Craft Spells + Dress | 14.11.15 | W1 (Regensburg)

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Craft Spells

Es gibt wahrlich bessere Konzerttermine als einen Tag nach den terroristischen Mordanschlägen in Paris. Oder gerade auch nicht. Ein offenbares Motiv der islamistischen Attentäter war der Hass auf den Lebensstil junger Leute in einer europäischen Metropole, ja in der Metropole schlechthin was Ausgelassenheit, Leidenschaft, Lebensfreude und Jugendkultur angeht. Eines der Ziele, das Musiktheater Le Bataclan, wurde während eines Konzerts der Eagles of Death Metal in fataler Weise als repräsentatives Ziel des so gehassten Lebensstils ausgewählt. Insofern wird ein Konzert am Folgeabend unumgänglich und ungewollt auch zu einem symbolischen Akt. Für Musik, gegen Barbarei. Das mag hochgestochen klingen, aber die Tatsache, dass Craft Spells zwei Tage darauf in Paris spielen hätten sollen (das Konzert wurde infolge der Ereignisse abgesagt), lässt es dennoch realiter wirken.

Zunächst sind es aber Dress, die mit der brandneuen EP Angst im Gepäck eine Dreiviertelstunde die W1-Bühne bespielen. Die Regensburger haben im Laufe der Zeit merklich an den Reverb-Reglern gedreht und ihren lethargischen Dreampop noch eine ganze Ecke sphärischer und entrückter geformt. Das Ganze kommt mit wenig (ebenfalls arg bearbeitetem) Gesang aus und macht sich ingesamt ziemlich gut, wenngleich Dress wie z. B. im Titeltrack der EP die erträglichen Grenzen der Monotonie schon weit interpretieren.

Monotonie ist auch Craft Spells nicht fremd, obwohl mit einigen, aber bedeutenden Einschränkungen. In den reduzierten im Midtempo plätschernden Retro-Indie-Sound mischen sich mitunter geradezu spektakuläre Momente. Manchmal überrascht die Rhythmussektion mit ad hoc stärkerem Schwung, manchmal ist es eine kleine tänzelnde Gitarrenfigur, die einen Song mit einer bezaubernden Leichtigkeit aus der Masse des Indierock hebt. Als Musterbeispiele dürfen sich From the Morning Heart und Breaking the Angle Against the Tide fühlen – nicht nur weil sie sich gar so eng an The Cure kuscheln. All das korrespondiert vorzüglich mit dem etwas mundfaul nuschelnden und lediglich das Wort „Shit“ deutlich artikulierenden Justin Paul Vallesteros, der wie ein kleiner Schuljunge andächtig und freudig seinen eigenen Stücken lauscht. Zum andächtigen und freudigen Lauschen hat überdies auch das Publikum reichlich Anlass, nicht zuletzt deshalb, weil dem W1 in Sachen Klang und Bühnenatmosphäre keine andere Musiklocation in Regensburg das Wasser reichen kann. Feine Sache!

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