City Light Thief – Vacilando

City Light Thief - Vacilando

Die Hymne

Man hört es ja täglich: Wir leben in schnelllebigen Zeiten. Was heute noch als der heißeste Scheiß abgefeiert wird, ist morgen schon ranziges Zeug von vorgestern. Trend folgt auf Trend, Ereignisse und Entwicklungen liefern sich ein nicht enden wollendes, aufreibendes Rennen, Entschleunigung wird zum jederzeit gern gesehenen Stichwort. Mittendrin im Strudel der Umwälzungen: Die Musik. Genauer gesagt, der Post-Hardcore. Der schwemmte gerade in jüngerer Zeit eine Anzahl an atemberaubenden Bands – man nehme nur La DisputePianos Become The Teeth oder Touché Amoré – an, die man nur schwerlich überschauen konnte. Und die, man kann es kaum leugnen, doch einige dazu bewegt hat, den ollen Post-Hardcore als formelhaftes Genre mit wenig Überraschungspotential abzutun. Hier ein paar disharmonische Akkorde, da verschleppte Beats und ein bisschen vertracktes Drumming, dort ein paar kernige Shouts. Fertig. Könnte man meinen. Doch halt! Hier soll ja schließlich nach Punk, Emo, Hardcore oder Postrock nicht schon wieder ein Genre in die Existenzkrise geschrieben werden. Das wäre auch völlig vermessen. Und schlichtweg falsch.

Warum? Weil im zugegebenermaßen weiteren Spannungsfeld eben dieses ollen Post-Hardcore eben auch in regelmäßigen Abständen Bands des Weges vagabundieren, die etwaigen Krisenschreiberlingen jedes Wort kurzerhand voller Spielfreude um die Lauscher prügeln. Jüngstes Beispiel aus dieser erlesenen Riege: City Light Thief. Der Sechser, der seit 2009 unter diesem Namen durch die Landen tingelt, legt nämlich jetzt mit Vacilando sein jüngstes Werk vor. Und liefert elf Songs ab, die schon der leisesten Spur einer Möglichkeit genreimmanenter Eintönigkeit gehörig die Leviten liest. Schließlich bewegen sich City Light Thief mit Vacilando weit über etwaige Genregrenzen hinaus, schmiegen sich dann und wann an den guten, alten Stadionrock an, kokettieren zeitweise mit indieesquen Momenten und geben dort, wo es nötig ist, auch mal den Haudrauf. Dass die Spagate, die hier aufgeführt werden, bisweilen waghalsig ausfallen ist kein großes Wunder, im Gegenteil – die Dynamik, die dieser Platte inne wohnt, ist nur folgerichtig. Schließlich spielen hier nicht nur bloße Epigonen der oben erwähnten Trendsetter vor, nein, die musikalischen Vorbilder, die Songs wie Panica oder Makel erst möglich machen, sind schon in etwas älteren Jahrgängen zu suchen. Und sie sind groß.

Möglicherweise zu groß, möchte man zwischenzeitlich meinen, geistern den geneigten HörerInnen während Vacilando doch solch namhafte Bands wie Thursday oder vor allem(!) Thrice durch die Synapsen. Gerade die beeindruckend – und ja, wir müssen an dieser Stelle auf dieses bescheuerte Wort zurück greifen – tight aufspielende Rhythmussektion, die eines Hasen auf der Flucht gleich, einen Haken nach dem anderen schlägt, lässt zwangsläufig Erinnerungen an späte Thrice aufkommen. Die immer wieder durch die Songs wabernden Gitarrenfiguren, die sich mit jeder Note vor dem Teppeischen Riffsport verneigen, machen diesen Eindruck schließlich komplett. Dass die Stücke dennoch nicht zur stumpfen Kopie geraten, ist nun vor allem der Art und Weise zu verdanken, mit der City Light Thief die verschiedenen Songbausteine kombinieren. Was dabei dann herum kommt, ist durchgehend aller Ehren wert. Schon der Opener Battue bohrt dicke Brette, macht ohne falsche Zurückhaltung und mit viel Bohei den Weg frei. Zum Beispiel für einen Refrain, der mitsamt seines unwiderstehlichen Gitarrenlaufs vor allem eines ist: Unverschämt eingängig. Oder für die Single Panica. Ein Stück, das vor den Bühnen der Welt mit beängstigender Zuverlässigkeit für fliegende Arme und blaue Flecken sorgen dürfte. Und das sich ganz nebenher mit jedem Hördurchlauf mehr zum verdammten Hit mausert. Oder für die Gitarrenarbeit in Portland, Maine, in die man sich in Mitten der auf Vacilando omnipräsenten Gangshouts glatt verlieben könnte. Ach ja, die Gangshouts: Wohl ein Merkmal dieser Platte, an dem sich so manche Geister scheiden dürften, ist doch der inflationäre Einsatz selbiger durchaus hinterfragbar. Andererseits bekommt die gesamte Platte, hat man sich erstmal an die überbordende Mehrstimmigkeit gewöhnt, eine gänzlich unvermutete Dynamik, wird Vacilando zu einer nicht enden wollenden Hymne. Dabei leuchten gerade die Songs, die zwischendurch ein wenig das Tempo heraus nehmen, am hellsten. Wird das Finale, auf das das – man schreie bitte jede Silbe lauthals in den Tag – unglaubliche Helicopter Youth langsam, aber zielstrebig, hinarbeitet, umso umwerfender. Wird das getragene Omori in seiner balladesken Art mal eben zu einem der beeindruckendsten Songs der Platte.

So braucht sich Vacilando dann auch gar nicht mal vor Bands wie Thursday oder Thrice verstecken. Klar, diese Platte kann Werken wie Vheissu oder Full Collapse kein halb volles Glas Wasser reichen. Klar ist aber auch, dass City Light Thief das auch zu keiner Sekunde vorhaben. Für bloßes Epigonentum ist Vacilando nämlich zu eigenständig. Und auch irgendwie zu gut.

8/10

Anspieltipps: Panica, Helicopter Youth, Makel, Omori

(Martin Smeets)

City Light Thief – Vacilando | Midsummer (Cargo Records) | VÖ: 31.05.2013 | CD/LP/Digital

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