer Fehler. Das Abwinken war bei Vormann Leiss und Das Island Manöver schon ein Fehler und wäre es bei Stadt Der Angst ein noch viel größerer. Denn mit Stadt Der Angst veröffentlichen die fünf ihr bislang stärkstes Album – und das muss man bei dieser Diskografie erst einmal schaffen. Aber der Reihe nach.

12 Songs verbergen sich hinter dem schlichten Cover, auf dem es nichts außer Buchstaben gibt. Leicht vergoldete Betonbuchstaben, die irgendwie von einer untergegangenen, heruntergekommen, verblichenen Zeit zeugen. Eine karge und trostlose Fassade. Was steckt dahinter? So konkret ist das gar nicht zu sagen, weil sich so ziemlich alles dahinter findet. Ziemlich alles was gut ist. Turbostaat packen gleich zu Beginn die großen auf Moll gestimmten Poltergitarren und einen klackernd-brummenden Bass aus und kicken mit eine Stadt Gibt Auf ein wahres Pfund an Desillusionierung aus den Lautsprechern: „Und es klappt nicht / von Außen zu sanieren / die Jungen merken das sofort / die ganze Stadt ist halber Schutt / komm‘ reiß‘ sie endlich ein“ – man spürt förmlich wie Windmeier den verbliebenen Putz der Attrappe einer Stadt von den Wänden schreit, wie das Pappmaché in sich zusammenkracht, wie betongewordene Verwahrlosung jede Hoffnung raubt. Destruktion, Zerstörung – das sind die Methoden, denn es bringt nichts die Stadt lediglich mit frischer Farbe zu betupfen.

Nach wenigen Xylophon-Klängen geht es kompromisslos weiter. Phobos Grunt flackert metallisch und unentschlossen, um sich in der Eingängigkeit des Refrains zu entladen. Ein Kracher. Turbostaat bleiben sich treu, indem sie in aller wüsten Verzweiflung und Entfremdung ganz zauberhafte Melodien zeichnen können. Dabei lehnen sie sich in der Stadt der Angst doch auch mal etwas weiter aus den kaputten Fenstern, indem sie dem Experiment eine weit größere Bedeutung einräumen als auf den Vorgängerplatten. Psychoreal – ein Song, der in Teilen auch von den Popperkloppern oder Dritte Wahl sein könnte, zieht sich zeitweise ein seltsam psychedelisches Gewand an. Oder das dahinwabernde Fresendelf, das hoffnungsvolle Töne und zügellose Gitarrenmelodien bis ganz zum Schluss unter der Decke hält. Oder eben Alles Bleibt Konfus, das wie die Karikatur eines Songs beginnt und sich insgesamt zu einer verspielten und fast schon fröhlichen Nummer emporhebt. Der Lichtblick liegt also in der Konfusion, in der Zerstreuung, im Rausch? Ist das die Botschaft? Na ja, nicht ganz. Leichte Antworten gibt es Turbostaat nicht. Es gibt allenfalls Andeutungen von Antworten. Turbostaat sind viel zu clever, um Widersprüche, Sorgen, Leid und Verzweiflung in sanfte Gewissensbotschaften und Durchhalteparolen zu packen. Sie entpacken vielmehr, zerreißen, demontieren und konterkarieren auch Mal die Gesamtsituation allzu plakativ: „das ist scheiße, so scheiße, so scheiße“ (Snervt).

In Pestperle packen sie dann einen ganz großen Text aus, der angesichts aktueller Entwicklungen im angeblich so „unpolitischen“ Deutschrock wie eine Verheißung, ja wie eine Prophezeiung klingt: „Hallo Echo, heiß sie willkommen / guter Reibach, gutes Gesicht / Freie Wilde in euren Hallen / Unterm Mantel die alte Idee / sucht man weiter die Erben der Scheiße / ich kann nur hoffen, ihr verendet dabei / In der Dämmerung fallen ihre Masken / und das Gewissen ist als erstes vom Schiff / sie kommen wieder und lächeln dabei freundlich / Patriot, Lügner und Scheiße-Gesicht“. Lyrisch gekonnt unkonkret ist die Botschaft konkret genug, um den Hut zu zücken vor den Worten dieser Band. Und selbst wenn ich übertreiben sollte, so ist dennoch nicht zu leugnen, dass das hier groß ist. Nicht weil sich Turbostaat in großen Gesten üben, auch nicht, weil sie die Fassade auf losem Stein aufpolieren. Stadt der Angst ist groß, weil hier eine Band am Werke ist, die Zerfahrenheit nicht fürchtet, die Experimente nicht scheut, die aber dennoch eine herausragende Solidität in Stimme, Sound und Lyrik zementiert, die unzerstörbar ist. Die Lethargie in Sohnemann Heinz z.B., die irgendwie nicht nur Lethargie, sondern zugleich auch Zuversicht ist. Das alles funktioniert und ja, diese Stadt ist vielleicht auf Angst gebaut, aber sie ist es in einer fruchtbaren Weise. Zaghaft, träge, aber doch aufgewühlt und dynamisch. Die Angst ist die zerstörerische Triebfeder des Fortkommens, des Aufbäumens, des Widerstands gegen die Entfremdung. Diese Stadt ist von Turbostaat erbaut und die haut so schnell niemand zu Staub und Asche.

9/10

(Martin Oswald)

Turbostaat – Stadt Der Angst | Clouds Hill | VÖ: 05.04.2013 | LP/CD/digital

News 10/03/13

+++ Am 05.04.13 ist es soweit: Turbostaat veröffentlichen ihr 5. Album namens Stadt der Angst, das sich bereits in schicken Ausführungen hier vorbestellen lässt. Bis es tatsächlich soweit ist präsentieren sie auf ihrer Homepage kleine und große Häppchen, um die Wartezeit zu verkürzen. Ein Video zu Sohnemann Heinz wurde auch abgedreht, das wir nicht vorenthalten wollen:

+++ Die Regensburger Glorious Thieves haben eine 5-Track EP aufgenommen und kürzlich veröffentlicht. Kurs auf Eisberg heißt die und hat sich überhaupt das Schifferlfahren als Lieblingsmotiv ausgesucht. Auf dem Cover schraubt sich eine zerbrochene Titanic gen Longdrinkglasboden und auch wenn die Glorious Thieves Kurs auf Eisberg genommen haben, Schiffbruch erleiden sie dabei zum Glück nicht, sondern paddeln souverän durch die stürmische See des Deutschpunk. Eine gute EP ist das geworden:

Am 15.03.13 sind sie im Übrigen zusammen mit DanWebb & The Spiders und underparts im Büro live anzutreffen.

+++ Ebenfalls am 15.03.13 schicken Herrenmagazin ihr neues Album Das Ergebnis wäre Stille in den Handel. Kürzlich erst haben wir uns lobend über den Vorgänger Das wird einmal alles Dir gehören ausgelassen. Wie und ob der Nachfolger da mithalten kann, lässt sich bereits vorab begutachten: bei den Kolleg_innen der VISIONS steht hierzu ein Stream bereit.

+++ Das kommende Alkaline Trio-Album war uns bereits ein Erwähnung wert. My Shame Is True erscheint hierzulande am 28.03.13 und die Single I Wanna Be A Warhol hat nun ein richtiges Video verpasst bekommen:

Turbostaat in und für die Rote Flora

Die Rote Flora gehört zu Hamburg, wie der Hafen, der Fischmarkt und der Michl. Leider sehen es manche Investor- und PolitikerInnen anders und wollen, den vermeintlichen Schandfleck, am besten lieber heute als morgen aus dem Stadtbild tilgen. Um genau dies zu verhindern und den Kampf der Flora in den Köpfen der Leute zu halten, gibt es neben diversen politischen Aktionen, auch eine Vielzahl von Soli-Konzerten, in und natürlich für die Rote Flora. Am 19. Oktober reihten sich norddeutschen Punkrocker von Turbostaat unter dem Motto „Rote Flora: Freiräume erkämpfen und verteidigen„, abermals in die Liste der UnterstützerInnen ein und gaben aus gegebenen Anlass, zusammen mit den Kollegen von Vierkanttretlager, ein Konzert in diesen altehrwürdigen Hallen.

Die ganze Sache wurde erst zwei Tage vorher via Facebook und auf der bandeigenen Homepage angekündigt und hatte sich bis Freitag ordentlich herum gesprochen, denn es hatte sich bereits eine knappe Stunde vor dem Einlass eine übertrieben lange Schlange vor der Flora gebildet und die restlichen Passanten und Touristen wunderten sich schon über den großen Andrang. Als sich dann auch noch König Boris von Fettes Brot in die Gruppe einreihte, wusste man langsam, dass die Ankündigung doch größere Wellen geschlagen haben muss. Kurz vor dem Einlass konnte man das Ende der Schlange in Richtung Max-Brauer-Allee nur noch erahnen und man machte sich die ersten Gedanken, ob auch wirklich alle in den Genuss der beiden Bands kommen würden, was ich bis zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sicher sagen kann, denn Karten gab es wegen der kurzfristigen Ankündigung nur an der Abendkasse. Kaum angekommen und den Preis von moderaten fünf Euro gelöhnt, wurde es in der Flora ziemlich schnell ziemlich voll und bis zum Beginn um 22:00 Uhr fand man nur noch selten einen freien Platz im Konzertsaal.

Den Anfang machten, wie bereits erwähnt Vierkanttretlager aus Husum, die just in diesem Jahr ihr Debutalbum mit dem Titel Die Natur greift an veröffentlichten und unter anderem durch einen Auftritt beim Bundesvisonsongcontest, von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Und auch wenn der Beginn, dank eines nicht funktionierenden Mikros beziehungsweise der falschen Tonabmischung ziemlich in die Hose ging, wussten die Husumer ab dem zweiten Song zu überzeugen. Auch der Rest des Publikums wurde recht schnell warm mit der Band, die laut dem Rolling Stone klingen „(…) als habe man die Hamburger Schule ihrer Überintellektualität beraubt und sich gleichzeitig musikalisch von den Indie-Rockbands der zweiten Generation emanzipiert“. Egal welche Wortwahl man verwenden möchte, Vierkanttretlager sind auf jeden Fall einen Blick wert und seien Fans von Tocotronic, Kettcar und eben jenen restlichen Vertretern aus dieser Ecke wärmstens empfohlen.

 

Doch nun quasi zum wahren Höhepunkt des Abends und dem Grund meines Kommens. Nach kurzem Umbau gingen die Lichter aus und Turbostaat legte direkt los. Man merkte von Anfang an, dass es sich nicht um einen einfachen Tourtermin handelte, sondern die Jungs wirklich mit Herzblut bei der Sachen waren. Die Bühnenpräsenz war, trotz des langen Konzertjahres der Band erstaunlich und das grandiose Set brachte die Menge vom ersten Akkord an zum ausrasten. Eigentlich wurde alles gespielt, was man mit gutem Gewissen als Klassiker des bisherigen Schaffens titulieren könnte und dabei beschränkte man sich nicht nur auf die aktuelle Platte Das Island Manöver, sondern fuhr die ganze Bandbreite von Flamingo bis hin zu Vormann Leiss auf. Dem Publikum und der Band wurde keine Verschnaufpause gegönnt und es wurde kompromisslos Stück um Stück runtergespielt. Nicht gelangweilt, sondern stets bei der Sache und im ständigen Kontakt zum Publikum, welches sicher jeden Text mitgröhlen konnte und nach nur wenigen Songs eine homogene hüpfende und singende Masse bildete, die Frontmann Jan Windmeier an den Lippen hing. Hin und wieder sorgte eine kurze, fast schon andächtige Ansage für Ruhe und Ordnung in den vorderen Reihen, um wenige Sekunden später wieder den Platz für die Gitarren und der unbeschreiblichen Energie der Band freizugeben. Dabei wurde es trotz der Fülle an Leuten nie unangenehm, vielmehr fühlte man sich wie bei einem Familientreffen, bei dem man zwar nicht jeden kannte, aber wusste warum er oder sie hier war. Und das schafft wahrlich nicht jede Band. Nach einer langen Zugabe und dem titelgebenden Song Vormann Leiss als Abschluss, endete das Konzert nach circa 90 Minuten und die verschwitze Masse bewegte sich in Richtung Sternschanze hinaus und verteilte sich in der Hamburger Nacht.

Was bleibt am Schluss zu sagen? Turbostaat machen ehrlichen Punkrock und trotz des Major Deals ist man fern von Kompromissen und Sell Out Gedanken. Die Band schafft es eine energiegeladenen und zeitgleich intime Atmosphäre zu schaffen, die sich von den ersten Reihen, bis hin in das letzte Eck der Halle hält und einen für die Dauer des Abends auch nicht mehr los lässt. Und bei dem Gedanken, dass Anfang 2013 das neue Album der Norddeutschen ansteht, steigt die Vorfreude auf die neue Tour umso mehr.

( Dominik Iwan )