Deafheaven – Sunbather

Deafheaven - Sunbather // Bild: stereogum.com

Ein Wunder

Vierundzwanzig Sekunden. Genau so lange dauert es, bis Deafheaven alle offenen Fragen, die man an ihre neue Platte Sunbather stellen könnte, beantworten. Vierundzwanzig Sekunden, in denen eine nervös geschrubbte Gitarrenfigur durchs Bild sprintet, alsbald den Weg ihrer Schwester im Geiste kreuzt und schließlich beide übergehen, in ein Einstiegscrescendo, das zwischen den Attributen wütend, majestätisch, fragil, erhaben und wundervoll nach Superlativen sucht. Und zwar für sich selbst. Erfolglos, selbstredend, schließlich gibt es für dieses Treiben aus lichtgeschwindigkeitsnah rangenommenen Gitarren, unter der tosenden Flut ächzenden Drums und einem Gekeife, das seinen Ursprung direkt im Schlund der Hölle haben dürfte, schlichtweg keine auch nur ansatzweise passenden Worte.

Dream House heißt der Song, der binnen unter einer Minute für die Kapitulation des Schreiberlings sorgt, Deafheaven, wie schon erwähnt, die Band, die dafür verantwortlich ist. Gefeiert wird diese Band für ihre neue Platte, jüngstes Kind aus dem Hause Deathwish, die da sieben mal Elemente von Postrock, Black Metal und einer unüberschaubaren Anzahl weiterer Subgenres ganz und gar virtuos ineinander verwebt. Man muss bereits jetzt nicht mehr erwähnen, dass dieses Feiern seine Berechtigung hat, im Gegenteil, mit jeder Minute von Dream House, die ins Land zieht, versteht man mehr von dieser Welle, die da über einem zusammenbricht. Wenn Deafheaven nach fünf Minuten plötzlich inne halten, Platz lassen, für ein zierlich herumtollendes Melodiekind, um den Song stolz erhobenen Hauptes weiter zu schicken, in einen Part, der in keinem Postrock-Lehrbuch fehlen sollte, hat man längst jede Gegenwehr eingestellt, gibt sich dieser musikalischen Wuchtbrumme willenlos hin.

Was eingedenk der sechs Stücke, die es da noch zu erkunden gilt, über alle Maßen lohnenswert ist. Die Pause, die von der Band mit dem in sich ruhenden Irresistible – welch passender Titel – gewährt wird, nimmt man dann dankbar an, beziehungsweise lässt man sich viel mehr mit Vergnügen davon tragen, von diesen sanften instrumentalen Wogen inklusive Klavieruntermalung, die dabei aber niemals einen Zweifel daran aufkommen lassen, dass es sich hier nur um die Ruhe vor dem nächsten buchstäblichen Sturm handelt. Dass der kommen wird, daran zweifelt selbstverständlich niemand. Dass er sich so anmutig geriert, wie es der folgende Titeltrack zunächst tut, überrascht dann allerdings doch. Zum Teil, wenigstens. Zum anderen Teil erkennt man nämlich, dass dieses Neben- und vor allem Miteinander von Gewalt und Versöhnung, von Brutalität und Zärtlichkeit, ja – und wir bestehen an dieser Stelle auf den Pathos – von Krieg und Frieden, Methode hat, von der Band bis zur Perfektion auf die Spitze getrieben wird. Selbst in den wüstesten Passagen von Sunbather finden sich Einsprengsel von bezaubernder Schönheit, schleichen sich mitten in die Apokalypse Bilder von malerischen Landschaften und verträumten Sonnenuntergängen. Bilder, die es braucht, um nicht erschlagen zu werden von diesem infernalischen Gewitter, dass Deafheaven über ein Großteil der Laufzeit fast spielerisch auf ihre HörerInnen einprasseln lassen. Die einem in den Kopf schießen, wenn inmitten des Dauerfeuers im Titeltrack plötzlich ein traumtänzerisches Gitarrenlick des Weges grüßt, oder wenn selbiger Track nach knapp acht Minuten dann die weiße Fahne schwenkt, um sich schonungslos zu öffnen für ein auf einem Hochseil tänzelndes Songfinale, so voll von Melodie, dass die Spucke weg bleibt, bevor sie den Mund überhaupt erst erreichen kann.

Dabei ist man zu dieser Zeit noch nicht einmal bei der Hälfte von Sunbather angelangt, hat noch nicht die Ruhe des eingeschobenen Interludes Please Remember genossen, hat noch nicht andächtig den vielen ersten Takten des über vierzehn Minuten langen Vertigo gelauscht, die – inklusive eines traumhaft souligen Gitarrensolos – herzlich in Richtung Sed Non Satiata grüßen, um sich anschließend von einer Gruselballade über einen Klopper in einen Postrocker zu verwandeln. Und just, als man glaubt, man hätte alles gesehen auf Sunbather, hätte alle Winkel erkundet und jeden Stein umgedreht, unter den es sich zu schauen lohnt, kommt The Pecan Tree. Kommt das Beste. Kommt ein Song, der von der ersten Sekunde an von der Leine gelassen ist, der alles, was sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte, kurz und klein drischt, der beseelt von einer unstillbar scheinenden Wut kratzt, spukt, schlägt und keift und schließlich doch zur Besinnung kommt. Zur Besinnung deshalb, weil dieser Song all die Trümmerteile, die er selbst erst produziert hat, in die Hand nimmt, in einem Mittelteil von einer atmosphärischen Intensität, die ihres Gleichen sucht, begutachtet, spekuliert, wie man selbige am besten wieder zusammen setzt und schließlich beginnt, die in Schutt und Asche liegende Welt neu aufzubauen. Ein Neuaufbau, der sich nach all der Dekonstruktion, die zuvor auf Sunbather stattgefunden hat, in einem Albumfinale ergießt, das jeder Beschreibung spottet. Eine solch endorphintreibende Gitarre, an solch folgerichtiger Position platziert, flankiert von dringlichstem Geschrei, ein Part, der einem verdammten Wunder gleich kommt, der eine kathartische Wirkung in sich trägt, die seine HörerInnen an den Rande des positiv Ertragbaren bringt. Trotz der Gefahr der Wiederholung: Ein Wunder.

Das ist Musik, die ihre HörerInnen beinahe körperlich fordert, die für aufgestellte Nackenhaare garantiert, die Tränen der Begeisterung und Schweißperlen auf der Stirn nicht ausschließen kann. Sieben Songs fernab von der geringsten Spur eines Durchhängers, geeignet für Kopf, für Bauch und im Zweifelsfall auch für wildes Gezappel von Armen und Beinen. Sunbather ist die Platte, die alles verlangt. Und dafür aber auch wirklich alles bietet. Alles!

10/10

(Martin Smeets)

DeafheavenSunbather | Deathwish (Indigo) | VÖ: 21.06.2013 | CD/LP/Digital

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