Matze Rossi + Harry Gump | 11.04.16 | Alte Mälzerei – Underground (Regensburg)

Matze Rossi

Matze Rossi

Matze Rossi kam auf seiner ausgedehnten Tour zum aktuellen Album Ich Fange Feuer auch in Regensburg vorbei. Nach der letztjährigen Vorstellung von Und Jetzt Licht, Bitte!!! nun zum zweiten Mal solo im Mälze-Keller. Letzterer ist auch bereits zum allzu pünktlichen Beginn von Support Harry Gump gut gefüllt. Leider nicht unbedingt mit dem angenehmsten Publikum, zumal Harry Gump über weite Strecken seines ca. halbstündigen Sets unter zahlreichen und lautstarken Saalgesprächen kaum zu verstehen ist. Nun ist es freilich Leuten selbst überlassen, ob sie ihren privaten Kram zwingend während eines Akustikkonzerts (für das sie ja immerhin auch irgendwie Eintritt gezahlt haben) klären, warum sie dies ausgerechnet mitten in der Venue zelebrieren müssen, ist dann wohl eine Frage des Anstands, des Respekts und der Wertschätzung den auftretenden Musikern und anderen Gästen gegenüber. Manchen fehlen diese offensichtlich völlig.

Nun ja, Harry Gump jedenfalls lässt sich davon nicht sehr beeindrucken (stören scheint es ihn dennoch) und versucht tapfer gegen die Saallautstärke und das teilweise gnadenlose Desinteresse anzuspielen. Das gelingt, aber eben nur mit Abstrichen. Die Beherztheit und Leidenschaft sowie manche Textzeilen seiner folkigen Punksongs muss man sich eher dazu denken.

Hätte man anfangs noch meinen können, dass die Unaufmerksamkeit und störende Missachtung durch einige Leute traditionell doch eher dem Support gilt, so wurde man eines Besseren belehrt. Eine Belehrung fand sich jedoch auch im Umgang Matze Rossis damit. Ob das nun die sozialpädagogische Ausbildung oder das Vierteljahrhundert Bühnenerfahrung ist – oder vielleicht auch beides: Matze Rossi weiß die unangenehme Situation meisterhaft zu lösen und begibt sich nach einigen Songs auf den Bühnenrand und verzichtet auf Mikrofon und die Gesangsanlage. Der akustischen Gitarre gönnt er lediglich ein bisschen Verstärkung. Und siehe da, das pädagogische Spiel „wenn ihr zu laut seid, mach‘ ich einfach leiser“ funktioniert. Das ist einfallsreich, mutig und charmant, wenngleich auch schade, weil einem Wohnzimmerkonzert ohne Wohnzimmer eben doch das Wohnzimmer fehlt.

Beginnend mit Analog Am Stück spielt sich Matze Rossi mit großer Freude durch seine mittlerweile fünf Alben und zwei EPs und entscheidet – wie gewohnt ohne Setlist – aus dem Bauch heraus welcher Song als nächstes am besten passt. Seine gesamte Diskografie hat er dabei dennoch im Auge und aufgrund des aus pädagogischen Gründen unverstärkten Settings, kommt das eher den ruhigeren und reduzierteren Nummern zugute. Wie wenige andere beherrscht es Matze Rossi sich von der Interaktion mit dem Publikum, von spontanen und assoziativen Eindrücken treiben zu lassen, sein Set und seine Anekdoten danach auszurichten und dabei – und das ist in diesem Fall tatsächlich keine leere Floskel aus der Review-Mottenkiste – jeden Abend einmalig und einzigartig zu gestalten. Wie gewohnt: Großes Kino!

 

Matze Rossi – Ich Fange Feuer

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Alles wird gut. Oder eben nicht.

Es läuft für Matze Rossi. Sein nunmehr fünftes Album Ich Fange Feuer erscheint im bisher größten Rahmen. Die Veröffentlichung beim Boysetsfire-Label End Hits Records wird mit umfangreichen Specials, Promo-Features, so auch einem Auftritt in der Pro7-Sendung Circus Halligalli und einer ausgiebigen (von GHvC gebuchten) Tour begleitet. Viel hat er dabei einem weit verzweigten Freundschafts- und Fannetzwerk, vor allem aber seiner Ausdauer, Beharrlichkeit, Leidenschaft und Freude an Musik zu verdanken. In letzterer Beziehung ist Matze die ehrlichste Haut, die man sich vorstellen kann und scheint damit mittlerweile auch angekommen zu sein. Zum ersten Mal ist er etwas mehr als reiner Hobby-Musiker.

Und auch wenn das Setting hervorragend passt, so zählt in der Hauptsache doch die Musik, die Ich Fange Feuer natürlich wieder in gewohnte Gefilde befördert. Matzes rau-sanfte Stimme dominiert die überwiegend mit der Akustischen inszenierte Songs, die sich wie so oft um Themen wie Freundschaft, Liebe, Musik, Leben und Tod drehen und bei denen es zu müßig wäre nachzuzählen, wie häufig diese Begriffe tatsächlich fallen. Zu oft jedenfalls. Die Grundstimmung ist, wie auch schon beim Vorgänger Und Jetzt Licht, Bitte!!!, ausschließlich positiv und gibt sich überaus intim. Diesmal wagt sich Matze Rossi jedoch wieder aus seinem Keller heraus und gestaltet die Songs wieder größer und imposanter. Das zeigt sich insbesondere an der aufwendigeren Produktion und den zahlreicheren Begleitinstrumenten, die wieder deutlich mehr Bandimpetus in sich tragen.

Ich Fange Feuer ist wieder einmal nett und gelegentlich schön anzuhören, bleibt aber meilenweit unter den Möglichkeiten Matze Rossis zurück. Das ist ärgerlich. Die inhaltliche Verengung auf die immer gleichen Themen macht die ganze Platte über einige Strecken langweilig und insgesamt harmlos. Hier straft sie nicht nur den alten Tagtraum-Song Balsam Lügen („Denn ich bin alles andere als hilflos oder harmlos“), sondern lässt gelegentlich die Frage aufkommen, ob das hier noch Matze und nicht bereits Semino Rossi ist. Jemand, der sich in einer derart grausamen Welt, wie wir sie derzeit vorfinden, dermaßen auf die persönliche Glücksfindung, das eigene Seelenheil und (Achtung!) das „Karma“ beschränkt, hat leider nicht viel zu sagen und wäre zuweilen im Schlager besser aufgehoben. Hoffnung weicht hier einem blinden und naiven Optimismus.

Das alles heißt jedoch nicht, dass Ich Fange Feuer nicht auch seine gelungenen Momente hätte. Der Spannungsbogen in Das Vertraute Kribbeln In Meinen Händen, der sich schön im etwas unbedarften „Alles wird gut“ entlädt oder Kein Zweifeln Und Bedauern, das neben leidigen Ohohohos einen hinreißenden Schwung bietet, zum Beispiel. Wenn sich am Ende Zieh Meine Träume Nicht Durch Den Dreck fast orchestral auftürmt, wird klar, dass Matze Rossi durchaus die Experimentierfreude besitzt, die sich musikalisch eben nicht in der Akustikgitarre erschöpft.

Insgesamt wird aber auch klar, dass hier wieder einmal wesentlich mehr drin gewesen wäre und Matze Rossi seine Genialität als Songwriter nicht annähernd ausschöpft. Die kitschig-esoterische Positivität, die weit entfernt von der fragilen und poetischen Schönheit eines solo(w) boy, so-low ist oder die schlageresken Refrains, die eine ganze Ecke den herzhaften Indie-Popsongs der unvollendeten digitalen EP-Trilogie (hier und hier) nachstehen, stehen dafür symptomatisch. Ob bei Matze Rossi wirklich alles wieder gut wird? Na ja, wollen wir’s hoffen.

4,5/10

Matze Rossi – Ich Fange Feuer | End Hits Records | VÖ: 18.03.16 | LP/CD/digital

Boysetsfire + Matze Rossi | 10.10.2014 | UT Connewitz (Leipzig)

Da wir traditionell (und aus einigen guten Gründen) relativ ‚Fahrfaul‘ sind, kommt es nicht alle Tage vor, dass wir für ein einzelnes Konzert mal eben über 300 Kilometer abreisen. Der Anlass war aber dieses mal ein besonderer. Boysetsfire hatten geladen, um ihr 20-jähriges Bühnenjubiläum zu feiern. Mit einem Konzert, das man so wohl nicht allzu oft zu sehen bekommen dürfte. ‚Evolution Of Sound‘ nannte sich das Ganze und nahm sich das Ziel, den Weg von der reduzierten Akustikshow bis zum krachenden Hardcore-Konzert zu gehen. Und das in ein paar Stunden. Da kann man schon mal gespannt sein. Vor allem wenn als Vorband auch noch Matze Rossi dabei ist. Dieser umtriebige Songwriter aus Schweinfurt, den man eigentlich nur mögen kann.

Doch der Reihe nach. Wir wollen nämlich erst mal das UT Connewitz würdigen, ein sympathisch unrenoviertes Ding und zugleich eines der ältesten Lichtspieltheater Deutschlands. An der Atmosphäre sollte dieser Abend also schon mal nicht scheitern. Dann heißt es auch schon ‚Bühne frei‘ für Matze Rossi. Der versichert erst mal glaubhaft, wie sehr er sich freut, diesen besonderen Gig eröffnen zu dürfen, bedankt sich bei allen, bei denen man sich so bedanken könnte und spielt drauf los. Mit dabei sind Nummern aus seinem letzten Werk Und jetzt Licht, bitte!, Stücke aus der Feder der Bad Drugs und ein sehr gelungenes Hot Water Music-Cover. Besondere Momente sind dabei – wie sollte es anders sein – die Pixies-Hommage Warum aus mir und meinen Freunden nichts mehr werden kann und natürlich Best Friends, der Matze-Rossi-Song für den verstorbenen Wauz. Und weil es der Anlass eben hergibt, macht Rossi kurzerhand den Verstärker aus, geht ganz nach vorne und gibt Best Friends gänzlich akustisch zum Besten. Gänsehaut inklusive. Das sieht und klingt dann übrigens so:

Da nimmt es nicht Wunder, dass erstens eine Zugabe gefordert wird und zweitens in der Pause zwischen den Acts ein paar Fragen aufkommen. Wer war das nun genau? Wo kommt der her? Was gibt’s von dem so? Diejenigen, die Antworten können, geben bereitwillig Auskunft: Tagtraum, Senore Matze Rossi, Bad Drugs und und und.

Danach sind alle aufgewärmt, für das, was Boysetsfire denn nun so auf die Bühne bringen. Und das sollte so einiges sein. Nathan Gray und Chad Istvan sind noch keine Minute auf der Bühne, da werden auch schon die ersten scharfzüngigen Sprüche zwischen Band und Publikum ausgetauscht. So wird zunächst viel gelacht. Und dann mit Let It Bleed das Set eröffnet. Zumindest halbwegs. Schließlich wird der Song mit Verve in den Sand gesetzt, kurz unterbrochen und dann doch zu Ende gebracht. Jetzt versteht man, warum wohl ein Notenständer auf der Bühne steht. Ob das nun Show ist, oder nicht? Man weiß es nicht. Ist auch nicht weiter wichtig, bringen die Zwei auf der Bühne das Ganze doch einfach so rüber, dass man ihnen einfach glauben muss. Dann geht es mit The Misery Index weiter. Und Gray darf mit seiner Stimme zum ersten mal ganz nach vorne. Was der Typ am Mikro macht, ist schlichtweg unfassbar. Da sitzt jeder Ton. Auf die Gefahr hin, dass wir uns wiederholen: Gänsehaut inklusive. Doch bevor der Abend allzu heimelig wird, kommen nach und nach die restlichen Bandmitglieder auf die Bühne. Robert Ehrenbrand unterstützt Still Waiting For The Punchline am Bass und zu 10 (And Counting) sind sie dann alle auf der Bühne und verwandeln die Show endgültig in eine krachende Angelegenheit. Nun gut, auch das gelingt erst im zweiten Versuch. Doch seht selbst:

Es soll übrigens der letzte Wackler an diesem Abend bleiben. Denn nun sind Boysetsfire sichtlich in ihrem Element und schleudern dem Publikum ein Highlight nach dem Anderen entgegen. My Life In The Knife Trade, Requiem, With Every Intention, Deja Coup, Handful Of Redemption, Empire… Die Liste ist lang. Und durchdacht. Von Song zu Song gewinnt das Material ein wenig an Härte hinzu. Steigert sich über Walk Astray hin zu Rookie (das dankenswerterweise kein einziges mal zuvor aus dem Publikum gefordert wird) und schließlich zum finalen Deathmatch aus Release The Dogs und Until Nothing Remains. Wer hier noch nicht genug hat, bekommt schließlich in der Zugabe den Rest. Twelve Step Hammer Program und Closure gibt es da zu hören. Und weil Boysetsfire eben mal Boysetsfire sind, lassen sie es sich nicht nehmen, ihrem Publikum ganz zum Schluss mit After The Eulogy noch einmal alles abzuverlangen. Dann sind zwei Stunden und ein in allen Belangen fulminanter Auftritt vorbei. Und wir sind ziemlich sicher: Recht viel besser kann man das nicht machen.

(Martin Smeets)