Schnipo Schranke – Satt

Schnipo Schranke - Satt

Fame!

Es hätte doch so wunderschön sein können mit Schnipo Schranke. Schließlich kam das Duo irgendwann mit dem Instant-Internet-Hit Pisse des Weges, wurde von Youtube dank Video-Löschung mit gratis Promotion ausgestattet und legte vor allem einen gelungen Parforceritt in Sprache und Musik hin. Ein fast perfekter Song also, der schon mehr als Lust auf ein dazugehöriges Album macht(e). Ein Album, das manche am liebsten schon als Beginn einer neuen Hamburger-Schule-Zeitrechnung stilisiert hätten. Schließlich vereinen Schnipo Schranke beim oberflächlichen Hinschauen die attribute Pop, Hamburg, Blockflöten-Studium und Mut zum erfrischend schonungs- und schmucklosen Sprachgebrauch.

Friederike Ernst und Daniela Reis sind die Erwartungen, die mancherorts in Richtung ihres Debuts Satt gerichtet wurden – politisch sollte es sein, vielleicht auch gleich feministisch, auf jeden Fall aber ziemlich intellektuell – dann aber in erster Linie scheißegal. Unterhaltung, das ist der Zentrale Antrieb hinter diesem Album. Nicht mehr, nicht weniger. Daran ist ja auch nichts Schlechtes zu finden, im Gegenteil. Man mag prinzipiell fast dankbar sein, ob der Weigerung des Duos, sich vor jedwede Karren spannen zu lassen. Schwierig wird es, wenn der Höhenflug im Zeichen des Entertainments in einer krachenden Bruchlandung endet. Und die legen Schnipo Schranke formvollendet hin. Irgendwie zumindest. Das beginnt bei der Neuaufnahme der erwähnten Single Pisse: Dem Stück wird ein wenig Geschwindigkeit genommen, dafür darf die Albumversion ein paar mehr überflüssige Spuren mitschleppen. Und verliert so auf Seiten der Musik jeglichen Charme.

Dass der Song dennoch ohne Zweifel zu den Highlights der Platte zählt, liegt daran, dass mancherorts der erwähnte Charme gleich komplett fehlt. Weil Texte in unprätentiösem – nicht aber derben – Gewand zwar durchaus erfrischend sind, aber „Fotze“ auf „Kotze“ zu reimen trotzdem noch lange nicht akzeptabel ist. Gerade wenn es auf Albumlänge geschieht. In jedem einzelnen – pardon – verdammten Song. Schnipo Schranke, das sind Reimschemata, die Pur in Rekordzeit freiwillig ins Abenteuerland vertreiben könnten. Für immer. Schnipo Schranke, das ist außerdem ein arg offensichtliches Produkt. Da ändert es nichts, das man freimütig zugibt, den Mainstream im Blick zu haben. Satt wirkt schon beim flüchtigen Hinsehen verdächtig konstruiert und in Haltung und Themenwahl bemüht zeitgemäß. Ein genauerer Blick bringt keine Abhilfe, sondern bestätigt genau dies. Und trotzdem macht das Duo Spaß. In kleinen Dosen. Im wundervollen Schnipo-Song, oder dem unwiderstehlichen Cluburlaub zum Beispiel. Dann sind Schnipo Schranke pures Gold. Ansonsten sind sie manchmal nervig und meistens okay. In erster Linie aber erschreckend egal.

Wertung: 5/10

Anspieltipps: Schnipo-Song, Pisse, Cluburlaub

(Martin Smeets)

Schnipo Schranke – Satt | Buback / Indigo | VÖ: 04.09.2015 | LP/CD/Digital

Conveyer – When Given Time To Grow

Conveyer - When Given Time To Grow

#mussmanwissen

Es ist bisweilen nicht einfach, mit dringlichen Empfehlungen umzugehen. Genauer gesagt mit Formulierungen, wie „100 Bands you need to know 2015.“. Genau diesen Satz stellt der Beipackzettel zum zweiten Album von Conveyer nämlich ganz voran. Und sorgt mit jenem aufdringlichen Statement – das im übrigen aus diesem Hause hier kommt – erst mal für Irritationen. Was ist, wenn jemand keinen Bock hat, sich Jahr für Jahr durch 100 verschiedene Kapellen zu hören? Darf man auch mehr kennen? Sollte man dieses Marktgeschrei im #mussmanwissen-Style nicht besser in den Wind schießen? Und vor allem: Haben Conveyer das denn eigentlich nötig?

Trotz anders lautender oberflächlicher Vorzeichen – man nehme nur den Labelnamen und die Converge-Gedächtnisoptik – landet die Antwort bei einem eindeutigen „Nein“. When Given Time To Grow schert sich einen Dreck um jedwede Vorverurteilungen und geht mit dem Opener Shining nach wenigen Sekunden so beherzt nach vorne als gälte es, den melodischen Hardcore im Alleingang vor dem Untergang zu retten. Nur dass dieser eben nicht vor dem Untergang steht. Und nicht zuletzt dank der hier versammelten elf Songs in näherer Zukunft nicht vor dem Untergang stehen wird. Weil hier die Lust auf die eigenen Songs selbigen aus allen Poren tropft. Weil Haven nach einem mustergültigen Breakdown einen Singalong-Part auffährt, der gefälligst in sämtlichen Genrelehrbüchern zu stehen hat. Weil der heisere Vortrag von Sänger Danny Adams mit Leichtigkeit all die Leidenschaft transportieren kann, die die Band in ihre Songs wirft.

Da geht selbst der kurze Ausflug in balladeske Gefilde von Cage unfallfrei über die Bühne, weil man clever genug ist, nur Teile des Songs sanft zu gestalten und in unter zwei Minuten doch zu einem furiosen Finale gelangt. Und da kann man durchaus auch damit leben, dass When Given Time To Grow nicht nur darauf verzichtet, irgendwelche Räder neu zu erfinden, sondern bisweilen kurz Gefahr läuft, etwas arg formelhaft zu agieren. Dann aber kommt die Band mit Songs, wie dem flinken Ruined oder der melodischen Kante von Resist_Admit daher und zerstreut jegliche Bedenken. Conveyer? Muss man kennen.

Wertung: 7/10

Anspieltipps: Shining, Haven, Cage, Daughter

(Martin Smeets)

Conveyer – When Given Time To Grow | Victory | VÖ: 04.09.2015 | LP/CD/Digital

Envy – Atheist’s Cornea

Envy - Atheist's Cornea
Genremaßstab

Fast ein bisschen schade, dass Envy ihr sechstes Album ausgerechnet im Sommer veröffentlicht haben. In der Jahreszeit also, in der man wohl am wenigsten Zeit, Laune und Muse für derartige Klötze hat, die Envy liefern. Oder, um es eingangs noch vorsichtig auszudrücken, bislang geliefert haben. Fünf Jahre ist immerhin die letzte Platte schon her und die Möglichkeit, dass ihr perfektionierter Mix aus Postrock und Hardcore in eine andere Richtung ausschlagen könnte, war zumindest denkbar. Doch um diese und ähnliche Spekulationen, die hinsichtlich dieser Veröffentlichung im Vorfeld umherkreisen könnten sogleich zu zerstreuen: Envy bleiben natürlich Envy.

Das heißt nun wiederum nicht, dass sie stets auf einem Fleck stehen blieben, aber wirkliche Überraschungen darf man selbst nach fünf Jahren nicht erwarten. Und so schadet es nicht, die elendig heißen Sommertage verstreichen zu lassen, um sich Atheist’s Cornea mit voller Aufmerksamkeit und Hingabe zuwenden zu können. Der Herbst bietet den optimalen Rahmen – sagen wir einfach mal. Und so gibt es – wer dem Lautstärketest zu Beginn von Blue Moonlight ohne großen Schrecken entkommt – einiges zu entdecken. Wie Envy zum Beispiel dieses derart fies attackierende Lied an der Leine zu halten wissen und trotz hastigem Drumming und Shouting einen fast schon andächtigen Song zu formen wissen. Mit eigentlich ungeeigneten Mitteln wohlgemerkt. Es ist sowieso nicht so exakt auszumachen, wodurch Envy ihren Songs solche Tiefe und Größe verleihen, die sie fraglos scheinbar leichtfüßig über dem Genredurchschnitt schweben lassen. Denn so viel machen sie eben auch nicht anders als andere, die ihrem Screamo/(Post-)Hardcore reichlich Postrock untermischen.

Und doch sind die Verspieltheiten und Streichereinlagen am Ende des Siebenminüters Shining Finger ganz besondere, wunderschöne, ja einzigartige Momente. Und doch scheint sich bei Ticking Time and String eben dieses ganze Genre völlig entblößt und in seiner Essenz zu offenbaren. Man möchte nicht allzu ungehalten wirken und behaupten in solchen Momenten seien Envy unerreicht, der Gedanke drängt sich aber auf. Wenn sie im Anschluss aber mit Footsteps in the Distance das beste Lied der Platte hinterherwerfen, ist sowieso kaum ein anderes Urteil sinnvoll.

Envy sind und bleiben mit Atheist’s Cornea Maßstab ihres Genres und vereinen Widersprüche auf elegante und erhabene Weise. Wie sie Härte aufzuweichen, Songs behutsam aufzubauen und wieder zu zerschlagen und wärmste Passagen unerwartet und augenblicklich einzufrieren wissen. Das ist bewundernswert. Envy spielen befreit und offenherzig auf und bleiben dennoch in jeder Sekunde unnahbar und rätselhaft. Ein Stück weit mag das auch an den bloßen Andeutungen durch die englischsprachigen Songtitel liegen, deren in japanisch vorgetragene Inhalte dem mitteleuropäischen Ohr verborgen bleiben. Letztlich entscheidet aber ohnehin die Musik. Und die ist, alle Zurückhaltung beiseite gelegt: Spektakulär!

Wertung: 9/10

Anspieltipps: Shining Finger, Ticking Time and String, Footsteps in the Distance

(Martin Oswald)

Envy – Atheist’s Cornea | Rock Action Records | VÖ: 10.07.15 | LP/CD/digital

The Good Life – Everybody’s Coming Down

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Müssen nur wollen

Eigentlich sollte man ja so mancherlei Kunst nicht zwingend an ihren Urheber_innen festmachen. Um das zu untermauern könnte man jetzt zu einem weitläufigen Exkurs in komplexe Theoriegebilde abdriften. Oder einfach Jacob Bannon erwähnen, der für Converge mühelos zwischen wütend-entmenschtem Geschrei und höflichen Ansagen wechseln kann. In wenigen Augenblicken. Wenn aber die Sprache auf Tim Kasher fällt, kommt man nicht umhin, seine Person und die Beschreibung der Musik einzupflegen.

Weil seine Songs einfach genau so klingen, wie Kasher eingedenk seiner Diskographie zu sein scheint: Ruhelos. Bis an die Schmerzgrenze. Immerhin ist der Typ unter eigenem Namen, als Cursive und als The Good Life unterwegs und taucht so nebenbei noch auf diversen Alben anderen Künstler – wir führen hier mal Bright Eyes als Beispiel an – auf. Ein getriebener Geist also. Und ein unsteter. Schließlich musste man auf ein neues Album von The Good Life geschlagene acht Jahre warten. Ehe es völlig unvermittelt des Weges kam. Und jetzt unter dem Titel Everybody’s Coming Down bewertet werden will.

Und ja, Everybody’s Coming Down tönt im ersten Rundumblick in etwa so unübersichtlich, wie das Schaffen seines Schöpfers. Forever Coming Down denkt nicht eine Sekunde daran, seinen Anarcho-Indie zu Gunsten einer nachvollziehbaren Melodie ein wenig in den Hintergrund zu stellen und gewinnt genau dadurch an Faszination. Aber eben auch an Nervpotential, sofern man von dem Stück auf dem falschen Fuß erwischt wird. Dann aber ist jede Beschäftigung mit diesem Album ohnehin müßig. Weil man einfach Lust haben muss, auf diese leidenschaftlich kratzbürstige Oberfläche und die überall lauernde Verweigerungshaltung. Die ihren Hörer_innen unter dem Titel Happy Songs demonstrativ ein flüchtig hingeworfenes Interlude verkauft. Sollen die doch sehen, was sie damit anfangen können.

Zum Glück aller Beteiligten ist Kasher jedoch zwischendurch auch immer wieder mal geradezu gnädig gestimmt. Im furiosen Skeleton Song etwa, der sich zwar hinter einem etwas lang geratenen Intro versteckt, dann aber sowohl lyrisch als auch musikalisch umso eindrücklicher los poltert. Am allerbesten ist die Platte aber vor allem, wenn das Poltern ausbleibt und Kasher und Band darauf verzichten, jeden versöhnlichen Ton zu versägen. Dann entstehen Songs, wie das fünfminütige How Small We Are. Oder das wahrhaft anrührende The Troubadour’s Green Room, in dem Kasher erklärt, für wen und was er den ganzen Käse überhaupt erst macht. Und so das definitive Highlight der Platte entstehen lässt. Weil er den Worten ein komplett ausformulierten Song spendiert.

Das geschieht nämlich bei weitem nicht immer, wie schon nach dem jäh beendeten – und dennoch enorm gelungenen – Intro 7 In The Morning deutlich wird. Immer wieder nehmen die Stücke völlig unvermittelte und harsche Wendungen, immer wieder fasern die Ideen einfach ins Nirgendwo aus. Was schade ist, weil es die meisten Ideen verdient hätten, zu Ende gedacht zu werden. Es passt zum kauzigen Kasher, dass er eben diese Tatsache mit dem Schlussstück Midnight gleich noch eindrucksvoll unterstreicht, wo er die im Intro angedeutete Melodie nochmal aufgreift und doch noch einen richtigen Song daraus macht. Als ob er zeigen wollte, was er könnte, wenn er denn nur wollte. Vielleicht ja beim nächsten Mal.

Wertung: 6/10

Anspieltipps: The Troubadour’s Green Room, Skeleton Song, How Small We Are, Midnight

(Martin Smeets)

The Good Life – Everybody’s Coming Down | Saddle Creek / Cargo | VÖ: 14.08.2015 | LP/CD/Digital