Envy – Atheist’s Cornea

Envy - Atheist's Cornea
Genremaßstab

Fast ein bisschen schade, dass Envy ihr sechstes Album ausgerechnet im Sommer veröffentlicht haben. In der Jahreszeit also, in der man wohl am wenigsten Zeit, Laune und Muse für derartige Klötze hat, die Envy liefern. Oder, um es eingangs noch vorsichtig auszudrücken, bislang geliefert haben. Fünf Jahre ist immerhin die letzte Platte schon her und die Möglichkeit, dass ihr perfektionierter Mix aus Postrock und Hardcore in eine andere Richtung ausschlagen könnte, war zumindest denkbar. Doch um diese und ähnliche Spekulationen, die hinsichtlich dieser Veröffentlichung im Vorfeld umherkreisen könnten sogleich zu zerstreuen: Envy bleiben natürlich Envy.

Das heißt nun wiederum nicht, dass sie stets auf einem Fleck stehen blieben, aber wirkliche Überraschungen darf man selbst nach fünf Jahren nicht erwarten. Und so schadet es nicht, die elendig heißen Sommertage verstreichen zu lassen, um sich Atheist’s Cornea mit voller Aufmerksamkeit und Hingabe zuwenden zu können. Der Herbst bietet den optimalen Rahmen – sagen wir einfach mal. Und so gibt es – wer dem Lautstärketest zu Beginn von Blue Moonlight ohne großen Schrecken entkommt – einiges zu entdecken. Wie Envy zum Beispiel dieses derart fies attackierende Lied an der Leine zu halten wissen und trotz hastigem Drumming und Shouting einen fast schon andächtigen Song zu formen wissen. Mit eigentlich ungeeigneten Mitteln wohlgemerkt. Es ist sowieso nicht so exakt auszumachen, wodurch Envy ihren Songs solche Tiefe und Größe verleihen, die sie fraglos scheinbar leichtfüßig über dem Genredurchschnitt schweben lassen. Denn so viel machen sie eben auch nicht anders als andere, die ihrem Screamo/(Post-)Hardcore reichlich Postrock untermischen.

Und doch sind die Verspieltheiten und Streichereinlagen am Ende des Siebenminüters Shining Finger ganz besondere, wunderschöne, ja einzigartige Momente. Und doch scheint sich bei Ticking Time and String eben dieses ganze Genre völlig entblößt und in seiner Essenz zu offenbaren. Man möchte nicht allzu ungehalten wirken und behaupten in solchen Momenten seien Envy unerreicht, der Gedanke drängt sich aber auf. Wenn sie im Anschluss aber mit Footsteps in the Distance das beste Lied der Platte hinterherwerfen, ist sowieso kaum ein anderes Urteil sinnvoll.

Envy sind und bleiben mit Atheist’s Cornea Maßstab ihres Genres und vereinen Widersprüche auf elegante und erhabene Weise. Wie sie Härte aufzuweichen, Songs behutsam aufzubauen und wieder zu zerschlagen und wärmste Passagen unerwartet und augenblicklich einzufrieren wissen. Das ist bewundernswert. Envy spielen befreit und offenherzig auf und bleiben dennoch in jeder Sekunde unnahbar und rätselhaft. Ein Stück weit mag das auch an den bloßen Andeutungen durch die englischsprachigen Songtitel liegen, deren in japanisch vorgetragene Inhalte dem mitteleuropäischen Ohr verborgen bleiben. Letztlich entscheidet aber ohnehin die Musik. Und die ist, alle Zurückhaltung beiseite gelegt: Spektakulär!

Wertung: 9/10

Anspieltipps: Shining Finger, Ticking Time and String, Footsteps in the Distance

(Martin Oswald)

Envy – Atheist’s Cornea | Rock Action Records | VÖ: 10.07.15 | LP/CD/digital

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