Defeater – Letters Home

Defeater - Letters Home

This Is War

Defeater also mal wieder. Eine Band, die nicht wenigen inzwischen hinlänglich bekannt sein dürfte, hat der Fünfer doch vor nicht allzu langer Zeit ein beachtliches Album vorgelegt und dabei so ganz nebenbei dem ollen Hardcore mit konsequentem Storytelling und Einsprengseln von Akustischem ein paar kleine, nicht ganz gewöhnliche Facetten abgewonnen. Und nicht zuletzt auch eine Band, die irgendwo zwischen unsauber formulierten Pressemitteilungen und zugehöriger Verantwortungsdiffusion eben die HörerInnenschaft des Genres erstaunlich tief gespalten und so von manchen den zweifelhaften Stempel einer militaristischen Band aufgedrückt bekommen hat. Das Gute daran: Defeater stehen über dem ganzen Bohei drumherum. Schließlich hat man es hier mit einer Band zu tun, die souverän genug ist, um all dem Trubel mit Letters Home ein Album folgen zu lassen, das den Krieg nicht nur auf dem Cover trägt, sondern auch in jedem Text lebt und atmet, das den Krieg aus jeder Pore schwitzt. Das auch den letzten zeigen dürfte, was Defeater nun so vom Thema Krieg halten.

Das ist nur logisch, packt doch Teil drei des erzählten Familiendramas nach den Geschichten der beiden ungleichen Brüder nun die Geschichte des Vaters an. Ein vom Krieg gebrochener Mann, ein alkoholkranker Mann, der sich vom Konzept der Hoffnung längst verabschiedet hat, der den letzten Trost in der Flasche findet, in die er gekrochen ist.  „And All I See Is The Bastard In Me“ heißt es in der umgedreht chronologisch angeordneten Storyline – die Geschichte beginnt also im letzten Song -, nur um von diesem ohnehin niederschmetternden Punkt noch einen Schritt weiter zu sinken: „And All You See Is The Bastard In Me.“ Da gibt es nichts mehr zu gewinnen.

Wohltuenderweise gehen Defeater die musikalische Umsetzung der zehn ‚Briefe‘ überraschend konsequent an. Dramatische Leisetreter oder gar akustische Zwischentöne sucht man vergebens auf Letters Home. Dafür gibt es den besten Sound, den – Vorsicht, steile These – man bislang auf einer Hardcoreplatte hören durfte und vor allem zehn neue Stücke von bisweilen dunkelster Couleur, die auch vor der völligen Desillusion nicht halt machen. Entsprechend unbarmherzig eröffnet der Opener Bastards den Reigen aus Selbstzweifel und Verachtung, getrieben von einem vertrackten Schlagzeug, giftigen Vocals im fliegenden Wechsel und vor allem staubtrocken präsentiert. Eine Verhaltensauffälligkeit von Letters Home, die sich durch das komplette Album zieht: Auf Schnörkelhaftes und sonstige Umwege wird verzichtet. Was Songs, wie Blood In My Eyes erst möglich macht. Ein wütender Beat, der völlig unvermittelt über seine HörerInnen hereinbricht, ein unfassbar angepisster Vortrag von Derek Archambault, der den Song schließlich über eine kurze Pause, Spoken-Word-Gekeife inklusive – in ein Finale voller Nackenschläge führt. Wenn jemand in nächster Zeit eine Definition von schwerer Kost – und das ist durchaus nicht negativ gemeint – benötigt: Hier ist sie. Und zwar auf Albumlänge. Bis zu No Saviour nimmt sich Letters Home Zeit, um die ersten wenigstens musikalisch versöhnlicheren Töne zu präsentieren. Eine Pause von 70 Sekunden, gefüllt von hübschen Gitarrenfigürchen, die ein wenig Trost parat haben nimmt man gerne mit. Bevor der Song zu den entsprechend Tönen „I Found No Saviour In Nothing.“ konstatiert, mächtig anschwillt und ein Albumfinale par excellence einläutet. Das erwähnte No Saviour, das ruhelose Rabbit Foot, das überlange und unfassbare Bled Out, das bisweilen gar The Red, White And Blues überflügeln kann. Ohne Probleme mit die drei besten Stücke, die Defeater jemals auf Band gebannt haben. Schließlich stechen sie aus einer Platte, die man ebenso problemlos als bislang bestes Werk der Band bezeichnen kann, immer noch heraus.

Defeater haben sie also endlich geschrieben: Ihre Kriegsplatte. Jegliche Anflüge von romantischen Farbtupfern, von Hoffnung und eben auch musikalischen Anflügen ins Zutrauliche? Gestrichen, eingedampft. Folgerichtig ist Letters Home nicht nur das bislang konsequenteste und härteste Album dieser Band, es ist auch das am schwersten verdauliche. Kurz: Letters Home ist brutal. Das ist dann also Krieg aus der Warte von Defeater.

9/10

Anspieltipps: Blood In My Eyes, No Saviour, Rabbit Foot, Bled Out

(Martin Smeets)

Defeater – Letters Home | Bridge Nine Records | VÖ: 19.07.2013 | CD/LP/Digital

2 Gedanken zu „Defeater – Letters Home

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