Converge – All We Love We Leave Behind

Holzspielzeug

Man will es nicht glauben: Es sind tatsächlich schon wieder ziemlich genau drei Jahre ins Land gezogen, seit Converge ihre letzte Platte vorgelegt haben. So frisch, so beeindruckend ist die Erinnerung an die Großtat Axe To Fall also noch. Man glaubt es wäre gestern gewesen, als man zu diesem wohl durchdachten Koloss von Album, randvoll mit Gastmusikern und Schmuck am Nachthemd Bauklötze staunte. Und etwas Angst bekam, ob der Tatsache, dass diese Band spätestens seit Jane Doe, dem Album für die Ewigkeit, eigentlich durchgehend nur Hervorragendes präsentiert. Converge. Kein Bandname, sondern ein Qualitätssiegel. Und dabei kein bisschen langweilig, sondern ein Synonym für Unberechenbarkeit – schließlich zuckt man bei den meisten Bands, die gerade dabei sind, ihr neuntes Album unter die Leute zu bringen, nur etwas rat- und lustlos mit den Schultern. Im Falle von All We Love We Leave Behind ist man vom Schulterzucken allerdings weit entfernt. Vielmehr – ja, ich weiß, ihr habt es geahnt – staunt man. Bauklötze, aus Holz, versteht sich.

Zuvörderst weil es die Band vollbracht hat, den Sound noch ein kleines Stück besser, noch songdienlicher zu machen. Ich lege mich fest: Brillanter, pointierter, lebendiger kann man diese Songs nicht mehr produzieren. Wahrscheinlich nur, um in ein paar Jahren eines Besseren belehrt zu werden. Nächstens, weil diese Band auch nach zwanzig Jahren einfach auf nichts festzulegen, nicht auszurechnen ist. Album Nr.9 spart sich also dieses mal jedwedes Konzept in Sachen Song- und Soundästhetik und geriert sich lieber als Songsammlung.

Doch zurück zu den vermaledeiten Bauklötzen: Die purzeln nämlich nur so dahin, hört man sich die 14 Wuchtbrummen auf All We Love We Leave Behind eingehender an. Das fängt schon bei Jacob Bannon an. Der war in früheren Jahren mit manchen Ausrutschern in bemitleidenswertes Gejaule schließlich für manche der einzige Schwachpunkt dieser Band. Heute ist das lang vorbei, druckvoll und prägnant croont er sich durch die Songs, gibt im Opener Aimless Arrow sogar größtenteils lupenreinen Gesang(!) von sich, den man auch ohne Booklet verstehen(!) kann. Natürlich nur, um den Song in den letzten zwanzig Sekunden in Richtung wundervolle Brutalität zu verabschieden. Völlig zurecht, lassen doch die folgenden Trespasses und Tender Abuse mit unvermitteltem Nachdruck schallende Ohrfeigen in Hochgeschwindigkeit vom Stapel, die ihre HörerInnen mit dem Gefühl, man wäre soeben von einem vollbeladenem Truck überrollt worden, zurück lassen. Aber einem wenigstens wieder auf die Beine helfen. Man bekommt doch glatt Lust, die Wohnung mit grenzenloser Freude in ein Trümmerfeld zu verwandeln. Dabei haben sich Converge die wirklichen Überraschungen bislang noch aufgespart. Vicious Move macht den Vorhang auf, für ein Festival voller bunter Ideen und Songs. Dann schiebt eben mal ein stoisches, gemütliches Schlagzeug einen Song zunächst ganz allein an und schenkt selbigem einen Groove, tief im Rock’n’Roll verwurzelt. So fixiert, konzentriert, ja schlichtweg straight klang diese Band noch nie. Bis jetzt zumindest. Denn was Coral Blue mitsamt schweren Riffs und verschlepptem Beat schließlich spätestens im Refrain auffährt, spottet jeder Beschreibung. Converge können es seit neuestem auch eingängig. So eingängig, dass der Song selbst auf einer großen, also einer wirklich großen Bühne funktionieren würde. Mitgröhl und Fausthebpotential inklusive. Doch keine Angst: Converge wären nicht Converge, würden sie der ganzen Chose nicht eine angemessene Portion an Gruselflair und zerbrechlicher Härte verpassen. Und einen leisen Gitarrenpart, der schlicht und ergreifend Schönheit atmet. Ich könnte jetzt zum wiederholten Male mein Holzspielzeug erwähnen. Viel wichtiger ist aber, dass mit Shame In The Way ein Musik gewordener Faustkampf folgt und sich die Band Precipice den Luxus eines Interludes gönnt. Einzig und allein, um den Titeltrack einzuleiten, um die Stimmung zu schaffen, die All We Love We Leave Behind braucht, atmet und lebt. Zusammengenommen gibt das knapp sechs Minuten, voller Sprachlosigkeit vor den heimischen Lautsprechern, voller Bewunderung für den besten Titeltrack, den Converge jemals auf Band gebracht haben. Bei allem gerechtfertigten Understatement: Dieses Stück ist zum heulen gut. Es lässt einen fassungslos zurück, benommen sitzt man da und stammelt irgendwas von Kunst. Und hört die ganze Platte noch ein mal von vorne. Ein um’s andere mal.

All We Love We Leave Behind. Wieder eine neue Platte. Wieder ist sie – und die juvenile Wortwahl ist hier angebracht – super geworden. Eine Platte, die unmöglich irgendwo einzusortieren ist, die bis ganz oben hin voll gepackt ist, mit teils wahnwitzigen Ideen, mit brillanten Momenten, die in alle Richtungen ausbricht. Was am Ende auch ihre einzige, kleine Schwäche ist (und den Griff zur Höchstwertung verhagelt): Irgendjemand hätte hier zwischendurch mal aufräumen müssen.

9/10

Anspieltipps: Aimless Arrow, Vicious Muse, Coral Blue, All We Love We Leave Behind

(Martin Smeets)

2 Gedanken zu „Converge – All We Love We Leave Behind

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