Oiro – Meteoriten Der Großen Idee

Oiro - Meteoriten der großen IdeeGenauer hingeschaut

Na klar, Fröhlichkeit ist Oiros Sache nicht. Zumindest auf den ersten Blick. Und auf den zweiten. Und überhaupt. Vielmehr ist ordentlich Trostlosigkeit angesagt – wohin man sieht. Das fängt schon beim Cover an, das neben viel Grau einer tristen Häuserfassade auf den ersten Blick, bei genauerem Hinschauen noch mehr Tristesse offenbart: Essen-Steele 1984, ein Stuntman fliegt mit Raketenrucksack begleitet von tausenden Blicken durch die Gegend, ein Fest scheint im Gange und wirkt doch nicht feierlich. Diese von Reinhard Krause fotografisch eingefangene Szenerie befremdlicher Alltagsflucht könnte für das vorliegende Album nicht passender sein. Ein Fest, zum Feiern jedoch ungeeignet.

Denn auch die Musik trieft nicht gerade vor Freude. Karge und schmucklose Songs, die mehr schmerzen als gefallen. Die vermeintlich mut- und antriebslos vor sich hin gammeln als wären sie in den 80er Jahren aus dem Straßenschmutz des Ruhrpotts zusammengekehrt und liegen gelassen worden. Meteoriten Der Großen Idee, das dritte Album Oiros, ist quälend und öde. Und doch, wenn man ganz genau hinschaut, durchzieht die tonangebende Lethargie allenthalben ein Veränderungsanspruch, ein Abwehrkampf, der die Abstumpfung überwinden will und große Ideen in humorvoll-befremdliche Worte kleidet. Der Kampf ist nicht heroisch, er ist zäh und anstrengend. Aber er wird geführt und das allein zählt!

Oiro bewegen sich musikalisch – welch Wunder! – grob im Fahrwasser von Oma Hans, Dackelblut (und anderen Rachut-Konsorten) und EA80, auch thematisch sind für deutschsprachigen Punk keine unbekannten Größen dabei, wenngleich Oiro lyrisch durchaus in einer eigenen Liga spielen. Sie schätzen eine spröde, aber bildhafte Sprache, die sich kunstvoll mit harten Alltagsbegriffen mischt. Wenn Ein Friedhof Mit Nur Einem Grab seine zweckhaft und technisch auslassende Objekt-Verb-Konstruktionen leidenschaftslos aufzählt, Baumarkt in wiederholender Destruktion (und mit nerviger Flöte unterlegt) festhält: „Ich gehe in den Baumarkt in [beliebige Stadt einfügen] / Kaufe eine Säge, die sie verkaufen / Baue mir ein Haus / Ich zieh’ sofort wieder aus“ oder Das Ist Kein Camping sich mit vermeintlich unterkühlter Härte dem Thema Flucht widmet, dann sind das wahrlich großartige Momente. Wie viele weitere.

Überall auf Meteoriten Der Großen Idee lohnt es sich genauer hinzuschauen. Die bittere Resignation Oiros ist eben nur eine scheinbare, die sich als graue Fassade vor der menschlichen Verletzlichkeit aufbaut, um Angriffe abzuwehren und insgeheim darauf hofft sich einmal selbst einreißen zu können. Es ist eine Überlebensstrategie und Waffe – was M wie Musik und L wie Lyrik eben so sind oder um mit Oiro zu sprechen: „K wie Krieg und Kinderzimmer / H wie Heckler und K wie Koch“ (Holiday in Deutschland).

7,5/10

Oiro – Meteoriten Der Großen Idee | Flight 13 | VÖ: 30.10.15 | LP/CD/digital