Captain Planet – Ein Ende

Captain Planet - Ein Ende - Cover
Das Ende der Erwartungen

Es ist vermutlich kein Trend, aber zumindest doch eine relevante Option unserer Zeit geworden: Ein Album nahezu ohne Vorlauf zu veröffentlichen. Vielleicht ist es sogar so etwas ein Anti-Trend. Was mühen sich manche wochenlang ab mit groß angelegten Promo-Kampagnen, um eine Platte zu pushen, ein bestimmtes Publikum anzufixen, ein neues zu gewinnen, einen ganzen Stapel Reviews zu bekommen und selbst im allerhintersten Blog irgendwo im Internet noch ein Interview zu platzieren. Über Monate werden Social-Media-Accounts von Songwriting über Proben, von Aufnahmen über Postproduktion mit Schnipseln aus einer Albumentstehung bespielt, der Spannungsbogen und die Erwartungen damit (vermeintlich) hochgehalten.

Dass es eben auch anders geht, beweisen nicht zuletzt und wieder einmal Radiohead, die ohne auch nur irgendetwas Verlässliches zu kommunizieren sich gänzlich aus dem Internet zurückziehen, um dann kurzerhand zwei Videos und eine unmittelbar bevorstehende Albumveröffentlichung zu vermelden. Das ist alles in allem natürlich dennoch viel Brimborium, wir reden immerhin vom Weltmeister in der Anti-Vermaktungsinszenierung. Wie eine ähnliche Strategie jedoch ungleich bescheidener funktioniert, beweisen Captain Planet.

Nach einer sehr langen Sendepause verkündet die Band am 18.04.16 über Facebook: „Das hier ist ein Ende.“ Aha. Panik, Unverständnis, Rätsel, Hoffnung… Was ist das für eine Botschaft? Bereits am nächsten Tag lüftet die Band das Geheimnis. In nicht einmal drei Wochen kommt das neue Album mit dem Namen Ein Ende. Ein Video kommt in zwei Tagen. So viel dazu.

Nun ist das Album also da und muss den Erwartungen, die Captain Planet in kürzester Zeit von null auf hundert katapultiert haben, standhalten. Das sind eben auch Erwartungen, die sich die wahrscheinlich spannendste deutschsprachige Emopunkband über Jahre und bis dato drei hervorragende Platten erspielt hat. Mit Ein Ende muss sich die Band erneut beweisen und – das war ebenfalls zu erwarten – sie schafft dies bedingungslos.

Viel Experimente muss man bei Captain Planet sowieso nicht erwarten, zu festgelegt ist der Bandsound, wenngleich er diesmal weniger schrammelig, dafür deutlich klarer und differenzierter daherkommt als beispielsweise noch auf Treibeis. Doch das angestrengte Wehklagen Jan Arne von Twisterns, das sich von Anfang bis (haha) Ende durchzieht, ist ebenso unverkennbar wie der unbedingte Sinn Captain Planets für eingängige Melodien irgendwo zwischen Posthardcore und Poppunk mit meist aufregend inszenierten Refrains.

Ein Ende gönnt sich daher kaum eine Atempause und peitscht auf einem erstaunlich hohen Niveau in nicht einmal einer halben Stunde durch Lyrik, die zu kunstvoll für den Alltag und zu alltäglich für Kunst ist. Wie so oft bei Captain Planet brauchen die Songtitel keinen bedeutungsschwangeren Aufwand, sondern heißen schlicht und banal Kreisel, Irgendwas, Kette oder Landung und geben den Songs das karge thematische Grundgerüst. Es geht um Begegnungen, Beziehungen, Nähe, Ferne, die Kälte und Wärme in uns und Ausflüchte und Fluchten aus dem und in den Alltag.

Im Urteil oft hoffnungslos „Wir alle sind gescheitert“ (Tulpenfarm) weicht doch die Hoffnung auf ein gutes Ende nicht. Denn auch am Ende geht es weiter, irgendwie. Ein Ende ist nie nur ein Ende, sondern auch ein Anfang. Dass dies bei Cptain Planet keine alberne Floskel ist, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sie ihren bis dato besten Song Vom Ende An eben an den Schluss setzen. Ein Ende ist großartig und sicherlich noch lange nicht das Ende. Das Ende der Erwartungen am allerwenigsten.

8/10

Captain Planet – Ein Ende | Zeitstrafe | VÖ: 06.05.16 | LP/CD/digital

Matze Rossi – Ich Fange Feuer

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Alles wird gut. Oder eben nicht.

Es läuft für Matze Rossi. Sein nunmehr fünftes Album Ich Fange Feuer erscheint im bisher größten Rahmen. Die Veröffentlichung beim Boysetsfire-Label End Hits Records wird mit umfangreichen Specials, Promo-Features, so auch einem Auftritt in der Pro7-Sendung Circus Halligalli und einer ausgiebigen (von GHvC gebuchten) Tour begleitet. Viel hat er dabei einem weit verzweigten Freundschafts- und Fannetzwerk, vor allem aber seiner Ausdauer, Beharrlichkeit, Leidenschaft und Freude an Musik zu verdanken. In letzterer Beziehung ist Matze die ehrlichste Haut, die man sich vorstellen kann und scheint damit mittlerweile auch angekommen zu sein. Zum ersten Mal ist er etwas mehr als reiner Hobby-Musiker.

Und auch wenn das Setting hervorragend passt, so zählt in der Hauptsache doch die Musik, die Ich Fange Feuer natürlich wieder in gewohnte Gefilde befördert. Matzes rau-sanfte Stimme dominiert die überwiegend mit der Akustischen inszenierte Songs, die sich wie so oft um Themen wie Freundschaft, Liebe, Musik, Leben und Tod drehen und bei denen es zu müßig wäre nachzuzählen, wie häufig diese Begriffe tatsächlich fallen. Zu oft jedenfalls. Die Grundstimmung ist, wie auch schon beim Vorgänger Und Jetzt Licht, Bitte!!!, ausschließlich positiv und gibt sich überaus intim. Diesmal wagt sich Matze Rossi jedoch wieder aus seinem Keller heraus und gestaltet die Songs wieder größer und imposanter. Das zeigt sich insbesondere an der aufwendigeren Produktion und den zahlreicheren Begleitinstrumenten, die wieder deutlich mehr Bandimpetus in sich tragen.

Ich Fange Feuer ist wieder einmal nett und gelegentlich schön anzuhören, bleibt aber meilenweit unter den Möglichkeiten Matze Rossis zurück. Das ist ärgerlich. Die inhaltliche Verengung auf die immer gleichen Themen macht die ganze Platte über einige Strecken langweilig und insgesamt harmlos. Hier straft sie nicht nur den alten Tagtraum-Song Balsam Lügen („Denn ich bin alles andere als hilflos oder harmlos“), sondern lässt gelegentlich die Frage aufkommen, ob das hier noch Matze und nicht bereits Semino Rossi ist. Jemand, der sich in einer derart grausamen Welt, wie wir sie derzeit vorfinden, dermaßen auf die persönliche Glücksfindung, das eigene Seelenheil und (Achtung!) das „Karma“ beschränkt, hat leider nicht viel zu sagen und wäre zuweilen im Schlager besser aufgehoben. Hoffnung weicht hier einem blinden und naiven Optimismus.

Das alles heißt jedoch nicht, dass Ich Fange Feuer nicht auch seine gelungenen Momente hätte. Der Spannungsbogen in Das Vertraute Kribbeln In Meinen Händen, der sich schön im etwas unbedarften „Alles wird gut“ entlädt oder Kein Zweifeln Und Bedauern, das neben leidigen Ohohohos einen hinreißenden Schwung bietet, zum Beispiel. Wenn sich am Ende Zieh Meine Träume Nicht Durch Den Dreck fast orchestral auftürmt, wird klar, dass Matze Rossi durchaus die Experimentierfreude besitzt, die sich musikalisch eben nicht in der Akustikgitarre erschöpft.

Insgesamt wird aber auch klar, dass hier wieder einmal wesentlich mehr drin gewesen wäre und Matze Rossi seine Genialität als Songwriter nicht annähernd ausschöpft. Die kitschig-esoterische Positivität, die weit entfernt von der fragilen und poetischen Schönheit eines solo(w) boy, so-low ist oder die schlageresken Refrains, die eine ganze Ecke den herzhaften Indie-Popsongs der unvollendeten digitalen EP-Trilogie (hier und hier) nachstehen, stehen dafür symptomatisch. Ob bei Matze Rossi wirklich alles wieder gut wird? Na ja, wollen wir’s hoffen.

4,5/10

Matze Rossi – Ich Fange Feuer | End Hits Records | VÖ: 18.03.16 | LP/CD/digital

Turbostaat – Abalonia

Turbostaat - AbaloniaParadox? Nein, Turbostaat!

Seit Turbostaat begonnen haben ihre kommende Platte zu bewerben, wurde alles trüb, wacklig, schemenhaft, neblig, trist und grau. Homepage, Bilder, Teaser, Videos – alles. Keine Farbtupfer, die einst die Optik dominierten (Flamingo und Schwan) und auch keine rohe Klarheit wie zuletzt bei Stadt der Angst. Der Blick ist verschwommen bei Abalonia und der gleichnamige fremde Ort Ungewissheit, Verheißung und Enttäuschung zugleich.

Turbostaat inszenieren mit Abalonia ein neues Kapitel im mittlerweile 17 Bandjahr, das kompakter, durchdachter und narrativer ist als alle Alben zuvor. Dabei ist die Platte kein Neuanfang oder dergleichen, es ist vielmehr die Fortsetzung einer Band, die keine Rituale der Veränderung braucht, um sich zu verändern, die keine Stilwechsel braucht, um sich stilistisch zu öffnen, die keine anderen Wege gehen muss, um neue Wege zu beschreiten. Das ist nicht paradox, sondern das Wesen Turbostaats.

Dieses scheinbar paradoxe Wesen zeigt sich nun eben auf erneut eindrucksvolle Weise auf Abalonia. Einer Art Konzeptalbum, das kein Konzeptalbum im eigentlichen Sinne ist und auch gar nicht sein will. Es ist eine (lose) zusammenhängende Geschichte von der weitgehend unbestimmten Semona, die sich auf den Weg ins ebenso unbestimmte Abalonia begibt. Ihren Weg säumen dabei allerlei Gestalten, die sich ebenfalls nur selten ins Konkrete und Handfeste wagen, sondern abstrakt und angedeutet, ja schemenhaft bleiben. Rupert und Der Zeuge, Der Wels, Die Arschgesichter, der Ornithologe Wolter, der bedrohliche Eisenmann, der Totmannkopf, Die Toten und das Geistschwein. Turbostaat sprechen in Bildern, arbeiten mit Assoziationen und verweben diese mit trivialen und unscheinbar alltäglichen Begebenheiten. Das ist nichts Neues bei ihnen, aber selten war es derart sehnsuchtsvoll.

In Sachen Musik gibt sich Abalonia deutlich zurückgelehnter als etwa Stadt der Angst, erinnert aber hier und da sehr an Das Island Manöver, das den Punk ebenfalls schon weit interpretiert hat. Freilich ohne sich nun mit einzelnen Songs wie Fraukes Ende oder Pennen bei Glufke besonders auffallend hervorzutun. Das Album fließt in seinem ganz eigenen Rhythmus dahin und verdichtet den Fluss eher in atmosphärischer Hinsicht. Wahre Hits sind hierfür nicht nötig. Es reicht stattdessen, wenn Jan Windmeier eindringlich fragt: „Ist das Quatsch / Oder ist das Euer Ernst?“ (Der Wels) oder sich Wolter zum großen Chor emporhebt: „Die Namenlosen singen für Dich / Ein Lied voller Trauer und Zorn / Die letzte Bindung ist nur dieser Damm / Der Sturm reißt ihn bald schon davon“. Auch, wenn das sonst eher schmucklose Eisenmann kurzzeitig zum Refrain bittet, ist das großartig. Ebenso der Titelsong, der nicht nur namentlich über allem schwebt.

Abalonia wird einem Album einer der besten deutschsprachigen Punkbands vollkommen gerecht, auch wenn es gegen den Vorgänger ingesamt den Kürzeren zieht. Aber wohin auch Turbostaat in Zukunft gehen werden, man wird ihnen voller Überzeugung folgen. Bedingungslos.

8/10

Turbostaat – Abalonia | Pias | VÖ: 05.02.16 | LP/CD/digital

FJØRT – Kontakt

FJØRT - KontaktWeg ohne Umwege

Die Entwicklung von FJØRT kannte bislang nur eine Richtung: Nach vorne. Und das scheinbar folgerichtig, glatt und ohne große Widerstände. Gründung 2012, Ende des selben Jahres die EP Demontage, 2014 die erste LP D’accord über This Charming Man Records, Anfang 2016 nun Kontakt über Grand Hotel van Cleef. Dazwischen ein ganzer Haufen Konzerte. Ein Weg ohne Umwege. Das mag verschiedene Gründe haben, der wichtigste ist sicherlich, dass viele FJØRT für eine Ausnahmeerscheinung im Post-Hardcore halten und das gewissermaßen auch zutrifft. Zumal im deutschsprachigen. Die drei Aachener sind aufbrausender und wuchtiger unterwegs als andere, ihr Sound und Songwriting haben mittlerweile eine bemerkenswerte Unnachahmlichkeit erlangt. Das pusht und hyped uns ist doch ein zweischneidiges Schwert.

Zwar poltern FJØRT auch musikalisch geradewegs und gewaltig nach vorne, bewegen sich dabei aber kaum. Zumindest, wenn man die vorangegangenen Demontage und D’accord zugrunde legt. Gewiss, bei der Produktion wurde nun nochmals eine Schippe Bombast draufgepackt, den Songs wurden mehr Feinheiten zugestanden und dem Gesang erneut einige Semester Artikulationsunterricht gegönnt. Zugespitzt gilt jedoch die Losung: Kennste einen Song, kennste alle. Mit Abstrichen, versteht sich, doch das Manko FJØRTs ist, dass sie seit Demontage zwar beständig zu überzeugen, nicht zu überraschen wissen. Alles ist erwartbar.

So reißt das kehlige, jede Silbe überdeutlich und immer hart auf Anschlag artikulierende Geschrei Schluchten ein zwischen Felswänden aus verzerrten Basslines, bleierner Gitarre und kraftvollen Drums. Dazwischen schlängeln sich Momente der Behutsamkeit, der Ruhe und Einkehr. Ein Auf und Ab. Das zeichnet FJØRT aus. Immer. Bei Anthrazit ist dies überaus beispielhaft und vortrefflich gelungen. Für Kontakt gilt das gleichermaßen. Mit Paroli wagen sich FJØRT auch konkret an aktuelle gesellschaftspolitische Thematik ohne dabei ihre übliche textliche Abstraktheit gänzlich aufzugeben. Ob es dabei mit der Parole „Frei zu sein / bedeutet Freiheit zu schenken“ einigermaßen albern zugehen muss, sei einmal dahingestellt.

Wichtiger als einzelne Songs ist jedoch die Gesamtdramaturgie der Platte. Die ist allerdings gelungen, weil FJØRT im Rahmen ihrer selbstauferlegten engen Grenzen Kontakt spannend zu gestalten wissen. Und insbesondere in diesem Gesamtkontext kann auch ein vergleichsweise zurückgelehntes Mantra herrlich strahlen. Ja, FJØRT haben erneut abgeliefert. Was auch nicht anders zu erwarten war und doch bleibt der kleine Wermutstropfen, dass sie sich an der mittlerweile etwas berechenbaren, wenngleich erfolgreichen Rezeptur nicht zu rühren trauen. Müssen sie beim zweiten Album ja auch wahrlich nicht. Aber wir werden sehen, was noch kommt.

7/10

FJØRT – Kontakt | Grand Hotel van Cleef | VÖ: 22.01.16 | LP/CD/digital

Planks – Perished Bodies

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Geordneter Rückzug. Mit Wucht.

Eigentlich sollte man den Blick ja schon wieder nach vorne richten, das Jahr ist vorüber, die Bestenlisten 2015 in Stein gemeißelt und die 2016er Releases gerade in den Startlöchern. Eigentlich. Doch manchmal lohnt es sich doch noch einmal in den Stapeln des Vorjahres zu wühlen. So manches hat sich angesammelt, das nicht unerwähnt bleiben sollte. So zum Beispiel die allerletzte Planks-Platte, die im Spätsommer, als die Band schon gar nicht mehr existierte, veröffentlicht wurde. Perished Bodies ist gewissermaßen das Vermächtnis einer Band, die ihre Auflösung weit im Voraus geplant und entsprechend vollzogen hatte. Ein geordneter Rückzug mit einer letzten musikalischen Wegmarke.

Und so fühlt sich Perished Bodies auch an. Es ist ein schwerer, wuchtiger und zäher Abschied, der sich zudem passend in die Diskographie einordnet. Alles andere wäre auch eine Überraschung gewesen. „There is a reason that alls things must come to an end“, heißt es im von einer jaulenden Gitarre durchzogenen The Sacrifist, Pt. I und man schwankt bei dieser Selbstreferenz und angesichts dem Ende der Band zwischen tiefer Zustimmung und ebensolcher Ablehnung. Muss das denn wirklich so sein? Ja. Nein. Vielleicht. Es weist jedenfalls den letzten Weg, den Planks gehen (wollen). Dieser hat sich aus einem eher stürmischeren Sludge nach und nach in einen atmosphärisch-doomigen Post Metal verwandelt, der in Perished Bodies seinen konsequenten und gelungenen Abschluss findet. Und dieser liegt am Abgrund. Dem Abgrund menschlicher Bemühungen, Hoffnungen, Ängste und Ausflüchte. Nothing Will Ever Change oder das wunderbar aufgebaute und im Duett mit SVFFERs Leonie gesungene und gebrüllte She Is Alone künden auf vortreffliche Weise davon. Oder auch das verzweifelte und tonnenschwere Only Now.

Dass sich hier auch die beiden Instrumentalstücke Perished Bodies und The Sacrifist, Pt. II gut einfügen, verwundert nicht, zumal sie dem Album die nötigen Verschnaufpausen gönnen oder wie im Falle des Letzteren, das das Album in Rückgriff auf Pt. I zunächst sanft und monoton, gegen Ende wuchtig und insgesamt gefühlvoll umschließt. Perished Bodies ist ein absolut würdiger Schlussstrich. Und raus!

7,5/10

Planks – Perished Bodies | Golden Antenna Records | VÖ: 11.09.15 | LP/CD/digital

Baguette – Oh!Deu!Vre!

Baguette - OhDeuVre

Noisebrot

Preisfrage: Kann man eine Band, die sich selbst Baguette und ihr erstes Album Oh!Deu!Vre! nennt überhaupt ernst nehmen? Nun, eigentlich nicht. Den wildesten Assoziationen schwirren im Kopf herum, die Angst vor dem ersten Höreindruck ist groß. Der erste Blick auf die Tracklist macht es nicht besser: Fuzzelroller. Ah, mon Dieu!

Doch siehe da: Der Song kann ja was. Einiges sogar. Noisiger Lo-Fi-Indierock, der ein bisschen zersaust, vor allem aber energisch zu Werke geht, Cloud Nothings und Japandroids in Hörweite weiß, aber eher auf dem Punkstuhl daneben Platz nimmt. Das sitzt und zerstreut alle Bedenken. Die Grazer Baguette setzen lediglich auf Schlagzeug, Gitarre und stark verzerrten Gesang und denken nicht im Ansatz daran diese minimalistische Konstellation aufzuplustern. Warum auch? Songs wie Knappstrupper funktionieren auch so. Ein geschmeidiges Riff, ein stampfender Beat, fertig.

Doch täte man der Band unrecht sie ingesamt allzu minimalistisch anzusiedeln, weil sie in Songwriting und ihren Soundcollagen einige Haken zu schlagen weiß und eine reichlich experimentelle Ader auslebt. Zum Beispiel dann, wenn sich Leszek erhebt und als progressive Instrumentalnummer eine Achterbahnfahrt unternimmt oder wenn mit Hauli alle rhythmischen Gewohnheiten abgerissen werden. Das ist zuweilen anstrengend, aber gut.

Leider halten Baguette dieses Niveau nicht über die komplette Spielzeit. Vor allem in der zweiten Hälfte (von Hauli und Why You Came abgesehen) kommt zu wenig rum. Da treten die Songs eher träge und ziellos in ausgelatschten Rock’n’Roll-Pfaden herum und kosten das Album einigen Reiz, auch weil man ahnt, dass hier deutlich mehr möglich gewesen wäre. Letztlich ist es aber insbesondere die Kombination aus hakenschlagendem Noiserock und eingängigen Refrains, der Baguette zu einer spannenden Zweierformation macht und die mit Oh!Deu!Vre! sicherlich noch nicht das letzte Wort gesprochen hat.

6,5/10

Baguette – Oh!Deu!Vre! | Numavi Records | VÖ: 11.12.15 | LP/CD/digital

Oiro – Meteoriten Der Großen Idee

Oiro - Meteoriten der großen IdeeGenauer hingeschaut

Na klar, Fröhlichkeit ist Oiros Sache nicht. Zumindest auf den ersten Blick. Und auf den zweiten. Und überhaupt. Vielmehr ist ordentlich Trostlosigkeit angesagt – wohin man sieht. Das fängt schon beim Cover an, das neben viel Grau einer tristen Häuserfassade auf den ersten Blick, bei genauerem Hinschauen noch mehr Tristesse offenbart: Essen-Steele 1984, ein Stuntman fliegt mit Raketenrucksack begleitet von tausenden Blicken durch die Gegend, ein Fest scheint im Gange und wirkt doch nicht feierlich. Diese von Reinhard Krause fotografisch eingefangene Szenerie befremdlicher Alltagsflucht könnte für das vorliegende Album nicht passender sein. Ein Fest, zum Feiern jedoch ungeeignet.

Denn auch die Musik trieft nicht gerade vor Freude. Karge und schmucklose Songs, die mehr schmerzen als gefallen. Die vermeintlich mut- und antriebslos vor sich hin gammeln als wären sie in den 80er Jahren aus dem Straßenschmutz des Ruhrpotts zusammengekehrt und liegen gelassen worden. Meteoriten Der Großen Idee, das dritte Album Oiros, ist quälend und öde. Und doch, wenn man ganz genau hinschaut, durchzieht die tonangebende Lethargie allenthalben ein Veränderungsanspruch, ein Abwehrkampf, der die Abstumpfung überwinden will und große Ideen in humorvoll-befremdliche Worte kleidet. Der Kampf ist nicht heroisch, er ist zäh und anstrengend. Aber er wird geführt und das allein zählt!

Oiro bewegen sich musikalisch – welch Wunder! – grob im Fahrwasser von Oma Hans, Dackelblut (und anderen Rachut-Konsorten) und EA80, auch thematisch sind für deutschsprachigen Punk keine unbekannten Größen dabei, wenngleich Oiro lyrisch durchaus in einer eigenen Liga spielen. Sie schätzen eine spröde, aber bildhafte Sprache, die sich kunstvoll mit harten Alltagsbegriffen mischt. Wenn Ein Friedhof Mit Nur Einem Grab seine zweckhaft und technisch auslassende Objekt-Verb-Konstruktionen leidenschaftslos aufzählt, Baumarkt in wiederholender Destruktion (und mit nerviger Flöte unterlegt) festhält: „Ich gehe in den Baumarkt in [beliebige Stadt einfügen] / Kaufe eine Säge, die sie verkaufen / Baue mir ein Haus / Ich zieh’ sofort wieder aus“ oder Das Ist Kein Camping sich mit vermeintlich unterkühlter Härte dem Thema Flucht widmet, dann sind das wahrlich großartige Momente. Wie viele weitere.

Überall auf Meteoriten Der Großen Idee lohnt es sich genauer hinzuschauen. Die bittere Resignation Oiros ist eben nur eine scheinbare, die sich als graue Fassade vor der menschlichen Verletzlichkeit aufbaut, um Angriffe abzuwehren und insgeheim darauf hofft sich einmal selbst einreißen zu können. Es ist eine Überlebensstrategie und Waffe – was M wie Musik und L wie Lyrik eben so sind oder um mit Oiro zu sprechen: „K wie Krieg und Kinderzimmer / H wie Heckler und K wie Koch“ (Holiday in Deutschland).

7,5/10

Oiro – Meteoriten Der Großen Idee | Flight 13 | VÖ: 30.10.15 | LP/CD/digital

Circe – Music composed for The Show of Shows

Circe

Mehr als ein bisschen Hauptband

Das Schreiben über diese Platte scheitert beinahe schon daran, dass nicht ganz klar ist, wie hier was zu bezeichnen wäre. Was soll überhaupt in die Titelzeile? Denn Circe sind keine Band, vielmehr verbirgt sich dahinter der Name eines Soundtracks zum im Dezember erscheinenden Dokumentarfilm The Show of Shows über die Zirkus-, Vaudeville-, Karneval- und Cabaretszene(n) Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Musik hierfür stammt von Georg Holm, Orri Pál Dýrason, Hilmar Örn Hilmarsson und Kjartan Holm. Auch wenn zwei der Namen für isländische Verhältnisse durchaus kurz sind, verträgt dies dennoch keine Titelzeile.

Daran soll das Ganze aber auch nicht scheitern, denn hinter Circe steckt eben nicht irgendwer, sondern 2/3 von Sigur Rós, ihr Tourgitarrist und der Komponist Hilmarsson. Wäre das allein vielleicht schon eine Erwähnung wert, ist es das vorliegende Album allemal. Nicht nur, weil Postrock- und Ambient-affine Ohren schon im Voraus erahnen können, was auf sie zukommt, sondern weil es noch besser kommt als man erwarten könnte. Circe dauert deutlich über eine Stunde und präsentiert freilich viele ruhige Klänge und weitläufige Songstrukturen, die nur selten klassische Songstrukturen sind. Die einzelnen Songs verzichten meist auf eine entsprechende Dramaturgie und sparen Kulminationsmomente aus, die Georg und Orris Hauptband wie keine andere beherrscht.

Circe ist merklich ambientlastiger – was nicht nur, aber auch am (von spärlichen Chören bei Tko oder To Boris With Love abgesehen) gänzlich fehlenden Gesang liegt -, entwickelt aber dennoch eine stellenweise fast tanzbare Rhythmik. Lila wäre hier etwa zu nennen, das mit einem markanten Beat auch in Electro-Kreisen auf Interesse stoßen könnte. Oder das fast schon karibisch zappelnde Salire. Ganz allgemein spielen perkussive Elemente eine tragende Rolle, die Georg Holm mit seinem unnachahmlichen, meist äußerst dezenten Bassspiel ummantelnd begleitet. Da ist auf die sigur-róssche Rhythmussektion natürlich Verlass. Viele von Circes Passagen wären durchaus auch auf einer Sigur-Rós-Platte denkbar. Das etwas aus der Reihe tanzende und wuchtige To Boris With Love etwa, könnte man sich gut auf Kveikur vorstellen, Liquid Bread & Circuses atmet die Luft von Valtari und Wirewalker hätte sich auch auf Takk… finden können (Holms Bass wurde ja bereits erwähnt, die beiden letzten Beispiele illustrieren dies übrigens vortrefflich).

Es fällt ohnehin schwer sich Circe einigermaßen sinnvoll ohne die ständige Referenz zu Holms und Dýrasons Hauptband zu denken, entfernt sich die Platte eben auch musikalisch nicht allzu weit davon und wäre auch in diesem Kontext mit kleinen Abstrichen (der größte sicherlich: Jónsi) denkbar. Aber wie auch bereits eingangs angedeutet: Circe ist keine abgespeckte Sigur-Rós-Version, sondern – die Erwartungen erfüllend oder sogar übertreffend – ein formidabler Soundtrack, der seine ganz eigenen Stärken zu entfalten weiß.

8,0/10

Circe | Krunk Records | VÖ: 21.08.15 | LP/CD/download

Idle Class – Of Glass And Paper

Idle Class - Of Glass And Paper
Vielleicht doch nur ein Kater

Nachdem das Drama 2013 scheinbar beendet war, geht es 2015 wenig überraschend weiter. Und diesmal wirklich dramatisch. The Drama’s Done hieß der Erstling von Idle Class, der viel davon aufbieten konnte, was eine gute Punkband dieser Tage ausmachen sollte. The Drama Continues – der erste Song von Of Glass And Paper lässt daran auch wenig vermissen. Ein plakatives, aber schönes Intro, ein Singalong-Refrain bester Güte und überhaupt: Eine absolut würdige Eröffnung einer Platte.

Doch dann, ja dann, geht das Drama eigentlich erst los. Idle Class verzetteln sich Song für Song darin eine noch hymnischere Hymne nach der anderen spielen zu wollen. Dabei wiederholen sich nicht unbedingt die Songideen, sehr wohl allerdings die Songstrukturen. Mainvocals, die nur eine Stimmlage kennen, gedämpfte Akkorde, die fast immer die Überleitung zum Refrain übernehmen und ein Songwriting, das sich insgesamt übertrieben auf eben jene Refrains fokussiert. Ja, das ist über weite Strecken recht langweilig und da Idle Class gegenüber dem Vorgänger auch deutlich das Tempo rausnehmen, können sie hier über die Geschwindigkeit auch nicht viel retten.

Nicht, dass es nicht auch Lichtblicke gäbe. Die gibt es sehr wohl. I Used To Say It’s Just A Phase z. B., das sich in unter zwei Minuten stringent durch einen Offspring-Gedächtnis-Riff zieht und daraus einen treffsicheren eigenständigen Song formt. Auch das in Teilen balladesk angelegte Bring In The Harvest kann die Band durchaus auf der Habenseite verbuchen, zumal es sich klanglich mehr auszubreiten traut und damit deutlich interessanter daherkommt als andere Songs. Ansonsten: Idle Class spielen ihren Stiefel runter, der an sich übrigens nicht von der schlechtesten Sorte ist. Das auffällige und stilsichere Drumming oder die stellenweise sehr reizvoll gespielten Basslines künden mitunter davon.

Das starke The Drama’s Done war vermutlich dennoch keine Eintagsfliege oder ein bloßes Zufallsalbum. Idle Class hätten schon etwas zu bieten. Die Methoden indes, mit denen sie ihr Songwriting anrühren, sind fad geworden, die Energie und Unbeschwertheit des Erstlings sind dahin (auch die Produktion ist merklich beschwerlicher), die Hooklines eines Han Shot First gelingen nicht mehr, so dass Of Glass And Paper nicht in eben dieser Kategorie spielen kann. Vielleicht ist das aber gar kein großes Drama, schließlich kommt nach dem Höhenflug manchmal eben der Kater. Und bekanntlich geht es danach wieder bergauf.

Wertung: 4/10

Anspieltipps: The Drama Continues, I Used To Say It’s Just A Phase, Bring The Harvest

(Martin Oswald)

Idle Class – Of Glass And Paper | Uncle M | VÖ: 25.09.15 | LP/CD/digital

Radare – Im Argen

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Noch einen Scotch, bitte! Den letzten.

Filmmusik. Auch so ein seltsames Genre, wenn es denn überhaupt eines sein sollte. Und wer wird da eben nicht sofort an Fluch der Karibik, Star Wars, Indiana Jones oder James Bond denken. Die Musik ist ja beim Film nicht lediglich für Stimmung, Charakterzeichnung, Schockeffekte und dergleichen mehr zuständig, sie manifestiert sich auch, sofern sie einprägsam genug ist, im kollektiven Gedächtnis, wird zur Rezeptionsgrundlage nachfolgender Filme, Kritiken, Werkschauen und Dekaden-Kompilationen. Die Musik muss auch unabhängig vom Film funktionieren und sich entsprechend verkaufen, so zumindest die Hoffnung der Marketingstrateg_innen bei Filmproduktionen. So läuft der Hase.

Doch was ist eigentlich wenn es zur Filmmusik überhaupt keinen Film gibt, ja wenn es sich gar nicht um eine große Produktion handelt und gemessen an den oben genannten Themes nicht besonders einprägsam ist? Dann ist vielleicht der Anfangsbegriff nur falsch gewählt. Könnte sein, die Sache ist aber etwas komplizierter und hier kommen auch schon Radare mit ihrem neuen Album Im Argen ins Spiel.

Denn bereits nach den ersten Saxophon-Seufzern bei Please Let Me Come Into The Storm / Luke malt sich man Filmszenen vor’m inneren Auge. Keine actiongeladen-explosiven oder bombastischen – wohlgemerkt. Oh nein. Malen wir uns lieber aus: Das Spotlight steht auf dem gewellten roten Bühnenvorhang in der verrauchten Kellerbar und David Lynch schleicht sich aus dem Halbdunkel an, einen Scotch in der einen, eine heruntergebrannte Kippe in der anderen Hand und spielt ein unsichtbares Saxophon. So ungefähr. Es wäre deutlich untertrieben, würde man von einer Reminszenz an Lynch sprechen. Er oder genauer sein Haus- und Hof-Komponist Angelo Badalamenti sind omnipräsent, ihre musikalische Themensetzung ist geradezu Haupthandlung auf Im Argen. Die zurückhaltenden, trägen und teilweise doch dezent beschwingten Töne Radares eröffnen unweigerlich den atmosphärischen Kosmos von Twin Peaks, Blue Velvet oder Mulholland Drive.

Und doch: Radare kopieren nicht etwa. Sie wälzen die Tragik, Ausweglosigkeit und Gefangenheit im Trübsal eines Lynch-Streifen aus, entschleunigen sie und versetzen sie doch wiederum auf eine neuartige Ebene. Da wirkt Das Einsame Grab des Detlef Sammer mit Sax, Rhodes Piano und Foot High Hat schon fast wie eine reine Jazznummer, würde sich nicht eine fiese mars-voltaeske Westerngitarre darunter mischen und den Song eine verstörendere Abzweigung nehmen lassen. Auch Burroughs bleibt langsam, jazzig, nebulös und wohltuend befremdlich. Es deutet den Ausbruch an, bleibt aber doch – wie eigentlich alle Songs auf Im Argen – gefangen, unvollendet, ausweglos. In dieser Hinsicht sind Radare erstaunlich konsequent. Nicht eine Sekunde versuchen sie gefällig zu sein, stattdessen wickeln sie z. B. ein Distress, samt – (man höre und staune) doch einer Art „Explosion“ – fast zehn Minuten um die Tanzstange der verlausten Bar, in der David Lynch seinen zehnten Scotch nimmt und sich in der hintersten Ecke zum Schlafen legt. Hm, da schauen wir doch lieber Filme… Oder eben nicht.

Wertung: 8/10

Anspieltipps: Das Einsame Grab des Detlef Sammer, Distress

(Martin Oswald)

Radare – Im Argen | Golden Antenna Records | VÖ: 25.09.15 | LP/CD/digital