Chet Faker – Built On Glass

Chet Faker - Built On Glass // Bild: ampya.com

Wunderkind

An alle, die den so genannten ‚Hipster‘ in einem moment gedankenloser Langeweile zu ihrem liebsten Feindbild erklärt haben: Ihr müsst jetzt ganz stark sein. Nicholas James Murphy aka Chet Faker ist optisch genau ein solcher. Er trägt Wuschelbart und witzige Hüte, was unter den BenennungsfanatikerInnen wohl ausreichen dürfte, um das stupide Etikett ‚Hipster‘ aus der Skinny-Jeans-Hosentasche zu zücken. Und er macht Musik, von der manche glauben, sie würde dem eben benannten Klientel zuzurechnen sein. ‚Future Beat‘ und ‚Modern Soul‘ spukt das Internet (aka Wikipedia) dazu aus. Future Beat also, aha. Da freut man sich doch, mal eben über 2000 Zeichen ein paar Stereotypen breit treten und am Schluss eine beliebige Zahl drunter zu setzen.

Wäre da nicht dieses kleine Detail am Rande, um das es eigentlich gehen sollte. Die Musik nämlich. Die nimmt mit Built On Glass die Gestalt eines Albums an und hat mit Klischeereiterei ungefähr so viel zu tun, wie H.P. Baxxter mit verstiegenen philosophischen Ideen. Ein paar Tupfer aus dem Rhodes-Piano, ein wenig Stille und schließlich die unverwechselbare Stimme des Protagonisten, und schon ist man mittendrin in einer Platte, die ihre HörerInnen in den Ohrensessel setzt und sie bittet, sich jetzt eben mal gute fünfzig Minuten Zeit zu nehmen. Nur rumsitzen und zuhören. Sonst nichts. Man darf schließlich nichts verpassen, was auf Built On Glass passiert. Die ungemein warme Atmosphäre, die Instrumentierung in all ihrer spärlichen Eleganz, die Intensität von Murphys Organ, die Masse an umwerfenden Stücken, das immer wieder vorbeischauende Rhodes. All das läuft unbemerkt vorbei, wenn man dieser Platte nicht mit der Aufmerksamkeit entgegentritt, die sie redlich verdient.

Vom ersten Takt bis zur letzten Nummer Dead Body passiert hier nichts Überflüssiges. Keine Note zu viel wird gespielt, kein Beat drängt sich unangemessen in den Vordergrund, keine Idee wird länger verfolgt, als es ihr gut tut. Murphy, so könnte man meinen, entwickelt sich hier zum Meister des Weglassens. Er hält seine Stücke herrlich unaufgeregt und schafft es doch, mit minimalem Instrumentaleinsatz weitläufige Soundscapes zu erschaffen. Songs in denen man versinken möchte, Songs die einen zwangsläufig in ihren Sog ziehen und Songs, die schlichtweg schön sind. Der Opener Release Your Problems gibt dabei die Richtung vor, die all seine Nachfolger konsequent mitgehen. Mal organisch, mal entfremdet, mal jazzig, aber immer mit Bravour. Das bezaubernd balladeske To Me ist ein eindeutiger Kandidat für’s Elektro-Songwriter-Handbuch, 1998 könnte sogar auf einer Tanzfläche funktionieren, Blush gerät zu einer fast psychedelisch anmutenden Achterbahnfahrt in finsterer Nacht und Cigarettes & Loneliness testet in knapp acht Minuten aus, wie viel Indietronic in Murphys Stilentwurf passt. Und wenn Talk Is Cheap mit seiner unwiderstehlichen Melodieführung sich aufmacht, ein Hit zu werden, kann man gar nicht genug Hüte finden, um sie zu ziehen.

Dass der Kerl, der hinter diesem kleinen Wunderwerk steht, gerade mal sein zweites Album veröffentlicht hat, will man anhand dieser Stücke beinahe ins Reich der Fabeln abtun. Bei all dem Soul, den der Rausschmeisser Dead Body atmet, bei all der traumwandlerischen Souveränität, mit der sich Murphy durch seine Platte bewegt, will man das einfach nicht glauben. Und dennoch, Hipster hin oder her: Der Zweitling von Nicholas James Murphy ist, genau wie sein – mit Verlaub – ultracooler Künstlername, über jeden Zweifel erhaben.

9/10

Anspieltipps: Talk Is Cheap, To Me, Cigarettes & Loneliness, Dead Body

(Martin Smeets)

Chet Faker – Built On Glass | Future Classic / [PIAS] Cooperative / Rough Trade | VÖ: 11.04.2014 | CD/LP/Digital

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