Ceremony – Zoo

 


Immer vorneweg

2011 war wohl im Rückblick eindeutig das Jahr von „The Wave“, war das Jahr der Defeaters, der La Disputes, der Touché Amorés und und und. 2012 scheint es zunächst mit The Tidal Sleep so weiter zu gehen. Die ‚Revolution des Hardcore‘, wie so mancherlei Musikmagazin entzückt proklamiert, scheint also zwangsweise ziemlich virtuos, vertrackt und subtil daherzukommen. Breakdowns und schweres Akkordschreddern? Vergangenheit. Irgendwo findet sich bestimmt auch jemand, der den Slogan ‚Indie ist das neue Hardcore‘ kritiklos unterschreiben würde. Da ist es schon verständlich, dass so manche HörerInnen „The Wave“ schon wieder über haben, bevor sie überhaupt wirklich zeigen kann, was wirklich in ihr steckt. Ein Glück also, dass es daneben auch noch Bands wie Fucked Up! oder eben Ceremony gibt. Bands die zeigen, dass Vorne in völlig verschiedenen Richtungen liegen kann. Nachdem Erstgenannte letztes mit ihrem meisterhaften David Comes To Life brillieren konnten, legen jetzt Letztgenannte nach:

Zoo lässt in seiner milchig-unklaren Coveroptik schon von weitem vermuten, was sich hinter dem kurzen Namen wohl verbergen könnte. Und tatsächlich, wer hätte es auch anders vermutet, Ceremony haben weiter an ihrer eigenen Version von Hardcore, nämlich an der völligen Antithese zu den Bands des so genannten Modern Hardcore. Der Fünfer aus Californien braucht dafür auch nicht besonders viel – gelangweilt auf vier eingezählt und schon kommt Zoo Fahrt. Produzent John Goodmanson spendiert der Platte dazu genau den giftigen Sound, den sie braucht, um sich angemessen zu entfalten. Und so spuckt dann Hysteria zum Start erstmal mit seinen drei Akkorden um sich, nur um die Überraschung, die die Band dieses mal dabei hat, gleich lautstark breitzutreten: Hardcore ist hier nur noch die Haltung. Die Musik selber ist eher eine besonders windschiefe und dreckige Variante des Rock’n’Roll. Die Verweigerung vor allem Modernen hat Ceremony also mal wieder in eine ganze andere Ecke verschlagen. Solang dabei allerdings so wundervolle Dinge wie Citizen, das mit seinem Solo fast schon tanzbar – im Sinne von Tanzen! – wirkt, rumkommen, macht das ja auch nichts weiter. Und so kann man sich freuen, über die gegenüber dem Vorgänger nochmals verstärkte Detailarbeit, über eine so nicht geahnte Menge an feinen Melodien, über die rundeste Platte dieser Band. So far.

Und bei aller Melodie und aufgegebener Härte: Ceremony wissen stets, was sich für einen guten Song gehört. Da wird das beinahe gut gelaunt wirkende Quarantine erstmal im Refrain abgewürgt und zur Songmitte dazu noch richtig zersägt. Da darf zwar Brace Yourself schief grinsend mit der Basslinie aus Billy Jean aufmachen, nur um eine Gitarre übergebraten zu bekommen, die sich hauptsächlich auf einen Akkord beschränkt. Die Offensichtlichkeiten dürfen also weiterhin die Anderen übernehmen. In Folgenden brillant: Der noisige Gargenrock von Adult oder das schlurfende Hotel, das ungefähr so klingt, als ob man The XX durch die Zerre dreht. Mit dem nächsten Song – Ordinary People – schießt die Band allerdings direkt in die Mitte und den Vogel damit ab. Diesem Song wurde alles abgenommen, was er nicht unbedingt brauchen konnte. Schmuck- und schnörkelloser kann man es kaum noch machen. Das darüber noch die Erkenntnis „Ordinary People/We do ordinary things“ gekeift wird, rundet die Sache noch ab. Wenn schon Minimal-Electro ein Genre ist, könnte man für diese Band auch eine eigene Nische – Minimal Punk oder so – einfordern. Das das Alles übrigens funktioniert, zeigt die Klasse der Band. Ganz zum Ende steht dann mit Video noch die letzte Überraschung als Rausschmeisser. Ceremony machen beinahe-Shoegaze. Und im Vergleich zum oben erwähnten Hotel lassen sie dieses mal  sogar die Bratgitarren draussen.

Was Zoo also im Vergleich zum Vorgänger an Aggressivität verloren hat, hat es anderseits an Abwechslungsreichtum, Melodie, Überraschungsreichtum und vor allem auch Atmosphäre hinzugewonnen. Und so sehr sich Fans von Violence Violence oder Still Nothing Moves You wohl eher von dieser Platte abwenden werden: wenn in einem Text über eine Hardcoreband ein Song von Michael Jackson und The XX auftauchen können, ohne schiefe Assoziationen zu bemühen zu müssen, kann man es durchaus mal zugeben. Ceremony sind – auf ihre ganze eigene, ziemlich verquere Weise – genial.

(Martin Smeets)

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