News 15|1

Orbit The Earth - The Tidal Sleep - Artwork #1

+++ FreundInnen von Boysetsfire aufgepasst! Denn dieses Jahr wird es einiges von den ollen Hardcore-Haudegen zu hören geben. Da wäre zum Beispiel ein neues Album, das für dieses Jahr angekündigt ist. Und ein ‚eigenes‘ Festival. Ja, das Ding heißt Festival. Um genauer zu sein: Family First Festival. Wer dort neben Boysetsfire die Bühne betreten wird, ist noch nicht klar. Fest steht jedenfalls: Es werden – gemäß dem Motto – Freunde und gern gesehene Gesichter sein. Und natürlich großartige Bands. Neugierig gewordene sollten sich diesen Termin vormerken: 21.08.2015 | Köln | Palladium.

+++ Es geht ähnlich laut weiter. Mit Orbit The Earth und The Tidal Sleep. Beide Bands haben miteinander eine Split 12″ aufgenommen. Dazu beigetragen haben sie jeweils drei neue Songs und ein Cover der jeweils anderen Band. Nur etwas gedulden muss man sich noch. Die 12″ wird nämlich erst am 10. April erscheinen. Immerhin: Das Cover kann oben bewundert werden und die Tracklist steht hier:

01. Firmament (OTE)
02. Into Aerospace  (OTE)
03. Scavengers  (OTE)
04. Ghost Poetry (The Tidal Sleep Cover) (OTE)
05. The Valley Dweller (TTS)
06. The Calumet (TTS)
07. The Descent (TTS)
08. Fading Transmission (Orbit The Earth Cover) (TTS)

Hören kann man übrigens auch schon etwas:

Und wer will, kann The Tidal Sleep gemeinsam mit Landscapes an folgenden Terminen sehen:

12.04.15 Köln – MTC
13.04.15 Berlin – Tiefgrund
15.04.15 Hamburg – Hafenklang
16.04.15 Wiesbaden – Schlachthof
20.04.15 Wien – BACH (AT)
21.04.15 Salzburg – Rockhouse
22.04.15 Stuttgart – Juha West
24.04.15 Lichtenstein – JZ Riot
25.04.15 Göttingen – Kino Lumiere

+++ Mit den Leipzigern Baru wechseln wir das Genre in Richtung Indie. Ein Etikett, das jedes Jahr ein bisschen von seiner Trennschärfe verliert und in absehbarer Zeit auch fiesesten Eurodance umarmen wird. Doch das nur am Rande. Vom Eurodance sind nämlich Baru noch ein gutes Stück entfernt. Nicht nur stilistisch, sondern auch qualitativ. Was auch ihr neues Video unterstreicht. Das sieht dann so aus:

+++ Ebenfalls etwas Neues gibt es von The Boatsmen. Die veröffentlichen am 20. März ihr neues Album City Sailors. Und um die Wartezeit noch ein wenig zu verkürzen, gibt es jetzt ein Video zum Song Are You Ready For Heartbreak?:

Kurzformat #2

 

The Adolescents+Svetlanas – Hot War

Das auf dieser Split 7″ hauptsächlich Punk(rock) dargeboten wird, dürfte jetzt niemanden wundern. Schließlich sind The Adolescents beteiligt. Und die kennt man ja nun nicht unbedingt erst sein ein paar Minuten. Svetlanas sind da schon wesentlich unbekannter. Die russische Punkband bereichert diese Split aber um wirklich räudigen Punk alter Schule. Das ist dann zwar nicht besonders subtil, geht aber ungemein direkt nach vorne und macht entsprechend Laune. [Altercation Records|VÖ:13.01.2015] (ms)

 

No King. No Crown – Homesick

Schön, wenn man noch überrascht werden kann. Hinter dem Namen No King. No Crown verstecken sich kleine Singer/Songwriter-Stücke, die nach der Einsamkeit irgendwelcher vergessener Highways irgendwo in Idaho klingt. Staubig, melancholisch, weitläufig. Der Künstler hinter diesen zwei beachtlichen Songs kommt aber aus Dresden. Aber das nur nebenbei. Viel wichtiger: Diesen Namen sollte man sich merken. [Flix Records|VÖ:30.01.2015] (ms)

 

Boysetsfire+KMPFSPRT – Split

Wer hier zu Gange ist, muss nun wirklich nicht mehr erklärt werden. Die großen Boysetsfire und KMPFSPRT haben sich zusammen getan, um Sea Sheperd zu unterstützen. Dafür veröffentlichen sie nicht längste bekannte Songs noch einmal, sondern präsentieren Coverversionen, mit denen so nicht zu rechnen war. Boysetsfire nehmen sich Miley Cyrus vor, während KMPFSPRT ein Stück der Münchner Freiheit zum Punkrocker umwandeln. Gibt es also einen Grund, sich diese Split nicht zu holen? Wir finden: Nein! [Uncle M|VÖ:21.01.2015] (ms)

 

CallmeKAT – Hidden Waters

Mit Punkrock hat Katrine Ottosen aka CallmeKat wenig bis gar nichts zu schaffen. Viel lieber bastelt sie luftig-verspielten Indie-Pop mit spinnierten Keyboards und einem allgegenwärtigen Hang zum Psychedelischen. Das klingt nicht immer nachvollziehbar, aber doch immer enorm interessant. Wieder ein Name, von dem man noch hören wird. [Pixiebooth|VÖ:13.02.2015] (ms)

Boysetsfire + Matze Rossi | 10.10.2014 | UT Connewitz (Leipzig)

Da wir traditionell (und aus einigen guten Gründen) relativ ‚Fahrfaul‘ sind, kommt es nicht alle Tage vor, dass wir für ein einzelnes Konzert mal eben über 300 Kilometer abreisen. Der Anlass war aber dieses mal ein besonderer. Boysetsfire hatten geladen, um ihr 20-jähriges Bühnenjubiläum zu feiern. Mit einem Konzert, das man so wohl nicht allzu oft zu sehen bekommen dürfte. ‚Evolution Of Sound‘ nannte sich das Ganze und nahm sich das Ziel, den Weg von der reduzierten Akustikshow bis zum krachenden Hardcore-Konzert zu gehen. Und das in ein paar Stunden. Da kann man schon mal gespannt sein. Vor allem wenn als Vorband auch noch Matze Rossi dabei ist. Dieser umtriebige Songwriter aus Schweinfurt, den man eigentlich nur mögen kann.

Doch der Reihe nach. Wir wollen nämlich erst mal das UT Connewitz würdigen, ein sympathisch unrenoviertes Ding und zugleich eines der ältesten Lichtspieltheater Deutschlands. An der Atmosphäre sollte dieser Abend also schon mal nicht scheitern. Dann heißt es auch schon ‚Bühne frei‘ für Matze Rossi. Der versichert erst mal glaubhaft, wie sehr er sich freut, diesen besonderen Gig eröffnen zu dürfen, bedankt sich bei allen, bei denen man sich so bedanken könnte und spielt drauf los. Mit dabei sind Nummern aus seinem letzten Werk Und jetzt Licht, bitte!, Stücke aus der Feder der Bad Drugs und ein sehr gelungenes Hot Water Music-Cover. Besondere Momente sind dabei – wie sollte es anders sein – die Pixies-Hommage Warum aus mir und meinen Freunden nichts mehr werden kann und natürlich Best Friends, der Matze-Rossi-Song für den verstorbenen Wauz. Und weil es der Anlass eben hergibt, macht Rossi kurzerhand den Verstärker aus, geht ganz nach vorne und gibt Best Friends gänzlich akustisch zum Besten. Gänsehaut inklusive. Das sieht und klingt dann übrigens so:

Da nimmt es nicht Wunder, dass erstens eine Zugabe gefordert wird und zweitens in der Pause zwischen den Acts ein paar Fragen aufkommen. Wer war das nun genau? Wo kommt der her? Was gibt’s von dem so? Diejenigen, die Antworten können, geben bereitwillig Auskunft: Tagtraum, Senore Matze Rossi, Bad Drugs und und und.

Danach sind alle aufgewärmt, für das, was Boysetsfire denn nun so auf die Bühne bringen. Und das sollte so einiges sein. Nathan Gray und Chad Istvan sind noch keine Minute auf der Bühne, da werden auch schon die ersten scharfzüngigen Sprüche zwischen Band und Publikum ausgetauscht. So wird zunächst viel gelacht. Und dann mit Let It Bleed das Set eröffnet. Zumindest halbwegs. Schließlich wird der Song mit Verve in den Sand gesetzt, kurz unterbrochen und dann doch zu Ende gebracht. Jetzt versteht man, warum wohl ein Notenständer auf der Bühne steht. Ob das nun Show ist, oder nicht? Man weiß es nicht. Ist auch nicht weiter wichtig, bringen die Zwei auf der Bühne das Ganze doch einfach so rüber, dass man ihnen einfach glauben muss. Dann geht es mit The Misery Index weiter. Und Gray darf mit seiner Stimme zum ersten mal ganz nach vorne. Was der Typ am Mikro macht, ist schlichtweg unfassbar. Da sitzt jeder Ton. Auf die Gefahr hin, dass wir uns wiederholen: Gänsehaut inklusive. Doch bevor der Abend allzu heimelig wird, kommen nach und nach die restlichen Bandmitglieder auf die Bühne. Robert Ehrenbrand unterstützt Still Waiting For The Punchline am Bass und zu 10 (And Counting) sind sie dann alle auf der Bühne und verwandeln die Show endgültig in eine krachende Angelegenheit. Nun gut, auch das gelingt erst im zweiten Versuch. Doch seht selbst:

Es soll übrigens der letzte Wackler an diesem Abend bleiben. Denn nun sind Boysetsfire sichtlich in ihrem Element und schleudern dem Publikum ein Highlight nach dem Anderen entgegen. My Life In The Knife Trade, Requiem, With Every Intention, Deja Coup, Handful Of Redemption, Empire… Die Liste ist lang. Und durchdacht. Von Song zu Song gewinnt das Material ein wenig an Härte hinzu. Steigert sich über Walk Astray hin zu Rookie (das dankenswerterweise kein einziges mal zuvor aus dem Publikum gefordert wird) und schließlich zum finalen Deathmatch aus Release The Dogs und Until Nothing Remains. Wer hier noch nicht genug hat, bekommt schließlich in der Zugabe den Rest. Twelve Step Hammer Program und Closure gibt es da zu hören. Und weil Boysetsfire eben mal Boysetsfire sind, lassen sie es sich nicht nehmen, ihrem Publikum ganz zum Schluss mit After The Eulogy noch einmal alles abzuverlangen. Dann sind zwei Stunden und ein in allen Belangen fulminanter Auftritt vorbei. Und wir sind ziemlich sicher: Recht viel besser kann man das nicht machen.

(Martin Smeets)

Bad Drugs + Paper Arms + Bane + Boysetsfire | 27.06.2013 | Hirsch (Nürnberg)

Boysetsfire_Plakat

Mal ganz ernsthaft: Es waren ja bestimmt die allermeisten bis hierher schon auf einer ganzen Menge von Konzerten oder Festivals, es haben sie bestimmt auch die allermeisten gefreut, wenn spontan festzustellen war, dass auch die Vorband mit Freude erwartet werden kann, aber so etwas wie diese Überschrift sieht man nun wirklich nicht alle Tage. Was ein Line-Up. Als ob die Kombination aus Bane und Boysetsfire nicht gut genug gewesen wäre, gibt es da zur Deko – hey, das ist nicht despektierlich gemeint – noch die Australier von Paper Arms und die erst kürzlich aufgetauchten Bad Drugs oben drauf. Wobei Letztere sich aus klangvollen Namen wie TagtraumPatentblau 5Wilson Jr. und Clockwise From Top zusammensetzen und somit auch viele, viele Lenze voller Bühnenerfahrung mitbringen. Da packen wir doch gerne die Redaktionskarre voll und wagen die wilde Fahrt (ja, auf der A3 sind nur Verrückte unterwegs) gen Nürnberg.

Dort kommen wir dann auch trotz altersschwacher Batterie und eines angeblich ganz gewiss fragwürdigen Fahrstils unbeschadet und vor allem voll munterer Vorfreude an, sichern uns die allerletzte(!) Karte – manche würden das ’skill‘ nennen – decken uns mit Getränken (liebe Leute vom Hirsch: eure Preise für 0,2l Cola im ranzigen Plastikbecher solltet ihr wirklich, wirklich, wirklich überdenken) ein und warten. Bis Bad Drugs angeführt von Matze Nürnberger – vielen auch als Senore Matze Rossi bekannt – auf die Bühne schlendern. Ja, schlendern. Das meint im rundum positiven Sinne: Hier steht ein Trio auf der Bühne, das dort nur steht, weil es einfach Bock darauf hat, in Minimalbesetzung ein paar schmissige Nummern zum Besten zu geben. Klingt unspektakulär? Ist es auch. Zumindest, wenn man darunter das Fehlen jeglichen Brimboriums rund um die Songs versteht. Bemühte Ansagen? Mitmachspielchen? Überbordendes Rumgehopse? Ist nicht drin, bei den Bad Drugs. Stattdessen gibt es Songs, die bis auf ihr Grundgerüst abgeschabt wurden, die die Melodie ins Zentrum rücken und angenehm zügig auf den Punkt kommen. Man könnte es auch einfach Punkrock nennen. Aber solange mittendrin plötzlich ein Stück wie I Really Hate The Winter auftaucht, das in seiner fast unverschämten Catchyness auch als Highlight der früheren Nada Surf durchgehen würde, wird man dem Ganzen mit dem schnöden Attribut ‚Punkrock‘ nicht gerecht. Und es gibt tatsächlich nur einen Grund warum die drei Schweinfurter hier auf der Bühne stehen: Spaß. Sie machen es, weil es ihnen einen Riesenspaß macht und daran erfreuen wir uns dermaßen, dass uns das Leuchten gar nicht mehr aus den Augen weichen will.

Nach einem relativ kurzen Set heißt es dann ‚Bretter frei‘ für Paper Arms und somit für das wahrlich gut platzierte Bindeglied zwischen Punkrock und dem noch anstehenden, härteren Songmaterial. Da dauert es dann auch nicht besonders lange, bis klar wird, dass diese Band kürzlich mit The Smoke Will Clear nicht nur ein ordentliches Album vorgelegt hat, sondern live noch einmal eine mindestens ebenso ordentliche Schippe drauf legen kann. Unterstützt von einem köstlichen Sound – das gilt im Übrigen für den gesamten Abend – stellen Paper Arms ihre Songs vor und schließen auch in Windeseile die obligatorische Lücke zwischen Band und Publikum. Getragen wird das alles durch die beeindruckende Stimme von Josh Mann, die, wo es denn nötig ist, durch die gesamte Band unterstützt wird. Die Wucht, die sich entwickelt, wenn sich mal eben vier Leute das Mirko teilen: Umwerfend.

Umwerfend ist sicherlich auch ein Wort, das auf den folgenden Auftritt von Bane passen dürfte. Schließlich hat der Fünfer, zumindest nach unserem Höreindruck, sein Publikum mit seinem kratzbürstigen Hardcore deftig einen mitgegeben. Dass wir uns auf den Höreindruck verlassen müssen, ist beseite gesprochen der Tatsache geschuldet, dass wir uns, nachdem wir uns mit den obligatorischen Nervengiften eingedeckt haben, schlichtweg keinen Weg mehr nach drinnen bahnen konnten. Und Bane so draußen vor der Tür hören durften. Schade. Aber sei’s drum.

Schließlich wird die längere (also wirklich sehr lange) Umbaupause genutzt, um sich in eine mehr als ansprechende Position zu bringen. Für die Rückkehrer von Boysetsfire, die einen Auftritt hinlegen, der alle Fragen nach den Gründen hinter dieser Reunion nicht nur beantwortet, sondern restlos und ungespitzt in Grund und Boden stampft. Und so ganz nebenbei 50% der mitgereisten heartcooksbrain-Crew dazu bringt, sich das komplette Set hindurch sportlich im Pit zu betätigen. Inklusive Härtetest für die Schweißdrüsen, mehreren Schuhverlusten, aber ohne nenneswerte Blessuren. Schließlich präsentiert sich der Hirsch an diesem Abend als ausdruckstänzerfreie Zone. Wie es sich eben gehört. Außerdem mit dabei: Ein gut aufgelegter Nathan Gray, ein gewohnt dynamisch-hibbeliger Robert Ehrenbrand und alle, aber auch wirklich alle mehr oder weniger großen Hits der Band. Requiem, After The Eulogy, Release The Dogs, Walk Astray, My Life In The Knife Trade, Empire und natürlich das zum Glück unvermeidliche, mehrmals geforderte und schließlich von Nathan Gray – ohne jegliche Übertreibung übrigens – als ‚massacre-match‘ angekündigte Rookie… Noch irgendwelche Fragen? Nein? Gut so. Dass sich neue Stücke wie Until Nothing Remains oder Closure absolut nahtlos in die Setlist einreihen: Umso besser. Und ob man Gray abkauft, dass Boysetsfire eigentlich nur noch Hobby und Nebenband sind? Nie und nimmer.

(Martin Oswald & Martin Smeets)

Eine kleine Galerie mit mittelmäßigen bis schlechten Fotos haben wir auch noch:

Boysetsfire – The Misery Index: Notes From The Plague Years

Boysetsfire - The Misery Index // Bild: de.7digital.com

Ein weites Feld

Es gibt Platten, die sind auf ihre ganz eigene Art hinterhältig. Alben die gehört und als ‚gut‘ abgenickt werden. Und doch aus nicht näher definierbaren Gründen im Laufe der Zeit ein klein wenig in Vergessenheit geraten. Nur um später, nach ein paar Monaten, oder, wie in diesem Falle, vielleicht Jahren, so ziemlich aus dem Nichts wieder um die Ecke zu kommen. Im konkreten Beispiel gar unterstützt von den äußeren Bedingungen – ein zugiger Morgen, ein Heimweg am Fluss entlang, ein paar verschüchterte Sonnenstrahlen, die sich den Weg durch die noch klammen Blätter bahnen und dann: Boysetsfire. Genauer gesagt (und ich verzichte an dieser Stelle mal auf den vollständigen Titel) The Misery Index. Keine gewöhnliche Platte, mehr ein Parforceritt durch alle möglichen, mehr oder weniger abstrusen Genres, die gerade so zur Hand waren. Und die Frage: Warum um alles in der Welt fällt es mir erst jetzt, sieben Jahre zu spät, wenn man so will, auf, welch Juwel sich da in meiner Sammlung befindet? Wie konnte ein Album so lange die Füße still halten? Wo es doch – Vorsicht, verflixt steile These – in gewisser Hinsicht das beste Album dieser an sich schon großartigen Band ist.

Ja, ihr habt richtig gelesen: Das beste Album dieser Band. Das beginnt schon bei der Produktion, die, wie schon auf dem etwas lahmen Vorgänger Tomorrow Come Today, mehrere Meter dick ist. Allerdings dieses mal ohne die Dynamik der Songs zu (zer)stören. Wuchtig kommen die Songs daher, aber doch zugleich wieselflink und wendig. Das geht weiter beim Opener Walk Astray, der alles, aber auch wirklich alles, was Boysetsfire ausmacht, in knapp fünf Minuten auf den Punkt bringt: Das fast unfehlbare Gespür für eindringliche, fast empathische Melodien, die diebische Freude an halsbrecherischen Abfahrten in Richtung Krach und – man kann es einfach nicht oft genug erwähnen – dieses unverwechselbare Organ, das sich durch den Song singt, keift und leidet. Textlich natürlich in bekannter Boysetsfire-Manier garniert: „I don’t wanna sing about freedom anymore. I wanna see it, I wanna feel it, I wanna know that it still sits beyond the lies that we’ve been told, beyond the wars that keep our families from home..“ Gefühlvoller Ausdruck bei klarer Haltung. Ein Kunststück, dass nicht vielen so formvollendet gelingt.

Zu diesem Zeitpunkt sind aber gerade einmal fünf Minuten von The Misery Index verstrichen. Es folgt also noch eine ganze Menge. Requiem zum Beispiel, dass sich in der tiefen Verneigung vor At the Drive-In (man vergleiche den Beginn von Requiem und Pattern Against User, ich denke mir das hier nicht aus) übt und in graziöser Pose den Pop anschmachtet. Und zwar mehr als gelungen. Oder die lustvoll zelebrierte Brutalität von Final Communique, das in unter zwei Minuten so mir nichts, dir nichts alles nieder mäht, was sich ihm in den Weg stellt. Oder das atemberaubende (10) And Counting, das in all seiner Hymnenhaftigkeit bisweilen nicht nur mit My Life In The Knife Trade mithalten kann, sondern selbiges teilweise sogar überflügelt. Oder natürlich das unvermeidliche Empire. Kurz und gut: Ein Hit eben.

Und dann, nachdem man sich an der ersten Hälfte des Albums schon nur schwerlich satt hören konnte, öffnen Boysetsfire dem Wahnsinn Tür und Tor. In Form von So Long… And Thanks For All The Crutches nämlich. Es mag ja sein, dass die Herren Gray und Co. schon immer für die ein oder andere Überraschung gut waren. Aber im Ernst: Ein Freejazz-Intro? Ein Hip-Hop-Beat zum Ende? Und das alles in drei Minuten? Wo doch zwischen diesen völlig unterschiedlichen Welten ein traumhaft mitsamt Bläsern runter geholzter Brocken liegt, der selbst ein Release The Dogs in die Tasche steckt? Meine Güte, wer soll das denn noch verstehen? Und doch: Es funktioniert. Ganz und gar exzellent sogar. Verstehen muss man diese Ausbrüche ja auch gar nicht, so lange solche Highlights herausspringen, wenn man Boysetsfire einfach mal machen lässt.

Begleitet von dieser Einstellung wundert man sich auch gar nicht mehr so arg, wenn die Band in Deja Coup in etwas abbiegt, was man als die Boysetsfiresche Spielart von Ska (pah, als ob irgendjemand die Worte Boysetsfire und Ska vor dieser Platte in einen semantisch sinnvollen Zusammenhang hätte bringen können) bezeichnen könnte. Und selbst das nicht nur unfallfrei, sondern sogar grandios auf die Kette bekommt. So muss es wohl klingen, wenn man sich Narrenfreiheit erspielt. Schließlich könnte jetzt, nach so viel wilder Sprunghaftigkeit, wirklich alles kommen. Was aber kommt, sind zum Abschluss willkommen gewöhnliche Songs, ehe Boysetsfire ihre HörerInnen in A Far Cry mit Verve aus der Platte prügeln.

Jetzt mögen sicher viele einwenden, dass das hier ja alles schön und gut sei, aber die beste Platte dieser Band doch bitteschön ganz eindeutig After The Eulogy ist. Und ja, das stimmt auch. DAS Boysetsfire-Album bleibt natürlich, allein schon aufgrund von Songs wie After The Eulogy und Rookie in Sachen Abgeschlossenheit und Dringlichkeit unerreicht. Wenn es aber um Fragen nach Facettenreichtum und Abwechslung geht, wenn man den Mut honoriert, den es braucht um das ein oder andere Stück auf The Misery Index genau so unterzubringen, wenn man das unglaubliche Spannungsfeld bedenkt, an dem sich die Band hier abarbeitet, dann kann und muss man nur zu einem Schluss kommen: An The Misery Index führt kein Weg vorbei. Dieses Album ist essenziell.

9/10

Anspieltipps: Walk Astray, 10 (And Counting), So Long… And Thank For All The Crutches

(Martin Smeets)

Boysetsfire – The Misery Index: Notes From The Plague Years | Burning Heart (Indigo) | VÖ: 24.02.2006 | CD/LP/Digital

Boysetsfire – While A Nation Sleeps…

Boysetsfire - While A Nation Sleeps...

Wie immer

Meine Güte, sieben Jahre soll das jetzt schon wieder her sein? Sieben Jahre, tatsächlich. So lange liegt inzwischen die letzte Platte von Boysetsfire zurück, ein ordentliches Pfund, dass inklusive Ska- und Freejazzanleihen zeigte, dass auf The Misery Index: Notes From The Plague Years ein Band Songbausteine zusammensetzte, die noch eine ganze Menge zu sagen hatte. Umso schwerer wiegte da der bald darauf folgende Abschied von der Bildfläche und vor allem: Umso größer war allerseits die Freude, als Boysetsfire schließlich doch wieder die Bühne betraten. Jetzt also While A Nation Sleeps… Die erste Studioplatte nach diesen mittlerweile mindestens ein mal zu oft erwähnten sieben Jahren. Und natürlich auch eine Platte, auf die sich nicht wenige mit größten Hoffnungen stürzen werden, hat die Band mit After The Eulogy schließlich schon einen Klassiker zu verantworten.

Um es gleich vorneweg zu sagen: Nein, While A Nation Sleeps… ist nicht die super-duper-bedeutungsüberfrachtete Hardcoreplatte des Jahres, zu der sie so manche hochzustilisieren versuchen. Im Gegenteil, das jüngste Kind aus dem Hause Boysetsfire macht zunächst auf Gesamtlänge einen zeitweise eher zurückhaltenden Eindruck, versucht erst gar nicht, sich groß in den Vordergrund zu spielen. Und zieht seine Stärken, wie schon sein Vorgänger, genau aus dieser Tatsache. Dementsprechend lohnenswert gestaltet sich dann auch genaueres Hinhören, wenn die 13 neuen Stücke vorstellig werden und zum stilistisch wie immer beeindruckend flexiblem Tanz laden. Was dabei auffällt ist natürlich – es war ja auch nie anders – die ganz und gar hervorragende, meterdicke Produktion, die den ohnehin wuchtigen Nummern eine Extraportion Schmackes mit auf den Weg gibt – Kopfhörer mindestens empfohlen. Was auffällt sind auch die Texte, die – es war ja auch nie anders – immer den Weg von der Bauchgegend in die Bauchgegend suchen, ihren Ursprung immer im Gefühl zu haben scheinen, ohne den Kopf aber zu vernachlässigen. Soweit, so bekannt, könnte man meinen. Und ja, Boysetsfire haben ihre Trademarks nicht vergessen, verlassen sich – zurecht, wohlverstanden – auf das, was sie können. Und doch basteln sie darauf eine Platte, die stimmungsvoller, vielschichtiger und dynamischer gerät, als man ob der langen Pause vielleicht erwarten konnte. Dazu höre man nur den Opener Until Nothing Remains, der Nathan Gray in einer Brutalität die Gegend kurz und klein shouten lässt, wie man es lange nicht mehr gehört hat und doch scheinbar mühelos, ja fast schon folgerichtig in das folgende Closure überleitet. Ein Song, der sich langsam in den Gehörgang schleicht, dort aber umso länger verbleiben wird. Versprochen. Wie die Band es hinbekommt, dass der folgende Prügelknabe Heads Will Roll im Anschluss schon wieder passend klingt? Man weiß es nicht. Das Talent, wüstes Geschrei direkt neben süßlichen Melodien zu platzieren, es ist Boysetsfire nicht abhanden gekommen. Im Gegenteil, es beschleicht einen stellenweise sogar das Gefühl, dass Boysetsfire diese herausragende Fähigkeit auf ihrem jüngsten Werk auf die Spitze treiben. Mit Erfolg, wohlgemerkt.

Und so bleibt über While A Nation Sleeps… eigentlich gar nicht mehr so viel zu schreiben. Gut, man könnte noch erwähnen, dass Reason To Believe ziemlich großartig ist und dass das Finale aus dem epochalen Altar Of God und dem Melodieüberschuss von Prey diese Platte kaum stimmungsvoller beenden könnte. Man könnte aber auch sagen, dass dieses Album in der Tat genau so klingt, als wäre diese Band nie weg gewesen. Eine gute Platte von Boysetsfire eben. Und das ist eines der größten Komplimente, die man diesem Album machen kann.

8/10

Anspieltipps: Closure, Reason To Believe, Let It Bleed, Altar Of God, Prey

(Martin Smeets)

Boysetsfire – While A Nations Sleeps… | End Hits Records/Cargo Records | VÖ: 07.06.2013 | CD/LP/Digital

News 12/04/13

+++ The National stehen am 17.05.13 mit ihrem neuen Album Trouble Will Find Me auf der Matte. Den Song Demons gibt es vorab mit einem Video, in dem fast beiläufig das Albumcover gemalt wird.

+++ Eine neue Platte haben auch Rantanplan am Start. PAULI erscheint am 26.04.13 und enthält u.a. den Song Natural Born Altona, der sich halb ernst und halb albern dem Thema Gentrifizierung in Hamburg nähert:

+++ Pünktlich zum Record Store Day am 20.04.13 veröffentlichen Boysetsfire eine 7“, der im Juni das Album While A Nation Sleeps… nachfolgen wird. Dem rüpelhaften Song Bled Dry haben sie ein verstörendes weltpolitisches Video verpasst:

+++ Nachdem das halbe Hotel Van Cleef auch (bzw. ausschließlich) solo unterwegs ist, gesellt sich nun noch einer dazu: Marcus Wiebusch. Der kettcar-Frontmann nutzt eine kreative Pause seiner Band dazu, zunächst eine Single (Record Store Day) und schließlich ein ganzes Album zu veröffentlichen. Als allerersten Vorboten hat er Nur einmal rächen ins Netz gestellt. Und der geht so:

+++ Love A haben nach Windmühlen nun auch dem Song Kommen und Gehen ein Video verpasst. Und übrigens, ihr 2. Album Irgendwie erscheint, tadaaaa: heute.

News 29/11/12

+++ Das Jugendcafé Zwiesel ist bedroht. Damit sich an dieser Bedrohung etwas ändert und der Förderverein für Offene Jugendarbeit das Gebäude erwerben kann, helfen im Frühjahr des kommenden Jahres Boysetsfire mit, das Kaff zu erhalten. Zwei Benefizkonzerte werden für diesen Zweck am 15.03. (mit Bridges Left Burning) und am 16.03. (mit Marathonmann) in der Bürgerhalle in Frauenau gespielt. Mehr Informationen zum Kaff und den Benefizshows gibt es u.a. hier und hier.

+++ Deep Elm Records hat eine Neuauflage des hauseigenen Samplers „Postrockology“ veröffentlicht. Darauf gibt es – logisch – jede Menge Postrock u.a. von Athletics, Moonlit Sailor, Last Lungs und Goonies Never Say Die. Reinhören kann man z.B. im unten angefügten Bandcamp-Player oder was noch besser ist: hier kostenlos runterladen und dabei tolle Bands und Songs entdecken.

+++ Nagels nagelneue Band namens NAGEL hat zwar noch keinen Tonträger, dafür aber schon die zweite Tour am Start. Zugegeben ist die Anzahl der Termine bisher überschaubar, aber immerhin. Im kommenden Jahr soll es dann auch die erste Veröffentlichung geben. Tourtrailer und Termine gibt es hier:

06.12.2012 Osnabrück, Kleine Freiheit
07.12.2012 Hamburg, Molotow
08.12.2012 Essen, Zeche Carl Festival
09.12.2012 Saarbrücken, Garage
10.12.2012 Stuttgart, 1210
11.12.2012 Erlangen, E-Werk
12.12.2012 München, Feierwerk
13.12.2012 Berlin, Bi Nuu

+++ Defeaters Derek Archaumbault hat kürzlich Peta2 ein Interview zu seiner veganen Ernährung gegeben und dabei Songs seines Solo-Projekts Alcoa präsentiert. Mehr Infos zum Interview (und u.a. ein Gewinnspiel, bei dem man die gesamte Defeater-Diskografie gewinnen kann) gibt es hier. Ansonsten: Film ab!

+++ Converge befinden sich seit wenigen Tagen auf Europatour und haben dabei nicht nur eine fulminante brandneue Platte , sondern mit The Secret, A Storm of Light und Touché Amoré auch hervorragenden Support im Gepäck. Letztere haben nach dieser Tour im Jahr 2012 übrigens über 110 Shows abgespielt. Die Termine hierzulande (und in angrenzenden Ländern) lesen sich wie folgt:

12/02: Orleans, France @ L’Astrolabe
12/03: Utrecht, Holland @ Tivoli
12/04: Hamburg, Germany @ Fabrik
12/11: Copenhagan, Denmark @ Loppen
12/12: Berlin, Germany @ SO36
12/13: Leipzig, Germany @ Conne Island
12/14: Prague, Czech Republic @ Futurm
12/15: Augsburg, Germany @ Kantine
12/18: Wien, Austria @ Arena
12/21: Aarau, Switzerland @ Kiff
12/22: Karlsruhe, Germany @ Substage