FJØRT – D’accord

Fjort - DaccordPermafrost

Ja, FJØRT ziehen irgendwie ganz schön runter. Was die Vorgänger-EP Demontage bereits im Titel mit sich herumtrug, entfaltet D’accord in voller Spielzeit. Es ist geradezu ein Gewaltakt gegen Frohsinn und Heiterkeit. Ein Frühjahrsalbum, das sich nicht gegenteiliger zu eben jener Jahreszeit verhalten könnte. Permafrost ist angesagt, von Anfang bis Ende, denn mit nahezu jeder Note drischt ein eisiger Wind durch die Lautsprecher. Da erschließt sich dann auch das allzu unspektakuläre und seltsame Cover samt kaukasischer Mütze. Wer vor dem Hören dieser Platte gut gelaunt sein sollte, schaut danach mindestens genauso drein wie die Coverheldin: irgendwie verwirrt.

Denn schlechte Laune macht D’accord eigentlich nicht, auch wenn einem andauernd Eisbrocken entgegen gekotzt werden. Verwirrt ist man allemal, weil man sich daran doch kaum satt hören kann an und doch nicht wirklich angetan ist. Beim Opener und Titelstück kündigt sich das schon an. Dröhnende Gitarrenabfahrten liefern sich regelrechte Kämpfe mit Geschrei, krachenden Drums und wuchtigem Bassspiel, was sich zu einem einzigen Bombast zusammenfügt. Dieser überwältigt und fesselt, verstört aber zugleich. Schonungslos trist in Wort und Ton, müht sich die Überladenheit der Inszenierung doch immerfort mitsamt großen Gesten den/die Hörer_in zu umarmen.

Diese Umarmungen gelingen aber nicht ohne tiefgreifende Entfremdung, sie bleiben kalt und unnahbar. Denn selbst wenn es in der Eiseskälte Wärme gibt, ist diese doch pure Zerstörung: „Der Himmel brennt… / die Lunge brennt / von all dem Dreck / denk nicht an mich / wenn’s dir gut geht“ (Valhalla). Freilich gibt es auch Atem- und Erholungspausen, so z. B. phasenweise in Von Welt, Hallo Zukunft oder sogar etwas ausführlicher in Gescholten, Fauxpas oder im besten Song der Platte, Atoll. Also ja wiederum fast überall, doch werden sie stets wieder kassiert von (fast schon über-)harten Riffs und all diesen massiven fragmentarischen Wortfetzen. Letztere werden in einer Mischung aus Leidenschaft und monotoner Verzweiflung geradezu hinausgedroschen. „Das hier ist Antileben / hundert auf null“ (Schnaiserkitt), „Du bist / der lauteste Hund / im feinsten Zwirn / ein Gewaltakt“ (Von Welt), „Du bist Dreck / ein Maul voll Pappe“ (Gescholten) – nur um ein paar Beispiele zu nennen.

Das Grundgefühl von D’accord ist Beklemmung, der eigentlich gar nicht beizukommen ist, sondern die allenfalls mit Selbstaufopferung und Wut in kleinen Zügen besänftigt werden kann. Eine kafkaeske Gefangen- und Befangenheit, in die man beim Hören hineingestoßen wird. Die große Stärke dieser Platte ist dabei, dass sie, obwohl gewiss kein (fein)ästhetischer Hochgenuss, die Hörer_innen zwingend ergreifen muss, weil man sich ihr nicht erwehren kann. Sie vereinnahmt durch ihr gewaltiges Auftürmen und ihre penetrante Aufdringlichkeit. Zugleich stößt sie aber auch ab durch die Unnahbarkeit und Schonungslosigkeit ihrer Monstranz. FJØRT vollziehen damit eine Gratwanderung, die nicht vollständig glückt, auch weil das Gesamtpaket hinter den Erwartungen, die man nach Demontage haben musste, zurückbleibt und D’accord schlichtweg zu anstrengend ist. Und zwar nicht durch Vertracktheit und besondere musikalische Feinheiten (die es freilich auch gibt), sondern weil es so ein undurchdringlicher Klotz ist. Das etwas talentfreie und eher funktionale als künstlerisch sinnvolle Gebrülle zementiert diesen Klotz leider zusätzlich.

Man muss FJØRT natürlich zugute halten, dass sie sich alles in allem auf höchstem Niveau im deutschsprachigen Post-Hardcore tummeln, doch wäre gewiss auch mehr drin gewesen, würden sie nicht alles auf emotionale Überforderung und Überrumpelung setzen, sondern der seelischen Vereisung und Entfremdung zugänglichere Wege eröffnen. Und nebenbei gesprochen: die besten Momente FJØRTs sind eigentlich die ruhigen.

6/10

Anspieltipps: Valhalla, Gescholten, Atoll, Passepartout

(Martin Oswald) 

FJØRT – D’accord | This Charming Man Records | VÖ: 21.03.14 | CD/LP/digital

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