Petrol Girls + Avalanche + Cold Kids + Dirk Power and the Lonely Hearts Club (Altstadtfrust Fest no. 2) | 04.12.15 | Büro (Regensburg)

Dirk Power and the Lonely Hearts Club

Dirk Power and the Lonely Hearts Club

Weil das L.E.D.E.R.E.R. nun schon seit geraumer Zeit nicht mehr existent und ein Ersatz nicht in Sicht ist, wurde das Büro immer mehr zur festen Größe für das Moloch Kollektiv, das seit fast zwei Jahren über 20 Konzerte mit weit über 50 Bands in Regensburg veranstaltet hat. Eine beachtliche Schlagzahl. Und so ist es auch folgerichtig, dass das zweite Altstadtfrust Fest, das zugleich als Jahresabschlusskonzert fungiert, ebenfalls im Büro stattfindet. Dass es gegenüber dem letzen Jahr ein paar Einbußen in der Gästeanzahl gibt, ist nicht ganz fair und trotz reichlich Werbung etwas verwunderlich, ansonsten aber auch nicht weiter tragisch. Gegen ein bisschen Beinfreiheit ist im Büro eigentlich eh nichts einzuwenden.

Nach einiger Verspätung (die Uhr ist in Regensburg stets eine ungeduldige Begleiterin) fangen Cold Kids aus Bamberg an, die neben einem überzeugenden und ganz offensichtlich an Ton Steine Scherben geschulten Stilmix aus basslastigem Deutschpunk und Wave vor allem durch ihren unsagbar angepissten Sänger auffallen. Ob letzteres Showeinlage oder Allüren sind, ist nicht zwingend auszumachen (es scheint beides zu sein), unangenehm und unsympathisch sind die abfälligen Bemerkungen sowie Mimik und Gestik gegenüber der ganzen Veranstaltung allemal.

Avalanche aus Wien, die das erste Konzert seit über einem Jahr spielen, wissen mit der von Cold Kids liegen gelassenen Verstimmung gut umzugehen und scheren sich einfach nicht darum. Stattdessen gibt es eine deprimierende Mélange aus Stoner Rock (weniger) und Metal (mehr), die konzentriert wie konsequent jeder Melodie aus dem Weg zu gehen versucht. Das ist zwar kein rauschendes Freudenfest für die Ohren, aber insgesamt doch solide und genretypisch gelungen. Immerhin ist die Angewohnheit des Sängers den Mikrofonständer wahlweise als Gehstock und Selfiestick zu gebrauchen einigermaßen amüsant. Doch das nur nebenbei.

Für den musikalisch besten Part des Abends sind ohnehin Petrol Girls zuständig. Das Londoner Konglomerat aus drei (festen) Bandmitgliedern und rotierenden Drummern (diesmal Astpais Zock), hat bisher zwar lediglich eine 3-Song-EP veröffentlicht, versteht sich aber ausgezeichnet auf rauen und energischen Post-Hardcore mit feministischem Anspruch, der auch vor dezent gesetzten Singalong-Passagen nicht zurückschreckt. Starke Band. Starker Auftritt.

Wie das noch zu toppen ist? Vielleicht mit einer Banane hinterm Schlagzeug, die den Imperial March für Darth Vader am Bass trällert? Nun musikalisch wohl eher nicht, doch darum geht es bei Dirk Power and the Lonely Hearts Club auch nur am Rande. Selbstironisch und peinlich zugleich manövrieren sie auch nach einem Besetzungswechsel gute und weniger gute Hits aus dem Punkrockplattenschrank in Live-Karaoke-Manier durch die letzte halbe Stunde Konzertabend. Das geht nicht immer unfallfrei über die Bühne, macht aber enormen Spaß und animiert so einige Leute (geschätzt deutlich mehr als letztes Jahr) zum Mitsingen respektive -grölen. Zum Feiern sowieso. Eine Wiederholung beim Altstadtfrust Fest no. 3 wird sich vermutlich nicht verhindern lassen. Zum Glück.

Altstadtfrustfest no.1 – Barren + Failed Suicide Plan + Zerre + Kapytaen | 06.12.14 | L.E.D.E.R.E.R. (Regensburg)

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Welterbestadt Regensburg. Ein gewöhnlicher Samstag. Es wimmelt nur so von Tourist_innen, die in Horden durch die Gassen geschoben werden. Der dominierende Look ist „Regenjacke“. Ob das abgesprochen ist? Egal, Hauptsache man hat alles gesehen. Dom, Steinerne Brücke, Haidplatz, St. Emmeram und natürlich 1,2,3 oder am besten 4 Christkindlmärkte, bloß nichts verpassen. Die Regensburger Altstadt ist ein Magnet, eine Marke, ein Produkt.
Das alles bringt nicht nur Freude mit sich, im Gegenteil. Altstadtfrust – so der ironisch-unfröhliche Titel der ersten Ausgabe eines, so viel sei schon einmal verraten, rundum gelungenen Festes. Das Moloch Kollektiv hatte ins L.E.D.E.R.E.R. geladen und dabei keine Mühen gescheut. Essensstand der Regensburger VEBU-Gruppe, vier (richtige) Bands und eine Live-Karaoke-Coverband. Das alles auf einmal und auch noch reibungslos im L.E.D.E.R.E.R. unterzubrigen, ist eine organisatorische Meisterleistung. Der ganze Abend will gut durchgetaktet sein, um 23 Uhr muss ja wie immer Schluss sein. Altstadt und so.
Kapytaen setzen deshalb früh die Segel, um halb sieben geht’s schon los. Kurstadt Violence nennen sie diesen crustigen Hardcore mit recht zackigen Songs und einem sich zumeist auf dem Boden wälzenden Sänger. Würden Kapytaen als letzte Band spielen, könnte man sich problemlos die Endreinigung schenken (nur als Tipp an Veranstalter_innen). Der Sound ist übrigens hervorragend und es ist auch erstaunlich das im L.E.D.E.R.E.R. so hinzubekommen. Zerre schließen ohne viel Umbaupause an. Letzteres ist überhaupt ein lobenswerter Vorgang, der sich ein ums andere Mal wiederholt. Zwischen den Bands wird nicht lange gefackelt. Abgebaut, umgesteckt, los geht’s. Ein zweifellos großer Vorteil fehlender Monitorboxen. Zerre kommen etwas melodiöser daher, lassen dafür mit allzu dumpfem Vocal-Sound etwas Federn.
Nun, Failed Suicide Plan. Vielleicht die insgesamt solideste Vorstellung, mit anspruchsvollem und intensivem Screamo, dem man die geradezu von der Decke triefende Emotionalität problemlos abkauft. Das muss man erst einmal schaffen. Die Straight-Edge-Institution Barren wiederum, die FSP nachfolgt, braucht sich ohnehin nicht mehr zu beweisen. Angepisster, rauer und dennoch klarer Geradeaus-Hardcore, der authentischer gar nicht sein könnte. Die Band ist der Inbegriff aller DIY-Ideale, das spürt man mit jeder Pore.

Es wäre ja jetzt schon ein gelungener Abend, aber das eigentliche Highlight kommt ja noch. Dirk Power and the Lonely Hearts Club. Ein bescheuert-kauziger Name für eine besondere Attraktion: Liveband-Karaoke mit „Punkrock-Klassikern“. Idee und Umsetzung sind wahrlich unterhaltsam, Songwissen und Textsicherheit halten sich beim Publikum insgesamt aber doch in Grenzen. Nicht immer finden sich Leute, die bereit sind ein paar Takte mitzuträllern. Hier gibt es bei allen Beteiligten Nachholbedarf. Die Setlist frühzeitig bekanntzugeben oder aber eine weniger gewagte Songauswahl könnten beim nächsten Mal ein bisschen Abhilfe schaffen und den Altstadtfrust noch eine Ecke amüsanter machen. Ob es ein nächstes Mal geben wird? Es wäre stark zu hoffen. Und um ein Fazit zu ziehen: DIY im Welterbe Regensburg? Läuft bei dir.

(Martin Oswald)