Love A – Jagd und Hund

Love A - Jagd und Hund

Endlich einfach

Da sind wir doch kurz verwirrt. Nach Eigentlich und Irgendwie hätte man zwischen „Vielleicht“, „möglicherweise“ und „Irgendwas“ alle möglichen Albumtitel erwartet. Außer vielleicht Jagd und Hund. Aber Love A haben eben einen Hang zum Unwahrscheinlichen. Das sollte im Falle dieser ohnehin schon unwahrscheinlichen Band niemanden überraschen. Wie es passieren konnte, dass diese irgendwie aus dem Nichts aufgetauchte Band sich jetzt anschickt, überall geliebt zu werden? So ganz genau weiß das eigentlich niemand. Sicher ist nur: Die üblichen Marktschreier_innen haben hier nicht ihre Finger im Spiel. Womit die Antwort nur beim Trierer Vierer selber zu finden sein kann.

Der lässt sich dann auch nicht lange bitten und serviert auf Jagd und Hund dann auch gleich derer Antworten zwölf. Mit Nachdruck, mit bärbeißigem Witz, mit Hirn. Doch der Reihe nach. Jagd und Hund sieht zunächst entgegen seines Titels von jeglichem Bellen, Keifen oder gar Beißen ab. Der bandtypische flimmernde Punkrock darf sich ein wenig beruhigen und gleichzeitig Wave, Postpunk und jeder Menge Melancholie die Hände reichen. Natürlich ohne in klebriger Unentschlossenheit zu versuppen. Jagd und Hund kommt vielleicht etwas ruhiger und wehmütiger daher als die Vorgänger, wirkt aber gleichzeitig auch wesentlich durchdachter und fokussierter. Und bringt folgerichtig die mitunter bislang besten Stücke der Band zum Vorschein. Von Anfang an schlägt dieses Album eine atemlose Taktzahl an.

Der Opener Lose Your Illusion positioniert sich im Wettbewerb für den schönsten Songtitel des Jahres direkt als Favorit und geriert sich als fulminanter Einstieg. Das anschließende Trümmer verhandelt in musikalisch vergleichsweise aufgebrachter Manier die schiefen Ebenen der Postmoderne und konstatiert: „Hauptsache alle schreien Ja! und sind verwirrt / Hauptsache alle schreien Nein! und sind verwirrt / Hauptsache alle schreien.“ Die Trefferquote von Ton und Wort ist dabei allgemein in schwindelerregenden Höhen angesiedelt. „Nur wer mal aufgestanden ist / der darf sich setzen“ stellt das vorab veröffentlichte 100.000 Stühle leer klar und breitet dazu einen wundervollen, unterkühlt-sehnsuchtsvollen Refrain aus. Eine kleine Erinnerung daran, dass Punk und Handeln nicht voneinander getrennt funktionieren. Und wenn man will auch eine schallende Ohrfeige für schnell und anonym hingerotzte Zweizeiler im Netz mit fragwürdigem Inhalt.

Ohrfeigen haben Love A sowieso einige im Gepäck. Der beste Club der Welt präsentiert voller Sarkasmus die Eierkocher-App, sagt aber auch deutlich „Weil alle wissen, wo sie hingehören, außer dir / du bist immer noch hier / laberst irgendeine Scheiße über Popkultur“ und „Auf meiner Jutetasche steht „Verpiss dich Adolf“ / Und auf deiner? „Hey ho let’s go“. Zielgerichtete Schläge in die Magengruben nerviger Szenehipster sind das. Das ist böse, das sitzt. Genau wie Augenringe, das mit der Flucht ins Bürgerliche abrechnet und die Internet-Satire Modem. Das beide Songs das Prädikat „hölzern“ nur knapp verfehlen, darf allerdings nicht unerwähnt bleiben. Genau wie Regen auf Rügen. Hier drehen Love A kurzerhand die Atmosphäre auf Anschlag und schaffen mal eben ein unbestrittenes Highlight ihres bisherigen Werkes. „Wir bleiben dumm und klein und sprachlos / […] wir machen Schulden sammeln Herzen / denn unsere Selbstzweifel lassen das zu / Komm lass es bitte endlich einfach sein / Einer redet, du hörst zu.“ 

Love A nehmen auch auf ihrer dritten Platte kein Blatt vor den Mund, teilen genüsslich in alle Richtungen aus und analysieren schonungslos Persönliches. Das ist meistens präzise, manchmal schmerzhaft und vor allem durchgehend beachtlich. Ein Album, das es sich erlauben kann, „Brennt alles nieder / Fickt das System“ als letzte Worte zu wählen. Gesungen von einem sakral angehauchten Chor, versteht sich. Hätten alle die Einsichten schon gewonnen, die dieser Platte innewohnen, das Leben wäre um so vieles einfacher. So muss man sich weiter nerven lassen. Das ist ärgerlich. Ermöglicht aber immerhin Bands wie Love A. Das ist, gesprochen als an dieser Stelle größtmögliches Kompliment, besser als Nichts.

Wertung: 8/10

Anspieltipps: Lose Your Illusion, Trümmer, 100.000 Stühle leer, Regen auf Rügen

(Martin Smeets)

Love A – Jagd und Hund | Rookie / Cargo | VÖ: 27.03.2015 | CD/LP/Digital

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