Rolo Tomassi – Grievances

Rolo Tomassi - GrievancesEin Monument

Rolo Tomassi. Das klingt erstmal nach einer eigenartigen Symbiose aus Karamellpraline und italienischer Küche, hat allerdings und erwartungsgemäß mit beidem überhaupt nichts zu tun. Hinter Rolo Tomassi verbirgt sich vielmehr eine Band aus Sheffield mit 10 Bandjahren und dem mittlerweile 5ten Album auf dem Buckel. Aber Hauptsache überstürzt mit irgendeinem irrwitzigen Einstieg samt der Tür ins Haus fallen, oder was? Nun, machen Rolo Tomassi schließlich auch so.

Estranged stürzt in wenigen Millisekunden von 0 auf 100 aus den Lautsprechern und begräbt mit dem programmierten Chaos eines astreinen Mathcore-Songs alles, aber auch wirklich alles unter sich. Über eine Minute geht das so, bis Rolo Tomassi zeigen, was sie eigentlich noch besser können als Mathcore: sich zurückzulehnen, einen Song atmosphärisch aufzuladen, ihn nicht nur wüst und wild mit halsbrecherischen Tempi- und Rhythmenwechseln, sondern vor allem spannend und mitreißend zu arrangieren. Es ist die Kombination aus den technisch brillanten Achterbahnfahrten und dem Gespür für Ruhe, Tiefgründigkeit, Schwere und Düsternis sowie in stilvoll akzentuierten Momenten geradezu unberührbarer Leichtigkeit und Zerstreuung. Was Eva Spence überdies mit Kehle und Kopfstimme am Mikrofon veranstaltet, ist schlichtweg atemberaubend. Mit Grievances haben Rolo Tomassi wahrlich Großes geschaffen.

Wenn sich z. B. Raumdeuter auftürmt und man nie ganz sicher sein kann, wann es zu Ende gestaltet ist, welcher Winkel noch unausgeleuchtet ist, wie viele Wendungen dieser Song noch nehmen kann. Oder Opalescent, das sich aus den leisen Klaviertönen von Prelude III (Phantoms) jazzig entspinnt und einen zurückhaltenden, aber atmosphärisch dichten und wunderschönen – tja – Popsong mimt. Das sind Augenblicke, an denen man ganz genau weiß, warum man eigentlich Musik hört. Noch besser und verlässlicher weiß man dies bei Stage Knives. Von einer flackernden Ennio-Morricone-Gitarre in Stellung gebracht (Unseen and Unknown) zimmern Rolo Tomassi ein gigantisches Monument. Eine Bastion von einem Song, der beste, den diese Band bisher hervorgebracht hat. Was sich in diesen fast vier Minuten abspielt, ist schlechterdings unbeschreiblich, die letzte halbe Minute an vereinnahmender Intensität nicht zu überbieten (Dieser Rhythmus! Dieser Bassklang!). Nah an der Perfektion. Ohne Witz!

Nicht grundlos schalten Crystal Cascades und Chandelier Shiver im Anschluss mit sanften Streichern einige Gänge zurück, ohne jedoch Spannung und Intensität auch nur ansatzweise zu drosseln. Ja, auch der hier präsentierte Postrock klingt vortrefflich. Die große Kunst Rolo Tomassis ist es nämlich die überwältigende Atmosphäre bis zum allerletzten Ton durchzuhalten. Dabei darf Funereal nochmals den Mathcore von der Leine lassen und nahtlos an die letzte Großtat übergeben. All That Has Gone Before, das die Brachialität, Sanftheit, Schönheit und Außergewöhnlichkeit von Grievances abschließend verdichtet. Was für ein Album!

Wertung: 9/10

Anspieltipps: Opalsecent, Stage Knives, Crystal Cascades, All That Has Gone Before

(Martin Oswald)

Rolo Tomassi – Grievances | Holy Roar Records | VÖ: 05.06.15 | CD/LP/digital

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