Sigur Rós – Valtari

Euphoriserend? – Aber hallo!

„„Valtari“ hat so gar nichts Euphorisierendes mehr und taugt in einem Stadion nur als Soundtrack zu den Tränen nach einem Abstieg. Der bricht wiederum manchmal wie eine Dampfwalze über einen Klub herein.“ – So steht es im Valtari-Review des deutschen Rolling Stone geschrieben und zeugt von – naja, wie soll man sagen – großer Ahnungslosigkeit.

Nichts Euphorisierendes? – Nein, zum Glück schreibt Frank Lähnemann da nur Mist. Um es also vorwegzunehmen: Valtari ist absolut großartig, phantastisch, bezaubernd… ja, euphorisierend. Aber der Reihe nach.

Klar, einem Sigur Rós-Album begegnen stets großer Erwartungen. Wie sollte es bei einer Band, die zweifellos seit Jahren in ihrer eigenen Liga spielt und in die niemand auch nur ansatzweise aufsteigen kann, anders sein. Ein Album, das sich auch nur eine Nuance unter dem Prädikat „allererste Sahne“ einordnen würde, wäre eine Enttäuschung. Und um es an dieser Stelle zu sagen: alle Alben – außer vielleicht der sehr ungewöhnliche und schwer verdauliche Erstling Von – verdienen mit Nachdruck dieses Prädikat. Valtari ebenso.

Und nun ist es ja nicht so, dass Sigur Rós musikalisch in besonderer Weise konstant wären und immer wieder die gleichen hervorragenden Platten rausbringen würden. Im Gegenteil. Es ist geradezu erstaunlich, dass die ihr Niveau trotz vielen Änderungen und Wandlungen in Stil, Tempo, Rhythmik, Dynamik und nicht zuletzt Stimmung, halten können. Klar, für ungeübte und – mit Verlaub – ahnungslose Ohren klingt alles nach immer gleichen Walgesängen. Doch das ist natürlich Unfug.

Will man Valtari nun klanglich in die Diskographie-Skala der Band einsortieren, so sieht sich diese Platte stark in der Nähe von Ageatis Byrjun, Takk…, der ersten Hälfte von () und der zweiten Hälfte von með suð i eyrum við spilum endalaust, ein bisschen weiter weg von Von, der zweiten Hälfte von () und der ersten Hälfte von með suð i eyrum við spilum endalaust. Tja, wenn das kompliziert klingt, dann ist es das auch. Denn eigentlich ist Valtari eine sehr schöne Synthese des kompletten bandeigenen Schaffens, ohne den gewiss starken Einschlag der Solopfade von Sänger und Gitarrist Jónsi zu leugnen. Manche Nummern, wie beispielsweise Varðeldur oder Fjögur Píanó könnten glatt als ruhige Nummern auf Jónsis Go und sowieso als Stücke von Jónsi&Alex durchgehen.

Ja, diejenigen, die die Band nach með suð i eyrum við spilum endalaust auf einem poppigeren und songorientierteren Weg gesehen haben, dürfte sich anschicken diesen Weg wieder (nicht zu eilig) zurückzulaufen. Denn die Songs sind auf Valtari wieder deutlich zerfahrener als auf dem Vorgänger, die bombastischen Gefühlsexplosionen weichen behutsamen Klangcollagen und Tonspielchen und überhaupt: die Stimmung kippt von freudentaumelndem Kopfkino ein Stück weit in Richtung sehnsuchtsvoller Kopfmalarei. Kopfmalerei? – Ja, erfüllten einst bewegte Bilder die Phantasie durch das Gehörte, so schafft es Valtari diese Bilder unbewegter zu machen, sie sanft zu zergliedern und auf ihre Konturen und Formen zurückzuführen.

Acht Klangskizzen sind es, die uns die vier Isländer in fast einer Stunde Spielzeit darbieten. Kein wirklicher Anfang und kein Ende, lediglich ein Hauch von Songstrukturen, teils äußerst zurückhaltende Instrumentierung, mit Sorgfalt gewählte Steigerungsmomente in Tempo und Dynamik, traumhaft tragende Bassteppiche und sowieso: ganz viel Schönheit.

Wie Ég Anda sich langsam heranschleicht und nach einem dumpf-dissonanten Intermezzo das Heft an das über alles strahlende Ekki Múkk übergibt, das mit seinen flackernden Violinen zweifellos an Takk… erinnert – und wer weiß, vielleicht sogar jenes überstrahlt. Wundervoll. Rembihnútur, das sich schlussendlich zu einer vergleichsweise gesangintensiven Nummer entwickelt (was auf der Platte übrigens eine ziemliche Seltenheit ist), ist mit dem nachfolgenden Dauðalogn vielleicht so etwas wie der Prototyp des sigur-rósschen Songs. Beide sind so zart-leise und zerbrechlich, zugleich aber fulminant-dominant, dass man gar nicht weiß, ob sie davonschweben oder doch alles plattwalzen.

Nun, auch die anderen Songs haben unbeschreibliche Qualitäten und es wäre vielleicht zu müßig sie alle auch nur ansatzweise beschreiben zu wollen. Obwohl, bei Varðeldur sollte man sich dann schon vergewissern, ob man statt auf der heimischen Couch nicht doch auf einem Mooskissen im Garten Eden Platz genommen hat. Aber genug. Letztlich wollten wir ja nur festgestellt haben, lieber Rolling Stone: Valtari ist ganz und gar euphorisierend! Und eben nicht nur das…
9/10

(Martin Oswald)

2 Gedanken zu „Sigur Rós – Valtari

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