Die 10 besten Alben 2015

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10. Archivist – S/T

Archivist - Archivist // Bild: http://archivistmusic.bandcamp.com/releases

Dort, wo sich ehemalige Mitglieder von Fall of Efrafa und Light Bearer verantwortlich zeichnen, kann man ohnehin kaum etwas Schlechtes erwarten. Dennoch birgt ein Bandwechsel gewisse Risiken in der Erwartungs- und Anspruchshaltung, in der Abgrenzung und dergleichen mehr. Archivist ist das zum Glück herzlich egal. Ihr Debüt ist vielleicht weniger episch, brachial und narrativ als das (leider nicht zu Ende geführte) monumentale Light-Bearer-Projekt, trotzdem ist es eine wunderbare und gewichtige Ansage im Spannungsfeld von Postrock und Hardcore. (Albumreview)


9. MewithoutYou – Pale Horses

mewithoutYou - Pale Horses

Martin Smeets schreibt: Pale Horses ist ein ungemein forderndes Album, das nach und nach erschlossen werden will. Dessen viele kleine Ideen zwar meistens leiser und unauffälliger präsentiert werden, aber dafür umso eindrucksvoller wirken. Überall funkelt und strahlt es in diesen Songs.“ Das stimmt und doch hat es für ein forderndes Album die ungewöhnliche Fähigkeit auch einfach nebenbei, beiläufig gehört werden zu können. Es strengt nicht an, die Zeit zieht vorüber und es fühlt sich gut an. (Albumreview)


8. Circe – Music Composed for the Show of Shows

Circe

Wenn schon nicht Sigur Rós, dann wenigstens zwei Drittel davon. Einen Stammplatz in dieser jährlichen Bestenliste haben sie sowieso. Und mit Circe ist das auch nicht etwa aus Nostalgie- oder Stellvertretergründen, sondern mit Recht. Denn dieser Soundtrack kann unheimlich viel, siedelt er sich wie selbstverständlich im ambienten Postrock an, weiß sich aber dennoch fortwährend davon frei zu machen und sich stattdessen im Elektronischen und gelegentlich auch Tanzbaren zu bewegen. (Albumreview)


7. The World Is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die – Harmlessness

TWIABP - Harmlessness

Der traumwandlerische, vielstimmige und multiinstrumentierte Indie des Kollektivs aus Connecticut ist eigentlich immer eine Schau. Das war bei der vorangegangenen LP Whenever, If Ever schon so und ist auch bei Harmlessness nicht anders. The World Is… entlocken dem Emo eine ungeahnte Leichtigkeit voller Humor und Absurditäten, verzaubern mit eingängigen und wunderschönen Melodien und langweilen zu keiner Sekunde auf diesem beinahe einstündigen kleinen Wunderwerk.


6. Radare – Im Argen

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Radares Im Argen wäre ein vortrefflicher Soundtrack geworden. Ja, im Grunde ist es überraschend, dass es keiner ist. Träge, instrumental, verrucht und nebulös. Im Argen klingt nach Angelo Badalamenti und David Lynch und ist grandios. Gewiss auch anstrengend, aber diese Reise lohnt sich, weil Radare sich überhaupt nicht scheuen nicht gefällig zu sein, sondern ihren befremdlich warmen und jazzigen Slowcore-Irgendwas einfach ohne Kompromisse spielen. Ein großes Werk. (Albumreview)


5. Desaparecidos – Payola

Desaparecidos - Payola

Die Wiederbelebung der Desaparecidos und Payola wirken wie ein Befreiungsschlag und dokumentieren auf bemerkenswerte Weise wozu Conor Oberst, dieses zweifelnde Genie aus Omaha, immer noch in der Lage ist. Der rastlose, chaotische Punkrock der Desaparecidos steht ihm jedenfalls besser als der Country Folk seiner Mystic Valley Band. Zumindest auf diesem erstklassigen Niveau, das überdies hoffen lässt, dass Oberst sich nicht lediglich einen vorübergehenden Ausflug zurück zum Punk gegönnt hat. (Albumreview)


4. Sufjan Stevens – Carrie & Lowell

Sufjan Stevens - Carrie_Lowell

Klar. Als der Musikkritikliebling schlechthin sahnt Sufjan Stevens mit seinen Alben standardgemäß beste Bewertungen ab. So natürlich auch dieses Jahr. Und wahrscheinlich könnte er wirklich irgendetwas aufnehmen, Lob wäre ihm stets sicher. Allerdings hat er in diesem Jahr nicht einfach irgendetwas aufgenommen, sondern sein bis dato vielleicht eindrucksvollstes Album. Eine Hommage an seine verstorbene Mutter und seinen Stiefvater, aufrichtig, tiefgründig, außerordentlich persönlich, dabei aber nicht aufdringlich, sondern voller Würde und Anmut. Herzensmusik (fast) ohne Kitsch. Das gelingt in dieser Weise wohl nur einem der allerbesten Songwriter seiner Generation: Sufjan Stevens.


3. Envy – Atheist’s Cornea

Envy - Atheist's Cornea

Envy sind zweifellos ein Maßstab in der Verbindung (atmo-)sphärischer Klanglandschaften und turbulenter Riffs, von Postrock, Hardcore und Screamo. Auf Atheist’s Cornea, ihrem mittlerweile sechsten Album, erneuern sie diese Einschätzung abermals eindrucksvoll. Denn die Platte gelingt ihnen von vorne bis hinten, ohne Wenn und Aber und bildet mit ihrem Kern aus Shining Finger, Ticking Time And String und Footsteps in the Distance die vielleicht vielschichtigsten 20 Minuten dieses Genres überhaupt. (Albumreview)


2. The White Birch – The Weight of Spring

The White Birch - The Weight of Spring

Ola Fløttum nimmt sich grundsätzlich Zeit. Sehr viel Zeit. Fast zehn Jahre ist sein letztes Album her und The Weight of Spring kommt eben auch nicht mit ein paar seichten Minuten um die Ecke. Über eine Stunde begibt sich The White Birch auf eine wunderbar traurige Reise. Mit Klavier, Streichern, gelegentlichen Drums, spärlicher Gitarre und vor allem der bezaubernden Stimme Fløttums entstehen tiefgründige, düstere, existenzielle und trotz ihrer Fragilität unverwüstliche Songs, die durch ihre Schönheit allzeit strahlen werden. Mindestens. (Albumreview)


1. Rolo Tomassi – Grievances

Rolo Tomassi - Grievances

Rolo Tomassi haben sich mit Stage Knives nicht nur den besten Song, sondern mit Grievances auch das beste Album des Jahres gesichert. Wie das? Nun, weil dieses Album ausgesprochen vortrefflich als ein solches funktioniert und über die gesamte Spieldauer wahrlich große Momente versammelt. Das technische Können ist in jeder Hinsicht meisterlich, Eve Spences Stimme ist unfassbar wüst und zierlich zugleich, die Spannungsbögen sind kaum auszuhalten, die Songs detailreich inszeniert und als Ganzes behutsam aufeinander abgestimmt. Beispielhaft wäre hier das unschlagbare Quartett aus OpalescentUnseen and Unknown, Stage Knives und Crystal Cascades zu nennen, das formvollendet ineinander greift und große Augenblicke bereit hält. Ein absolutes Meisterwerk! (Albumreview)

Archivist – Archivist

Archivist - Archivist // Bild: http://archivistmusic.bandcamp.com/releases

Wiederholungstäter

Fast wären sie eine Band unter vielen. Weil Archivist lange nicht mehr die Einzigen sind, die Black-Metal mit Shoegaze und Postrock vermengen. Siehe Deafheaven, die sich mit genau dieser fulminanten Mischung einst zur Höchstwertung aufgeschwungen haben. Siehe Sed Non Satiata, die bereits furios gezeigt haben was man mit Postrock alles anstellen kann. Weil aber ein Drittel von Archivist von den großartigen und leider kürzlich aufgelösten Light Bearer kommt, ist die Band trotz allem weit entfernt davon, eine unter vielen zu sein. Die letzte Platte von Light Bearer hat vom Kollegen Oswald schließlich nicht durch Zufall die Überschrift „Größer als Gott“ spendiert bekommen.

Dementsprechend hoch sind die Erwartungen, die man bei der ersten Begegnung mit Archivist anlegt. Und natürlich werden sie erfüllt, wer hätte auch ernsthaft etwas anderes erwartet. Natürlich gibt es ein kunstvolles Artwork, natürlich liegt dem ganzen eine Storyline zu Grunde (die man sich auf der Bandcamp-Seite der Band durchlesen kann). Und natürlich überzeugen Archivist auch musikalisch. Wenn auch auf merklich andere Art und Weise. Kein einziger der Songs reisst die Zehn-Minuten-Grenze, ausufernde Intros und Streicherpassagen wurden weitgehend ersatzlos gestrichen. Stattdessen rückt der Song in den Vordergrund. Kompakt ist das ganze zwar immer noch nicht, allerdings wesentlich greifbarer als gewohnt. Was einigen Stücken durchaus sehr gut steht. Tying Up Loose Ends In The Cold Void Of Space schleicht zunächst eine halbe Minute als Verneigung vor Explosions In The Sky durch den Raum, sucht dann fast unvermittelt die strahlenden Gesten und großen Melodiebögen und kippt zur Halbzeit beinahe in Richtung Pop ab. Dass dabei insgesamt neun Minuten ins Land ziehen, bleibt völlig unbemerkt. Weil der Song von der ersten bis zur letzten Sekunde spannend bleibt. Weil man nie aufhört, neugierig zu sein, wie es denn weitergeht.

Was im Übrigen so auch für den Rest des Albums gilt. Schon in den ersten Zügen von Archivist, in denen Ascension mit seinen schwermütigen Gitarren langsam anrollt, ist man gefesselt von dieser Platte. Und will auch gar nicht erst frei kommen. Weil man Angst hat, nur einen Ton zu verpassen, der hier zum Besten gegeben wird. Und das völlig zu Recht. Dieses Album ist bis unter die Decke voll mit feinsinnigen Melodien, mit großen Momenten, mit erhabenen Songs. Ein Album das weit aus der Masse heraus ragt. Ein kleines Meisterwerk. Schon wieder.

Wertung: 8/10

Anspieltipps: Ascension, Dreaming Under, Tying Up Loose End In The Cold Void Of Space

(Martin Smeets)

Archivist – Archivist | Alerta Antifascista | VÖ: 04.06.2015 | Digital/LP

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