Chris Wollard And The Ship Thieves – Canyons

American Spirit

Woher nimmt dieser Mann nur all die Zeit und Energie? Erst im Frühsommer veröffentlichte Chris Wollard mit seinen Kollegen von Hot Water Music eines der wohl besten Alben des Jahres, um anschließend jede mehr oder minder große Bühne, jenseits und diesseits des Atlantiks zu bespielen. An sich sollte dies genügen, um zufrieden auf ein erfolgreiches Jahr 2012 zurückblicken zu können. Doch nicht einem Chris Wollard. Dem scheinbar getriebenen Ausnahmemusiker gelingt es, neben seiner Haupttätigkeit als einer der beiden Frontmänner bei Hot Water Music, tatsächlich mit seinem Nebenprojekt, Chris Wollard And The Ship Thieves, ein weiteres Album, mit dem Titel Canyons, auf den Markt zu bringen. Tourtermine? Natürlich!

Der Nachfolger zum selbstbetitelten Debütalbum, aus dem Jahr 2009, spielt dabei von Anfang an mit offenen Karten. Dem geneigten Hörer wird mit Beginn des Openers Dream in my Head, schnell klar, dass sich Chris Wollard und seine Mitstreiter auf dieser Platte ihrer Vorliebe für klassischen, amerikanischen (Southern-)Rock hingeben. Wer jetzt automatisch an die schlimmsten Südstaaten Klischees denkt, kann beruhigt weiterlesen, denn die Musiker schaffen es gekonnt solche Peinlichkeiten, egal ob textlicher oder musikalischer Natur, zu umgehen. Garniert wird das Ganze, je nach Bedarf und Stimmung mit einer waschechten Punkrock- beziehungsweise Country-Attitüde, ohne dabei die Zielrichtung des Albums aus den Augen zu verlieren. So klingt ein Runaway Train zwar deutlich nach einem Exister, bewahrt aber doch seine Eigenständigkeit, um als rebellische Southern-Rock Nummer durchzugehen. Hingegen schafft es die Band bei Lonely Days, auch im Jahre 2012, eine schnörkellose Lagerfeuer Romantik, ganz ohne Fremdschähmfaktor, zu entfachen. Bei Sick, Sick Love weiß der dezente Orgel Einsatz zu gefallen und man kommt nicht umhin, sich selbst in einer verrauchten Spelunke, samt alter Jukebox, irgendwo an einem verlassenen Highway vorzustellen. Chris Wollard zeigt dabei seine stimmliche Wandlungsfähigkeit, lässt seine bekannte Hot Water Music Reibeisenstimme nur selten, wie bei Never Have Time, durchschimmern und schafft es so, klar aus dem Schatten seiner Überband hervorzutreten. Textlich geht es in bester Tradition des Genres sehr persönlich und ehrlich zu, ohne dabei zu einfach oder plump zu wirken.

Chris Wollard beweist ein weiteres Mal, dass er wahrlich für seine Musik lebt. Egal ob bei Hot Water Music oder auf fast Solopfaden mit seinen Ship Thieves. Seine Spielfreude und Leidenschaft hört man auch in seinem neusten Werk sofort heraus. Die Reminiszenz an den Zenit des Southern-Rock ist der Band mehr als gelungen. Wer sich auf das Konzept einlässt, wird positiv überrascht und bekommt mit Canyons eine sehr melodische und mitreißende Platte, fern ab von allem Dixie-Kitsch. Dabei konnte Wollard dem Album durchweg seinen Stempel aufdrücken: Rau und ungestüm, gleichzeitig aber auch einfühlsam und voller Leidenschaft. Perfekt für endlose Fahrten gen Sonnenuntergang oder verregnete Abende voller Fernweh.

8/10

Anspieltipps: Dream In My Head, Lonely Days, Sick  Sick Love, Never Have Time

(Dominik Iwan)

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