FJØRT – Kontakt

FJØRT - KontaktWeg ohne Umwege

Die Entwicklung von FJØRT kannte bislang nur eine Richtung: Nach vorne. Und das scheinbar folgerichtig, glatt und ohne große Widerstände. Gründung 2012, Ende des selben Jahres die EP Demontage, 2014 die erste LP D’accord über This Charming Man Records, Anfang 2016 nun Kontakt über Grand Hotel van Cleef. Dazwischen ein ganzer Haufen Konzerte. Ein Weg ohne Umwege. Das mag verschiedene Gründe haben, der wichtigste ist sicherlich, dass viele FJØRT für eine Ausnahmeerscheinung im Post-Hardcore halten und das gewissermaßen auch zutrifft. Zumal im deutschsprachigen. Die drei Aachener sind aufbrausender und wuchtiger unterwegs als andere, ihr Sound und Songwriting haben mittlerweile eine bemerkenswerte Unnachahmlichkeit erlangt. Das pusht und hyped uns ist doch ein zweischneidiges Schwert.

Zwar poltern FJØRT auch musikalisch geradewegs und gewaltig nach vorne, bewegen sich dabei aber kaum. Zumindest, wenn man die vorangegangenen Demontage und D’accord zugrunde legt. Gewiss, bei der Produktion wurde nun nochmals eine Schippe Bombast draufgepackt, den Songs wurden mehr Feinheiten zugestanden und dem Gesang erneut einige Semester Artikulationsunterricht gegönnt. Zugespitzt gilt jedoch die Losung: Kennste einen Song, kennste alle. Mit Abstrichen, versteht sich, doch das Manko FJØRTs ist, dass sie seit Demontage zwar beständig zu überzeugen, nicht zu überraschen wissen. Alles ist erwartbar.

So reißt das kehlige, jede Silbe überdeutlich und immer hart auf Anschlag artikulierende Geschrei Schluchten ein zwischen Felswänden aus verzerrten Basslines, bleierner Gitarre und kraftvollen Drums. Dazwischen schlängeln sich Momente der Behutsamkeit, der Ruhe und Einkehr. Ein Auf und Ab. Das zeichnet FJØRT aus. Immer. Bei Anthrazit ist dies überaus beispielhaft und vortrefflich gelungen. Für Kontakt gilt das gleichermaßen. Mit Paroli wagen sich FJØRT auch konkret an aktuelle gesellschaftspolitische Thematik ohne dabei ihre übliche textliche Abstraktheit gänzlich aufzugeben. Ob es dabei mit der Parole „Frei zu sein / bedeutet Freiheit zu schenken“ einigermaßen albern zugehen muss, sei einmal dahingestellt.

Wichtiger als einzelne Songs ist jedoch die Gesamtdramaturgie der Platte. Die ist allerdings gelungen, weil FJØRT im Rahmen ihrer selbstauferlegten engen Grenzen Kontakt spannend zu gestalten wissen. Und insbesondere in diesem Gesamtkontext kann auch ein vergleichsweise zurückgelehntes Mantra herrlich strahlen. Ja, FJØRT haben erneut abgeliefert. Was auch nicht anders zu erwarten war und doch bleibt der kleine Wermutstropfen, dass sie sich an der mittlerweile etwas berechenbaren, wenngleich erfolgreichen Rezeptur nicht zu rühren trauen. Müssen sie beim zweiten Album ja auch wahrlich nicht. Aber wir werden sehen, was noch kommt.

7/10

FJØRT – Kontakt | Grand Hotel van Cleef | VÖ: 22.01.16 | LP/CD/digital

Planks – Perished Bodies

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Geordneter Rückzug. Mit Wucht.

Eigentlich sollte man den Blick ja schon wieder nach vorne richten, das Jahr ist vorüber, die Bestenlisten 2015 in Stein gemeißelt und die 2016er Releases gerade in den Startlöchern. Eigentlich. Doch manchmal lohnt es sich doch noch einmal in den Stapeln des Vorjahres zu wühlen. So manches hat sich angesammelt, das nicht unerwähnt bleiben sollte. So zum Beispiel die allerletzte Planks-Platte, die im Spätsommer, als die Band schon gar nicht mehr existierte, veröffentlicht wurde. Perished Bodies ist gewissermaßen das Vermächtnis einer Band, die ihre Auflösung weit im Voraus geplant und entsprechend vollzogen hatte. Ein geordneter Rückzug mit einer letzten musikalischen Wegmarke.

Und so fühlt sich Perished Bodies auch an. Es ist ein schwerer, wuchtiger und zäher Abschied, der sich zudem passend in die Diskographie einordnet. Alles andere wäre auch eine Überraschung gewesen. „There is a reason that alls things must come to an end“, heißt es im von einer jaulenden Gitarre durchzogenen The Sacrifist, Pt. I und man schwankt bei dieser Selbstreferenz und angesichts dem Ende der Band zwischen tiefer Zustimmung und ebensolcher Ablehnung. Muss das denn wirklich so sein? Ja. Nein. Vielleicht. Es weist jedenfalls den letzten Weg, den Planks gehen (wollen). Dieser hat sich aus einem eher stürmischeren Sludge nach und nach in einen atmosphärisch-doomigen Post Metal verwandelt, der in Perished Bodies seinen konsequenten und gelungenen Abschluss findet. Und dieser liegt am Abgrund. Dem Abgrund menschlicher Bemühungen, Hoffnungen, Ängste und Ausflüchte. Nothing Will Ever Change oder das wunderbar aufgebaute und im Duett mit SVFFERs Leonie gesungene und gebrüllte She Is Alone künden auf vortreffliche Weise davon. Oder auch das verzweifelte und tonnenschwere Only Now.

Dass sich hier auch die beiden Instrumentalstücke Perished Bodies und The Sacrifist, Pt. II gut einfügen, verwundert nicht, zumal sie dem Album die nötigen Verschnaufpausen gönnen oder wie im Falle des Letzteren, das das Album in Rückgriff auf Pt. I zunächst sanft und monoton, gegen Ende wuchtig und insgesamt gefühlvoll umschließt. Perished Bodies ist ein absolut würdiger Schlussstrich. Und raus!

7,5/10

Planks – Perished Bodies | Golden Antenna Records | VÖ: 11.09.15 | LP/CD/digital

Die 10 besten Alben 2015

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10. Archivist – S/T

Archivist - Archivist // Bild: http://archivistmusic.bandcamp.com/releases

Dort, wo sich ehemalige Mitglieder von Fall of Efrafa und Light Bearer verantwortlich zeichnen, kann man ohnehin kaum etwas Schlechtes erwarten. Dennoch birgt ein Bandwechsel gewisse Risiken in der Erwartungs- und Anspruchshaltung, in der Abgrenzung und dergleichen mehr. Archivist ist das zum Glück herzlich egal. Ihr Debüt ist vielleicht weniger episch, brachial und narrativ als das (leider nicht zu Ende geführte) monumentale Light-Bearer-Projekt, trotzdem ist es eine wunderbare und gewichtige Ansage im Spannungsfeld von Postrock und Hardcore. (Albumreview)


9. MewithoutYou – Pale Horses

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Martin Smeets schreibt: Pale Horses ist ein ungemein forderndes Album, das nach und nach erschlossen werden will. Dessen viele kleine Ideen zwar meistens leiser und unauffälliger präsentiert werden, aber dafür umso eindrucksvoller wirken. Überall funkelt und strahlt es in diesen Songs.“ Das stimmt und doch hat es für ein forderndes Album die ungewöhnliche Fähigkeit auch einfach nebenbei, beiläufig gehört werden zu können. Es strengt nicht an, die Zeit zieht vorüber und es fühlt sich gut an. (Albumreview)


8. Circe – Music Composed for the Show of Shows

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Wenn schon nicht Sigur Rós, dann wenigstens zwei Drittel davon. Einen Stammplatz in dieser jährlichen Bestenliste haben sie sowieso. Und mit Circe ist das auch nicht etwa aus Nostalgie- oder Stellvertretergründen, sondern mit Recht. Denn dieser Soundtrack kann unheimlich viel, siedelt er sich wie selbstverständlich im ambienten Postrock an, weiß sich aber dennoch fortwährend davon frei zu machen und sich stattdessen im Elektronischen und gelegentlich auch Tanzbaren zu bewegen. (Albumreview)


7. The World Is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die – Harmlessness

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Der traumwandlerische, vielstimmige und multiinstrumentierte Indie des Kollektivs aus Connecticut ist eigentlich immer eine Schau. Das war bei der vorangegangenen LP Whenever, If Ever schon so und ist auch bei Harmlessness nicht anders. The World Is… entlocken dem Emo eine ungeahnte Leichtigkeit voller Humor und Absurditäten, verzaubern mit eingängigen und wunderschönen Melodien und langweilen zu keiner Sekunde auf diesem beinahe einstündigen kleinen Wunderwerk.


6. Radare – Im Argen

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Radares Im Argen wäre ein vortrefflicher Soundtrack geworden. Ja, im Grunde ist es überraschend, dass es keiner ist. Träge, instrumental, verrucht und nebulös. Im Argen klingt nach Angelo Badalamenti und David Lynch und ist grandios. Gewiss auch anstrengend, aber diese Reise lohnt sich, weil Radare sich überhaupt nicht scheuen nicht gefällig zu sein, sondern ihren befremdlich warmen und jazzigen Slowcore-Irgendwas einfach ohne Kompromisse spielen. Ein großes Werk. (Albumreview)


5. Desaparecidos – Payola

Desaparecidos - Payola

Die Wiederbelebung der Desaparecidos und Payola wirken wie ein Befreiungsschlag und dokumentieren auf bemerkenswerte Weise wozu Conor Oberst, dieses zweifelnde Genie aus Omaha, immer noch in der Lage ist. Der rastlose, chaotische Punkrock der Desaparecidos steht ihm jedenfalls besser als der Country Folk seiner Mystic Valley Band. Zumindest auf diesem erstklassigen Niveau, das überdies hoffen lässt, dass Oberst sich nicht lediglich einen vorübergehenden Ausflug zurück zum Punk gegönnt hat. (Albumreview)


4. Sufjan Stevens – Carrie & Lowell

Sufjan Stevens - Carrie_Lowell

Klar. Als der Musikkritikliebling schlechthin sahnt Sufjan Stevens mit seinen Alben standardgemäß beste Bewertungen ab. So natürlich auch dieses Jahr. Und wahrscheinlich könnte er wirklich irgendetwas aufnehmen, Lob wäre ihm stets sicher. Allerdings hat er in diesem Jahr nicht einfach irgendetwas aufgenommen, sondern sein bis dato vielleicht eindrucksvollstes Album. Eine Hommage an seine verstorbene Mutter und seinen Stiefvater, aufrichtig, tiefgründig, außerordentlich persönlich, dabei aber nicht aufdringlich, sondern voller Würde und Anmut. Herzensmusik (fast) ohne Kitsch. Das gelingt in dieser Weise wohl nur einem der allerbesten Songwriter seiner Generation: Sufjan Stevens.


3. Envy – Atheist’s Cornea

Envy - Atheist's Cornea

Envy sind zweifellos ein Maßstab in der Verbindung (atmo-)sphärischer Klanglandschaften und turbulenter Riffs, von Postrock, Hardcore und Screamo. Auf Atheist’s Cornea, ihrem mittlerweile sechsten Album, erneuern sie diese Einschätzung abermals eindrucksvoll. Denn die Platte gelingt ihnen von vorne bis hinten, ohne Wenn und Aber und bildet mit ihrem Kern aus Shining Finger, Ticking Time And String und Footsteps in the Distance die vielleicht vielschichtigsten 20 Minuten dieses Genres überhaupt. (Albumreview)


2. The White Birch – The Weight of Spring

The White Birch - The Weight of Spring

Ola Fløttum nimmt sich grundsätzlich Zeit. Sehr viel Zeit. Fast zehn Jahre ist sein letztes Album her und The Weight of Spring kommt eben auch nicht mit ein paar seichten Minuten um die Ecke. Über eine Stunde begibt sich The White Birch auf eine wunderbar traurige Reise. Mit Klavier, Streichern, gelegentlichen Drums, spärlicher Gitarre und vor allem der bezaubernden Stimme Fløttums entstehen tiefgründige, düstere, existenzielle und trotz ihrer Fragilität unverwüstliche Songs, die durch ihre Schönheit allzeit strahlen werden. Mindestens. (Albumreview)


1. Rolo Tomassi – Grievances

Rolo Tomassi - Grievances

Rolo Tomassi haben sich mit Stage Knives nicht nur den besten Song, sondern mit Grievances auch das beste Album des Jahres gesichert. Wie das? Nun, weil dieses Album ausgesprochen vortrefflich als ein solches funktioniert und über die gesamte Spieldauer wahrlich große Momente versammelt. Das technische Können ist in jeder Hinsicht meisterlich, Eve Spences Stimme ist unfassbar wüst und zierlich zugleich, die Spannungsbögen sind kaum auszuhalten, die Songs detailreich inszeniert und als Ganzes behutsam aufeinander abgestimmt. Beispielhaft wäre hier das unschlagbare Quartett aus OpalescentUnseen and Unknown, Stage Knives und Crystal Cascades zu nennen, das formvollendet ineinander greift und große Augenblicke bereit hält. Ein absolutes Meisterwerk! (Albumreview)

Die 10 besten Songs 2015

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Die besten Songs eines Jahres an dessen Ende zusammenzutragen, ist traditionell mit Schwierigkeiten verbunden. Denn viel zu viele gute Songs hat man im vergangenen Jahr sowieso gar nicht gehört, auf manche gar nicht geachtet oder nur nebenbei, anderen wiederum hat man nie die vielleicht nötige Aufmerksamkeit und Zeit geschenkt und manche schlichtweg wieder vergessen. Eine solche Bestenliste – zumal mit lediglich 10 Songs – ist also ohnehin defizitär und möglicherweise auch mehr Momentaufnahme als die unumkehrbare Segnung des musikalischen Jahres 2015. So manchen Platz wird man hinterher vielleicht bereuen und sich erst später entdeckte Perlen sowieso hier hinein wünschen.

Aber was soll das Gejammer? Hier die 10 besten Songs 2015 aus Sicht von Minima Mortalia in aufsteigender Reihenfolge:

 

10. Farben/Schwarz – Alles Disko

Emopunk, der allen Peinlichkeiten aus dem Weg geht, sollte ziemlich genau so klingen. Aufgewühlt, energisch, melodisch. Fertig.


9. Death Cab For Cutie – Little Wanderer

Leicht, beschwingt, sehnsuchtsvoll und wie immer auch mit einer gehörigen Portion Traurigkeit. Das vielleicht charakteristischste DCFC-Stück auf Kintsugi.


8. Desaparecidos – City on the Hill

„Uh-oh Uh-oh“-Rufe sind selten nicht nervig. Hier zum Beispiel. Denn Conor Oberst klingt auf Payola so hastig und wütend wie schon lange nicht mehr und mit City on the Hill haben die Desaparecidos einfach einen riesen Song aufgenommen. Da gibt es keine zwei Meinungen.


7. The Slow Show – Dresden

The Slow Show haben mit White Water ein wahrlich starkes Debütalbum veröffentlicht auf dem das sakral-monumentale Dresden am hellsten strahlt. Endlich also gute News für und über Dresden. Erlebt man ja auch nicht alle Tage.


6. Love A – 100.000 Stühle leer

„Nur wer mal aufgestanden ist, der darf sich setzen / Und darum bleiben hier so viele Stühle leer“. Der beste Song auf dem besten Love-A-Album muss ja wohl ziemlich gut sein, oder? Aber hallo!


5. Birds In Row – Marathon

Die intensivste und dramaturgisch ausgefeilteste Nummer auf der EP Personal War hört auf den Namen Marathon. „This marathon has no end I know / but all I can do is run / and I forgive my legs when they burn / and they burn.“ Ja, das trifft’s und ist überdies ziemlich gut.


4. The White Birch – Solid Dirt

Ola Fløttums sonore wie zerbrechliche Stimme ist das Zentrum dieses zierlichen Kleinods, das ansonsten mit dezenten Streichern, einem zurückhaltenden Klavier und einigen Tupfern weiblichen Backgroundgesang auskommt. Zu völliger Schönheit reicht dies nämlich. (Albumreview)


3. Drug Church – But Does It Work?

„Nothing works“ – So zumindest Patrick Kindlons vielfach sich wiederholendes Mantra. Nun, für den Song stimmt das jedenfalls nicht, denn der funktioniert als rotziger Hardcore-Kracher ausgesprochen fantastisch. (EP-Review)


2. Vennart – Operate
Mike Vennart hat 2015 endlich sein erstes Soloalbum veröffentlicht, an dem er schon lange inmitten der vielen Live-Shows, die er mit Biffy Clyro spielt, gearbeitet hat. Mit Operate gelingt ihm dabei eine sensationelle Nummer, ja eine regelrechte Hymne irgendwo zwischen Prog und Indierock. Wow!


1. Rolo Tomassi – Stage Knives

Der beste Song des Jahres lässt sich naturgemäß schwer in Worte fassen. Aber hier ist er. Musik ab! (Albumreview)

EP: An Early Cascade | Cloudkicker | Birds In Row | Dress | Second Youth

an-early-cascade-kairosAn Early Cascade – Kairos

Es fällt schwer zu glauben, dass An Early Cascade nicht Circa Survive sind. Insbesondere der Gesang von Maik Czymara ist in Klang, Tonlage, Intonation und Melodieführung so unvorstellbar nah an Anthony Green, dass man Kairos glatt für ein Rip-Off halten müsste. Und es ist nicht nur der Gesang. Viel erinnert an den progressiven Post-Hardcore aus Pennsylvania, allen voran im starken Opener der Passengers of Today. Und doch täte man unrecht daran An Early Cascade als Abklatsch zu betrachten. Denn dafür differenziert sich die EP im weiteren Verlauf hinreichend aus. So etwa im instrumental-zurückgelehnten Intermezzo Colored Sands, das sich plötzlich wie eine Fata Morgana in den EP-Verlauf reinschleicht und ebenso plötzlich wieder verschwindet. Spätestens dann wagen sich An Early Cascade mit The Waverer auch an sperrigeres, progressiveres Material, das überhaupt die gesamte zweite Hälfte auszeichnet und mit Inside ein fast schon mars-voltaeskes Finale im Tool-Gewand findet. Ja, is‘ so!

[Fleet Union | VÖ: 13.11.15]


Cloudkicker - WoumCloudkicker – Woum

Ben Sharp did it again… und wie! Die Ausnahmeerscheinung des progressiven Postrock pflegt nicht nur einen rasanten Veröffentlichungsrhythmus, sondern vor allem eine bewundernswerte Herangehensweise an Musik, die auf diesem Niveau ihresgleichen sucht. Ben Sharp erledigt jeden Schritt bei der Entstehung seiner Platten selbst. So auch bei Woum. Komposition, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Aufnahme, Mastering, Publishing und einiges mehr haben nur einen Namen: Ben Sharp. Das ist umso erstaunlicher, weil seinen Alben seit jeher nichts zu fehlen scheint, sie sich aber trotzdem eindrucksvoll weiter entwickeln. Woum macht hier keine Ausnahme, obwohl es musikalisch deutlich andere Akzente setzt als beispielsweise die unmittelbaren Vorgänger Subsume und Little Histories. Die Metaleinflüsse treten bei Woum in den Hintergrund und öffnen die Klangfarbe hin zu mehr Wärme, Klarheit, Feinheit und Leichtigkeit. Die mächtigen Riffs weichen kleinen Gitarrentupfern und machen zum Beispiel ein Plurals oder Threaded zu zerbrechlich schönen Songs. Mit Trim Splint und Dovetail hat Cloudkicker überdies zwei seiner besten Songs überhaupt aufgenommen und auf die EP gepackt. Woum ist ein Highlight. Wieder einmal.

[Eigenvertrieb | VÖ: 28.10.15]


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Birds In Row – Personal War

Spätestens seit dem über Deathwish veröffentlichten 2012er Album You, Me & the Violence sind Birds In Row im Hardcore keine Unbekannten. Der Dreier aus Laval (Frankreich) wusste schon dort dringliche, beklemmende und ja, auch brutale Songs von meist sehr kurzer Spielzeit zu versammeln. Die nun vorliegende EP Personal War weiß sich ebenfalls dort einzuordnen und geht doch einen etwas anderen Weg als der deutlich längere Vorgänger. Denn Songs wie O’dear oder Worried legen die markerschütternde Härte kurzerhand beiseite und kommen fast schon feingliedrig und sanft daher. Was natürlich nicht viel daran ändert, dass Personal War ein biestiger Klotz bleibt, der nicht so leicht zu verdauen ist. Birds In Row teilen aus was das Zeug hält und fahren dabei mit die besten Hardcore-Songs auf, die in diesem Jahr zu hören waren. Da wären zum Beispiel ein Torches, das nach dem Intro auf wunderbar erbarmungslose Weise alles niederwalzt oder das finale Marathon, das mit seiner atmosphärischen Dichte und dabei doch eng getakteten Unverwüstlichkeit auf keinem Hardcore-Sampler des Jahres 2015 fehlen darf. Ganz großes Kino!

[Deathwish Inc. | VÖ: 30.10.15]


Dress - AngstDress – Angst

Wenn Dress ihren Proberaum in der Alten Mälzerei in Regensburg betreten, achten sie vermutlich erst einmal darauf, ob auch ja alle Reverb-Regler bis zum Anschlag aufgedreht sind. Erst dann kann es losgehen. Ihr shoegaziger Dreampop, den sie mit Angst in die nächste Runde schicken, nährt sich geradezu aus Hall. War das selbstbetitelte Debüt 2014 noch deutlich popaffiner und eingängiger, so hüllt Angst die Songs weitaus mehr in Atmosphäre, Effekte und Klangspielereien. Und das steht der EP auch gut zu Gesicht. Der Titeltrack verzichtet gänzlich auf Gesang, die nachfolgenden Songs nutzen ihn auch bloß als Beiwerk. Im Fokus stehen nicht etwa Text und auch nicht das einzelne Lied an sich, sondern das Gesamtbild, das sich nach und nach entfaltet. Die feinen Details, die sich in die Monotonie schleichen oder die Soundscapes, die die die kleinen und einfachen Melodien umhüllen und sich dennoch nicht scheuen auch einen Hit wie About The Sea von der Leine zu lassen. Stark.

[Eigenvertrieb | VÖ: 14.11.15]


second-youthSecond Youth – Glass Roof

Second Youth sind ein europaweit verstreutes Duo, das mit Glass Roof eine erste 3-Song-EP vorlegt, bevor bald ein richtiges Album nachkommen soll. Man kann an dem Vorboten problemlos ablesen, wohin die Reise von Second Youth gehen wird. Melodige Punkrocksongs mit weit ausgestreckten Armen, in einer Hand eine Kippe, in der anderen eine Pulle Bier, Geldbeutelkette mit Billardkugel, Hut, ranzige Jeansjacke, Halstattoo, Spinnwebentattoo auf der Geheimratsecke (kein Witz!). Tja, Social-Distortion-Fans bekommen schon jetzt leuchtende Augen und werden diese auch nach dem Hören von Glass Roof und weiteren fünf Bier beibehalten. Glass Roof und How It Was (das sehr zurückhaltende und kurze Keep On Dreaming eher weniger) gehen zielsicher in die Gehörgänge aller, die den groß gestikulierenden 90er-Punkrock schätzen und froh sein werden die Bouncing Souls in ihrer selten veränderten Playlist durch zwei neue Songs ersetzen zu können. Ansonsten ist aber nicht viel los bei Second Youth: Musik, die man schon tausendfach hören musste, schmalzig, schwülstig und völlig egal. Das nächste Bier bitte!

[Uncle M | VÖ: 04.12.15]

Baguette – Oh!Deu!Vre!

Baguette - OhDeuVre

Noisebrot

Preisfrage: Kann man eine Band, die sich selbst Baguette und ihr erstes Album Oh!Deu!Vre! nennt überhaupt ernst nehmen? Nun, eigentlich nicht. Den wildesten Assoziationen schwirren im Kopf herum, die Angst vor dem ersten Höreindruck ist groß. Der erste Blick auf die Tracklist macht es nicht besser: Fuzzelroller. Ah, mon Dieu!

Doch siehe da: Der Song kann ja was. Einiges sogar. Noisiger Lo-Fi-Indierock, der ein bisschen zersaust, vor allem aber energisch zu Werke geht, Cloud Nothings und Japandroids in Hörweite weiß, aber eher auf dem Punkstuhl daneben Platz nimmt. Das sitzt und zerstreut alle Bedenken. Die Grazer Baguette setzen lediglich auf Schlagzeug, Gitarre und stark verzerrten Gesang und denken nicht im Ansatz daran diese minimalistische Konstellation aufzuplustern. Warum auch? Songs wie Knappstrupper funktionieren auch so. Ein geschmeidiges Riff, ein stampfender Beat, fertig.

Doch täte man der Band unrecht sie ingesamt allzu minimalistisch anzusiedeln, weil sie in Songwriting und ihren Soundcollagen einige Haken zu schlagen weiß und eine reichlich experimentelle Ader auslebt. Zum Beispiel dann, wenn sich Leszek erhebt und als progressive Instrumentalnummer eine Achterbahnfahrt unternimmt oder wenn mit Hauli alle rhythmischen Gewohnheiten abgerissen werden. Das ist zuweilen anstrengend, aber gut.

Leider halten Baguette dieses Niveau nicht über die komplette Spielzeit. Vor allem in der zweiten Hälfte (von Hauli und Why You Came abgesehen) kommt zu wenig rum. Da treten die Songs eher träge und ziellos in ausgelatschten Rock’n’Roll-Pfaden herum und kosten das Album einigen Reiz, auch weil man ahnt, dass hier deutlich mehr möglich gewesen wäre. Letztlich ist es aber insbesondere die Kombination aus hakenschlagendem Noiserock und eingängigen Refrains, der Baguette zu einer spannenden Zweierformation macht und die mit Oh!Deu!Vre! sicherlich noch nicht das letzte Wort gesprochen hat.

6,5/10

Baguette – Oh!Deu!Vre! | Numavi Records | VÖ: 11.12.15 | LP/CD/digital

Petrol Girls + Avalanche + Cold Kids + Dirk Power and the Lonely Hearts Club (Altstadtfrust Fest no. 2) | 04.12.15 | Büro (Regensburg)

Dirk Power and the Lonely Hearts Club

Dirk Power and the Lonely Hearts Club

Weil das L.E.D.E.R.E.R. nun schon seit geraumer Zeit nicht mehr existent und ein Ersatz nicht in Sicht ist, wurde das Büro immer mehr zur festen Größe für das Moloch Kollektiv, das seit fast zwei Jahren über 20 Konzerte mit weit über 50 Bands in Regensburg veranstaltet hat. Eine beachtliche Schlagzahl. Und so ist es auch folgerichtig, dass das zweite Altstadtfrust Fest, das zugleich als Jahresabschlusskonzert fungiert, ebenfalls im Büro stattfindet. Dass es gegenüber dem letzen Jahr ein paar Einbußen in der Gästeanzahl gibt, ist nicht ganz fair und trotz reichlich Werbung etwas verwunderlich, ansonsten aber auch nicht weiter tragisch. Gegen ein bisschen Beinfreiheit ist im Büro eigentlich eh nichts einzuwenden.

Nach einiger Verspätung (die Uhr ist in Regensburg stets eine ungeduldige Begleiterin) fangen Cold Kids aus Bamberg an, die neben einem überzeugenden und ganz offensichtlich an Ton Steine Scherben geschulten Stilmix aus basslastigem Deutschpunk und Wave vor allem durch ihren unsagbar angepissten Sänger auffallen. Ob letzteres Showeinlage oder Allüren sind, ist nicht zwingend auszumachen (es scheint beides zu sein), unangenehm und unsympathisch sind die abfälligen Bemerkungen sowie Mimik und Gestik gegenüber der ganzen Veranstaltung allemal.

Avalanche aus Wien, die das erste Konzert seit über einem Jahr spielen, wissen mit der von Cold Kids liegen gelassenen Verstimmung gut umzugehen und scheren sich einfach nicht darum. Stattdessen gibt es eine deprimierende Mélange aus Stoner Rock (weniger) und Metal (mehr), die konzentriert wie konsequent jeder Melodie aus dem Weg zu gehen versucht. Das ist zwar kein rauschendes Freudenfest für die Ohren, aber insgesamt doch solide und genretypisch gelungen. Immerhin ist die Angewohnheit des Sängers den Mikrofonständer wahlweise als Gehstock und Selfiestick zu gebrauchen einigermaßen amüsant. Doch das nur nebenbei.

Für den musikalisch besten Part des Abends sind ohnehin Petrol Girls zuständig. Das Londoner Konglomerat aus drei (festen) Bandmitgliedern und rotierenden Drummern (diesmal Astpais Zock), hat bisher zwar lediglich eine 3-Song-EP veröffentlicht, versteht sich aber ausgezeichnet auf rauen und energischen Post-Hardcore mit feministischem Anspruch, der auch vor dezent gesetzten Singalong-Passagen nicht zurückschreckt. Starke Band. Starker Auftritt.

Wie das noch zu toppen ist? Vielleicht mit einer Banane hinterm Schlagzeug, die den Imperial March für Darth Vader am Bass trällert? Nun musikalisch wohl eher nicht, doch darum geht es bei Dirk Power and the Lonely Hearts Club auch nur am Rande. Selbstironisch und peinlich zugleich manövrieren sie auch nach einem Besetzungswechsel gute und weniger gute Hits aus dem Punkrockplattenschrank in Live-Karaoke-Manier durch die letzte halbe Stunde Konzertabend. Das geht nicht immer unfallfrei über die Bühne, macht aber enormen Spaß und animiert so einige Leute (geschätzt deutlich mehr als letztes Jahr) zum Mitsingen respektive -grölen. Zum Feiern sowieso. Eine Wiederholung beim Altstadtfrust Fest no. 3 wird sich vermutlich nicht verhindern lassen. Zum Glück.

Such Gold + Muncie Girls + Chimney | 29.11.15 | K4 – Zentralcafé (Nürnberg)

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Such Gold

Was könnte man die immer gleichen Sonntagabende leid sein, die man sich im Laufe der Zeit angewöhnt hat und mehr aus rituellem Trotz an ihnen festhält als aus Freude. Tatort, Günther Jauch, Netflix… Es ist ein Jammer. Bequem ist das freilich, aber ebenso bitter. Umso willkommener kann ein Konzert sein, das die Gefahr des Immergleichen nicht im Ansatz birgt. Die HS-Crew und das Café Kaya haben Such Gold, Muncie Girls und Chimney nach Nürnberg ins Zentralcafé im K4 zum „Sunday = Funday“-Fest geholt, um dem Sonntagabend die Bitterkeit auszutreiben. Mit einem vortrefflichen Vokü-Buffet und einer kitschigen Kindergeburtstagsdeko samt jeder Menge Luftballons und Luftschlange hat man wahrlich keine Mühen gescheut. Allzu viele Nürnberger_innen wollten dieser Einladung dennoch nicht folgen, das Zentralcafé ist (wohlwollend gesprochen) halb voll. Dabei hätte es sich wirklich gelohnt.

Chimney aus Nürnberg spielen beschwingten, nicht immer ganz fehlerfreien Poppunk, der sich um keine Melodie herumdrückt, sich nicht lange mit unnötigem Firlefanz aufhält und mit teilweisem Blink-182-Gedächtnisriffing eines „Funday“ durchaus würdig ist. Dass insbesondere die Gitarrenarbeit auf einschlägige Punkrockschulung (No Fun, Jr. High u.a.) zurückzuführen ist, ist zu keinem Zeitpunkt zu überhören.

Muncie Girls aus Exeter, die erst kürzlich die Veröffentlichung eine Split mit Sandlotkids via Uncle M feiern konnten und im kommenden Jahr die erste LP From Caplan To Belsize herausbringen, scheuen ebenfalls keine Melodie, geben sich im Tempo allerdings gemächlicher, zerstreuter und verträumter, ja beizeiten geradezu balladesk. Ingesamt dominiert keineswegs zu einfach gestrickter Poppunk, den Muncie Girls grundsympathisch und mit ehrlicher Hingabe darzubieten wissen.

Deutlich mehr auf die Tube drücken dann Such Gold, die aus Rochester, New York den mit Abstand weitesten Weg hierher gemacht haben und vor allem in den USA mit zwei Studioalben und einer Handvoll EPs (u.a. Splits mit Into It. Over It.) mittlerweile (fast komplett umbesetzt) eine recht große HC/Punk-Nummer sind. Dabei sind sie weder sonderlich innovativ noch fallen sie anderweitig besonders auf im Szenewust. Was jedoch nicht heißt, dass ihr Handwerk nicht verstünden. Im Gegenteil. Denn das tun sie sogar vortrefflich und schmettern einen Hit nach dem anderen von der Bühne. Gerade aufs Live-Spielen verstehen sie sich gut, was in Teilen auch am Pfeffi-Konsum liegen mag, vorrangig aber wohl doch mit Können und Spielfreude zu tun hat. Gerade letzteres ist ein großer Gewinn für den „Funday“. Da hat man wirklich schon andere Sonntagabende verbracht.

Oiro – Meteoriten Der Großen Idee

Oiro - Meteoriten der großen IdeeGenauer hingeschaut

Na klar, Fröhlichkeit ist Oiros Sache nicht. Zumindest auf den ersten Blick. Und auf den zweiten. Und überhaupt. Vielmehr ist ordentlich Trostlosigkeit angesagt – wohin man sieht. Das fängt schon beim Cover an, das neben viel Grau einer tristen Häuserfassade auf den ersten Blick, bei genauerem Hinschauen noch mehr Tristesse offenbart: Essen-Steele 1984, ein Stuntman fliegt mit Raketenrucksack begleitet von tausenden Blicken durch die Gegend, ein Fest scheint im Gange und wirkt doch nicht feierlich. Diese von Reinhard Krause fotografisch eingefangene Szenerie befremdlicher Alltagsflucht könnte für das vorliegende Album nicht passender sein. Ein Fest, zum Feiern jedoch ungeeignet.

Denn auch die Musik trieft nicht gerade vor Freude. Karge und schmucklose Songs, die mehr schmerzen als gefallen. Die vermeintlich mut- und antriebslos vor sich hin gammeln als wären sie in den 80er Jahren aus dem Straßenschmutz des Ruhrpotts zusammengekehrt und liegen gelassen worden. Meteoriten Der Großen Idee, das dritte Album Oiros, ist quälend und öde. Und doch, wenn man ganz genau hinschaut, durchzieht die tonangebende Lethargie allenthalben ein Veränderungsanspruch, ein Abwehrkampf, der die Abstumpfung überwinden will und große Ideen in humorvoll-befremdliche Worte kleidet. Der Kampf ist nicht heroisch, er ist zäh und anstrengend. Aber er wird geführt und das allein zählt!

Oiro bewegen sich musikalisch – welch Wunder! – grob im Fahrwasser von Oma Hans, Dackelblut (und anderen Rachut-Konsorten) und EA80, auch thematisch sind für deutschsprachigen Punk keine unbekannten Größen dabei, wenngleich Oiro lyrisch durchaus in einer eigenen Liga spielen. Sie schätzen eine spröde, aber bildhafte Sprache, die sich kunstvoll mit harten Alltagsbegriffen mischt. Wenn Ein Friedhof Mit Nur Einem Grab seine zweckhaft und technisch auslassende Objekt-Verb-Konstruktionen leidenschaftslos aufzählt, Baumarkt in wiederholender Destruktion (und mit nerviger Flöte unterlegt) festhält: „Ich gehe in den Baumarkt in [beliebige Stadt einfügen] / Kaufe eine Säge, die sie verkaufen / Baue mir ein Haus / Ich zieh’ sofort wieder aus“ oder Das Ist Kein Camping sich mit vermeintlich unterkühlter Härte dem Thema Flucht widmet, dann sind das wahrlich großartige Momente. Wie viele weitere.

Überall auf Meteoriten Der Großen Idee lohnt es sich genauer hinzuschauen. Die bittere Resignation Oiros ist eben nur eine scheinbare, die sich als graue Fassade vor der menschlichen Verletzlichkeit aufbaut, um Angriffe abzuwehren und insgeheim darauf hofft sich einmal selbst einreißen zu können. Es ist eine Überlebensstrategie und Waffe – was M wie Musik und L wie Lyrik eben so sind oder um mit Oiro zu sprechen: „K wie Krieg und Kinderzimmer / H wie Heckler und K wie Koch“ (Holiday in Deutschland).

7,5/10

Oiro – Meteoriten Der Großen Idee | Flight 13 | VÖ: 30.10.15 | LP/CD/digital

Michael Lobesan + The Aharonov Boom Effect | 20.11.15 | W1 (Regensburg)

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Der November hat traditionell eine ordentliche Konzertdichte und steht sich dabei manchmal selbst ein bisschen im Weg. Dann nämlich, wenn unweit voneinander zeitgleich zwei unterschiedliche Konzerte stattfinden, die zumindest im Groben auf ähnliches Publikum hoffen können: Die Regensburger The Holy Kings, die im Büro ihr allerletztes Konzert samt allerletztem Album (Losing the Bond to Society) gaben und Michael Lobesan, der wiederum im W1 die Veröffentlichung seines ersten Solo-Albums Orphans feierte. Punkrock und „Melancholy Rave“ mögen soweit beieinander nun auch nicht liegen, ähnliche Szene- und Bekanntenkreise ließen dennoch eine gewisse Konkurrenzsituation aufkommen. Wir haben uns für letzteres entschieden.

Da sind zunächst einmal The Aharonov Boom Effect aus München, die einstimmen sollten. Etwas um die Ecke gedachte elektronische Musik mit allerlei Beat-Spielereien, zerfahrenen Melodien und einem auffällig ausschweifenden Gesang. Das ist so schlecht nicht, wenn auch ordentlich chaotisch und wäre um 3 Uhr nachts im Club deutlich besser aufgehoben als als Support um halb zehn im W1. So wird mit Visuals (mittlerweile wohl eine Pflicht für elektronische Bands) eine Clubatmosphäre imitiert und mit wummerndem Bass Tanzbarkeit simuliert, die schnell wieder verpuffen.

Michael Lobesan kann auf bessere Startbedingungen hoffen, zumal seine Art elektronischer Musik vorwiegend auf gemächliches Tempo, sanfte Klänge, leichte Melodien und viel Atmosphäre setzt. Der Postrock, der Michael Lobesan durch seine Hauptband Wassermanns Fiebertraum allzu vertraut ist, dringt durch sein Gitarrenspiel permanent durch und trägt seine verträumt und gefühlvoll arrangierten Songs auch inmitten von knarzigen Synthieklängen und knackigen Beats hoch und weit.

Doch der Abend steht insgesamt nicht wirklich unter einem guten Stern. Von vorne bis hinten will Michael Lobesan (der live von The Aharonov Boom Effects Timotheus unterstützt wird) Orphans spielen, muss aber unterdessen mehrmals den Monitorsound korrigieren lassen und deswegen sogar auch einen Song abbrechen und neu beginnen. Mehrere Minuten verstreichen im Ungewissen, auch weil selbst im Publikum zu spüren ist, dass der Bühnensound ein einziges Spannungsfeld ist, das nur durch Glück nicht funkt und raucht. Das alles wirkt nicht nur unrund, sondern ist für einen Solomusiker auch einigermaßen überraschend. Ein Stimmungskiller, zumal für atmosphärische Musik, ist dies sowieso und bleibt an diesem Abend leider mehr im Gedächtnis als Michael Lobesans gutes Album.