EP: Vizediktator | anorak. | Suetterlin | Minipax

Vizediktator_Rausch_CoverVizediktator – Rausch

Viele würden sich mit dem zweiten Platz sicherlich nicht zufrieden geben. Vizediktator schon. Zumindest dem Namen nach. Wo sich andere gerne an erster Position sehen würden, machen sie es sich in Lauerstellung bequem und vertreten den Diktator, wenn dieser sich mal ein bisschen Urlaub gönnt. Ziemlich bescheiden, könnte man meinen, gäbe es da nicht die Musik. Da geben sich Vizediktator alles andere als bescheiden. Mit großen Gesten, ja fast schon schlageresk, zelebrieren sie melodisch-fetzigen, aber doch bitterernsten Punkrock. Bei Bülowstraße haben sie sich die Catchiness von Matze Rossi geliehen (Geist) und zeigen sich auch sonst eher weniger innovativ. Doch macht das überhaupt nichts, weil Rausch nicht nur durch die herausragende Produktion ein überaus charmanter Abgesang auf den urbanen Alltag ist. Dass mit Dessau auch ein allzu unverdaulicher und fieser Klotz auf der EP gelandet ist, macht die Sache nur noch besser.

[Sportklub Rotter Damm | VÖ: 19.02.16]

 

2016_02_EP-Cover_SPOTIFY_kleinanorak. – Kalter Frieden

Anorak. aus Köln legen offenbar viel Wert auf Style. Nicht nur, dass sie ihren Namen in Eigenschreibweise mit einem Punkt versehen, nein, sie schreiben jenen auch noch kopfüber gespiegelt. Verrückt und ziemlich hip. Kalter Frieden heißt die lediglich zwei Songs umfassende erste EP und präsentiert etwas fransigen (Indie-)Posthardcore, der sich durch zahlreiche Tempi- und Stimmungswechsel alle Mühe gibt, nicht langweilig zu wirken, dabei aber mit seinem viel zu seichten und penetranten Geschrei genau dazu tendiert. Überhaupt scheinen anorak. die Wirkung und Rezeption ihrer Band mehr im Auge zu haben als die Musik selbst. Ein kalkuliertes Verlangen nach Gewogenheit, zu der die EP allerdings nur halbwegs Anlass gibt. Ein netter Versuch, der letztlich zu blass und ausdruckslos bleibt.

[Uncle M | VÖ: 19.02.16]

 

SUETTERLIN_EP_Cover_bigSuetterlin – s/t

Sebastian Wahle und Daniel Senzek begnügen sich damit ein Duo zu sein. Für eine ganze Band zu wenig, aber warum eigentlich nicht? Schließlich gelingt ihnen mit ihrer ersten EP die Mosaiksteinchen des deutschsprachigen Indie-Pop aufzulesen und gekonnt zusammenzufügen. Herrenmagazin, PeterLicht oder – natürlich – ClickClickDecker sind hier keinen Katzenwurf entfernt. Akzente setzen Suetterlin vor allem mit klaren und leichten (nicht immer unfallfrei vorgetragenen) Gesangsmelodien, dezenten, aber prägenden Keyboard- und Glockenspieleinsätzen und einem ausgeprägten Sinn für rundum gut funktionierende Popsongs. Gerade letzteres zeigt sich in besonderer Weise in Das Weite Suchen. Fein.

[Midsummer Records | VÖ: 05.02.16]

 

Minipax_Cover_quadratischMinipax – 1984

1984 sangen Vorkriegsjugend auf ihrer einzigen selbstbetitelten LP: „Der Weg ist schon bereit / Für eine neue Zeit / Leben in Glas und Beton / Leben in der Isolation /Alle Daten registriert / Bei Nichtgefallen ausradiert“ (Der Sarg). Da konnten sie sich eigentlich keinen Begriff davon machen was Datenregistrierung im Jahr 2016 – in dieser neuen Zeit also – bedeuten könnte. Auf welch vielfältige Weise Datensammlung, -auswertung und -kontrolle Einfluss auf das menschliche Verhalten haben sollte und würde. 2016 ist also noch weitaus mehr als 1984 das orwellsche Jahr der Vorkriegsjugend. Das scheinen auch Minipax ähnlich zu sehen und schaffen sich als Band mit ihrer ersten EP einen Orwell-Mikrokosmos. Weil ihnen die Zukunft jedoch nicht hoffnungslos erscheint, geht es auf 1984 auch nicht gerade dystopisch zu. Das hier ist eben nicht die Vorkriegsjugend. Minipax verorten sich eher auf der Popseite des Deutschpunk und erinnern in den besseren Momenten an Rasta Knast (z. B. die Gitarrenarbeit bei Mundtot und Dann Geh – wie übrigens auch schon auf der Amdamdes-Vorgängerversion) und in den schlechteren an die Killerpilze (Jebes Nacije). Dabei sind sie textlich zuweilen zwar allzu plakativ unterwegs, bestechen aber durch eine vorzügliche Produktion und mit so ziemlich den schmissigsten Refrains, die 2016 in der deutschsprachigen Punkmusik bisher zu bieten hatte. Und: Zum Glück ist ein gottverdammter Hit. Gutes Ding!

[SubZine Records / Uncle M | VÖ: 26.02.16]