EP: Muncie Girls/Sandlotkids | Kála | City Light Thief | Ära Krâ

MuncieGirls_SandlotkidsMuncie Girls/Sandlotkids – Split Single

Die Split Single ist mittlerweile schon ein Weilchen draußen, aber dafür nicht minder spannend. Stilistisch passen Muncie Girls und Sandlotkids nicht unbedingt zusammen, doch erfüllt diese 4-Song-Split genau das, was sie erfüllte sollte. Zwei Bands zusammenzubringen, die von einander profitieren könnten, einen Einblick in das jeweilige Schaffen zu gewähren und ganz wichtig: Nicht überflüssig zu sein. Das gelingt solchen kleinen Scheiben, die man auf dem Plattenteller dauernd herumdrehen muss, nicht immer. Hier jedoch geht alles auf. Muncie Girls aus Exeter schicken Gone With the Wind von ihrer 2016 erscheinenden LP und Ramones‘ Pet Sematary ins Rennen, das sie mit ihrem nachdenklichen, nicht allzu stürmischen Poppunk hervorragend covern. Während Muncie Girls aber geradezu beschwingt klingen, gehen Sandlotkids aus München deutlich verträumter, ja trauriger zu Werke und sparen nicht an Pathos und großen Gesten. Das macht aber gar nichts, im Gegenteil. Solange mit Dramatic Comedy und Wide Awake Songs herauskommen, die selbst Brand New schmecken würden.

[Uncle M | VÖ: 19.10.15]
Muncie Girls:


Kala_thesis_2500x2500Kála – Thesis

Vor einem Jahr hieß es bei Kála noch Antithesis. Mit Thesis kommt nun die zweite EP der Innsbrucker digital via Uncle M. Nach der Antithese folgt also die These und stellt die platonische Argumentationsdialektik auf den Kopf. Auffallend dabei: Der Vorgänger lässt sich um drei Songs mehr Zeit, die finsterer und musikalisch differenzierter gehaltene Antithesis scheint sich also umständlicher artikulieren zu müssen, während die Thesis klarer und präziser daherkommt. Das mag nicht nur an der deutlich besseren Produktion liegen. Auch ist der Gesang bissiger und sind die Songs schwungvoller arrangiert. Dabei sind beide EPs aber auch gar nicht so unterschiedlich und keine der beiden wirkt wie eine Widerlegung der anderen. Mit Thesis widerlegen Kála allenfalls die mögliche, kritische Sichtweise, sie seien eine harmlose Band, zumal es ihnen gelingt im übersättigten Genre Post-Hardcore aufzufallen. Da macht es auch nicht so viel aus, wenn ein Song wie Tristesse doch ein bisschen harmlos wirkt, wenn mit Helena sogleich die Widerlegung folgt. Kála? Sollte man auf dem Schirm haben, spätestens falls irgendwann einmal die Synthesis kommen sollte.

[Unlce M | VÖ: 13.11.15]


 

Cover_ShameCity Light Thief – Shame

Schon länger als Kála sollte man City Light Thief auf dem Schirm haben. Auch die wabern irgendwo im Post-Hardcore herum, sind in der Genreeinordnung tatsächlich aber schwer zu fassen. Denn City Light Thief haben etwas, das vielen anderen fehlt: Einen gänzlich eigenen Stil, den man bisher am gelungensten auf Vacilando wahrnehmen durfte. Shame ordnet sich auch da ein, wenngleich es gerade auch in seiner Kürze zurückgelehnter und weniger hakenschlagend daherkommt. Symbolisch dafür darf sich Younger You feiern lassen, das überdies einer der besten CLT-Songs überhaupt ist. Insgesamt fahren die Grevenbroicher/Kölner eine gute EP auf (was anders auch nicht zu erwarten ist), die allerdings wegen des teilweise merklich schwächelnden und dennoch arg nach vorne gemischten Gesangs und der bescheideneren Gitarrenarbeit hinter der gewohnten Dringlichkeit City Light Thiefs‘ zurückbleibt.

[Midsummer Records | VÖ: 06.11.15]


Ära Krâ - EP - ArtworkÄra Krâ – s/t

Wenn eine Black-Metal-Band eine 3-Song EP veröffentlicht, darf man sich kein 6-minütiges, windiges Scheibchen vorstellen. So natürlich auch nicht bei Ära Krâ, die u.a. (Ex-)Mitglieder von Fuck Your Shadow From Behind (Vorgänger von Der Weg Einer Freiheit) und War From a Harlots Mouth in ihren Reihen wissen. Dass hier der im Genre ohnehin weit verbreitete Hang zum Monumentalen gebührend zelebriert wird, versteht sich fast von selbst. 18 Minuten bringt die selbstbetitelte EP auf den Zähler und was darin passiert, ist, nun ja: atemberaubend. Der Blast Beat gibt bei Strang & Schwert unbarmherzig das Tempo vor, führt aber keineswegs in die Eintönigkeit. Im Gegenteil. Der Song ist außergewöhnlich facettenreich geraten, was nicht nur – aber verdammt nochmal auch – am fast zweiminütigen Chopin-Klavier-Zwischenspiel liegt. Es spottet fast schon jeglicher Beschreibung einen Song derart runter- und im Anschluss wieder hochzufahren und in seiner Gänze so interessant zu strukturieren. Ära Krâ verstehen sich aber eben nicht nur auf Black Metal, sondern kosten es förmlich aus, auch teilweise post-rockig und hardcoredesk (Grauer Sand) oder bei Endlos („Alles färbst sich schwarz / rastlos lieg ich / rastlos lieg ich wach“) sogar punkesk (ohne Witz!) herumzuspielen. Wer das schafft ohne peinlich zu wirken, ist gut, wer das allerdings so herausragend schafft, heißt vermutlich Ära Krâ.

[Through Love Records | VÖ: 04.12.15]

Craft Spells + Dress | 14.11.15 | W1 (Regensburg)

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Craft Spells

Es gibt wahrlich bessere Konzerttermine als einen Tag nach den terroristischen Mordanschlägen in Paris. Oder gerade auch nicht. Ein offenbares Motiv der islamistischen Attentäter war der Hass auf den Lebensstil junger Leute in einer europäischen Metropole, ja in der Metropole schlechthin was Ausgelassenheit, Leidenschaft, Lebensfreude und Jugendkultur angeht. Eines der Ziele, das Musiktheater Le Bataclan, wurde während eines Konzerts der Eagles of Death Metal in fataler Weise als repräsentatives Ziel des so gehassten Lebensstils ausgewählt. Insofern wird ein Konzert am Folgeabend unumgänglich und ungewollt auch zu einem symbolischen Akt. Für Musik, gegen Barbarei. Das mag hochgestochen klingen, aber die Tatsache, dass Craft Spells zwei Tage darauf in Paris spielen hätten sollen (das Konzert wurde infolge der Ereignisse abgesagt), lässt es dennoch realiter wirken.

Zunächst sind es aber Dress, die mit der brandneuen EP Angst im Gepäck eine Dreiviertelstunde die W1-Bühne bespielen. Die Regensburger haben im Laufe der Zeit merklich an den Reverb-Reglern gedreht und ihren lethargischen Dreampop noch eine ganze Ecke sphärischer und entrückter geformt. Das Ganze kommt mit wenig (ebenfalls arg bearbeitetem) Gesang aus und macht sich ingesamt ziemlich gut, wenngleich Dress wie z. B. im Titeltrack der EP die erträglichen Grenzen der Monotonie schon weit interpretieren.

Monotonie ist auch Craft Spells nicht fremd, obwohl mit einigen, aber bedeutenden Einschränkungen. In den reduzierten im Midtempo plätschernden Retro-Indie-Sound mischen sich mitunter geradezu spektakuläre Momente. Manchmal überrascht die Rhythmussektion mit ad hoc stärkerem Schwung, manchmal ist es eine kleine tänzelnde Gitarrenfigur, die einen Song mit einer bezaubernden Leichtigkeit aus der Masse des Indierock hebt. Als Musterbeispiele dürfen sich From the Morning Heart und Breaking the Angle Against the Tide fühlen – nicht nur weil sie sich gar so eng an The Cure kuscheln. All das korrespondiert vorzüglich mit dem etwas mundfaul nuschelnden und lediglich das Wort „Shit“ deutlich artikulierenden Justin Paul Vallesteros, der wie ein kleiner Schuljunge andächtig und freudig seinen eigenen Stücken lauscht. Zum andächtigen und freudigen Lauschen hat überdies auch das Publikum reichlich Anlass, nicht zuletzt deshalb, weil dem W1 in Sachen Klang und Bühnenatmosphäre keine andere Musiklocation in Regensburg das Wasser reichen kann. Feine Sache!

EP: Strafplanet | Rowan Oak | Farben/Schwarz | Carnist

Strafplanet – Big FeelingsStrafplanet - Bad Feelings

Diese 7“ zieht flugs vorbei, immerhin bewegt sich nur ein Song jenseits der 2-Minuten-Grenze. Bei diesem flotten, rauen und konsequenten Hardcore Punk, der zuweilen starke Powerviolence-Züge trägt, ist nicht alles zackig und kurz geraten. Die deutschen und englischen Texte, die freilich unverständlich ins Mikro gekeift werden, sind geradezu ganze Essays geworden. Sperrig und spröde in Form und Inhalt werden sie als radikale Gesellschaftskritik runtergerasselt, bleiben meist jedoch phrasenhaft hinter diesem Anspruch zurück. Wer einen Song (zelten) mit „Im Übrigen“ anfängt und anschließend in 1:16 Minuten versucht mit Begriffen wie „Rechenschaft„, „Ursachenforschung“ und „Klassengesellschaft“ den Begriff der Kritik zu erklären, muss daran zwangsläufig scheitern. Dabei ist das gesamte Gebolze gar nicht übel.

[Contraszt! Records | VÖ: 03.08.15]


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Rowan Oak – It’s Hard to See You Clearly

Wie so einige Münsteraner Bands fühlen sich auch Rowan Oak im Midtempo richtig wohl und schielen von ihrem Emopunk aus auch schon mal ins Progressive hinüber. Mit Fail/Safe ist ihnen ein wunderbar vielseitiger und sehnsüchtig-stimmungsvoller Song gelungen. Die Stimmung wird überhaupt groß geschrieben, was sich nicht nur am offensichtlichen Faible für William Faulkner zeigt, sondern auch in vielen Details wie z. B. der Umrahmung der 3-Song-EP mit einem wunderbaren Bassintro (Jeff Bridges) bzw. -outro (To You). Gutes Ding.

[Uncle M | VÖ: 28.08.15]


Farben/Schwarz – Einsfarben-schwarz_eins-cover

Es gäbe genügend Gründe sich Sorgen zu machen, wenn eine Band ihre Debüt-EP Eins nennt und die Sorte von Punk spielt, die man gerne in Hamburg verortet. Was soll daraus schon groß werden, außer bloßer Abklatsch von Captain Planet und Co. oder bestenfalls ganz ok? Tja, falsch gedacht. Es kann ziemlich stark werden, vor allem dann, wenn eine Band so viel richtig macht. Farben/Schwarz gelingt dies und wie es scheint, sogar mit einer ziemlichen Leichtigkeit. So bürsten sie ihren melodischen Emopunk mit ein paar Hardcore-Elementen auf und verstehen sich vorzüglich darauf z. B. in Vollkontrast oder Alles Disko unerwartete Wendungen einzustreuen, die weder allzu kalkuliert noch beliebig wirken. Außer dem etwas schwächeren Sirene funktioniert dieses Rezept auf EP-Länge wirklich vortrefflich. Großes Lob!

[Sportklub Rotter Damm | VÖ: 11.09.15]


CARNIST - HELLISH - coverCarnist – Hellish

Dass Carnist eine themenspezifische Konzeptband sind, sollte sofort ins Auge fallen. Eine unmissverständliche noch dazu. Dem Thema Veganismus und Tierleid eine ganze Band zu widmen, ist dieser Tage aber auch nicht ganz einfach, zumal in der öffentlichen (außerszenischen) Wahrnehmung, das Thema Veganismus durch esoterische und andere verrückte Kreise eine zunehmend unaufklärerische und verschwörungstheoretische Dimension bekommt. Umso wichtiger ist, das Thema aus linksradikaler, emanzipatorischer Perspektive umso deutlicher zu positionieren. Hier kommen Carnist mit ihrem kompromisslosen, crustigen Hardcore Punk ins Spiel. Nach dem umfangreicheren Unlearn gelingt es der Band mit dieser EP das Ausrufezeichen hinter ihre Botschaft noch pointierter zu setzen. Das fängt schon beim Titel Hellish an und zieht sich durch alle Songs, die passenderweise mit Hell is… beginnen. Dass Carnist auch technisch das Fach beherrschen haben sie nicht nur bereits beim Vorgänger, sondern vor allem bei anderen Bands wie Fall Of Efrafa, Light Bearer oder Archivist unter Beweis gestellt.

[Alerta Antifascista Records | VÖ: 23.09.15]

PEGIDA wird’s freuen!

Die größte Krise im Zusammenhang mit der sogenannten Flüchtlingskrise spielt sich zuweilen in Kommentaren und Debattenbeiträgen ab. So z. B. am 03.11.15 in einem bis dato bereits zahlreich geteilten, gelikten und kommentierten Artikel in der Onlineausgabe des Wochenblatts Altötting, der ebenso am 04.11.15 in zwölf Lokalausgaben des Wochenblatts (und am 11.11.15 in der Passauer Woche) prominent auf Seite 2 erschien. Unter dem Titel „Sind jetzt plötzlich alle Nazis?“ fragt Mike Schmitzer selbiges und liefert mit seinen Antwortversuchen ein PEGIDA-Rechtfertigungspamphlet sondergleichen ab. Letzteres würde er vermutlich leugnen, weil es ihm doch irgendwie unangenehm wäre, aber das ist Spekulation. Tatsache ist – und das soll nachfolgend ausführlich dargelegt werden -, dass Schmitzers Kommentar (trotz seiner Kürze) letztlich nur so trieft vor Verharmlosung rechtspolitisch motivierter Beleidigungen und Gewalttaten, Bagatellisierung von Rassismus und Versatzstücken reaktionärer und völkischer Ideologie. Ein gefährliches Gemisch, das sich ein besorgter Bürger nicht besser ausdenken könnte. Dieser Kommentar ist ein Grund besorgt zu sein. Eine Replik.

Schmitzers Kommentar im Wochenblatt Regensburg, Seite 2.

Schmitzers Kommentar im Wochenblatt Regensburg, Seite 2.

Schmitzer beginnt idyllisch:

„Der Rentner, der beim Rasenmähen immer so freundlich über den Gartenzaun winkt, die junge Mutter, die an der Supermarktkasse ihre kleine Tochter auf dem Arm trägt, die Metzgereiverkäuferin mit ihrer ansteckend guten Laune … alle plötzlich Nazis? Wirklich?“

Es scheint für ihn unvorstellbar zu sein, dass ganz normale Menschen rechte politische Einstellungen haben könnten. Der Rasen mähende Rentner, die fürsorgliche junge Mutter und die gut gelaunte Metzgereiverkäuferin sollten rechts sein? Unmöglich. Sonst würden sie vermutlich weder Rasen mähen noch ein Kind herumtragen oder freundlich Wurst verkaufen. Es ist unklar, ob Schmitzer bei diesen Zuschreibungen konkrete Menschen im Blick hat, die ihm im Alltag begegnen, es ist für die Argumentation aber auch unerheblich. Es reicht hier der Typus der beschriebenen Menschen als Abstraktion und Idealisierung ganz normaler Menschen, die allein aus den Gründen, weil sie alltägliche, ganz normale Tätigkeiten verrichten oder eben einfach freundlich sind, nicht rechts sein können. Für Schmitzer passt es einfach nicht zusammen, dass sein idyllisches Trio rechte Einstellungen haben und entsprechend vertreten könnte.

Doch spricht Schmitzer nicht von „rechts“, „rechten Einstellungen“ oder dergleichen, sondern benutzt allzu plakativ den Begriff „Nazi“. Das mag eine polemische Überhöhung sein, fügt sich jedoch nahtlos in die Argumentationskette sogenannter besorgter Bürger, die sich andauernd mit dem „Nazi-Vorwurf“ konfrontiert sehen, nur weil sie ihre Meinung äußern. „Nazikeule“ lautet dafür ihr Fachbegriff. Selbstredend benutzt auch Schmitzer diesen Begriff – entweder ohne das Manöver, das sich dahinter verbirgt, zu erkennen oder genau dieses selbst zu vollziehen. Das Manöver ist, dass sich Leute durch Kritik ihrer (rechten) Meinung oftmals sogleich als Nazi bezeichnet, ja beleidigt, sehen, selbst wenn dieses Wort nicht gefallen ist. Dadurch sehen sie sich selbst als Opfer einer angeblichen Meinungszensur. Für einen ganz normalen Menschen ist der Nazi-Vorwurf natürlich eine Ungeheuerlichkeit – auch dann, wenn er gar nicht geäußert wurde.

Josephine weiß Bescheid über Nazis - Ein Facebook-Kommentar

Josephine weiß Bescheid über Nazis – Ein Facebook-Kommentar.

Vielleicht kommt man hier mit der Hund-Dackel-Theorie weiter: Jeder Dackel ist ein Hund, aber nicht jeder Hund ist ein Dackel. Aber Vorsicht: Auch die fürsorgliche Hundemama kann eben ein Dackel sein.

Auch die zeitliche Dimension des Nazikeulen-Arguments ist interessant. So sollen „alle“ (übrigens hat die mit diesem Wort beanspruchte Totalität ebenfalls etwas für sich) „plötzlich“, quasi über Nacht, Nazis geworden sein. Da leben Leute also ein gewöhnliches Leben und zack, auf einmal sind sie Nazis. Das ist doch unvorstellbar, liebe Wochenblattleser_innen? Ob Schmitzer auch die Möglichkeit erwogen hat, dass rechte Einstellungen, Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile gegenüber bestimmten Menschengruppen sich vielleicht eine gewisse Kontinuität in Biographien und Weltanschauungen von Menschen haben und gerade die Zeit günstig ist, das auch öffentlich und resoluter zu vertreten. Hm?

Zum Glück nimmt Schmitzer sein idyllisches Trio, das natürlich stereotypisiert und stellvertretend für Millionen Deutsche steht, in Schutz:

„Diese Menschen haben eines gemeinsam: Sie machen sich Sorgen darüber, was der momentane Flüchtlingsansturm für ihre eigenen Familien bedeuten könnte. Sie haben Angst davor, dass die Politiker das Problem nicht lösen können und die Flüchtlingskrise in einer Katastrophe endet.“

Auch wenn die Menschen noch so verschieden sind, die Sorge um sich selbst und ihre Familien ist ihre große Gemeinsamkeit. Hier sind wir auch schon beim Kernaliegen Schmitzers. Es geht darum Verständnis für die Sorgen und Ängste unseres Trios, des idealisierten besorgten Bürgers, aufzubringen. Kritisieren sollte man die besorgten Bürger nämlich nicht, weil sie ja – wie wir oben gesehen haben – keine Nazis sein können. Nun gut, dann versuchen wir eben verständnisvoll zu sein.

Welche Ängste hat denn unser Altöttinger Trio? Wovor fürchtet es sich? Worum macht es sich so große Sorgen? Freilich, an dieser heiklen Stelle bleibt Schmitzer vage und unbestimmt. Die besorgten Bürger werden es ihm danken, fühlen sie sich im Vagen und Unbestimmten geradewegs zuhause. Denn wenn sich eine klare Aussage über diese Sorgen und Ängste treffen lässt, dann, dass sie diffus sind. Sie betreffen auch nicht, wie man wohlwollend annehmen könnte, die geflüchteten Menschen, die Asyl suchen. Weil sie z. B. nicht menschenwürdig untergebracht wird, weil ihnen dem besorgten Bürger selbstverständliche Rechte vorenthalten werden, weil sie medizinisch nicht ausreichend versorgt sind, weil einige im nahenden Winter zu erfrieren drohen. Darüber sind bzw. wären Sorgen und Ängste nämlich durchaus angebracht.

Aber nein, der besorgte Bürger fürchtet um sich und seine Familie. Es könnte ihm etwas weggenommen werden, das er ohnehin nicht hat(te), es bereitet ihm Unbehagen, dass sich Menschen Schutz, Sicherheit und Wohlstand erhoffen, er will es nicht verkraften, dass Menschen, die möglicherweise anders aussehen, andere Sprachen sprechen und andere Gottheiten anbeten als er, die gleiche öffentliche Infrastruktur nutzen, die gleiche Bäckerei aufsuchen, einer Erwerbsarbeit in der gleichen Firma nachgehen oder gar ihre Kinder auf die gleiche Schule schicken könnten. Was sonst soll „der Flüchtlingsansturm“ für seine Familie bedeuten?

Was ist eigentlich dieses Katastrophenszenario? Dass der winkende Rentner auf dem Rasenmäher gar nicht in Altötting, sondern in Aleppo geboren wurde, die junge Mutter ihr Kind nicht nur an der Supermarktkasse trägt, sondern es auch durch halb Europa getragen hat und die Metzgereiverkäuferin vormals in Kobanê freundlich gelächelt hat und dies nun in Altötting tut? Sind das die Horrorvisionen? Vielleicht. Das wäre dann rational und rassistisch.
Oder ist es aber auch die Angst vor Ausländerhorden, die in die katholische Idylle Altöttings einfallen, auf dem gepflegten Rasen des Rentners massenhaft ihre Notdurft verrichten, der jungen Mutter die Tochter rauben und an ihren Stammesführer verheiraten und die Metzgereiverkäuferin vergewaltigen und anschließend steinigen? Vielleicht. Das wiederum wäre irrational und rassistisch.

Auf jeden Fall sind es aber rassistische Muster, die Schmitzer in seinem Kommentar durch Verzicht auf Konkretisierung der vorgeblichen Sorgen und Ängste verschweigt, deckt und verschleiert. Dass es konkrete und akute Probleme bei der Unterbringung und Versorgung von Asylsuchenden und der Bearbeitung ihrer Asylanträge gibt, bleibt davon zunächst einmal unberührt. Kurz- und mittelfristig wären diese mit deutlich verstärktem logistischen Engagement und personellen Einsatz und einem gewissen Maß an politischen Weitblick zu lösen. Stattdessen lässt sich die verantwortliche Politik zumeist von den irrationalen und rassistischen Sorgen und Ängsten treiben und befeuert sie die durch unterlassendes Handeln und den repetitiven Gebrauch von Naturkatastrophenvokabular wie „Flut“, „Welle“, „Tsunami“ oder „Sturm“ und Kriegsrhetorik wie „Ansturm“, „Invasion“, „Notwehr“. All das mythologisiert Migration fatalistisch zu einem Zerstörungs- und Untergangsschicksal. Die Politik schafft sich ihre Krisensituation selbst.

Die Befürchtungen, so Schmitzer, formuliere unser Trio „in sozialen Netzwerken wie facebook oder in den Kommentarspalten der Onlinemagazine.“ Und weiter: „Vielleicht ist die Wortwahl manchmal etwas ungeschickt, aber nicht jeder ist im Schreiben geübt.“ Es gibt – das ist nun wirklich keine verblüffende Neuigkeit, die über Nacht hereingebrochen ist – Tag für Tag zahlreiche Kommentare, die geflüchtete Menschen ins Gas wünschen, Regierungsmitglieder am liebsten öffentlich aufgehängt und all die linksgrün-versifften Gutmenschen im Mittelmeer ertrinken sehen würden.

Ganz normale Bürger diskutieren etwas ungeschickt auf einem privaten (aber öffentlich einsehbaren) Facebookprofil

Ganz normale Bürger diskutieren etwas ungeschickt auf einem privaten (aber öffentlich einsehbaren) Facebookprofil.

Ja, ist halt ungeschickt formuliert und besonders lustig, wenn darin nicht nur Menschenrechte, sondern auch Rechtschreibung mit Füßen getreten wird. Es sind eben nicht alle so geübt im Schreiben wie ein Wochenblatt-Redakteur. Und wie verhält es sich mit den asylkritischen Kommentaren, die ganz auf das Schriftliche verzichten und in Form von Molotow-Cocktails Asylsuchenden direkt in die Unterkunft geliefert werden? Gut, wollen wir Schmitzer zugestehen, dass er nicht unbedingt solche Kommentare meint. Vielleicht meint er die Kommentator_innen, die sich zunehmend „fremd im eigenen Land fühlen“, Geflüchtete am besten kaserniert und sofort abgeschoben sehen würden oder solche, die plötzlich (ja, plötzlich!) ihre Liebe zum Grundgesetz, zur Gleichstellung der Geschlechter, zu Rechten von Homosexuellen, zu Obdachlosen (deutschen natürlich) und all dem Teufelszeug entdecken, das sie vormals erbittert bekämpft haben und es wieder tun werden, sobald der unzivilisierte Moslem nicht mehr tausendfach in der Tür steht.

Schmitzer hat allerdings auch etwas gegen Kommentator_innen, die „zornerfüllt, massiv und beleidigend“ auftreten. Es ist aber geradezu grotesk, dass er sich ermahnend an diejenigen wendet, die ihre „Menschenfreundlichkeit den eigenen Mitbürgern“ gegenüber vermissen lassen. „Diese Eiferer“ trieben „erst recht einen Keil in unsere Gesellschaft“. Die Gegenkommentator_innen seien also das eigentliche Problem und nicht diejenigen, die dauernd gegen Geflüchtete keifen. Denn, so Schmitzer, „hinter den Kommentaren der Bürger stecken keine Ideologien, sondern persönliche Sorgen und Ängste.“ Eine bessere Verteidigung kann sich der besorgte Bürger gar nicht wünschen.

Zweierlei ist dabei auffällig. Erstens entpolitisiert Schmitzer den politischen Raum, indem er politische Aussagen als Ausdrücke persönlicher Sorgen und Ängste definiert und damit auch die Fähigkeit der besorgten Bürger relativiert als eigenverantwortlich denkende und handelnde politische Subjekte aufzutreten. Das ist eine fatale Strategie, um Menschen im politischen Diskurs unangreifbar zu machen. Wer Angst hat, entziehe sich also dem Politischen. Das ist reaktionäre Ideologie. Zweitens gibt er Menschen, die sich – gewiss manchmal auch unangemessen in der Wortwahl – für das Asylrecht stark machen und rassistische Kommentare missbilligen, Schuld an einer Spaltung der Gesellschaft. Weil sie Menschenfreundlichkeit nicht den eigenen Mitbürger_innen gegenüber zeigen. Der Vorwurf lautet: Für die Fremden seid ihr da, das eigene Volk ist euch egal! Das wiederum ist ein Versatzstück völkischer Ideologie.

Mit dem eigenen Volk kennen sich auch Ilonka und Pit aus - Irgendwo auf Facebook kommentiert.

Mit dem eigenen Volk kennen sich auch Ilonka und Pit aus – Irgendwo auf Facebook kommentiert.

Beide Strategien lassen sich wunderbar in das Weltbild der besorgten Bürger integrieren. Schmitzer erreicht einerseits, dass sich das Altöttinger Trio, das ja niemals rechts sein könnte, mit seinen rassistischen (irrationalen oder rationalen) Ansichten respektive Sorgen und Ängsten ernstgenommen fühlt, ohne sich um die Sorgen und Ängste von Geflüchteten scheren zu müssen und andererseits, dass es sich in der (vermutlich auch unpolitischen, weil besorgten) Haltung bestätigt fühlt, wonach die intakte Volksgemeinschaft in Deutschland von den linken Vaterlandsverräter_innen zersetzt werde. Das ist Schmitzer gut gelungen. Eine zweifelhafte Anerkennung.

Aloa Input | 22.10.15 | W1 (Regensburg)

Aloa Input

Aloa Input

New Weird Bavaria nennt sich das eigentliche Nicht-Genre seit einigen Jahren, worunter insbesondere auch Aloa Input zu zählen sind, zumal ihre Vor-, Neben- oder eben Hauptprojekte großen Anteil am Begriff selbst und seiner stilistischen Einordnung haben. Missent To Denmark, Angela Aux, Joasihno – um ein paar zu nennen.

Der Prototyp des New Weird Bavarians ist hip, männlich, Anfang bis Mitte 30, vor einigen Jahren aus der bayerischen Provinz nach München zum Studieren gezogen und geht jetzt irgendwelchen Beschäftigungsmaßnahmen beim BR-Jugendsender PULS nach. Wenn er letzteres nicht tut, findet ihn PULS auf alle Fälle super und haut ein Feature nach dem anderen raus. So will es das bayerische Jugendmusikgesetz. Daneben spielt der New Weird Bavarian natürlich in zahlreichen Bands oder dreht dort zumindest an irgendwelchen Reglern. So zum Beispiel bei Aloa Input.

Zwei Platten (Anysome und Mars Etc.) sind bisher bei Morr Music erschienen, die dieses vermeintliche Genre ganz gut definieren. Verspulte Melodien, schiefer Gesang, digitale Sounds, karibische Beats und abseitige Rhythmik. Der Stilmix als Paradigma, das popmusikalische Experiment als Mittel und Zweck zugleich.

So stehen also drei Multiinstrumentalisten auf der W1-Bühne inmitten von ziemlich viel Graffel. Da ein Keyboard, dort ein Synthesizer, da ein Dutzend Effektgeräte, dort ein großes elektronisches Teil, das ständig „blink“ macht. Drei (manchmal auch nur zwei) Beamer projizieren auf die hintere Leinwand ein ganzes Universum an Wirrwarr. Und mittendrin eben: Aloa Input.

Der Fokus liegt zu Beginn auf Mars Etc., das seine Melodien klarer umreißt als der Vorgänger Anysome, dennoch noch ein bisschen verspulter, elektronischer und nintendo-lastiger daherkommt. Die Band weiß dazwischen aber immer wieder einen markanten Beat (Oh Brother), eine feine Bassline (z. B. Vampire Song) oder eine schöne Gitarrenfigur (z. B. Blabla Theory) unterzubringen. In all ihrer Weirdness verstehen die drei Multiinstrumentalisten nämlich auch einiges davon gute Songs zu schreiben. Dass sie diese live mit der Hilfe einer ganzen Elektrowerkstatt performen können, ist dann eher nur noch Formsache. Es ist sogar, trotz zurückhaltendem Auftreten und ein paar Sparwitzen, ein guter Auftritt, weil Aloa Input gelingt nach und nach mit den etwas folkigeren Anysome-Songs zugänglicher zu werden und weil sie all das Gewusel nicht überstrapazieren, sondern die Dynamik eines Konzert mit ihrem Stilmix genau einzuschätzen wissen.

Circe – Music composed for The Show of Shows

Circe

Mehr als ein bisschen Hauptband

Das Schreiben über diese Platte scheitert beinahe schon daran, dass nicht ganz klar ist, wie hier was zu bezeichnen wäre. Was soll überhaupt in die Titelzeile? Denn Circe sind keine Band, vielmehr verbirgt sich dahinter der Name eines Soundtracks zum im Dezember erscheinenden Dokumentarfilm The Show of Shows über die Zirkus-, Vaudeville-, Karneval- und Cabaretszene(n) Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Musik hierfür stammt von Georg Holm, Orri Pál Dýrason, Hilmar Örn Hilmarsson und Kjartan Holm. Auch wenn zwei der Namen für isländische Verhältnisse durchaus kurz sind, verträgt dies dennoch keine Titelzeile.

Daran soll das Ganze aber auch nicht scheitern, denn hinter Circe steckt eben nicht irgendwer, sondern 2/3 von Sigur Rós, ihr Tourgitarrist und der Komponist Hilmarsson. Wäre das allein vielleicht schon eine Erwähnung wert, ist es das vorliegende Album allemal. Nicht nur, weil Postrock- und Ambient-affine Ohren schon im Voraus erahnen können, was auf sie zukommt, sondern weil es noch besser kommt als man erwarten könnte. Circe dauert deutlich über eine Stunde und präsentiert freilich viele ruhige Klänge und weitläufige Songstrukturen, die nur selten klassische Songstrukturen sind. Die einzelnen Songs verzichten meist auf eine entsprechende Dramaturgie und sparen Kulminationsmomente aus, die Georg und Orris Hauptband wie keine andere beherrscht.

Circe ist merklich ambientlastiger – was nicht nur, aber auch am (von spärlichen Chören bei Tko oder To Boris With Love abgesehen) gänzlich fehlenden Gesang liegt -, entwickelt aber dennoch eine stellenweise fast tanzbare Rhythmik. Lila wäre hier etwa zu nennen, das mit einem markanten Beat auch in Electro-Kreisen auf Interesse stoßen könnte. Oder das fast schon karibisch zappelnde Salire. Ganz allgemein spielen perkussive Elemente eine tragende Rolle, die Georg Holm mit seinem unnachahmlichen, meist äußerst dezenten Bassspiel ummantelnd begleitet. Da ist auf die sigur-róssche Rhythmussektion natürlich Verlass. Viele von Circes Passagen wären durchaus auch auf einer Sigur-Rós-Platte denkbar. Das etwas aus der Reihe tanzende und wuchtige To Boris With Love etwa, könnte man sich gut auf Kveikur vorstellen, Liquid Bread & Circuses atmet die Luft von Valtari und Wirewalker hätte sich auch auf Takk… finden können (Holms Bass wurde ja bereits erwähnt, die beiden letzten Beispiele illustrieren dies übrigens vortrefflich).

Es fällt ohnehin schwer sich Circe einigermaßen sinnvoll ohne die ständige Referenz zu Holms und Dýrasons Hauptband zu denken, entfernt sich die Platte eben auch musikalisch nicht allzu weit davon und wäre auch in diesem Kontext mit kleinen Abstrichen (der größte sicherlich: Jónsi) denkbar. Aber wie auch bereits eingangs angedeutet: Circe ist keine abgespeckte Sigur-Rós-Version, sondern – die Erwartungen erfüllend oder sogar übertreffend – ein formidabler Soundtrack, der seine ganz eigenen Stärken zu entfalten weiß.

8,0/10

Circe | Krunk Records | VÖ: 21.08.15 | LP/CD/download

Idle Class – Of Glass And Paper

Idle Class - Of Glass And Paper
Vielleicht doch nur ein Kater

Nachdem das Drama 2013 scheinbar beendet war, geht es 2015 wenig überraschend weiter. Und diesmal wirklich dramatisch. The Drama’s Done hieß der Erstling von Idle Class, der viel davon aufbieten konnte, was eine gute Punkband dieser Tage ausmachen sollte. The Drama Continues – der erste Song von Of Glass And Paper lässt daran auch wenig vermissen. Ein plakatives, aber schönes Intro, ein Singalong-Refrain bester Güte und überhaupt: Eine absolut würdige Eröffnung einer Platte.

Doch dann, ja dann, geht das Drama eigentlich erst los. Idle Class verzetteln sich Song für Song darin eine noch hymnischere Hymne nach der anderen spielen zu wollen. Dabei wiederholen sich nicht unbedingt die Songideen, sehr wohl allerdings die Songstrukturen. Mainvocals, die nur eine Stimmlage kennen, gedämpfte Akkorde, die fast immer die Überleitung zum Refrain übernehmen und ein Songwriting, das sich insgesamt übertrieben auf eben jene Refrains fokussiert. Ja, das ist über weite Strecken recht langweilig und da Idle Class gegenüber dem Vorgänger auch deutlich das Tempo rausnehmen, können sie hier über die Geschwindigkeit auch nicht viel retten.

Nicht, dass es nicht auch Lichtblicke gäbe. Die gibt es sehr wohl. I Used To Say It’s Just A Phase z. B., das sich in unter zwei Minuten stringent durch einen Offspring-Gedächtnis-Riff zieht und daraus einen treffsicheren eigenständigen Song formt. Auch das in Teilen balladesk angelegte Bring In The Harvest kann die Band durchaus auf der Habenseite verbuchen, zumal es sich klanglich mehr auszubreiten traut und damit deutlich interessanter daherkommt als andere Songs. Ansonsten: Idle Class spielen ihren Stiefel runter, der an sich übrigens nicht von der schlechtesten Sorte ist. Das auffällige und stilsichere Drumming oder die stellenweise sehr reizvoll gespielten Basslines künden mitunter davon.

Das starke The Drama’s Done war vermutlich dennoch keine Eintagsfliege oder ein bloßes Zufallsalbum. Idle Class hätten schon etwas zu bieten. Die Methoden indes, mit denen sie ihr Songwriting anrühren, sind fad geworden, die Energie und Unbeschwertheit des Erstlings sind dahin (auch die Produktion ist merklich beschwerlicher), die Hooklines eines Han Shot First gelingen nicht mehr, so dass Of Glass And Paper nicht in eben dieser Kategorie spielen kann. Vielleicht ist das aber gar kein großes Drama, schließlich kommt nach dem Höhenflug manchmal eben der Kater. Und bekanntlich geht es danach wieder bergauf.

Wertung: 4/10

Anspieltipps: The Drama Continues, I Used To Say It’s Just A Phase, Bring The Harvest

(Martin Oswald)

Idle Class – Of Glass And Paper | Uncle M | VÖ: 25.09.15 | LP/CD/digital

Radare – Im Argen

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Noch einen Scotch, bitte! Den letzten.

Filmmusik. Auch so ein seltsames Genre, wenn es denn überhaupt eines sein sollte. Und wer wird da eben nicht sofort an Fluch der Karibik, Star Wars, Indiana Jones oder James Bond denken. Die Musik ist ja beim Film nicht lediglich für Stimmung, Charakterzeichnung, Schockeffekte und dergleichen mehr zuständig, sie manifestiert sich auch, sofern sie einprägsam genug ist, im kollektiven Gedächtnis, wird zur Rezeptionsgrundlage nachfolgender Filme, Kritiken, Werkschauen und Dekaden-Kompilationen. Die Musik muss auch unabhängig vom Film funktionieren und sich entsprechend verkaufen, so zumindest die Hoffnung der Marketingstrateg_innen bei Filmproduktionen. So läuft der Hase.

Doch was ist eigentlich wenn es zur Filmmusik überhaupt keinen Film gibt, ja wenn es sich gar nicht um eine große Produktion handelt und gemessen an den oben genannten Themes nicht besonders einprägsam ist? Dann ist vielleicht der Anfangsbegriff nur falsch gewählt. Könnte sein, die Sache ist aber etwas komplizierter und hier kommen auch schon Radare mit ihrem neuen Album Im Argen ins Spiel.

Denn bereits nach den ersten Saxophon-Seufzern bei Please Let Me Come Into The Storm / Luke malt sich man Filmszenen vor’m inneren Auge. Keine actiongeladen-explosiven oder bombastischen – wohlgemerkt. Oh nein. Malen wir uns lieber aus: Das Spotlight steht auf dem gewellten roten Bühnenvorhang in der verrauchten Kellerbar und David Lynch schleicht sich aus dem Halbdunkel an, einen Scotch in der einen, eine heruntergebrannte Kippe in der anderen Hand und spielt ein unsichtbares Saxophon. So ungefähr. Es wäre deutlich untertrieben, würde man von einer Reminszenz an Lynch sprechen. Er oder genauer sein Haus- und Hof-Komponist Angelo Badalamenti sind omnipräsent, ihre musikalische Themensetzung ist geradezu Haupthandlung auf Im Argen. Die zurückhaltenden, trägen und teilweise doch dezent beschwingten Töne Radares eröffnen unweigerlich den atmosphärischen Kosmos von Twin Peaks, Blue Velvet oder Mulholland Drive.

Und doch: Radare kopieren nicht etwa. Sie wälzen die Tragik, Ausweglosigkeit und Gefangenheit im Trübsal eines Lynch-Streifen aus, entschleunigen sie und versetzen sie doch wiederum auf eine neuartige Ebene. Da wirkt Das Einsame Grab des Detlef Sammer mit Sax, Rhodes Piano und Foot High Hat schon fast wie eine reine Jazznummer, würde sich nicht eine fiese mars-voltaeske Westerngitarre darunter mischen und den Song eine verstörendere Abzweigung nehmen lassen. Auch Burroughs bleibt langsam, jazzig, nebulös und wohltuend befremdlich. Es deutet den Ausbruch an, bleibt aber doch – wie eigentlich alle Songs auf Im Argen – gefangen, unvollendet, ausweglos. In dieser Hinsicht sind Radare erstaunlich konsequent. Nicht eine Sekunde versuchen sie gefällig zu sein, stattdessen wickeln sie z. B. ein Distress, samt – (man höre und staune) doch einer Art „Explosion“ – fast zehn Minuten um die Tanzstange der verlausten Bar, in der David Lynch seinen zehnten Scotch nimmt und sich in der hintersten Ecke zum Schlafen legt. Hm, da schauen wir doch lieber Filme… Oder eben nicht.

Wertung: 8/10

Anspieltipps: Das Einsame Grab des Detlef Sammer, Distress

(Martin Oswald)

Radare – Im Argen | Golden Antenna Records | VÖ: 25.09.15 | LP/CD/digital

Schnipo Schranke – Satt

Schnipo Schranke - Satt

Fame!

Es hätte doch so wunderschön sein können mit Schnipo Schranke. Schließlich kam das Duo irgendwann mit dem Instant-Internet-Hit Pisse des Weges, wurde von Youtube dank Video-Löschung mit gratis Promotion ausgestattet und legte vor allem einen gelungen Parforceritt in Sprache und Musik hin. Ein fast perfekter Song also, der schon mehr als Lust auf ein dazugehöriges Album macht(e). Ein Album, das manche am liebsten schon als Beginn einer neuen Hamburger-Schule-Zeitrechnung stilisiert hätten. Schließlich vereinen Schnipo Schranke beim oberflächlichen Hinschauen die attribute Pop, Hamburg, Blockflöten-Studium und Mut zum erfrischend schonungs- und schmucklosen Sprachgebrauch.

Friederike Ernst und Daniela Reis sind die Erwartungen, die mancherorts in Richtung ihres Debuts Satt gerichtet wurden – politisch sollte es sein, vielleicht auch gleich feministisch, auf jeden Fall aber ziemlich intellektuell – dann aber in erster Linie scheißegal. Unterhaltung, das ist der Zentrale Antrieb hinter diesem Album. Nicht mehr, nicht weniger. Daran ist ja auch nichts Schlechtes zu finden, im Gegenteil. Man mag prinzipiell fast dankbar sein, ob der Weigerung des Duos, sich vor jedwede Karren spannen zu lassen. Schwierig wird es, wenn der Höhenflug im Zeichen des Entertainments in einer krachenden Bruchlandung endet. Und die legen Schnipo Schranke formvollendet hin. Irgendwie zumindest. Das beginnt bei der Neuaufnahme der erwähnten Single Pisse: Dem Stück wird ein wenig Geschwindigkeit genommen, dafür darf die Albumversion ein paar mehr überflüssige Spuren mitschleppen. Und verliert so auf Seiten der Musik jeglichen Charme.

Dass der Song dennoch ohne Zweifel zu den Highlights der Platte zählt, liegt daran, dass mancherorts der erwähnte Charme gleich komplett fehlt. Weil Texte in unprätentiösem – nicht aber derben – Gewand zwar durchaus erfrischend sind, aber „Fotze“ auf „Kotze“ zu reimen trotzdem noch lange nicht akzeptabel ist. Gerade wenn es auf Albumlänge geschieht. In jedem einzelnen – pardon – verdammten Song. Schnipo Schranke, das sind Reimschemata, die Pur in Rekordzeit freiwillig ins Abenteuerland vertreiben könnten. Für immer. Schnipo Schranke, das ist außerdem ein arg offensichtliches Produkt. Da ändert es nichts, das man freimütig zugibt, den Mainstream im Blick zu haben. Satt wirkt schon beim flüchtigen Hinsehen verdächtig konstruiert und in Haltung und Themenwahl bemüht zeitgemäß. Ein genauerer Blick bringt keine Abhilfe, sondern bestätigt genau dies. Und trotzdem macht das Duo Spaß. In kleinen Dosen. Im wundervollen Schnipo-Song, oder dem unwiderstehlichen Cluburlaub zum Beispiel. Dann sind Schnipo Schranke pures Gold. Ansonsten sind sie manchmal nervig und meistens okay. In erster Linie aber erschreckend egal.

Wertung: 5/10

Anspieltipps: Schnipo-Song, Pisse, Cluburlaub

(Martin Smeets)

Schnipo Schranke – Satt | Buback / Indigo | VÖ: 04.09.2015 | LP/CD/Digital

Fliehende Stürme | 11.09.15 | Goldenes Fass/Wilderer (Regensburg)

Fliehende Stürme

Fliehende Stürme

Einen Text über die Fliehenden Stürme zu schreiben ohne die Erwähnung von Chaos Z? Unmöglich. Denn Chaos Z – und das darf an dieser Stelle ruhig einmal gesagt sein – sind neben Slime und Schleim Keim die (vielleicht) wichtigste, einprägsamste und bedeutendste deutschsprachige Punkband. Klingt nach einer allzu steilen These? Mitnichten. Ohne den Frust, die Verzweiflung, die quälende Monotonie, den messerscharfen Geist und den kargen lyrischen Nihilismus Chaos Zs wäre die Entwicklung des Deutschpunk hierzulande ganz anders verlaufen. Deutlich schlechter als ohnehin schon – soviel ist gewiss. Doch geht es in diesen Zeilen eigentlich nicht um Chaos Z, sondern um die Fliehenden Stürme, wie die Band seit nun über 30 Jahren heißt. Ein eigentlich fließender stilitsischen Wechsel hat sich in der Konsequenz der Namensänderung vollzogen. Das war damals mutig und ziemlich einmalig und bildet sich heute noch in der eigenwilligen Publikumszusammensetzung ab. Fliehende Stürme bringen Szenen und Leute zusammen, die einander allenfalls vom Hörensagen kennen.

So geschehen auch in Regensburg im Goldenen Fass respektive Wilderer – wie sich der wintergartenähnliche Anbau nennt. Selten ist das Regensburger Publikum derart szenen- und generationenübergreifend zusammengesetzt wie hier. Geladen hatte an diesem Abend Regensburgs Goth/Dark-Wave-Community La Nuit. So wirklich heimelig kann sich aber eigentlich niemand in dem nervenaufreibenden, erschöpfenden und kathartischen Fatalismus der Stürme fühlen und doch fühlen sich gerade die verzweifelten Seelen aus Goth, New Wave, Punk und (Post-)Metal sich gleichermaßen angesprochen. Das Stimmungssetting wäre also schon einmal klar als die Fliehenden Stürme arg verspätet die Bühne betreten. Doch das Interieur will nicht ganz dazu passen. Räumlich ist das (oder der?) Wilderer vortrefflich konzertgeeignet, atmosphärisch hat es aber doch mehr von einem Vereinsheim oder einer Krankenhauskantine. Wenigstens bekommt man die Siffe vom Boden besser weggewischt.

Nach etwas hölzernem Beginn und unfertigem Soundmix, kommt die Band um Andreas Löhr nach und nach immer mehr und großartiger in die Gänge. Löhrs düstere und klagend-einzigartige Stimme drängt zunehmend in den Vordergrund und taucht das Vereinsheim mit den Plüschhirschköpfen an der Wand in eine noch trostlosere Stimmung. Ohnehin ist die Depression der Fliehenden Stürme ein Realitätscheck, der brutaler nicht ausfallen könnte. Bitterste Lyrik in dunkelstem Soundgewand, treffsicher, hoffnungslos und in dieser Hinsicht in der deutschsprachigen Musiklandschaft unerreicht. Großes Kino. „Ich bin Müll, doch ihr seid dreckig / Ich bin nicht stolz auf dieses Land.“ ‚Nuff said.

(Martin Oswald)