Circe – Music composed for The Show of Shows

Circe

Mehr als ein bisschen Hauptband

Das Schreiben über diese Platte scheitert beinahe schon daran, dass nicht ganz klar ist, wie hier was zu bezeichnen wäre. Was soll überhaupt in die Titelzeile? Denn Circe sind keine Band, vielmehr verbirgt sich dahinter der Name eines Soundtracks zum im Dezember erscheinenden Dokumentarfilm The Show of Shows über die Zirkus-, Vaudeville-, Karneval- und Cabaretszene(n) Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Musik hierfür stammt von Georg Holm, Orri Pál Dýrason, Hilmar Örn Hilmarsson und Kjartan Holm. Auch wenn zwei der Namen für isländische Verhältnisse durchaus kurz sind, verträgt dies dennoch keine Titelzeile.

Daran soll das Ganze aber auch nicht scheitern, denn hinter Circe steckt eben nicht irgendwer, sondern 2/3 von Sigur Rós, ihr Tourgitarrist und der Komponist Hilmarsson. Wäre das allein vielleicht schon eine Erwähnung wert, ist es das vorliegende Album allemal. Nicht nur, weil Postrock- und Ambient-affine Ohren schon im Voraus erahnen können, was auf sie zukommt, sondern weil es noch besser kommt als man erwarten könnte. Circe dauert deutlich über eine Stunde und präsentiert freilich viele ruhige Klänge und weitläufige Songstrukturen, die nur selten klassische Songstrukturen sind. Die einzelnen Songs verzichten meist auf eine entsprechende Dramaturgie und sparen Kulminationsmomente aus, die Georg und Orris Hauptband wie keine andere beherrscht.

Circe ist merklich ambientlastiger – was nicht nur, aber auch am (von spärlichen Chören bei Tko oder To Boris With Love abgesehen) gänzlich fehlenden Gesang liegt -, entwickelt aber dennoch eine stellenweise fast tanzbare Rhythmik. Lila wäre hier etwa zu nennen, das mit einem markanten Beat auch in Electro-Kreisen auf Interesse stoßen könnte. Oder das fast schon karibisch zappelnde Salire. Ganz allgemein spielen perkussive Elemente eine tragende Rolle, die Georg Holm mit seinem unnachahmlichen, meist äußerst dezenten Bassspiel ummantelnd begleitet. Da ist auf die sigur-róssche Rhythmussektion natürlich Verlass. Viele von Circes Passagen wären durchaus auch auf einer Sigur-Rós-Platte denkbar. Das etwas aus der Reihe tanzende und wuchtige To Boris With Love etwa, könnte man sich gut auf Kveikur vorstellen, Liquid Bread & Circuses atmet die Luft von Valtari und Wirewalker hätte sich auch auf Takk… finden können (Holms Bass wurde ja bereits erwähnt, die beiden letzten Beispiele illustrieren dies übrigens vortrefflich).

Es fällt ohnehin schwer sich Circe einigermaßen sinnvoll ohne die ständige Referenz zu Holms und Dýrasons Hauptband zu denken, entfernt sich die Platte eben auch musikalisch nicht allzu weit davon und wäre auch in diesem Kontext mit kleinen Abstrichen (der größte sicherlich: Jónsi) denkbar. Aber wie auch bereits eingangs angedeutet: Circe ist keine abgespeckte Sigur-Rós-Version, sondern – die Erwartungen erfüllend oder sogar übertreffend – ein formidabler Soundtrack, der seine ganz eigenen Stärken zu entfalten weiß.

8,0/10

Circe | Krunk Records | VÖ: 21.08.15 | LP/CD/download

News | Dezember 13 #2

+++ Zur zweiten Runde News im Dezember lassen wir gleich zu Beginn Converge von der Leine. Die waren bei der BBC zu Gast und haben dort eine vermutlich schicke Live-EP eingespielt. Mit dabei sind die Songs Dark HorseAxe To Fall, Damages und – angeblich – Hanging Moon. Warum letzterer Song mit einem ‚angeblich‘ versehen ist? Nun, weil es sich laut Bandangaben um eine rare Version des im Original mit Akustikgitarren eingespielten Tracks handeln soll. Nun gut, entweder Kurt Ballou ist ein noch genialerer Produzent, als ohnehin schon angenommen, oder da ist was durcheinander geraten. Unser Vergleichs- und Lösungsvorschlag ist jedenfalls:

+++ Weniger besserwisserisch gerieren wir uns gegenüber der folgenden Band. Also gegenüber Sigur Rós. Die haben in den vergangenen zwei Jahren gleich mal zwei Alben aufgenommen. Und natürlich veröffentlicht. Jetzt nimmt sich die Band, passend zur Jahreszeit, eine kurze Verschnaufpause und legt einen kleinen, aber feinen Rückblick vor. Zu lesen gibt es das Ganze hier.

+++ All denjenigen, die ab und an hier vorbeisurfen, dürften Light Bearer ein Begriff sein. Schließlich haben die in den Ohren des Kollegen Oswald die Höchstwertung abgestaubt. Jetzt gibt es mit Carnist ein kleines Nebenprojekt. Und zwar eines, das mit Songlängen jenseits der zehn Minuten mal so gar nichts zu tun haben will und viel lieber in aller Kürze zum Punkt kommt. Das klingt dann so:

+++ Da wir gerade beim Hardcore sind, bleiben wir doch gleich dabei. Schließlich gibt es auch Neues um La Dispute zu vermelden. Die waren nämlich im Studio. Und haben, wer hätte es auch gedacht, neues Material aufgenommen. Neues Material, das Rooms Of The House heißen und am 18. März 2014 erscheinen wird. Ein Cover gibt es auch schon:

La Dispute - Rooms Of The House // Bild:  http://www.ladisputemusic.com/blog/

+++ Zum Schluss gibt’s noch mehr Hardcore. Dieses mal von Frank Turner. Moment, Hardcore von Frank Turner? Ja natürlich. Und zwar unter dem Namen Mogol Horde (wir verzichten hier mal aus ästhetischen Gründen auf die ‚ö‘-Schreibung). Schließlich nimmt Turners Hardcore-Spielwiese gerade ein Debutalbum auf. Bislang sind sieben Songs fertig.

Sigur Rós – Kveikur

Sigur Rós - KveikurAus der Deckung

Ich hatte ja schon ernsthafte Bedenken als ich Sigur Rós im Februar live hörte. Das unbekannte, neue Material konnte mich nicht so richtig mitziehen und es schien mir als könne es nicht wirklich mit den sonstigen Großtaten dieser Überband mithalten. Ein Jahr nach Valtari, das ich übrigens auch über weite Strecken (als einer der wenigen übrigens – immerhin Album des Jahres 2012) für eine Großtat halte, nun der neue Streich. Ich hatte eigentlich Sorgen, dass ich bei der Bewertung eine Punktzahl zücken muss, an die bisher im Sigur-Rós-Universum nicht zu denken war. Ich traue es mich kaum sagen, aber ich hatte da schon einige Ziffern unter der Bestmarke 10 im Kopf. So tobten die ersten Höreindrücke in Erwartung einer Enttäuschung in meinen Gedanken. Umso größer also die Anspannung vor dem ersten wirklichen Hören. Das würde sicherlich kein sicheres Start-Ziel-Rennen für die (nach dem Ausstieg von Mulitinstrumentalist Kjartan nur noch) drei Isländer werden. Was sich vorher schon angedeutet hatte: Kveikur würde beatlastiger, elektronischer, flotter und bedeutend düsterer werden. Das Gegenteil von Valtari, möchte man meinen, ein Anti-Valtari. Allein die Optik von Kveikur ist düsterer als alle bisherigen Veröffentlichungen zusammen (das Live-Album Inni vielleicht einmal ausgenommen). Das muss nicht viel bedeuten und doch ist es eine erste und beachtenswerte Wegweisung.

Und sie täuscht nicht: Der Beginn von Brennisteinn wummert ungewohnt beschwerlich und elektro-metallisch, ja eigentlich schon fast bedrohlich los. Ein ganz neuer Zug im sigur-rósschen Soundrepertoire, dem erst durch Jónsis filigranen Gesang etwas Schwere genommen wird. Doch selbst das nur mit Einschränkungen. Brennisteinn bleibt ein schaurig-bedrohlicher Song, um den sich zwar feine Melodieschlaufen spannen, den es aber in dieser Atmosphäre seit der zweiten Hälfte von ( ) nicht mehr gegebeben hat bei Sigur Rós. Hrafntinna setzt ebenfalls auf einen dumpfen und metallischen Beat, der sich durch den Song träge aber präsent hindurchschleppt. Das ist kein Negativurteil. Es ist vielmehr eine der zahlreichen, veränderten Auffälligkeiten dieser Platte, dass Schlagzeug und Percussion wesentlich mehr songprägende, soundtechnnische und -ästhetische Bedeutung haben, als auf allen anderen Alben. Eine weitere Auffälligkeit: Sigur Rós wirken auch in den wärmsten Momenten, wie zum Beispiel bei Ísjaki, das locker auch auf Jónsis Soloplatte Platz gefunden hätte, distanzierter als zuletzt. Und das obwohl Valtari ohnehin ein reduziertes, langsames und stark introvertiertes Album war.

Obwohl sich die Vorzeichen also gedreht haben und Kveikur viel offener, zugänglicher und extrovertierter ist, bleibt es auf Distanz. Es berührt, ja rührt seit Takk…Með blóðnasir vor Schönheit wieder zu Tränen (Yfirborð), doch gibt es dennoch eine Distanz. Man merkt auch woran das liegt: Sigur Rós, die wie Popstars von Promotermin zu Promotermin und von Medium zu Medium gereicht werden (die ausführliche Mitwirkung an einer Simpsons-Folge ist übrigens kein Zufall), sind trotzdem wieder geheimnisvoller, entrückter und mundfauler geworden. Der Vergleich mit ( ) war ja schon einmal da – er passt aber auch vortrefflich. Die Band dorthin zurück, wo sie sich am wohlsten fühlt: in Deckung. Sigur Rós verbergen sich hinter einer überragenden Instrumentierung eines großartigen Albums. Sie streifen das Persönliche ab und ziehen sich ein meterdickes Soundgewand aus unzähligen Instrumenten, Arrangements, Rhythmusstrukturen und überbordenden Lautmalereien über. Songs wie Stormur oder Rafstraumur trägt das meilenweit durch jeden einzelnen Hörnerv mitten in das im Takt pochende Herz. Das sind Momente, in denen die distanzierte Düsternis umarmt wird von purer Herrlichkeit, in denen man seine Liebe zur Musik neu entdeckt und verfestigt. Da kulminieren all die Gefühlswallungen, die in diesem unbegreiflichen Reich an Genialität, Schönheit und Klangästhetik geboren werden. Völlig problemlos kann da selbst der Titeltrack Kveikur seine experimentell-elektronischen Zacken schlagen oder Var zärtlich, fast unbemerkt die Platte nach Hause tragen. Es fügt sich. Alles fügt sich. Vom ersten bis zum letzten Ton. Ich verneige mich und ziehe alle meine Hüte vor diesem abermaligen Meisterwerk.

10/10

Anspieltipps: Brennisteinn, Yfirborð, Stormur, Rafstraumur

(Martin Oswald)

Sigur Rós – Kveikur | XL Recordings | VÖ: 14.06.13 | CD/LP/digital

News 23/03/13

+++ Am 20. April (also in ziemlich genau einem Monat) wird weltweit der Record Store Day begangen. Wie jedes Jahr gibt es dabei allerlei Raritäten, Reissues, B-Seiten, Special-EPs etc., die von vielen Bands und Labels dargeboten werden. Eine hilfreiche Übersicht über Veröffentlichungen hierzulande gibt es hier. Darunter u.a. Stoff von Boysetsfire, Jimmy Eat World, Frank Turner, Touché Amoré und Title Fight. Die beiden letzten haben sich zusammengetan und auf einer 7“ jeweils einen Song voneinander gecovert, was in Snippet-Form folgendermaßen klingt:

+++ Bei Sigur Rós geht es derzeit hoch her. Gerade auf einer arg ausgedehnten Tour unterwegs, haben sie gerade eine EP namens Brennisteinn veröffentlicht, der Mitte Juni das Album Kveikur nachfolgen wird. Die Drei-Song-EP gibt es hier für $3 digital zu kaufen und den Titeltrack samt Video hier zu bestaunen:

Das Cover von Kveikur wurde übrigens auch bereits enthüllt und sieht so aus:
Sigur Rós - Kveikur

+++ Ein Cover haben auch The National enthüllt. Dieses wird ab Ende Mai ihre neue Platte Trouble Will Find Me schmücken:

The National - Trouble Will Find Me

Die Tracklist liest sich übrigens folgendermaßen:
01. I Should Live in Salt
02. Demons
03. Don’t Swallow the Cap
04. Fireproof
05. Sea of Love
06. Heavenfaced
07. This is the Last Time
08. Graceless
09. Slipped
10. I Need My Girl
11. Humiliation
12. Pink Rabbits
13. Hard to Find

+++ NinaMarie, das sind Thomas Götz (Beatsteaks) und Marten Ebsen (Turbostaat), haben seit kurzem eine Platte namens Feuer in der Nachbarschaft draußen. Den Song Das Hochzeitsgeschenk haben sie nun mit einem amüstanten Video versehen, das es hier zu sehen gibt.

Sigur Rós + Blanck Mass | 23.02.13 | Zenith (München)

Sigur Rós

Der Hinweg vom U-Bahnhof Freimann in Richtung Zenith glich dann schon so etwas wie einer Völkerwanderung. Schon ein paar Male musste man sich vergewissern, ob man nicht etwas zu weit mit der U6, zur Allianz Arena, gefahren ist. Aber nein, das hatte schon alles seine Richtigkeit. Der Ambient-Geheimtipp aus Island sind Sigur Rós schon lange nicht mehr, sondern die größte und erfolgreichste Postrock-Band aller Zeiten. Seit 2005 waren sie nicht mehr in München (damals im Circus Krone) und füllen im Jahr 2013 tatsächlich das Zenith. Bei fast 40 Euro Eintrittspreis ist das, trotz eigentlich seltener Aufenthalte in Süddeutschland, doch recht überraschend. So dürfte sich dann doch an die 5000 Leute (so ganz grob; ich bin schlecht im Schätzen) eingefunden haben, die zunächst einmal von Blanck Mass ‚bespaßt‘ wurden. Der ist wohl irgendetwas wie ein DJ der Platten mit Fahrstuhlmusik auflegt. So langweilig wie sich das anhört, ist das dann auch, zumal sich der Herr hinter einem halbdurchsichtigen Vorhang verstecken musste (dessen Funktion erst später deutlich wurde) und es eine CD mit Hintergrundmusik auch gatan hätte. Einigen schien die halbstündige Vorstellung tatsächlich gefallen zu haben. Warum, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. Nun, sei’s drum.

Sigur Rós, die sich gerade auf einer ausgedehnten Tour durch UK, Europa und Asien befinden, sind seit dem kürzlichen Ausstieg von Kjartan nur noch zu Dritt, was sie jedoch nicht hindert trotzdem 11 Musiker_innen auf die Bühne zu stellen. Das waren schon einmal mehr (mit den Marschtrommlern für Gobbledigook), ihre Bühnenshow dürfte aber noch nie derart opulent ausgefallen sein. Die ersten drei Songs YfirborðÍ Gær und Ný Batterí präsentieren sie hinter dem überdimensionierten Vorhang, der die drei vorderen Bühnenseiten verdeckt und von Innen mit allerlei Visualisierungen beleuchtet wird und somit quasi eine 3D-Leinwand darstellt. Yfirborð ist gleich einer der neuen angekündigten Songs (noch in diesem Jahr soll ein neues Album kommen) und gewährt schon einmal einen Einblick wohin die Reise künftig gehen wird: metallischer und elektronischer wird es werden. Die drei weiteren neuen Songs, die über das Set verteilt folgen, bestätigen diesen Eindruck. Ob diese Reise insgesamt gut geht, ist schwer zu sagen, die Songs gehören jedenfalls nicht zu den besten, die an diesem Abend das Zenith beschallen.

Die besten Songs rauszufiltern, ist bei dem Überangebot ohnehin schwierig. Denn das Beste an Sigur Rós‘ Auftritt ist eher in der Gesamterscheinung zu suchen, die dann doch auch zu überraschen weiß. So spielen sie mit Varúð lediglich einen Song vom aktuellen Album Valtari und keinen einzigen von Með suð í eyrum við spilum endalaust. Sie lassen also das Schaffen der vergangenen Jahre fast vollständig außen vor und konzentrieren sich in etwa gleichen Teilen auf Ágætis byrjun, () und Takk…  Und so finden sich die stärksten Momente natürlich z.B. in einem Olsen Olsen oder Untitled #6 (E-Bow) oder der unschlagbaren Takk…-Kombination aus Hoppípolla, Með blóðnasir und Glósóli. Auch wenn das Zenith alles andere als eine soundfreundliche Location ist, konnten die filigrane Instrumentierung und Jónsis Falsett klanglich durchweg überzeugen. Bei Sigur Rós stimmt alles bis ins kleine Detail. Die Songs – natürlich, aber auch die Bühnenerscheinung, die Projektionen, die drei große Leinwände in allerlei Landschaften und atmosphärische Räume tauchen, sind Ausdruck eines Gesamtkunstwerks, dem man bei jedem einzelnen Schritt von Sigur Rós begegnet.

Das Konzert wird letztlich nach ziemlich genau zwei Stunden mit dem meistgespielten Song der Band beschlossen: Untitled #8 (Popplagið). Ein Abschlusssong für den jede Postrock-Band töten würde und der jede/n im Raum in einem Gefühl andächtigen Staunens zurücklassen muss, weil er dramaturgisch so ziemlich das Beste ist, was diese einst kleine isländische Band jemals erdacht und zum Leben erweckt hat. Und wenngleich seitens des Publikums noch Zugaben eingefordert werden – danach kann eigentlich nichts mehr kommen und so verabschieden sich die 11 Musiker_innen mit tiefen Verbeugungen und schicken die Völkerwanderung wieder gen U-Bahn.

(Martin Oswald)

P.S.: Bilder zur aktuellen Tour gibt es hier.

Sigur Rós – Valtari

Euphoriserend? – Aber hallo!

„„Valtari“ hat so gar nichts Euphorisierendes mehr und taugt in einem Stadion nur als Soundtrack zu den Tränen nach einem Abstieg. Der bricht wiederum manchmal wie eine Dampfwalze über einen Klub herein.“ – So steht es im Valtari-Review des deutschen Rolling Stone geschrieben und zeugt von – naja, wie soll man sagen – großer Ahnungslosigkeit.

Nichts Euphorisierendes? – Nein, zum Glück schreibt Frank Lähnemann da nur Mist. Um es also vorwegzunehmen: Valtari ist absolut großartig, phantastisch, bezaubernd… ja, euphorisierend. Aber der Reihe nach.

Klar, einem Sigur Rós-Album begegnen stets großer Erwartungen. Wie sollte es bei einer Band, die zweifellos seit Jahren in ihrer eigenen Liga spielt und in die niemand auch nur ansatzweise aufsteigen kann, anders sein. Ein Album, das sich auch nur eine Nuance unter dem Prädikat „allererste Sahne“ einordnen würde, wäre eine Enttäuschung. Und um es an dieser Stelle zu sagen: alle Alben – außer vielleicht der sehr ungewöhnliche und schwer verdauliche Erstling Von – verdienen mit Nachdruck dieses Prädikat. Valtari ebenso.

Und nun ist es ja nicht so, dass Sigur Rós musikalisch in besonderer Weise konstant wären und immer wieder die gleichen hervorragenden Platten rausbringen würden. Im Gegenteil. Es ist geradezu erstaunlich, dass die ihr Niveau trotz vielen Änderungen und Wandlungen in Stil, Tempo, Rhythmik, Dynamik und nicht zuletzt Stimmung, halten können. Klar, für ungeübte und – mit Verlaub – ahnungslose Ohren klingt alles nach immer gleichen Walgesängen. Doch das ist natürlich Unfug.

Will man Valtari nun klanglich in die Diskographie-Skala der Band einsortieren, so sieht sich diese Platte stark in der Nähe von Ageatis Byrjun, Takk…, der ersten Hälfte von () und der zweiten Hälfte von með suð i eyrum við spilum endalaust, ein bisschen weiter weg von Von, der zweiten Hälfte von () und der ersten Hälfte von með suð i eyrum við spilum endalaust. Tja, wenn das kompliziert klingt, dann ist es das auch. Denn eigentlich ist Valtari eine sehr schöne Synthese des kompletten bandeigenen Schaffens, ohne den gewiss starken Einschlag der Solopfade von Sänger und Gitarrist Jónsi zu leugnen. Manche Nummern, wie beispielsweise Varðeldur oder Fjögur Píanó könnten glatt als ruhige Nummern auf Jónsis Go und sowieso als Stücke von Jónsi&Alex durchgehen.

Ja, diejenigen, die die Band nach með suð i eyrum við spilum endalaust auf einem poppigeren und songorientierteren Weg gesehen haben, dürfte sich anschicken diesen Weg wieder (nicht zu eilig) zurückzulaufen. Denn die Songs sind auf Valtari wieder deutlich zerfahrener als auf dem Vorgänger, die bombastischen Gefühlsexplosionen weichen behutsamen Klangcollagen und Tonspielchen und überhaupt: die Stimmung kippt von freudentaumelndem Kopfkino ein Stück weit in Richtung sehnsuchtsvoller Kopfmalarei. Kopfmalerei? – Ja, erfüllten einst bewegte Bilder die Phantasie durch das Gehörte, so schafft es Valtari diese Bilder unbewegter zu machen, sie sanft zu zergliedern und auf ihre Konturen und Formen zurückzuführen.

Acht Klangskizzen sind es, die uns die vier Isländer in fast einer Stunde Spielzeit darbieten. Kein wirklicher Anfang und kein Ende, lediglich ein Hauch von Songstrukturen, teils äußerst zurückhaltende Instrumentierung, mit Sorgfalt gewählte Steigerungsmomente in Tempo und Dynamik, traumhaft tragende Bassteppiche und sowieso: ganz viel Schönheit.

Wie Ég Anda sich langsam heranschleicht und nach einem dumpf-dissonanten Intermezzo das Heft an das über alles strahlende Ekki Múkk übergibt, das mit seinen flackernden Violinen zweifellos an Takk… erinnert – und wer weiß, vielleicht sogar jenes überstrahlt. Wundervoll. Rembihnútur, das sich schlussendlich zu einer vergleichsweise gesangintensiven Nummer entwickelt (was auf der Platte übrigens eine ziemliche Seltenheit ist), ist mit dem nachfolgenden Dauðalogn vielleicht so etwas wie der Prototyp des sigur-rósschen Songs. Beide sind so zart-leise und zerbrechlich, zugleich aber fulminant-dominant, dass man gar nicht weiß, ob sie davonschweben oder doch alles plattwalzen.

Nun, auch die anderen Songs haben unbeschreibliche Qualitäten und es wäre vielleicht zu müßig sie alle auch nur ansatzweise beschreiben zu wollen. Obwohl, bei Varðeldur sollte man sich dann schon vergewissern, ob man statt auf der heimischen Couch nicht doch auf einem Mooskissen im Garten Eden Platz genommen hat. Aber genug. Letztlich wollten wir ja nur festgestellt haben, lieber Rolling Stone: Valtari ist ganz und gar euphorisierend! Und eben nicht nur das…
9/10

(Martin Oswald)

Global Valtari Listening Party

Ein Begriff, der vor einigen Jahren noch gänzlich unbekannt war, ist mittlerweile aus der Musikbranche nicht mehr wegzudenken: der Stream. Dieser bezeichnet einen Vorgang, bei dem ein Musikalbum in der Regel im Vorfeld der offiziellen Veröffentlichung im Internet kostenfrei zum Anhören dargeboten wird. Dabei haben sich verschiedene Varianten etabliert: mal stellt die Plattenfirma ein Album online, mal übernimmt dies ein Online-Magazin, mal stellt irgendwer das Album bei Facebook, Bandcamp, Soundcloud, Youtube oder wo auch immer rein. So weit, so gut.
Will man aus dem Streamvorgang etwas besonderes machen, muss man sich schon etwas einfallen lassen. Denn einfach irgendwo reinstellen – damit kann man niemanden mehr jagen oder vom Hocker reißen.

Was tut man also, wenn man eine Band ist, die auf fast jedem Gebiet alle Konventionen und Maßstäbe bricht? Was tut man, wenn man Sigur Rós ist?
Tja, man setzt natürlich auch beim Stream neue Maßstäbe: am Donnerstag den 17.05.2012 wird in jeder Zeitzone dieser Welt um Punkt 19.00 Uhr für genau eine Stunde das Ende Mai erscheinende Album der Band namens Valtari gestreamt. Das Ganze nennt sich dann Global Valtari Listening Party und findet genau hier statt.
Falls die Server nicht zusammenbrechen, dürfte dies eine ziemlich fulminante Party werden. Viel Spaß beim Feiern!