Deftones – Koi No Yokan


Die Hoffnung stirbt zuletzt

Wer erinnert sich noch an das Jahr 2000? Hände hoch! Ja, ist schon lange her, zugegeben, aber zumindest bei den heutigen Mittzwanziger_innen (und Älteren) musikalisch noch irgendwie in Erinnerung, oder? The Bad Touch trällerte noch durch Radiolautsprecher, während sich allerorts ein neues Genre etablierte. Nach ein paar Vorläufern Ende der 90er, schlug 2000 die große Stunde des Nu Metal. Ganz oben in den Charts fanden sich u.a. Papa Roach (Infest), Limp Bizkit (Chocolate Starfish and the Hot Dog Flavored Water), Linkin‘ Park (Hybrid Theory) und eben auch die Deftones mit White Pony. Letztere gewiss mit weit weniger Aufmerksamkeit, doch auch ihnen war der Videoclip mit einem posenden und auf Schulbänken herumhüpfenden Chino Moreno auf VIVA Zwei und MTV im Ein-Stunden-Takt sicher. Back To School, eine radio- und fernsehtaugliche Nummer mit Ohrwurmqualität, den Nu Metal noch tief in den Knochen, im Geiste aber schon auf anderen, besseren Pfaden.

Auf bessere Pfade hatte sich auch schon White Pony gemausert. Denn die Deftones waren klug und konsequent genug aus dem Sumpf dieser eigenartigen und in einigen Monaten kommerziell ultraerfolgreichen Musikerscheinung herauszutreten und ihre eigene Richtung zu gehen. In der Nachbetrachtung war es grenzenlos gut, dass die Deftones, nach dem etwas ungestümen, sicherlich aber nicht schlechten Adrenaline und dem eigenwillig-wüsten Nu-Metal-Vorleger Around the Fur, White Pony aufgenommen haben und damit den Nu Metal in sich schon halb abgetötet haben.

12 Jahre ist das her und darf fraglos als musikalischer Wendepunkt und wahrer Glücksgriff gelten, denn – und jetzt kommen wir endlich zum eigentlich Thema – Koi No Yokan würde es so nicht geben und das wäre ausgesprochen schade. Nun gut – die Deftones im Jahre 2012 klingen eigentlich genauso, wie man es sich von einer High-School-Skaterband wünscht, wenn sie etwas in die Jahre kommt. Ewig jugendliches Gehabe haben sie wahrlich nicht nötig und sie verschwenden ihre Zeit auch nicht damit so etwas wie Nu Metal 2.0 zu kredenzen. Nein, was auch schon bei Saturday Night Wirst und der letzten Platte Diamond Eyes (die ich übrigens außerordentlich schätze) zum Tragen kam, wird konsequent, aber keinesfalls gleichförmig weitergedacht. Textlich bedeutungsvoller, musikalisch reifer und insgesamt eine ganze Schippe nachdenklicher. Melancholie – ein Wort, das die Deftones schon immer irgendwie ausgezeichnet hat: es steckt in jedem Ton und jeder Silbe. Die Songs sind größtenteils träge, schwerfällig, metallisch, stampfen im Midtempo umher und machen das Album insgesamt gesehen zu einem wahren Klotz.

Natürlich nicht ohne ein paar hoffnungsvolle Momente loszulassen, die das Album hindurch begleiten. Dann zum Beispiel, wenn sich die Riffstuktur ändert, die Gitarre etwas mehr Platz bekommt, wenn der – wie immer – fulminant aufspielende Abe Cunnigham seine Drums dezent in Szene setzt und meist nur für die zahlreichen Breaks von der Leine lässt, wenn Chino Moreno seine sehnsuchtsgetränkte Flüsterstimme voluminöser aufbäumt und aus der Verzerrung in Klarheit oder Geschrei hinübergleitet.

Swerve City legt schon ordentlich vor: Ein Deftones-typischer Metal-Riff, Morenos elektrisiertes (und elektrisierendes) Organ und schon scheppert es los. Dass sich darin auch so etwas wie ein Gitarren-Solo findet, ist für Deftones-Verhältnisse auch auf dem kürzesten Song des Albums eigentlich keine Überraschung mehr. Und der Opener macht sich vortrefflich. Das nachfolgende Romantic Dreams kann da leider nicht mithalten. Und das ist irgendwie symptomatisch, weil jede Deftones-Platte (außer White Pony) daran krankt: sie hat Längen. Romantic Dreams ist einfach zu lang und kann außer Atmosphäre nicht viel bieten. Ähnlich geht auch Graphic Nature und Tempest. Ohnehin gehen der Platte in ihrer Mitte Luft und Ideen aus. Klar ist es Jammern auf hohem Niveau, aber es ist eben Jammern, weil sich eben nur ein Leathers auf dem Album findet. Seit Beauty School (auf Diamond Eyes) übrigens der beste Deftones-Song in ihrer neueren Geschichte, auch weil sich darin Härte und Zartheit so hervorragend mischen, wie man es selten findet. Poltergeist und Etombed legen einmal stürmischer (Poltergeist) und einmal ruhiger (Etombed), ganz ordentlich nach, dann verliert sich – wie gesagt – die Platte ein bisschen und büßt Ausdrucksstärke und Bedeutung ein. Und an dieser Stelle bekommt man ernsthafte Bedenken, ob das noch einmal was wird, aber ja: gegen Ende fängt sich das Ding wieder.

Goon Squad und What Happened To You? sind noch einmal zwei bärenstarke Songs, die – wenn man so will – die Platte noch retten. Ersteres schleicht sich über eine Minute mit Soundcollage und Gitarrengeklimper heran und drischt dann richtig los, ohne dem Midtempo untreu zu werden. Cunningham hat hier keine Eile, genauso wie Moreno. Dennoch entwickelt der Song eine fast schon grunge-artige Dynamik. Der letzte Song ist mehr eine etwas zerfahrene und verträumte Abschlusssequenz als ein Song, macht sich dabei allerdings vortrefflich und demonstriert eindrucksvoll, dass die Deftones auch eine gute Ambient-Band sein könnten, wenn sie denn wollten. Nun, zum Glück wollen sie das aber nicht, weil dem alternativen Metal damit eine seiner besten Bands fehlen würde.

Und wie ist die Platte im Gesamteindruck? An die songwriterische Genialität von White Pony reicht Koi No Yokan nicht ganz ran, aber dafür sind und bleiben die Deftones, eine über alle Genregrenzen hinweg große und bedeutungsvolle Band, auch weil sie in aller Düsterheit und allem Schwermut, das hoffnungsvolle Moment, nie bereit sind aufzugeben: We´re alive somewhere else / still asleep someplace new / far ahead of our time / Now floating through – (What Happened To You?). In diesem Sinne: Chi, komm wieder auf die Beine!

7/10

(Martin Oswald)

Ein Gedanke zu „Deftones – Koi No Yokan

  1. Hervorragende Kritik! Wie immer. Allerdings, bei Tempest bin ich ein wenig anderer Meinung. Der Song zählt für mich zu den besten, die diese Band aufgenommen hat. Erzielt er doch die gleiche klaustrophobische Atmosphäre wie die Songs auf White Pony.

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