Light Bearer – Silver Tongue

Light Bearer - Silver TongueGrößer als Gott

Silver Tongue ist kein Album. Es ist ein Mammutwerk, ein Monumentalkunstwerk in jeder Hinsicht. Wo soll man da also anfangen? Vielleicht erst einmal bei der Band selbst. Im Jahr 2010 gründeten sich Light Bearer in London und sind so eine Art von Band, die konsequenter gar nicht sein könnte. DIY ist für sie keinesfalls nur eine Floskel, es ist eine Lebenseinstellung. Politische Haltung ist ebenfalls nicht nur eine hohle Phrase, sondern die Existenzbedingung dieser Band. Sie selbst formulieren das so:

„Light Bearer seeks to deconstruct and attack religion from the ground up – religion is the bane of humanity, it is the crutch that must be broken, an ideology founded upon hatred, fear and superstition. Light Bearer is vehemently radical left wing,  our agenda to criticize constructions of gender, to discuss the evolution of sexuality and evolution in general, to contribute to the eradication of the demonization of women and those who do not adhere to heteronormative stereotypes by religion, to see the sexes as equal and part of a whole. We are against all forms of theism, racism, homophobia and speciesism. Our goal is to highlight ideologies that should have been abandoned before the dark ages.“

Tja, mehr Haltung geht eigentlich nicht. Wer da jetzt eine aufmüpfige Band voller musikalischer und nicht-musikalischer Parolen vor Augen hat, täuscht sich allerdings gewaltig. Light Bearer kleiden ihre Werke in eine aufwändig konzipierte Mythologie. Mythologie? – ja genau. Light Bearer, in ihrem Sinne Synonym für Lucifer, ist ein über alle Maße gewaltiges Bandprojekt, das wie kein zweites Musik, Narration und bildende Kunst in sich vereint. Die Mythologie des christlich-jüdischen Teufelglaubens, der Verdammung und Verbannung der Menschheit, der archetypischen Stigmatisierung des Weiblichen als das Verführerisch-Sündige, der Glorifizierung des Männlichen, der patriarchalen Gewalt des rachsüchtigen Gottes. Es ist eine Welt voller finsterer Mystik, kalter Dramatik, gnostischer Genesis-Auslegung, erbarmungslos eskalierender Entgegengesetztheit von Gut und Böse, die Light Bearer erschaffen.

Die Atmosphäre ist geradezu mit Händen zu greifen. Übermächtig-ausschweifend, gotisch-düster, teils gruselig und Angst einflößend, teils wiederum erleuchtend und Hoffnung schöpfend. Mit Silver Tongue wartet eine 80-minütige Geschichte, die als Teil einer Tetralogie an die Vorgängerplatte Lapsus anschließt und von Magisterium und Lattermost Sword fortgesetzt wird (dazwischen werden die Geschichte ergänzenden EPs eingestreut). Lucifer, der vom unterdrückerischen und lügnerischen falschen Gott verstoßen wurde, trachtet danach den ihm Nachfolgenden, den Gefallenen und Verbannten das Licht der Wahrheit, die Wahrheit über die Falschheit Gottes, ja, den freien Willen zu geben. Die allegorische Geschichte, die beeinflusst ist von John Miltons ‚Paradise Lost‘, Philip Pullmans ‚His Dark Materials‘ und dem ersten Buch Mose, Genesis, kehrt den Gottesglauben, die Heilslehre der abrahamitischen Religionen um und begreift den verbannten Lucifer als Helden, als Retter der Menschheit, als Rebell gegen das Patriarchat des zornigen Gottes, als Befreier und Wahrheitsverkünder.

Sechs Songs, respektive Abschnitte oder Einzelerzählungen hält Silver Tongue bereit. Beautiful Is This Burden beginnt mit einem herrlichen paukenunterlegten Streicher- und Trompetenintro inmitten einer windigen Szenerie. Fünf Minuten, bis der Sturm losbricht. Die Verzweiflung des kargen Lebens, hungernd und durstend, körperlich wie geistig, unterjocht und der Freiheit beraubt durch den falschen Gott. Die Hoffnung wächst, die Hoffnung auf Befreiung, auf Enttarnung des göttlichen Betrügers, die Idee erwächst letztlich einen Turm zu bauen. Zarte Gitarren türmen sich sich auf, verschnaufen, aber wollen doch mächtig enden, angetrieben vom markzersetzenden Gesang. Sie klingen jedoch aus, leiten über in die donnernde Stadt Dis: Hier hausen die Verstoßenen. Amalgam, wie der Song heißt, zeigt dissonante, harte Klänge. Die Gefallenen schuften, sie mobilisieren alle Kräfte, um die babylonische Anmaßung zu vollenden, um die irdische Versklavung zu überwinden, um hinaufzusteigen und den Betrüger hinabzustoßen.

In Matriarch dominiert der Post-Rock. Die Ruhe bündelt träge und lethargische Gesangparts, die müde sind vor zu viel Sehnsucht. Und doch schöpft sich Kraft aus der Lethargie, geht die Trägheit in ein Aufbäumen über, Hoffnung und Stärke gewinnen an Präsenz, die Vernunft, die Humanität, personifiziert von Eva, schickt sich an den falschen Gott zu stellen, ihn herauszufordern, im gefährlich zu werden. Sie ist die Hoffnung, die Lucifer handeln lässt.

Lucifer gelingt die Besteigung des Turmes von Dis. Endlich erschallen in Clarus seine Worte in voller Klarheit über die Welt: I seek eyes that see through worlds / I seek a mouth to voice my cause / I seek a tongue lined with silver / so that my words are clear and just / for my father has lied. Gott ist ein Lügner. Lucifer überreicht Eva, der Befreierin der Menschheit, die prometheische Flamme, das Feuer des freien Willens. Vier Minuten bringt sich die Hoffnung in Stellung, trägt dennoch Bitterkeit in sich und zerfließt in düsteren Klavierklängen und traurigen Streichern. Die Autorität kracht hinein, protzige Gitarrenknüpel zerschlagen die Hoffnung. Eva trifft der Bannstrahl der Verachtung, die Strafe der Befleckung, der ewigen Unreinheit, Sünde und Verführung. Lucifer ergibt sich nicht der Macht des falschen Gottes, möchte ihn trotzdem entthronisieren, er kämpft, muss sich geschlagen geben, diese Schlacht hat er verloren. Aggressor & Usurper endet aufgewühlt, gehetzt, unversöhnt. Wie eine blühende Traumsequenz, wie die Ruhe nach dem Sturm erklingt schließlich der Titeltrack Silver Tongue und kündet von neuer Hoffnung nach der Niederlage. Die Prophezeiung von Eva, obwohl sie solche Bürde auf sich nehmen musste, obwohl sie in alle Ewigkeit die Trägerin der Erbsünde ist, verheißt Gutes. Das Feuer der Vernunft, der Willensfreiheit ist nicht erloschen. In klarer, choraler Stimme verkündet  die Prophezeiung die Ankunft eines weisen Kindes, das die Menschheit die Freiheit ermöglichen und das falsche göttliche Wesen vertreiben wird. Die Opposition gegen den Unterdrücker zündet neu, hymnisch wächst sie empor, dreht alle Gitarren auf Anschlag, trägt die Wahrheit auf der silbernen Zunge, klingt wohlig aus… und doch: wie ein Donnerschlag kündigt das Unheil sich in der letzten Sekunden überraschend und inbrünstig an. Es wird verheerend sein. Fortsetzung folgt…

Wie gesagt, Silver Tongue ist nicht einfach ein Album. Zumindest kein normales. Es ist eben mehr als das. Viel mehr. Light Bearer, eine Konzeptband mit eigener Mythologie, mit einem Meisterwerk, das eine allegorische Genese der Menschheit ins Auge fasst, begnügt sich eben nicht mit einem normalen Album. Alles in allem und das Urteil kann gar nicht anders ausfallen, haben wir es hier mit einem der größten DIY-multi-künstlerischen Projekte aller Zeiten zu tun. Zwei Jahre haben Light Bearer allein an Silver Tongue gearbeitet. Es ist ein Werk von einer unsagbaren mystischen Kraft und schöpferischen Größe, in dem bildende Kunst, Musik und Erzählung eine herausragende Einheit bilden, die nur eine Wertung erlaubt:
10/10

(Martin Oswald)

Light Bearer – Silver Tongue | Alerta Antifascista Records, Moment of Collapse Records |
VÖ: 08.02.12 | digital/CD/LP

P.S.: Es empfiehlt sich beim Hören von Silver Tongue den Text samt Erläuterungen zurate zu ziehen. Z.B. hier.

5 Gedanken zu „Light Bearer – Silver Tongue

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