Defeater – Abandoned

Defeater - Abandoned

Story vom Pferd

Zugegeben: Es kann schon irgendwann ermüdend werden, wenn man immer nur die ganz großen Themen verhandelt. Unter Krieg, Tod und Verzweiflung haben es Defeater ja schließlich noch nie gemacht. Und mit ihrer neuen Platte Abandoned machen sie da natürlich keine Ausnahme. Im neuesten Kapitel innerhalb der vor Abgründen nur so strotzenden Familiengeschichte geht es nun nicht etwa – wie man im Vorfeld eigentlich hätte annehmen können – um die Mutter, sondern vielmehr um einen Priester, der im Verlaufe des – klar – Weltkriegs seinen persönlichen Kampf mit dem Glauben führt.

Da könnte man glatt auf die Idee kommen, Abandoned lediglich als das Album anzusehen, dass das unweigerliche Finale nur ein wenig hinauszögert. Womit man kaum falscher liegen könnte. Defeater zeigen sich mit diesem Album vielmehr agil wie immer. Contrition nimmt sich genüsslich Zeit, um Schicht um Schicht an Intensität zu gewinnen, lässt dabei aber von Beginn an keinerlei Zweifel daran aufkommen, dass hier Defeater am Werk sind. Die nehmen den Faden dort auf, wo ihn Bled Out zum Ende des letzten Albums auslaufen hat lassen und prügeln ihre Songs bedingungsloser denn je nach vorne. Unanswered und December 1943 ziehen atemlos vorbei, ehe Spared In Hell das erste große Ausrufezeichen setzt. Und zwar nicht nur innerhalb des neuen Albums, sondern durchaus auch im Gesamtwerk. Selten hat sich die Band furioser durch einen Song gebolzt. Selten klang Derek Archambault dringlicher.

Und noch nie probte die Band innerhalb eines Albums einen derartigen Stimmungsumschwung, wie sie es auf Abandoned tut. Borrowed & Blue macht zu Beginn der zweiten Album nämlich dort weiter, wo einst Empty Glass aufhörte. Bei der Verschmelzung von aufbrausendem Hardcore und einem nicht abzustreitenden Hitpotential. Und einem Gastauftritt von Make Do And Mends James Caroll. Eine kleine Überraschung, die den weiteren Verlauf des Albums nachhaltig beeinflusst. Von nun an wird subtiler Krach gemacht, dürfen sich die Songs mehr Zeit und Komplexität zugestehen. Pillar Of Salt nimmt dabei die Melodieführung von Empty Glass gleich ein weiteres Mal auf, während Atonement Platz macht, für viel Atmopshäre. Und nicht nur mit der Textzeile „What brings you here my Son?“ an Cowardice, den Closer des Erstlings Travels erinnert.

Worin schließlich auch der Schwachpunkt dieser Platte liegt. Mit Abandoned gelingt es der Band zwar, die mitunter besten Momente ihrer bisherigen Releases auf einer Platte zu vereinen und sie bringt sogar dann und wann ein sympathisches Selbstzitat unter. Eine eigene Stimmung vermag sich aber anders als bislang üblich nicht einzustellen, auf diesem Album. Abandoned ist dennoch ein sehr gutes Hardcore-Album. Das jedoch ebensogut die Story vom Pferd erzählen könnte. Weil das fehlt, was die bisherigen Album so besonders machte: Charakter.

Wertung: 7/10

Anspieltipps: Spared In Hell, Borrowed & Blue, Vice & Regret

(Martin Smeets)

Defeater – Abandoned | Epitaph / Indigo | VÖ: 28.08.2015 | LP/CD/Digital

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