Die Toten Hosen – Ballast der Republik

All die ganzen Jahre

Ganz ehrlich: Immer, wenn ich den Begriff „Tote Hosen“ auch nur höre, rollen sich mir die Fußnägel hoch. Zehn kleine Jägermeister, geschwenkte Feuerzeuge im Stadion ein zwanghaft Berufsjugendlicher Fassadenkletterer (und schlechter Schauspieler), Fußballhymnen und der ewig erhobene moralische Zeigefinger. Dagegen kommen selbst die zwei, drei Ausrufezeichen, die Campino und Co. zuletzt auf ihren Alben unterzubringen wussten nicht an. So gut man es auch mit ihnen meinen mag. Und jetzt, nachdem die Band ganze 30 Lenzen auf dem Buckel hat, geht das ganze wieder von vorne los. Nun gut, nicht ganz. Ein Jubiläumsalbum ist es geworden, satte 91 Minuten Spielzeit (rechnet man den 15-minütigen Gesprächsteil dazu), verteilt auf zwei Silberlingen, inklusive Gruß auf diese andere große Jubiläumsband da aus Berlin und einer ganzen Menge anderer Coverversionen. Die Hosen und das Großprojekt also. Wenn das mal gut geht.

Nun gut, so schlimm, wie es die Single Tage wie diese, für das sich wohl selbst Peter Maffay in Grund und Boden schämen würde, ist Ballast der Republik nun wahrlich nicht. Klar, Campinos aufdringlicher Gesangstil, die überbreiten Bratgitarren und eine große Kelle Pathos, das ist alles mal wieder vorhanden. Nur dieses mal gehen diese Elemente zum ersten mal seit sagen wir mal mindestens Unsterblich – nicht nur wegen der präzisen Produktion – wieder eine stimmige Verbindung ein. So rutscht Ballast der Republik als schlüssiges und überraschend wendiges Album locker auf der Habenseite der Hosen durch. Allein schon wie leichtfüßig sich der Titelsong mit der Akustischen vom pompösen Intro losreißt und nach vorne stürmt, hätte man der Band so eigentlich nicht mehr wirklich zugetraut. Und auch die Texte des Herrn Frege beschränken sich dieses mal nicht immer auf den gröbstmöglichen Holzschnitt. Man nehme nur Europa, das sich nicht nur unfallfrei mit dem Flüchtlingsdrama vor Lampedusa auseinandersetzt, sondern mit den letzten Worten „Und wenn sie nicht gestorben sind, sterben sie noch heute“ auch noch schwer im Magen liegt. Ein Hosen-Song, der nachwirkt. Da muss man auch hier konstatieren: Hätte man ihnen so nicht mehr zugetraut. In diese Schublade fallen außerdem das ungewohnt zurückgelehnte Ein guter Tag zum Fliegen und der angenehm schnörkellose Punkrocker Traurig einen Sommer lang, in dem Campino schließlich sogar die längst verloren geglaubte Biestigkeit wieder entdeckt: „Und als man Michael Jackson tot in seiner Bude fand, sah ich die Menschen Moonwalk tanzen, auf Ibiza am Strand.“ Demgegenüber steht nach all den ganzen Jahren gar nicht mal so viel zum Meckern. Das erwähnte Tage wie diese ist zum vergessen und Schade, wie kann das passieren? bedient sich mal wieder der leidlich originellen Fußballmetaphorik. Ansonsten verzichtet die Band auf Ärgerliches, ja sogar auf Belangloses und baut zwischen den Ausrufezeichen allerhand hörbare Nettigkeiten ein. Und da wartet ja noch der zweite Teil. Und der hat es in sich. Dort wird nämlich nicht nur offenbart, wo in etwa die Inspirationsquellen der Band zu verorten waren und sind, sondern auch mal wieder gezeigt, dass die Band eigentlich für mehr steht, als Fortuna Düsseldorf. Da wären zum Beispiel Die Moorsoldaten, entstanden im Konzentrationslager Börgermoor, das eine durchaus gelungene Umsetzung erfährt, da wäre Hermann Hesses Im Nebel, das sich durch den Verzicht auf Brachialinstrumentierung als Highlight entpuppt, da wäre das gut gelaunte Heute hier, morgen dort. Stark, die Herren, stark. Sogar Keine Macht für Niemand wird nicht kaputt gemacht. Auch gelungen: Das spinnerte Einen großen Nazi hat sie! von Fritz Grünbaum. Und das die Hosen noch die Chuzpe beweise, Schrei nach Liebe zu covern, macht die ganze Sache richtig sympathisch.

Dieses mal also bleiben die Fußnägel verschont. Dreißig Jahre Die Toten Hosen. Da gratulieren wir doch auch mal: 7/10

(Martin Smeets)

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