Create.Use.Shatter – Maladies

Create.Use.Shatter - Maladies

Leuchtturmsturmnacht

Machen wir uns nichts vor: Bands, die ihr Wohl irgendwo im Spannungsfeld von Postrock und polterndem Hardcore suchen, gibt es mittlerweile mehr als genug. Postpunk als Begriffsdefinition hat längst an Trennschärfe verloren und wird zunehmend zum Sammelbecken für Kapellen aller möglicher Couleur. Dass dabei die Übersicht bisweilen ein wenig den Bach runter geht, ist nur logisch. Genau wie das nicht zu verachtende Problem, das sich daraus für jüngere Bands dieser überfüllten Sparte ergibt: Man muss inzwischen schon was wirklich Besonderes auf die Beine stellen, um aus der breiten Masse herausgegriffen und entsprechend gewürdigt zu werden. Es kann ja auch niemandes Anspruch sein, als ‚eine unter vielen‘ mit zu schwimmen.

Warum diese Zustandsbeschreibung? Weil Create.Use.Shatter beim ersten flüchtigen Rundgang durch ihr Debütalbum Maladies genau mit dieser Problemstellung zu kämpfen haben, lavieren doch diese neun Songs irgendwo zwischen den Pfeiler ‚Post‘ und ‚Core‘ hin-und her. Geschrei und Getöse aus dem Schlund der Hölle geben sich mit atmosphärischen Parts die Klinke in die Hand und ergeben eine Platte, die stets Gefahr läuft, als gefällig abgetan zu werden. Umso höher ist es dem Fünfer aus Gießen anzurechnen, dass Gevatter Meinung bei genauerer Betrachtung von Maladies ganz gewaltig zurückrudern, sich für das Attribut ‚gefällig‘ gar entschuldigen muss. Create.Use.Shatter entpuppen sich nämlich als weit mehr als durchschnittlich. Und legen mit Maladies einen Leuchtturm in finstrer Postpunk-Nacht vor.

Warum nun dieser Meinungsumschwung? Zuvörderst, weil eine Band, die schon seit 2007 durch die Weltgeschichte tourt und so ganz nebenbei schon mit Bands wie The Hirsch Effekt oder Fjørt auf der Bühne stand eigentlich per se nicht durchschnittlich sein kann. Und außerdem, weil Maladies geradezu köstlich produziert (oder wahlweise eben nicht produziert) ist. So wunderbar organisch ist der Sound dieser Platte geraten, man hat bisweilen das Gefühl, als ob man selber irgendwo zwischen Drumkit und ächzenden Röhrenverstärkern stehen würde. Da ist es ein großes Glück, dass eine derart vorzügliche Produktion nicht an mediokre Songs verschwendet wird. Zugegeben, der Einstieg gerät mit Mono, das die Spannung über seine sechs Minuten Laufzeit nicht immer auf dem gleichen Level halten kann, etwas schleppend. Was die Band allerdings in der Folge vom Stapel lässt, verdient Beachtung. Wolves And Vultures poltert los, wie es Grace.Will.Fall (die bemerkenswerte Ähnlichkeit in der Schreibweise sei als Zufall abgetan) nicht schöner hinbekommen hätten. Dabei vergisst der Song aber zu keiner Zeit, ein wenig Melodie im Spiel zu halten. Um schließlich zur Halbzeit die Verwandlung in ein fragiles Stück Musik voll schillernder Spannungsbögen zu vollziehen. Natürlich inklusive eines Endspurts, der seinen HörerInnen alle Netze und doppelten Böden unter den Füßen wegzieht.

Dabei hat die Band an dieser Stelle ihr Pulver keineswegs verschossen. Im Gegenteil, mit Petrify und Faces wird mal kurz unter Beweis gestellt, dass auch fies durchgeprügelte Hardcore-Brocken durchaus Sache dieser Band sind. Ohne auch nur in die Nähe des stumpfen Draufschlagens zu kommen, wird man auf Maladies von Zeit zu Zeit mit Anspruch und Verve vermöbelt. Und wenn mal der Verdacht aufkommt, es könnte zu viel Härte im Spiel sein, schüttelt die Band eben mit Lost ein ruhiges, wundervoll zurückgenommenes Stück aus dem Ärmel. Ein bisschen Verschnaufpause hat schließlich noch niemandem geschadet. Zu diesem Zeitpunkt nimmt es dann auch längst niemanden mehr Wunder, dass der knapp neunminütige Closer Summer noch mal mit aller verfügbaren Klasse um sich wirft und den Vorhang mit der gebotenen Grandezza schließt.

Und obschon inzwischen fast jede dieser knapp 50 Minuten in irgendeiner Form in Worte gefasst wurde, muss zum Schluss dringend erwähnt werden, welch kleines Wunderding Create.Use.Shatter mit Stereo ans Licht gebracht haben. Das beginnt zwischen Sed Non Satiata und Explosions In The Sky mitten im Postrock, kippt nach einer guten Minuten in eine drahtig-hadernde Alternative-Nummer ab und packt gegen Ende die ganz wuchtigen Gesten aus. Eine schwer zu greifende Nummer, die doch über ungemeines Suchtpotential verfügt. Ein bemerkenswerter Song. In Mitten eines bemerkenswerten Albums. Hut ab.

8/10

Anspieltipps: Wolves And Vultures, Stereo, Lost, Summer

(Martin Smeets)

Create.Use.Shatter – Maladies | Midsummer Records | VÖ: 24.10.2014 | LP/Digital

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