Better Call Janele!

Machen Sie sich auch Sorgen um ihre und andere, also konkret unsere Frauen (und Mütter, Töchter, Väter, Familien, Senioren und Seniorinnen, Kinder und Jugendliche)? Rufen sie Janele an! Ihren Stadtrat für alles und irgendwas.

Machen Sie sich auch Sorgen um ihre und andere, also konkret unsere Frauen (und Mütter, Töchter, Väter, Familien, Senioren und Seniorinnen, Kinder und Jugendliche)? Rufen sie Janele an! Ihren Stadtrat für alles und irgendwas.

Politik ist ein hartes Geschäft, zumal die Kommunalpolitik. Niemandem kann man es recht machen. Niemals. Das hier ist zu teuer, das dort zu billig, die eine Idee ist uralt, die andere viel zu extravagant, macht man etwas für Kinder, vernachlässigt man die Senioren, baut man eine Straße, schimpfen die Ökos, baut man keine Straße, schimpfen alle anderen, trinkt man nicht auf jeder Veranstaltung drei Maß Bier, ist man abgehoben, lässt man hingegen keine Runde an keinem Stammtisch aus, ist man in der CSU. Es ist ein Jammer.

Wie man es macht, macht man es verkehrt. Dabei gibt es in der Kommunalpolitik eine wirkungsvolle Patentlösung für alles. Das eherne Gesetz der Kommunalpolitik: Bürgernähe. Dank Bürgernähe muss man nämlich gar nicht mehr Politik machen, sondern nur so tun als ob. Es reicht Politik zu simulieren.

Ein Hundehaufen kann eine Chance sein

Das Trio fotogenico, Dagmar Schmidl, Hans Renter und Armin Gugau z. B. hat das ganz gut verstanden. Seit Jahren tingeln die Drei von Gullideckel zu Straßenlaterne, vom Verkehrsschild zum Mülleimer, von der Kreuzung zum Feldweg und wieder zurück und lassen sich dabei ablichten was das Zeug hält. Es gibt in Regensburg keinen Hundehaufen vor dem sie nicht schon posiert hätten.

Das Trio fotogenico in Aktion, sogar mit Burger-Meister. Foto: pm

Das Trio fotogenico (Bildmitte) in Aktion, sogar mit Burger-Meister. Foto: pm

Ach, Sie haben ein Schlagloch vor der Einfahrt oder einen Maulwurfshügel im Garten? Zögern Sie nicht zum Hörer zu greifen, Schmidl, Renter und Gugau kommen sofort, stellen sich davor und machen ein Foto. Denn die kümmern sich noch, die packen richtig an!

Ja, das ist schon nicht schlecht, aber einer, der den Dreh mit der Bürgernähe endgültig raus hat, ist Christian Janele. Der einzige christlich-soziale Bürger (CSB) im Regensburger Stadtrat und „liebevolle Vater zweier Töchter“ hat Bürgernähe quasi durchgespielt. Jede seiner (na ja, sagen wir mal politischen) Aktivitäten und Mitteilungen ist ein eindrucksvolles Zeugnis von Bürgernähe. Das verdient eine Würdigung.

Lady-Taxis für jedermann

Wichtig gerade für "Frauen und junge Frauen": pinke Lady-Taxis. Foto: CSB/ Janele

Wichtig gerade für „Frauen, Kinder und junge Frauen“: pinke Lady-Taxis. Foto: CSB/ Janele

Im vergangenen Herbst machte Janele von sich reden als er eine „Sicherheitsoffensive“ forderte und dabei Bilder von Bussen und Taxen pink anstrich. Seine Vorschläge „Lady-Taxis“ und Lady-Zonen in Bussen schafften es selbst in bundesweite Medien. Die BILD machte ihn gar zum Verlierer des Tages. Eine Unverschämtheit! Denn was nämlich allenthalben übersehen wurde: Janele gelang mit seiner Initiative ein Meisterstück in Sachen Bürgernähe. Er schrieb damals:

„Das Sicherheitsbedürfnis gerade bei Familien, Senioren, Müttern und Vätern, ist mittlerweile stetig gewachsen. Vor allem die Väter machen sich Sorgen um Ihre Töchter und Frauen, wenn die bei Dunkelheit unterwegs sind.“

Herrje, die armen Väter! Woher Janele aber um das gestiegene Sicherheitsbedürfnis weiß? Gibt es dazu Untersuchungen, Statistiken, Umfragen? Ach wo, auf verschiedenen Informationsveranstaltungen werden diese Ängste formuliert, so Janele. Ach so, dann wird’s schon so sein, wenn der das sagt. Aber Achtung, es geht weiter:

„Gerade Frauen, Kinder und junge Frauen sollen beruhigt sein, weil Sie dann wissen, Sie kommen sicher (Zuhause) an. Viele Frauen, Senioren oder Jugendliche fühlen sich in öffentlichen Verkehrmitteln (sic!) unsicher, und können in Frauen-Taxis zu einem ermäßigtem (sic!) Preis nachhause fahren.“

Ungerecht: Die Bildzeitung kürte Christian Janele zum Verlierer des Tages.

Ungerecht: Die Bildzeitung kürte Christian Janele zum Verlierer des Tages.

Moment mal, ging es nicht eben noch um Ladies? Nun geht’s also auch um Senioren, Kinder und Jugendliche. Der Janele ist schon ein Fuchs. Denn ginge es nur um Frauen, würden ihn demnächst Kinder und Senioren auf Informationsveranstaltungen anquatschen, was denn mit ihnen sei. Warum sollten auch Lady-Zonen nur für Ladies und nicht etwa auch für Kinder und Senioren sein? Eben. Das ist gelebte Bürgernähe. Irgendetwas ist irgendwie für alle dabei. Niemand soll sich vernachlässigt fühlen. Außer ich. Als kinderlos alternder junger Mann mit osteuropäischem Migrationshintergrund habe ich beim Janele einen ganz schlechten Stand.

Wobei:

„DIE FRAUENTAXIS […] KÖNNEN AUCH VON MÄNNERN GESTEUERT WERDEN.“

Puh, Glück gehabt. Der Janele hat’s einfach verstanden. Das Politische nervt eigentlich nur und lenkt die Politik vom wirklich Wichtigen ab: Dem Gefühl.

Warum nicht gleich die ganze Stadt nach dem Papst benennen?

Dies zeigt sich auch im neuesten, ebenfalls Aufsehen erregenden Vorstoß des christlich-sozialen Bürgers. Janele möchte einen Stadtratsbeschluss erwirken den Domplatz in „Papst Benedikt XVI. Platz“ zu benennen. Seine Begründung ist, dass die von der CSU seit Jahren wiedergekaute und nun auch städtisch anvisierte Huldigungsbüste für den Stellvertreter Gottes auf Erden a.D. unwürdig sei und Joseph Ratzinger nicht gerecht werde.

Aber mal ernsthaft: Was soll schon jemandem gerecht werden, der vom Heiligen Geist höchstpersönlich ins unfehlbare Amt gehievt wurde? Eine Büste? Ein Platz? Also bitte, wie unwürdig. Warum denn nicht gleich die ganze Stadt nach ihm benennen? Papst-Benedikt-XVI-Stadt. Das wäre zumindest ein Anfang hier auf Erden.

Sie, liebe Papst-Benedikt-XVI-Städterinnen und Papst-Benedikt-XVI-Städter, merken es schon: Jede Ratzinger-Huldigung ist eigentlich eine zu wenig und diese kommunalpolitischen Gamer hören damit auch nicht auf, bis an mindestens jeder Ecke ein modellierter Papstschädel steht. Das alles ist Symbolpolitik, die sich des Politischen gänzlich entledigt hat und nur als leere Symbol-Hülle im kommunalpolitischen Diskurs herumwabert. In Wahrheit geht es überhaupt nicht um Ratzinger, ein würdiges Gedenken, die Sicherheit von Ladies, Geld und dergleichen mehr. Es geht auch nicht um die CSU oder die CSB. Es geht um eine inszenierte hohle Phrase: Bürgernähe.

Bürgernähe? Fragen Sie Herrn Janele!

Und wie spielt man eigentlich Bürgernähe?

"Am besten im Storchengang das Becken abschreiten." Janele macht's! Foto: CSB

„Am besten im Storchengang das Becken abschreiten.“ Janele macht’s! Foto: CSB

Sprechen Sie immer, aber auch wirklich immer über ihre Familie, wie toll das alles ist, welch liebevolle(r) und fürsorgliche(r) Vater (oder Mutter) Sie sind, denn Kinder zu haben, qualifiziert Sie gefühlt für alles; halten Sie immer den Ehering sichtbar in die Kamera, wenn Sie beim fachkundigen Besichtigen eines Schlaglochs fotografiert werden.

Betonen Sie nachdrücklich, dass alle Sorgen und Ängste (vor allem die der Väter!) berechtigt sind und Sie sie absolut nachvollziehen können und zünden Sie dabei Nebelkerzen à la „Keine Asylunterkunft neben einem Jugendzentrum“ (wegen Ängsten und so); nennen Sie das Jugendzentrum „Jugend- und Familienzentrum“, weil Familie einfach über alles geht.

Helfen Sie Straßenkindern, verkaufen Sie Lose. Gehen Sie Wassertreten. Kennzeichnen Sie Familienausflüge als diplomatische Delegationsfahrten der Völkerverständigung zum Wohle Europas. Spielen sie Politik und engagieren Sie Christian Janele. Niemand zockt das Game Bürgernähe so gut wie er.

Die Wurstkorbisierung politischer Kommunikation

Bei der Bürgernähe geht es um simulierte Politik mithilfe des Unpolitischen, um die Wurstkorbisierung politischer Kommunikation, die Transformation der Demokratie zum Zirkus. Die vor sich hergetragene Bürgernähe ist nichts anderes als sinnentleerte postpolitische Karikatur politischer Auseinandersetzung, die ihren eigentlichen Gegenstand einzig im Gefühl sieht. Es geht nicht darum etwas politisch Bedeutendes zu erschaffen oder zumindest zu diskutieren, sondern lediglich das Gefühl zu erzeugen und zu bedienen, etwas politisch Bedeutendes werde erschaffen oder zumindest diskutiert. Um mehr geht es nicht.

Dieser Beitrag wurde zuerst bei Regensburg-Digital veröffentlicht.