EP: An Early Cascade | Cloudkicker | Birds In Row | Dress | Second Youth

an-early-cascade-kairosAn Early Cascade – Kairos

Es fällt schwer zu glauben, dass An Early Cascade nicht Circa Survive sind. Insbesondere der Gesang von Maik Czymara ist in Klang, Tonlage, Intonation und Melodieführung so unvorstellbar nah an Anthony Green, dass man Kairos glatt für ein Rip-Off halten müsste. Und es ist nicht nur der Gesang. Viel erinnert an den progressiven Post-Hardcore aus Pennsylvania, allen voran im starken Opener der Passengers of Today. Und doch täte man unrecht daran An Early Cascade als Abklatsch zu betrachten. Denn dafür differenziert sich die EP im weiteren Verlauf hinreichend aus. So etwa im instrumental-zurückgelehnten Intermezzo Colored Sands, das sich plötzlich wie eine Fata Morgana in den EP-Verlauf reinschleicht und ebenso plötzlich wieder verschwindet. Spätestens dann wagen sich An Early Cascade mit The Waverer auch an sperrigeres, progressiveres Material, das überhaupt die gesamte zweite Hälfte auszeichnet und mit Inside ein fast schon mars-voltaeskes Finale im Tool-Gewand findet. Ja, is‘ so!

[Fleet Union | VÖ: 13.11.15]


Cloudkicker - WoumCloudkicker – Woum

Ben Sharp did it again… und wie! Die Ausnahmeerscheinung des progressiven Postrock pflegt nicht nur einen rasanten Veröffentlichungsrhythmus, sondern vor allem eine bewundernswerte Herangehensweise an Musik, die auf diesem Niveau ihresgleichen sucht. Ben Sharp erledigt jeden Schritt bei der Entstehung seiner Platten selbst. So auch bei Woum. Komposition, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Aufnahme, Mastering, Publishing und einiges mehr haben nur einen Namen: Ben Sharp. Das ist umso erstaunlicher, weil seinen Alben seit jeher nichts zu fehlen scheint, sie sich aber trotzdem eindrucksvoll weiter entwickeln. Woum macht hier keine Ausnahme, obwohl es musikalisch deutlich andere Akzente setzt als beispielsweise die unmittelbaren Vorgänger Subsume und Little Histories. Die Metaleinflüsse treten bei Woum in den Hintergrund und öffnen die Klangfarbe hin zu mehr Wärme, Klarheit, Feinheit und Leichtigkeit. Die mächtigen Riffs weichen kleinen Gitarrentupfern und machen zum Beispiel ein Plurals oder Threaded zu zerbrechlich schönen Songs. Mit Trim Splint und Dovetail hat Cloudkicker überdies zwei seiner besten Songs überhaupt aufgenommen und auf die EP gepackt. Woum ist ein Highlight. Wieder einmal.

[Eigenvertrieb | VÖ: 28.10.15]


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Birds In Row – Personal War

Spätestens seit dem über Deathwish veröffentlichten 2012er Album You, Me & the Violence sind Birds In Row im Hardcore keine Unbekannten. Der Dreier aus Laval (Frankreich) wusste schon dort dringliche, beklemmende und ja, auch brutale Songs von meist sehr kurzer Spielzeit zu versammeln. Die nun vorliegende EP Personal War weiß sich ebenfalls dort einzuordnen und geht doch einen etwas anderen Weg als der deutlich längere Vorgänger. Denn Songs wie O’dear oder Worried legen die markerschütternde Härte kurzerhand beiseite und kommen fast schon feingliedrig und sanft daher. Was natürlich nicht viel daran ändert, dass Personal War ein biestiger Klotz bleibt, der nicht so leicht zu verdauen ist. Birds In Row teilen aus was das Zeug hält und fahren dabei mit die besten Hardcore-Songs auf, die in diesem Jahr zu hören waren. Da wären zum Beispiel ein Torches, das nach dem Intro auf wunderbar erbarmungslose Weise alles niederwalzt oder das finale Marathon, das mit seiner atmosphärischen Dichte und dabei doch eng getakteten Unverwüstlichkeit auf keinem Hardcore-Sampler des Jahres 2015 fehlen darf. Ganz großes Kino!

[Deathwish Inc. | VÖ: 30.10.15]


Dress - AngstDress – Angst

Wenn Dress ihren Proberaum in der Alten Mälzerei in Regensburg betreten, achten sie vermutlich erst einmal darauf, ob auch ja alle Reverb-Regler bis zum Anschlag aufgedreht sind. Erst dann kann es losgehen. Ihr shoegaziger Dreampop, den sie mit Angst in die nächste Runde schicken, nährt sich geradezu aus Hall. War das selbstbetitelte Debüt 2014 noch deutlich popaffiner und eingängiger, so hüllt Angst die Songs weitaus mehr in Atmosphäre, Effekte und Klangspielereien. Und das steht der EP auch gut zu Gesicht. Der Titeltrack verzichtet gänzlich auf Gesang, die nachfolgenden Songs nutzen ihn auch bloß als Beiwerk. Im Fokus stehen nicht etwa Text und auch nicht das einzelne Lied an sich, sondern das Gesamtbild, das sich nach und nach entfaltet. Die feinen Details, die sich in die Monotonie schleichen oder die Soundscapes, die die die kleinen und einfachen Melodien umhüllen und sich dennoch nicht scheuen auch einen Hit wie About The Sea von der Leine zu lassen. Stark.

[Eigenvertrieb | VÖ: 14.11.15]


second-youthSecond Youth – Glass Roof

Second Youth sind ein europaweit verstreutes Duo, das mit Glass Roof eine erste 3-Song-EP vorlegt, bevor bald ein richtiges Album nachkommen soll. Man kann an dem Vorboten problemlos ablesen, wohin die Reise von Second Youth gehen wird. Melodige Punkrocksongs mit weit ausgestreckten Armen, in einer Hand eine Kippe, in der anderen eine Pulle Bier, Geldbeutelkette mit Billardkugel, Hut, ranzige Jeansjacke, Halstattoo, Spinnwebentattoo auf der Geheimratsecke (kein Witz!). Tja, Social-Distortion-Fans bekommen schon jetzt leuchtende Augen und werden diese auch nach dem Hören von Glass Roof und weiteren fünf Bier beibehalten. Glass Roof und How It Was (das sehr zurückhaltende und kurze Keep On Dreaming eher weniger) gehen zielsicher in die Gehörgänge aller, die den groß gestikulierenden 90er-Punkrock schätzen und froh sein werden die Bouncing Souls in ihrer selten veränderten Playlist durch zwei neue Songs ersetzen zu können. Ansonsten ist aber nicht viel los bei Second Youth: Musik, die man schon tausendfach hören musste, schmalzig, schwülstig und völlig egal. Das nächste Bier bitte!

[Uncle M | VÖ: 04.12.15]

Craft Spells + Dress | 14.11.15 | W1 (Regensburg)

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Craft Spells

Es gibt wahrlich bessere Konzerttermine als einen Tag nach den terroristischen Mordanschlägen in Paris. Oder gerade auch nicht. Ein offenbares Motiv der islamistischen Attentäter war der Hass auf den Lebensstil junger Leute in einer europäischen Metropole, ja in der Metropole schlechthin was Ausgelassenheit, Leidenschaft, Lebensfreude und Jugendkultur angeht. Eines der Ziele, das Musiktheater Le Bataclan, wurde während eines Konzerts der Eagles of Death Metal in fataler Weise als repräsentatives Ziel des so gehassten Lebensstils ausgewählt. Insofern wird ein Konzert am Folgeabend unumgänglich und ungewollt auch zu einem symbolischen Akt. Für Musik, gegen Barbarei. Das mag hochgestochen klingen, aber die Tatsache, dass Craft Spells zwei Tage darauf in Paris spielen hätten sollen (das Konzert wurde infolge der Ereignisse abgesagt), lässt es dennoch realiter wirken.

Zunächst sind es aber Dress, die mit der brandneuen EP Angst im Gepäck eine Dreiviertelstunde die W1-Bühne bespielen. Die Regensburger haben im Laufe der Zeit merklich an den Reverb-Reglern gedreht und ihren lethargischen Dreampop noch eine ganze Ecke sphärischer und entrückter geformt. Das Ganze kommt mit wenig (ebenfalls arg bearbeitetem) Gesang aus und macht sich ingesamt ziemlich gut, wenngleich Dress wie z. B. im Titeltrack der EP die erträglichen Grenzen der Monotonie schon weit interpretieren.

Monotonie ist auch Craft Spells nicht fremd, obwohl mit einigen, aber bedeutenden Einschränkungen. In den reduzierten im Midtempo plätschernden Retro-Indie-Sound mischen sich mitunter geradezu spektakuläre Momente. Manchmal überrascht die Rhythmussektion mit ad hoc stärkerem Schwung, manchmal ist es eine kleine tänzelnde Gitarrenfigur, die einen Song mit einer bezaubernden Leichtigkeit aus der Masse des Indierock hebt. Als Musterbeispiele dürfen sich From the Morning Heart und Breaking the Angle Against the Tide fühlen – nicht nur weil sie sich gar so eng an The Cure kuscheln. All das korrespondiert vorzüglich mit dem etwas mundfaul nuschelnden und lediglich das Wort „Shit“ deutlich artikulierenden Justin Paul Vallesteros, der wie ein kleiner Schuljunge andächtig und freudig seinen eigenen Stücken lauscht. Zum andächtigen und freudigen Lauschen hat überdies auch das Publikum reichlich Anlass, nicht zuletzt deshalb, weil dem W1 in Sachen Klang und Bühnenatmosphäre keine andere Musiklocation in Regensburg das Wasser reichen kann. Feine Sache!