Sigur Rós – Kveikur

Sigur Rós - KveikurAus der Deckung

Ich hatte ja schon ernsthafte Bedenken als ich Sigur Rós im Februar live hörte. Das unbekannte, neue Material konnte mich nicht so richtig mitziehen und es schien mir als könne es nicht wirklich mit den sonstigen Großtaten dieser Überband mithalten. Ein Jahr nach Valtari, das ich übrigens auch über weite Strecken (als einer der wenigen übrigens – immerhin Album des Jahres 2012) für eine Großtat halte, nun der neue Streich. Ich hatte eigentlich Sorgen, dass ich bei der Bewertung eine Punktzahl zücken muss, an die bisher im Sigur-Rós-Universum nicht zu denken war. Ich traue es mich kaum sagen, aber ich hatte da schon einige Ziffern unter der Bestmarke 10 im Kopf. So tobten die ersten Höreindrücke in Erwartung einer Enttäuschung in meinen Gedanken. Umso größer also die Anspannung vor dem ersten wirklichen Hören. Das würde sicherlich kein sicheres Start-Ziel-Rennen für die (nach dem Ausstieg von Mulitinstrumentalist Kjartan nur noch) drei Isländer werden. Was sich vorher schon angedeutet hatte: Kveikur würde beatlastiger, elektronischer, flotter und bedeutend düsterer werden. Das Gegenteil von Valtari, möchte man meinen, ein Anti-Valtari. Allein die Optik von Kveikur ist düsterer als alle bisherigen Veröffentlichungen zusammen (das Live-Album Inni vielleicht einmal ausgenommen). Das muss nicht viel bedeuten und doch ist es eine erste und beachtenswerte Wegweisung.

Und sie täuscht nicht: Der Beginn von Brennisteinn wummert ungewohnt beschwerlich und elektro-metallisch, ja eigentlich schon fast bedrohlich los. Ein ganz neuer Zug im sigur-rósschen Soundrepertoire, dem erst durch Jónsis filigranen Gesang etwas Schwere genommen wird. Doch selbst das nur mit Einschränkungen. Brennisteinn bleibt ein schaurig-bedrohlicher Song, um den sich zwar feine Melodieschlaufen spannen, den es aber in dieser Atmosphäre seit der zweiten Hälfte von ( ) nicht mehr gegebeben hat bei Sigur Rós. Hrafntinna setzt ebenfalls auf einen dumpfen und metallischen Beat, der sich durch den Song träge aber präsent hindurchschleppt. Das ist kein Negativurteil. Es ist vielmehr eine der zahlreichen, veränderten Auffälligkeiten dieser Platte, dass Schlagzeug und Percussion wesentlich mehr songprägende, soundtechnnische und -ästhetische Bedeutung haben, als auf allen anderen Alben. Eine weitere Auffälligkeit: Sigur Rós wirken auch in den wärmsten Momenten, wie zum Beispiel bei Ísjaki, das locker auch auf Jónsis Soloplatte Platz gefunden hätte, distanzierter als zuletzt. Und das obwohl Valtari ohnehin ein reduziertes, langsames und stark introvertiertes Album war.

Obwohl sich die Vorzeichen also gedreht haben und Kveikur viel offener, zugänglicher und extrovertierter ist, bleibt es auf Distanz. Es berührt, ja rührt seit Takk…Með blóðnasir vor Schönheit wieder zu Tränen (Yfirborð), doch gibt es dennoch eine Distanz. Man merkt auch woran das liegt: Sigur Rós, die wie Popstars von Promotermin zu Promotermin und von Medium zu Medium gereicht werden (die ausführliche Mitwirkung an einer Simpsons-Folge ist übrigens kein Zufall), sind trotzdem wieder geheimnisvoller, entrückter und mundfauler geworden. Der Vergleich mit ( ) war ja schon einmal da – er passt aber auch vortrefflich. Die Band dorthin zurück, wo sie sich am wohlsten fühlt: in Deckung. Sigur Rós verbergen sich hinter einer überragenden Instrumentierung eines großartigen Albums. Sie streifen das Persönliche ab und ziehen sich ein meterdickes Soundgewand aus unzähligen Instrumenten, Arrangements, Rhythmusstrukturen und überbordenden Lautmalereien über. Songs wie Stormur oder Rafstraumur trägt das meilenweit durch jeden einzelnen Hörnerv mitten in das im Takt pochende Herz. Das sind Momente, in denen die distanzierte Düsternis umarmt wird von purer Herrlichkeit, in denen man seine Liebe zur Musik neu entdeckt und verfestigt. Da kulminieren all die Gefühlswallungen, die in diesem unbegreiflichen Reich an Genialität, Schönheit und Klangästhetik geboren werden. Völlig problemlos kann da selbst der Titeltrack Kveikur seine experimentell-elektronischen Zacken schlagen oder Var zärtlich, fast unbemerkt die Platte nach Hause tragen. Es fügt sich. Alles fügt sich. Vom ersten bis zum letzten Ton. Ich verneige mich und ziehe alle meine Hüte vor diesem abermaligen Meisterwerk.

10/10

Anspieltipps: Brennisteinn, Yfirborð, Stormur, Rafstraumur

(Martin Oswald)

Sigur Rós – Kveikur | XL Recordings | VÖ: 14.06.13 | CD/LP/digital

Ein Gedanke zu „Sigur Rós – Kveikur

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