Die 10 besten Songs 2015

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Die besten Songs eines Jahres an dessen Ende zusammenzutragen, ist traditionell mit Schwierigkeiten verbunden. Denn viel zu viele gute Songs hat man im vergangenen Jahr sowieso gar nicht gehört, auf manche gar nicht geachtet oder nur nebenbei, anderen wiederum hat man nie die vielleicht nötige Aufmerksamkeit und Zeit geschenkt und manche schlichtweg wieder vergessen. Eine solche Bestenliste – zumal mit lediglich 10 Songs – ist also ohnehin defizitär und möglicherweise auch mehr Momentaufnahme als die unumkehrbare Segnung des musikalischen Jahres 2015. So manchen Platz wird man hinterher vielleicht bereuen und sich erst später entdeckte Perlen sowieso hier hinein wünschen.

Aber was soll das Gejammer? Hier die 10 besten Songs 2015 aus Sicht von Minima Mortalia in aufsteigender Reihenfolge:

 

10. Farben/Schwarz – Alles Disko

Emopunk, der allen Peinlichkeiten aus dem Weg geht, sollte ziemlich genau so klingen. Aufgewühlt, energisch, melodisch. Fertig.


9. Death Cab For Cutie – Little Wanderer

Leicht, beschwingt, sehnsuchtsvoll und wie immer auch mit einer gehörigen Portion Traurigkeit. Das vielleicht charakteristischste DCFC-Stück auf Kintsugi.


8. Desaparecidos – City on the Hill

„Uh-oh Uh-oh“-Rufe sind selten nicht nervig. Hier zum Beispiel. Denn Conor Oberst klingt auf Payola so hastig und wütend wie schon lange nicht mehr und mit City on the Hill haben die Desaparecidos einfach einen riesen Song aufgenommen. Da gibt es keine zwei Meinungen.


7. The Slow Show – Dresden

The Slow Show haben mit White Water ein wahrlich starkes Debütalbum veröffentlicht auf dem das sakral-monumentale Dresden am hellsten strahlt. Endlich also gute News für und über Dresden. Erlebt man ja auch nicht alle Tage.


6. Love A – 100.000 Stühle leer

„Nur wer mal aufgestanden ist, der darf sich setzen / Und darum bleiben hier so viele Stühle leer“. Der beste Song auf dem besten Love-A-Album muss ja wohl ziemlich gut sein, oder? Aber hallo!


5. Birds In Row – Marathon

Die intensivste und dramaturgisch ausgefeilteste Nummer auf der EP Personal War hört auf den Namen Marathon. „This marathon has no end I know / but all I can do is run / and I forgive my legs when they burn / and they burn.“ Ja, das trifft’s und ist überdies ziemlich gut.


4. The White Birch – Solid Dirt

Ola Fløttums sonore wie zerbrechliche Stimme ist das Zentrum dieses zierlichen Kleinods, das ansonsten mit dezenten Streichern, einem zurückhaltenden Klavier und einigen Tupfern weiblichen Backgroundgesang auskommt. Zu völliger Schönheit reicht dies nämlich. (Albumreview)


3. Drug Church – But Does It Work?

„Nothing works“ – So zumindest Patrick Kindlons vielfach sich wiederholendes Mantra. Nun, für den Song stimmt das jedenfalls nicht, denn der funktioniert als rotziger Hardcore-Kracher ausgesprochen fantastisch. (EP-Review)


2. Vennart – Operate
Mike Vennart hat 2015 endlich sein erstes Soloalbum veröffentlicht, an dem er schon lange inmitten der vielen Live-Shows, die er mit Biffy Clyro spielt, gearbeitet hat. Mit Operate gelingt ihm dabei eine sensationelle Nummer, ja eine regelrechte Hymne irgendwo zwischen Prog und Indierock. Wow!


1. Rolo Tomassi – Stage Knives

Der beste Song des Jahres lässt sich naturgemäß schwer in Worte fassen. Aber hier ist er. Musik ab! (Albumreview)

Death Cab For Cutie – Kintsugi

Death Cab For Cutie - Kintsugi // Bild: en.wikipedia.org

Die Schönheit der Routine

Es gibt wohl einige Dinge zu reparieren für Death Cab For Cutie. Man hat schließlich letztes Jahr Gründungsmitglied Chris Walla verloren, und das nach über 17 Jahren. Und obwohl Walla die Aufnahmen zum neuen Album noch bis zu ihrer Fertigstellung begleitete: Was sich bereits für Fans anfühlt wie eine Zäsur, dürfte auch an der Band nicht spurlos vorüber gegangen sein. Aber das ist Spekulation. Sicher ist nur: Kintsugi könnte angesichts der äußeren Umstände kaum passender betitelt sein, versteckt sich doch hinter diesem etwas unhandlichen Wort eine japanische Methodik zur Reparatur von zerbrochenem Porzellan.

Und auch die Musik selber bewahrt sich auf dem inzwischen achten Album der Band ihren versöhnlichen Charakter. Auch wenn man die Songs neuerdings nicht mehr selber produziert, braucht der Opener No Room In Frame keine halbe Minute, um klar zu machen, dass hier Death Cab For Cutie am Werk sind. In diesem Falle mit dezent im Hintergrund umher wabernden, verspielten Elektronika, einer fröhlich in die Platte leitenden Melodie, dem Bandeigenem Hang zu elegischer Schönheit und natürlich Ben Gibbards fast unverwechselbarer Stimme. Das macht in Summe ein Stück, das sich gut und gerne in die lange, lange Reihe guter Songs dieser Band einreiht. Von denen noch ein paar mehr auf Kintsugi warten, wie zum Beispiel das unmittelbar folgende Black Sun, dass den Vorboten für Kintsugi spielen durfte und stilistisch ähnliche Wege bestreitet.

You’ve Haunted Me All My Life macht sich dann in akustischem Gewand auf, um für etwas Abwechslung sorgen und beweist auf über vier Minuten eindrücklich, wie gut Gibbards minimalistische Songs inzwischen funktionieren. Mindestens genau so gut, wie das glanzvolle, mit Wave-Einschlag versehene Little Wanderer, dessen Refrain soweit ausformuliert ist, dass man ihn nicht mehr los wird, ohne aber genervt zu sein. Nervig ist auf Kintsugi ohnehin nichts. Das schlimmste, was Death Cab For Cutie auf dieser Platte passiert, sind Songs, die eben nur gut sind, ohne längerfristig im Gedächtnis zu bleiben. Die aber für den Gesamteindruck doch in gewisser Weise unverzichtbar sind.

Schließlich hat man es hier mit dem bislang rundesten Album dieser Band zu tun. All der vermeintlichen Aufregung von außen setzen Death Cab For Cutie ein Album entgegen, das in sich zu ruhen scheint, das einfach unbeirrt weiter macht und höchstens in The Ghosts Of Beverly Drive oder dem potentiellen Ohrwurm Good Help (Is So Hard To Find) mal vergleichsweise aufbrausend wird. Das ist vielleicht nicht spektakulär, das spielt – abgesehen vom famosen Ingenue – auch nicht in der Transatlanticism– oder The Photo Album-Liga, vermag aber weiterhin als akustischer Balsam Wunden zu behandeln. Ein Album einer Band eben, die ihren Sound schon lange gefunden hat und nur noch in Nuancen weiter entwickelt. Saturiert und solide. Auf bestmögliche Weise.

Wertung: 7/10

Anspieltipps: No Room In Frame, The Ghosts Of Berverly Drive, Ingenue

(Martin Smeets

Death Cab For Cutie – Kintsugi | Atlantic/Warner | VÖ: 27.03.2015 | CD/LP/Digital