Desaparecidos – Payola

Desaparecidos - PayolaWieder da

Keine Frage, Conor Oberst ist wieder da. Nicht, dass er weggewesen wäre, aber man konnte in den vergangenen Jahren etwas den Überblick darüber verlieren, was er nun wo eigentlich so genau macht. Nun sortiert sich das alles alles in der wiederbelebten Band Desaparecidos. Er ist wieder irgendwie angekommen und dabei so gut wie seit dem 2005er Bright-Eyes-Album I’m Wide Awake – It’s Morning nicht mehr. Dass die eigentliche Hauptband, besagte Bright Eyes eben, mittlerweile eher den Charakter eines Nebenprojekts haben, zeigte sich auch schon vor ein paar Jahren beim etwas halbgaren People’s Key. Solo schien für Oberst die Bestimmung zu sein, nur blieb das Material teilweise weit unter dem Potential dieses außergewöhnlichen Musikers.

Warum also nicht wieder eine Punkplatte mit den alten Omaha-Kumpels Desaparecidos machen? Eben. Sporadische Auftritte seit 2012 ließen das Feuer anscheinend lodern. Ein paar Songs wurden aufgenommen und als im Januar 2015 bekannt wurde, dass Desaparecidos bei Epitaph gesigned haben, stand einem Album wirklich nichts mehr im Wege. Da stört es auch nicht, wenn die Band schon fast die Hälfte des Albums bereits weit vorab bei diversen Gelegenheiten veröffentlicht hat. Denn, dass es sich bei The Left Is Right, Te Amo Camila Vallejo oder MariKKKopa um wirklich starke Songs handelt, konnte man schon vorher wissen. Politisch wie nie, voll mit roher Energie, kraftvoll, zittrig und stimmbrüchig vorgetragen von Oberst. So muss das. Warum sollte es nun anders sein?

Und so legt sich Payola über die gesamte Spielzeit ins Zeug und lässt nichts missen, was eine einprägsame und kurzweilige Punkrock-Platte ausmacht. Dass sich unter den vielen guten Songs auch wahre Hits verbergen, muss eigentlich nicht eigens erwähnt werden. City On The Hill mit seinem auffälligen Riff und dem grandiosen Refrain etwa oder auch das nachfolgende Golden Parachutes mit einem Singalong-Refrain wie er im Punklehrbuch steht. Top. Spätestens aber, wenn selbst der exzessive Keyboardeinsatz (Search The Searches) und ausgiebige Soli (1o Steps Behind) völlig unfallfrei vonstatten gehen, weiß man, dass auf Payola so ziemlich alles vortrefflich funktioniert. Überraschenderweise auch ein Von Maur Massacre, das sich aus einem vermeintlichen The-Kids-Aren’t-Alright-Ripoff (The Offspring) in einen schnörkellos-zackigen Desaparecidos-Hit wandelt.

Und auch wenn man meinen könnte das Album sei zwischen Tür und Angel aufgenommen und produziert (was bei Obersts weiteren Aktivitäten nicht verwunderlich wäre), so ist es der Band nicht zuletzt dadurch gelungen einen unglaublich intensiven und unmittelbaren Eindruck von Wut, Kritik, Romantik und Hoffnung festzuhalten, der vielleicht nicht nur flüchtiger Soundtrack einer linken Gegenbewegung in den sozial tief zerrissenen USA ist, sondern auch ein bedeutendes Zeitdokument herausragender linker Punkmusik. Zuweilen könnte es freilich etwas reflektierter zugehen, aber vorerst schaden eben auch aufrichtige Parolen nicht, wenn sie für die richtige Sachen brennen.

Zwar ist er – was gut ist – nicht allein für Payola verantwortlich ist, aber Conor Oberst ist wieder da. Der beste seit 10 Jahren.

Wertung: 8/10

Anspieltipps: The Left Is Right, City On The Hill, Backsell

(Martin Oswald)

Desaparecidos – Payola | Epitaph Records | VÖ: 19.06.15 | LP/CD/digital

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*