Captain Planet – Ein Ende

Captain Planet - Ein Ende - Cover
Das Ende der Erwartungen

Es ist vermutlich kein Trend, aber zumindest doch eine relevante Option unserer Zeit geworden: Ein Album nahezu ohne Vorlauf zu veröffentlichen. Vielleicht ist es sogar so etwas ein Anti-Trend. Was mühen sich manche wochenlang ab mit groß angelegten Promo-Kampagnen, um eine Platte zu pushen, ein bestimmtes Publikum anzufixen, ein neues zu gewinnen, einen ganzen Stapel Reviews zu bekommen und selbst im allerhintersten Blog irgendwo im Internet noch ein Interview zu platzieren. Über Monate werden Social-Media-Accounts von Songwriting über Proben, von Aufnahmen über Postproduktion mit Schnipseln aus einer Albumentstehung bespielt, der Spannungsbogen und die Erwartungen damit (vermeintlich) hochgehalten.

Dass es eben auch anders geht, beweisen nicht zuletzt und wieder einmal Radiohead, die ohne auch nur irgendetwas Verlässliches zu kommunizieren sich gänzlich aus dem Internet zurückziehen, um dann kurzerhand zwei Videos und eine unmittelbar bevorstehende Albumveröffentlichung zu vermelden. Das ist alles in allem natürlich dennoch viel Brimborium, wir reden immerhin vom Weltmeister in der Anti-Vermaktungsinszenierung. Wie eine ähnliche Strategie jedoch ungleich bescheidener funktioniert, beweisen Captain Planet.

Nach einer sehr langen Sendepause verkündet die Band am 18.04.16 über Facebook: „Das hier ist ein Ende.“ Aha. Panik, Unverständnis, Rätsel, Hoffnung… Was ist das für eine Botschaft? Bereits am nächsten Tag lüftet die Band das Geheimnis. In nicht einmal drei Wochen kommt das neue Album mit dem Namen Ein Ende. Ein Video kommt in zwei Tagen. So viel dazu.

Nun ist das Album also da und muss den Erwartungen, die Captain Planet in kürzester Zeit von null auf hundert katapultiert haben, standhalten. Das sind eben auch Erwartungen, die sich die wahrscheinlich spannendste deutschsprachige Emopunkband über Jahre und bis dato drei hervorragende Platten erspielt hat. Mit Ein Ende muss sich die Band erneut beweisen und – das war ebenfalls zu erwarten – sie schafft dies bedingungslos.

Viel Experimente muss man bei Captain Planet sowieso nicht erwarten, zu festgelegt ist der Bandsound, wenngleich er diesmal weniger schrammelig, dafür deutlich klarer und differenzierter daherkommt als beispielsweise noch auf Treibeis. Doch das angestrengte Wehklagen Jan Arne von Twisterns, das sich von Anfang bis (haha) Ende durchzieht, ist ebenso unverkennbar wie der unbedingte Sinn Captain Planets für eingängige Melodien irgendwo zwischen Posthardcore und Poppunk mit meist aufregend inszenierten Refrains.

Ein Ende gönnt sich daher kaum eine Atempause und peitscht auf einem erstaunlich hohen Niveau in nicht einmal einer halben Stunde durch Lyrik, die zu kunstvoll für den Alltag und zu alltäglich für Kunst ist. Wie so oft bei Captain Planet brauchen die Songtitel keinen bedeutungsschwangeren Aufwand, sondern heißen schlicht und banal Kreisel, Irgendwas, Kette oder Landung und geben den Songs das karge thematische Grundgerüst. Es geht um Begegnungen, Beziehungen, Nähe, Ferne, die Kälte und Wärme in uns und Ausflüchte und Fluchten aus dem und in den Alltag.

Im Urteil oft hoffnungslos „Wir alle sind gescheitert“ (Tulpenfarm) weicht doch die Hoffnung auf ein gutes Ende nicht. Denn auch am Ende geht es weiter, irgendwie. Ein Ende ist nie nur ein Ende, sondern auch ein Anfang. Dass dies bei Cptain Planet keine alberne Floskel ist, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sie ihren bis dato besten Song Vom Ende An eben an den Schluss setzen. Ein Ende ist großartig und sicherlich noch lange nicht das Ende. Das Ende der Erwartungen am allerwenigsten.

8/10

Captain Planet – Ein Ende | Zeitstrafe | VÖ: 06.05.16 | LP/CD/digital

Matze Rossi – Ich Fange Feuer

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Alles wird gut. Oder eben nicht.

Es läuft für Matze Rossi. Sein nunmehr fünftes Album Ich Fange Feuer erscheint im bisher größten Rahmen. Die Veröffentlichung beim Boysetsfire-Label End Hits Records wird mit umfangreichen Specials, Promo-Features, so auch einem Auftritt in der Pro7-Sendung Circus Halligalli und einer ausgiebigen (von GHvC gebuchten) Tour begleitet. Viel hat er dabei einem weit verzweigten Freundschafts- und Fannetzwerk, vor allem aber seiner Ausdauer, Beharrlichkeit, Leidenschaft und Freude an Musik zu verdanken. In letzterer Beziehung ist Matze die ehrlichste Haut, die man sich vorstellen kann und scheint damit mittlerweile auch angekommen zu sein. Zum ersten Mal ist er etwas mehr als reiner Hobby-Musiker.

Und auch wenn das Setting hervorragend passt, so zählt in der Hauptsache doch die Musik, die Ich Fange Feuer natürlich wieder in gewohnte Gefilde befördert. Matzes rau-sanfte Stimme dominiert die überwiegend mit der Akustischen inszenierte Songs, die sich wie so oft um Themen wie Freundschaft, Liebe, Musik, Leben und Tod drehen und bei denen es zu müßig wäre nachzuzählen, wie häufig diese Begriffe tatsächlich fallen. Zu oft jedenfalls. Die Grundstimmung ist, wie auch schon beim Vorgänger Und Jetzt Licht, Bitte!!!, ausschließlich positiv und gibt sich überaus intim. Diesmal wagt sich Matze Rossi jedoch wieder aus seinem Keller heraus und gestaltet die Songs wieder größer und imposanter. Das zeigt sich insbesondere an der aufwendigeren Produktion und den zahlreicheren Begleitinstrumenten, die wieder deutlich mehr Bandimpetus in sich tragen.

Ich Fange Feuer ist wieder einmal nett und gelegentlich schön anzuhören, bleibt aber meilenweit unter den Möglichkeiten Matze Rossis zurück. Das ist ärgerlich. Die inhaltliche Verengung auf die immer gleichen Themen macht die ganze Platte über einige Strecken langweilig und insgesamt harmlos. Hier straft sie nicht nur den alten Tagtraum-Song Balsam Lügen („Denn ich bin alles andere als hilflos oder harmlos“), sondern lässt gelegentlich die Frage aufkommen, ob das hier noch Matze und nicht bereits Semino Rossi ist. Jemand, der sich in einer derart grausamen Welt, wie wir sie derzeit vorfinden, dermaßen auf die persönliche Glücksfindung, das eigene Seelenheil und (Achtung!) das „Karma“ beschränkt, hat leider nicht viel zu sagen und wäre zuweilen im Schlager besser aufgehoben. Hoffnung weicht hier einem blinden und naiven Optimismus.

Das alles heißt jedoch nicht, dass Ich Fange Feuer nicht auch seine gelungenen Momente hätte. Der Spannungsbogen in Das Vertraute Kribbeln In Meinen Händen, der sich schön im etwas unbedarften „Alles wird gut“ entlädt oder Kein Zweifeln Und Bedauern, das neben leidigen Ohohohos einen hinreißenden Schwung bietet, zum Beispiel. Wenn sich am Ende Zieh Meine Träume Nicht Durch Den Dreck fast orchestral auftürmt, wird klar, dass Matze Rossi durchaus die Experimentierfreude besitzt, die sich musikalisch eben nicht in der Akustikgitarre erschöpft.

Insgesamt wird aber auch klar, dass hier wieder einmal wesentlich mehr drin gewesen wäre und Matze Rossi seine Genialität als Songwriter nicht annähernd ausschöpft. Die kitschig-esoterische Positivität, die weit entfernt von der fragilen und poetischen Schönheit eines solo(w) boy, so-low ist oder die schlageresken Refrains, die eine ganze Ecke den herzhaften Indie-Popsongs der unvollendeten digitalen EP-Trilogie (hier und hier) nachstehen, stehen dafür symptomatisch. Ob bei Matze Rossi wirklich alles wieder gut wird? Na ja, wollen wir’s hoffen.

4,5/10

Matze Rossi – Ich Fange Feuer | End Hits Records | VÖ: 18.03.16 | LP/CD/digital

EP: Vizediktator | anorak. | Suetterlin | Minipax

Vizediktator_Rausch_CoverVizediktator – Rausch

Viele würden sich mit dem zweiten Platz sicherlich nicht zufrieden geben. Vizediktator schon. Zumindest dem Namen nach. Wo sich andere gerne an erster Position sehen würden, machen sie es sich in Lauerstellung bequem und vertreten den Diktator, wenn dieser sich mal ein bisschen Urlaub gönnt. Ziemlich bescheiden, könnte man meinen, gäbe es da nicht die Musik. Da geben sich Vizediktator alles andere als bescheiden. Mit großen Gesten, ja fast schon schlageresk, zelebrieren sie melodisch-fetzigen, aber doch bitterernsten Punkrock. Bei Bülowstraße haben sie sich die Catchiness von Matze Rossi geliehen (Geist) und zeigen sich auch sonst eher weniger innovativ. Doch macht das überhaupt nichts, weil Rausch nicht nur durch die herausragende Produktion ein überaus charmanter Abgesang auf den urbanen Alltag ist. Dass mit Dessau auch ein allzu unverdaulicher und fieser Klotz auf der EP gelandet ist, macht die Sache nur noch besser.

[Sportklub Rotter Damm | VÖ: 19.02.16]

 

2016_02_EP-Cover_SPOTIFY_kleinanorak. – Kalter Frieden

Anorak. aus Köln legen offenbar viel Wert auf Style. Nicht nur, dass sie ihren Namen in Eigenschreibweise mit einem Punkt versehen, nein, sie schreiben jenen auch noch kopfüber gespiegelt. Verrückt und ziemlich hip. Kalter Frieden heißt die lediglich zwei Songs umfassende erste EP und präsentiert etwas fransigen (Indie-)Posthardcore, der sich durch zahlreiche Tempi- und Stimmungswechsel alle Mühe gibt, nicht langweilig zu wirken, dabei aber mit seinem viel zu seichten und penetranten Geschrei genau dazu tendiert. Überhaupt scheinen anorak. die Wirkung und Rezeption ihrer Band mehr im Auge zu haben als die Musik selbst. Ein kalkuliertes Verlangen nach Gewogenheit, zu der die EP allerdings nur halbwegs Anlass gibt. Ein netter Versuch, der letztlich zu blass und ausdruckslos bleibt.

[Uncle M | VÖ: 19.02.16]

 

SUETTERLIN_EP_Cover_bigSuetterlin – s/t

Sebastian Wahle und Daniel Senzek begnügen sich damit ein Duo zu sein. Für eine ganze Band zu wenig, aber warum eigentlich nicht? Schließlich gelingt ihnen mit ihrer ersten EP die Mosaiksteinchen des deutschsprachigen Indie-Pop aufzulesen und gekonnt zusammenzufügen. Herrenmagazin, PeterLicht oder – natürlich – ClickClickDecker sind hier keinen Katzenwurf entfernt. Akzente setzen Suetterlin vor allem mit klaren und leichten (nicht immer unfallfrei vorgetragenen) Gesangsmelodien, dezenten, aber prägenden Keyboard- und Glockenspieleinsätzen und einem ausgeprägten Sinn für rundum gut funktionierende Popsongs. Gerade letzteres zeigt sich in besonderer Weise in Das Weite Suchen. Fein.

[Midsummer Records | VÖ: 05.02.16]

 

Minipax_Cover_quadratischMinipax – 1984

1984 sangen Vorkriegsjugend auf ihrer einzigen selbstbetitelten LP: „Der Weg ist schon bereit / Für eine neue Zeit / Leben in Glas und Beton / Leben in der Isolation /Alle Daten registriert / Bei Nichtgefallen ausradiert“ (Der Sarg). Da konnten sie sich eigentlich keinen Begriff davon machen was Datenregistrierung im Jahr 2016 – in dieser neuen Zeit also – bedeuten könnte. Auf welch vielfältige Weise Datensammlung, -auswertung und -kontrolle Einfluss auf das menschliche Verhalten haben sollte und würde. 2016 ist also noch weitaus mehr als 1984 das orwellsche Jahr der Vorkriegsjugend. Das scheinen auch Minipax ähnlich zu sehen und schaffen sich als Band mit ihrer ersten EP einen Orwell-Mikrokosmos. Weil ihnen die Zukunft jedoch nicht hoffnungslos erscheint, geht es auf 1984 auch nicht gerade dystopisch zu. Das hier ist eben nicht die Vorkriegsjugend. Minipax verorten sich eher auf der Popseite des Deutschpunk und erinnern in den besseren Momenten an Rasta Knast (z. B. die Gitarrenarbeit bei Mundtot und Dann Geh – wie übrigens auch schon auf der Amdamdes-Vorgängerversion) und in den schlechteren an die Killerpilze (Jebes Nacije). Dabei sind sie textlich zuweilen zwar allzu plakativ unterwegs, bestechen aber durch eine vorzügliche Produktion und mit so ziemlich den schmissigsten Refrains, die 2016 in der deutschsprachigen Punkmusik bisher zu bieten hatte. Und: Zum Glück ist ein gottverdammter Hit. Gutes Ding!

[SubZine Records / Uncle M | VÖ: 26.02.16]

Turbostaat – Abalonia

Turbostaat - AbaloniaParadox? Nein, Turbostaat!

Seit Turbostaat begonnen haben ihre kommende Platte zu bewerben, wurde alles trüb, wacklig, schemenhaft, neblig, trist und grau. Homepage, Bilder, Teaser, Videos – alles. Keine Farbtupfer, die einst die Optik dominierten (Flamingo und Schwan) und auch keine rohe Klarheit wie zuletzt bei Stadt der Angst. Der Blick ist verschwommen bei Abalonia und der gleichnamige fremde Ort Ungewissheit, Verheißung und Enttäuschung zugleich.

Turbostaat inszenieren mit Abalonia ein neues Kapitel im mittlerweile 17 Bandjahr, das kompakter, durchdachter und narrativer ist als alle Alben zuvor. Dabei ist die Platte kein Neuanfang oder dergleichen, es ist vielmehr die Fortsetzung einer Band, die keine Rituale der Veränderung braucht, um sich zu verändern, die keine Stilwechsel braucht, um sich stilistisch zu öffnen, die keine anderen Wege gehen muss, um neue Wege zu beschreiten. Das ist nicht paradox, sondern das Wesen Turbostaats.

Dieses scheinbar paradoxe Wesen zeigt sich nun eben auf erneut eindrucksvolle Weise auf Abalonia. Einer Art Konzeptalbum, das kein Konzeptalbum im eigentlichen Sinne ist und auch gar nicht sein will. Es ist eine (lose) zusammenhängende Geschichte von der weitgehend unbestimmten Semona, die sich auf den Weg ins ebenso unbestimmte Abalonia begibt. Ihren Weg säumen dabei allerlei Gestalten, die sich ebenfalls nur selten ins Konkrete und Handfeste wagen, sondern abstrakt und angedeutet, ja schemenhaft bleiben. Rupert und Der Zeuge, Der Wels, Die Arschgesichter, der Ornithologe Wolter, der bedrohliche Eisenmann, der Totmannkopf, Die Toten und das Geistschwein. Turbostaat sprechen in Bildern, arbeiten mit Assoziationen und verweben diese mit trivialen und unscheinbar alltäglichen Begebenheiten. Das ist nichts Neues bei ihnen, aber selten war es derart sehnsuchtsvoll.

In Sachen Musik gibt sich Abalonia deutlich zurückgelehnter als etwa Stadt der Angst, erinnert aber hier und da sehr an Das Island Manöver, das den Punk ebenfalls schon weit interpretiert hat. Freilich ohne sich nun mit einzelnen Songs wie Fraukes Ende oder Pennen bei Glufke besonders auffallend hervorzutun. Das Album fließt in seinem ganz eigenen Rhythmus dahin und verdichtet den Fluss eher in atmosphärischer Hinsicht. Wahre Hits sind hierfür nicht nötig. Es reicht stattdessen, wenn Jan Windmeier eindringlich fragt: „Ist das Quatsch / Oder ist das Euer Ernst?“ (Der Wels) oder sich Wolter zum großen Chor emporhebt: „Die Namenlosen singen für Dich / Ein Lied voller Trauer und Zorn / Die letzte Bindung ist nur dieser Damm / Der Sturm reißt ihn bald schon davon“. Auch, wenn das sonst eher schmucklose Eisenmann kurzzeitig zum Refrain bittet, ist das großartig. Ebenso der Titelsong, der nicht nur namentlich über allem schwebt.

Abalonia wird einem Album einer der besten deutschsprachigen Punkbands vollkommen gerecht, auch wenn es gegen den Vorgänger ingesamt den Kürzeren zieht. Aber wohin auch Turbostaat in Zukunft gehen werden, man wird ihnen voller Überzeugung folgen. Bedingungslos.

8/10

Turbostaat – Abalonia | Pias | VÖ: 05.02.16 | LP/CD/digital

FJØRT – Kontakt

FJØRT - KontaktWeg ohne Umwege

Die Entwicklung von FJØRT kannte bislang nur eine Richtung: Nach vorne. Und das scheinbar folgerichtig, glatt und ohne große Widerstände. Gründung 2012, Ende des selben Jahres die EP Demontage, 2014 die erste LP D’accord über This Charming Man Records, Anfang 2016 nun Kontakt über Grand Hotel van Cleef. Dazwischen ein ganzer Haufen Konzerte. Ein Weg ohne Umwege. Das mag verschiedene Gründe haben, der wichtigste ist sicherlich, dass viele FJØRT für eine Ausnahmeerscheinung im Post-Hardcore halten und das gewissermaßen auch zutrifft. Zumal im deutschsprachigen. Die drei Aachener sind aufbrausender und wuchtiger unterwegs als andere, ihr Sound und Songwriting haben mittlerweile eine bemerkenswerte Unnachahmlichkeit erlangt. Das pusht und hyped uns ist doch ein zweischneidiges Schwert.

Zwar poltern FJØRT auch musikalisch geradewegs und gewaltig nach vorne, bewegen sich dabei aber kaum. Zumindest, wenn man die vorangegangenen Demontage und D’accord zugrunde legt. Gewiss, bei der Produktion wurde nun nochmals eine Schippe Bombast draufgepackt, den Songs wurden mehr Feinheiten zugestanden und dem Gesang erneut einige Semester Artikulationsunterricht gegönnt. Zugespitzt gilt jedoch die Losung: Kennste einen Song, kennste alle. Mit Abstrichen, versteht sich, doch das Manko FJØRTs ist, dass sie seit Demontage zwar beständig zu überzeugen, nicht zu überraschen wissen. Alles ist erwartbar.

So reißt das kehlige, jede Silbe überdeutlich und immer hart auf Anschlag artikulierende Geschrei Schluchten ein zwischen Felswänden aus verzerrten Basslines, bleierner Gitarre und kraftvollen Drums. Dazwischen schlängeln sich Momente der Behutsamkeit, der Ruhe und Einkehr. Ein Auf und Ab. Das zeichnet FJØRT aus. Immer. Bei Anthrazit ist dies überaus beispielhaft und vortrefflich gelungen. Für Kontakt gilt das gleichermaßen. Mit Paroli wagen sich FJØRT auch konkret an aktuelle gesellschaftspolitische Thematik ohne dabei ihre übliche textliche Abstraktheit gänzlich aufzugeben. Ob es dabei mit der Parole „Frei zu sein / bedeutet Freiheit zu schenken“ einigermaßen albern zugehen muss, sei einmal dahingestellt.

Wichtiger als einzelne Songs ist jedoch die Gesamtdramaturgie der Platte. Die ist allerdings gelungen, weil FJØRT im Rahmen ihrer selbstauferlegten engen Grenzen Kontakt spannend zu gestalten wissen. Und insbesondere in diesem Gesamtkontext kann auch ein vergleichsweise zurückgelehntes Mantra herrlich strahlen. Ja, FJØRT haben erneut abgeliefert. Was auch nicht anders zu erwarten war und doch bleibt der kleine Wermutstropfen, dass sie sich an der mittlerweile etwas berechenbaren, wenngleich erfolgreichen Rezeptur nicht zu rühren trauen. Müssen sie beim zweiten Album ja auch wahrlich nicht. Aber wir werden sehen, was noch kommt.

7/10

FJØRT – Kontakt | Grand Hotel van Cleef | VÖ: 22.01.16 | LP/CD/digital

Planks – Perished Bodies

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Geordneter Rückzug. Mit Wucht.

Eigentlich sollte man den Blick ja schon wieder nach vorne richten, das Jahr ist vorüber, die Bestenlisten 2015 in Stein gemeißelt und die 2016er Releases gerade in den Startlöchern. Eigentlich. Doch manchmal lohnt es sich doch noch einmal in den Stapeln des Vorjahres zu wühlen. So manches hat sich angesammelt, das nicht unerwähnt bleiben sollte. So zum Beispiel die allerletzte Planks-Platte, die im Spätsommer, als die Band schon gar nicht mehr existierte, veröffentlicht wurde. Perished Bodies ist gewissermaßen das Vermächtnis einer Band, die ihre Auflösung weit im Voraus geplant und entsprechend vollzogen hatte. Ein geordneter Rückzug mit einer letzten musikalischen Wegmarke.

Und so fühlt sich Perished Bodies auch an. Es ist ein schwerer, wuchtiger und zäher Abschied, der sich zudem passend in die Diskographie einordnet. Alles andere wäre auch eine Überraschung gewesen. „There is a reason that alls things must come to an end“, heißt es im von einer jaulenden Gitarre durchzogenen The Sacrifist, Pt. I und man schwankt bei dieser Selbstreferenz und angesichts dem Ende der Band zwischen tiefer Zustimmung und ebensolcher Ablehnung. Muss das denn wirklich so sein? Ja. Nein. Vielleicht. Es weist jedenfalls den letzten Weg, den Planks gehen (wollen). Dieser hat sich aus einem eher stürmischeren Sludge nach und nach in einen atmosphärisch-doomigen Post Metal verwandelt, der in Perished Bodies seinen konsequenten und gelungenen Abschluss findet. Und dieser liegt am Abgrund. Dem Abgrund menschlicher Bemühungen, Hoffnungen, Ängste und Ausflüchte. Nothing Will Ever Change oder das wunderbar aufgebaute und im Duett mit SVFFERs Leonie gesungene und gebrüllte She Is Alone künden auf vortreffliche Weise davon. Oder auch das verzweifelte und tonnenschwere Only Now.

Dass sich hier auch die beiden Instrumentalstücke Perished Bodies und The Sacrifist, Pt. II gut einfügen, verwundert nicht, zumal sie dem Album die nötigen Verschnaufpausen gönnen oder wie im Falle des Letzteren, das das Album in Rückgriff auf Pt. I zunächst sanft und monoton, gegen Ende wuchtig und insgesamt gefühlvoll umschließt. Perished Bodies ist ein absolut würdiger Schlussstrich. Und raus!

7,5/10

Planks – Perished Bodies | Golden Antenna Records | VÖ: 11.09.15 | LP/CD/digital

Die 10 besten Alben 2015

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10. Archivist – S/T

Archivist - Archivist // Bild: http://archivistmusic.bandcamp.com/releases

Dort, wo sich ehemalige Mitglieder von Fall of Efrafa und Light Bearer verantwortlich zeichnen, kann man ohnehin kaum etwas Schlechtes erwarten. Dennoch birgt ein Bandwechsel gewisse Risiken in der Erwartungs- und Anspruchshaltung, in der Abgrenzung und dergleichen mehr. Archivist ist das zum Glück herzlich egal. Ihr Debüt ist vielleicht weniger episch, brachial und narrativ als das (leider nicht zu Ende geführte) monumentale Light-Bearer-Projekt, trotzdem ist es eine wunderbare und gewichtige Ansage im Spannungsfeld von Postrock und Hardcore. (Albumreview)


9. MewithoutYou – Pale Horses

mewithoutYou - Pale Horses

Martin Smeets schreibt: Pale Horses ist ein ungemein forderndes Album, das nach und nach erschlossen werden will. Dessen viele kleine Ideen zwar meistens leiser und unauffälliger präsentiert werden, aber dafür umso eindrucksvoller wirken. Überall funkelt und strahlt es in diesen Songs.“ Das stimmt und doch hat es für ein forderndes Album die ungewöhnliche Fähigkeit auch einfach nebenbei, beiläufig gehört werden zu können. Es strengt nicht an, die Zeit zieht vorüber und es fühlt sich gut an. (Albumreview)


8. Circe – Music Composed for the Show of Shows

Circe

Wenn schon nicht Sigur Rós, dann wenigstens zwei Drittel davon. Einen Stammplatz in dieser jährlichen Bestenliste haben sie sowieso. Und mit Circe ist das auch nicht etwa aus Nostalgie- oder Stellvertretergründen, sondern mit Recht. Denn dieser Soundtrack kann unheimlich viel, siedelt er sich wie selbstverständlich im ambienten Postrock an, weiß sich aber dennoch fortwährend davon frei zu machen und sich stattdessen im Elektronischen und gelegentlich auch Tanzbaren zu bewegen. (Albumreview)


7. The World Is a Beautiful Place & I am No Longer Afraid to Die – Harmlessness

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Der traumwandlerische, vielstimmige und multiinstrumentierte Indie des Kollektivs aus Connecticut ist eigentlich immer eine Schau. Das war bei der vorangegangenen LP Whenever, If Ever schon so und ist auch bei Harmlessness nicht anders. The World Is… entlocken dem Emo eine ungeahnte Leichtigkeit voller Humor und Absurditäten, verzaubern mit eingängigen und wunderschönen Melodien und langweilen zu keiner Sekunde auf diesem beinahe einstündigen kleinen Wunderwerk.


6. Radare – Im Argen

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Radares Im Argen wäre ein vortrefflicher Soundtrack geworden. Ja, im Grunde ist es überraschend, dass es keiner ist. Träge, instrumental, verrucht und nebulös. Im Argen klingt nach Angelo Badalamenti und David Lynch und ist grandios. Gewiss auch anstrengend, aber diese Reise lohnt sich, weil Radare sich überhaupt nicht scheuen nicht gefällig zu sein, sondern ihren befremdlich warmen und jazzigen Slowcore-Irgendwas einfach ohne Kompromisse spielen. Ein großes Werk. (Albumreview)


5. Desaparecidos – Payola

Desaparecidos - Payola

Die Wiederbelebung der Desaparecidos und Payola wirken wie ein Befreiungsschlag und dokumentieren auf bemerkenswerte Weise wozu Conor Oberst, dieses zweifelnde Genie aus Omaha, immer noch in der Lage ist. Der rastlose, chaotische Punkrock der Desaparecidos steht ihm jedenfalls besser als der Country Folk seiner Mystic Valley Band. Zumindest auf diesem erstklassigen Niveau, das überdies hoffen lässt, dass Oberst sich nicht lediglich einen vorübergehenden Ausflug zurück zum Punk gegönnt hat. (Albumreview)


4. Sufjan Stevens – Carrie & Lowell

Sufjan Stevens - Carrie_Lowell

Klar. Als der Musikkritikliebling schlechthin sahnt Sufjan Stevens mit seinen Alben standardgemäß beste Bewertungen ab. So natürlich auch dieses Jahr. Und wahrscheinlich könnte er wirklich irgendetwas aufnehmen, Lob wäre ihm stets sicher. Allerdings hat er in diesem Jahr nicht einfach irgendetwas aufgenommen, sondern sein bis dato vielleicht eindrucksvollstes Album. Eine Hommage an seine verstorbene Mutter und seinen Stiefvater, aufrichtig, tiefgründig, außerordentlich persönlich, dabei aber nicht aufdringlich, sondern voller Würde und Anmut. Herzensmusik (fast) ohne Kitsch. Das gelingt in dieser Weise wohl nur einem der allerbesten Songwriter seiner Generation: Sufjan Stevens.


3. Envy – Atheist’s Cornea

Envy - Atheist's Cornea

Envy sind zweifellos ein Maßstab in der Verbindung (atmo-)sphärischer Klanglandschaften und turbulenter Riffs, von Postrock, Hardcore und Screamo. Auf Atheist’s Cornea, ihrem mittlerweile sechsten Album, erneuern sie diese Einschätzung abermals eindrucksvoll. Denn die Platte gelingt ihnen von vorne bis hinten, ohne Wenn und Aber und bildet mit ihrem Kern aus Shining Finger, Ticking Time And String und Footsteps in the Distance die vielleicht vielschichtigsten 20 Minuten dieses Genres überhaupt. (Albumreview)


2. The White Birch – The Weight of Spring

The White Birch - The Weight of Spring

Ola Fløttum nimmt sich grundsätzlich Zeit. Sehr viel Zeit. Fast zehn Jahre ist sein letztes Album her und The Weight of Spring kommt eben auch nicht mit ein paar seichten Minuten um die Ecke. Über eine Stunde begibt sich The White Birch auf eine wunderbar traurige Reise. Mit Klavier, Streichern, gelegentlichen Drums, spärlicher Gitarre und vor allem der bezaubernden Stimme Fløttums entstehen tiefgründige, düstere, existenzielle und trotz ihrer Fragilität unverwüstliche Songs, die durch ihre Schönheit allzeit strahlen werden. Mindestens. (Albumreview)


1. Rolo Tomassi – Grievances

Rolo Tomassi - Grievances

Rolo Tomassi haben sich mit Stage Knives nicht nur den besten Song, sondern mit Grievances auch das beste Album des Jahres gesichert. Wie das? Nun, weil dieses Album ausgesprochen vortrefflich als ein solches funktioniert und über die gesamte Spieldauer wahrlich große Momente versammelt. Das technische Können ist in jeder Hinsicht meisterlich, Eve Spences Stimme ist unfassbar wüst und zierlich zugleich, die Spannungsbögen sind kaum auszuhalten, die Songs detailreich inszeniert und als Ganzes behutsam aufeinander abgestimmt. Beispielhaft wäre hier das unschlagbare Quartett aus OpalescentUnseen and Unknown, Stage Knives und Crystal Cascades zu nennen, das formvollendet ineinander greift und große Augenblicke bereit hält. Ein absolutes Meisterwerk! (Albumreview)

Die 10 besten Songs 2015

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Die besten Songs eines Jahres an dessen Ende zusammenzutragen, ist traditionell mit Schwierigkeiten verbunden. Denn viel zu viele gute Songs hat man im vergangenen Jahr sowieso gar nicht gehört, auf manche gar nicht geachtet oder nur nebenbei, anderen wiederum hat man nie die vielleicht nötige Aufmerksamkeit und Zeit geschenkt und manche schlichtweg wieder vergessen. Eine solche Bestenliste – zumal mit lediglich 10 Songs – ist also ohnehin defizitär und möglicherweise auch mehr Momentaufnahme als die unumkehrbare Segnung des musikalischen Jahres 2015. So manchen Platz wird man hinterher vielleicht bereuen und sich erst später entdeckte Perlen sowieso hier hinein wünschen.

Aber was soll das Gejammer? Hier die 10 besten Songs 2015 aus Sicht von Minima Mortalia in aufsteigender Reihenfolge:

 

10. Farben/Schwarz – Alles Disko

Emopunk, der allen Peinlichkeiten aus dem Weg geht, sollte ziemlich genau so klingen. Aufgewühlt, energisch, melodisch. Fertig.


9. Death Cab For Cutie – Little Wanderer

Leicht, beschwingt, sehnsuchtsvoll und wie immer auch mit einer gehörigen Portion Traurigkeit. Das vielleicht charakteristischste DCFC-Stück auf Kintsugi.


8. Desaparecidos – City on the Hill

„Uh-oh Uh-oh“-Rufe sind selten nicht nervig. Hier zum Beispiel. Denn Conor Oberst klingt auf Payola so hastig und wütend wie schon lange nicht mehr und mit City on the Hill haben die Desaparecidos einfach einen riesen Song aufgenommen. Da gibt es keine zwei Meinungen.


7. The Slow Show – Dresden

The Slow Show haben mit White Water ein wahrlich starkes Debütalbum veröffentlicht auf dem das sakral-monumentale Dresden am hellsten strahlt. Endlich also gute News für und über Dresden. Erlebt man ja auch nicht alle Tage.


6. Love A – 100.000 Stühle leer

„Nur wer mal aufgestanden ist, der darf sich setzen / Und darum bleiben hier so viele Stühle leer“. Der beste Song auf dem besten Love-A-Album muss ja wohl ziemlich gut sein, oder? Aber hallo!


5. Birds In Row – Marathon

Die intensivste und dramaturgisch ausgefeilteste Nummer auf der EP Personal War hört auf den Namen Marathon. „This marathon has no end I know / but all I can do is run / and I forgive my legs when they burn / and they burn.“ Ja, das trifft’s und ist überdies ziemlich gut.


4. The White Birch – Solid Dirt

Ola Fløttums sonore wie zerbrechliche Stimme ist das Zentrum dieses zierlichen Kleinods, das ansonsten mit dezenten Streichern, einem zurückhaltenden Klavier und einigen Tupfern weiblichen Backgroundgesang auskommt. Zu völliger Schönheit reicht dies nämlich. (Albumreview)


3. Drug Church – But Does It Work?

„Nothing works“ – So zumindest Patrick Kindlons vielfach sich wiederholendes Mantra. Nun, für den Song stimmt das jedenfalls nicht, denn der funktioniert als rotziger Hardcore-Kracher ausgesprochen fantastisch. (EP-Review)


2. Vennart – Operate
Mike Vennart hat 2015 endlich sein erstes Soloalbum veröffentlicht, an dem er schon lange inmitten der vielen Live-Shows, die er mit Biffy Clyro spielt, gearbeitet hat. Mit Operate gelingt ihm dabei eine sensationelle Nummer, ja eine regelrechte Hymne irgendwo zwischen Prog und Indierock. Wow!


1. Rolo Tomassi – Stage Knives

Der beste Song des Jahres lässt sich naturgemäß schwer in Worte fassen. Aber hier ist er. Musik ab! (Albumreview)

EP: An Early Cascade | Cloudkicker | Birds In Row | Dress | Second Youth

an-early-cascade-kairosAn Early Cascade – Kairos

Es fällt schwer zu glauben, dass An Early Cascade nicht Circa Survive sind. Insbesondere der Gesang von Maik Czymara ist in Klang, Tonlage, Intonation und Melodieführung so unvorstellbar nah an Anthony Green, dass man Kairos glatt für ein Rip-Off halten müsste. Und es ist nicht nur der Gesang. Viel erinnert an den progressiven Post-Hardcore aus Pennsylvania, allen voran im starken Opener der Passengers of Today. Und doch täte man unrecht daran An Early Cascade als Abklatsch zu betrachten. Denn dafür differenziert sich die EP im weiteren Verlauf hinreichend aus. So etwa im instrumental-zurückgelehnten Intermezzo Colored Sands, das sich plötzlich wie eine Fata Morgana in den EP-Verlauf reinschleicht und ebenso plötzlich wieder verschwindet. Spätestens dann wagen sich An Early Cascade mit The Waverer auch an sperrigeres, progressiveres Material, das überhaupt die gesamte zweite Hälfte auszeichnet und mit Inside ein fast schon mars-voltaeskes Finale im Tool-Gewand findet. Ja, is‘ so!

[Fleet Union | VÖ: 13.11.15]


Cloudkicker - WoumCloudkicker – Woum

Ben Sharp did it again… und wie! Die Ausnahmeerscheinung des progressiven Postrock pflegt nicht nur einen rasanten Veröffentlichungsrhythmus, sondern vor allem eine bewundernswerte Herangehensweise an Musik, die auf diesem Niveau ihresgleichen sucht. Ben Sharp erledigt jeden Schritt bei der Entstehung seiner Platten selbst. So auch bei Woum. Komposition, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Aufnahme, Mastering, Publishing und einiges mehr haben nur einen Namen: Ben Sharp. Das ist umso erstaunlicher, weil seinen Alben seit jeher nichts zu fehlen scheint, sie sich aber trotzdem eindrucksvoll weiter entwickeln. Woum macht hier keine Ausnahme, obwohl es musikalisch deutlich andere Akzente setzt als beispielsweise die unmittelbaren Vorgänger Subsume und Little Histories. Die Metaleinflüsse treten bei Woum in den Hintergrund und öffnen die Klangfarbe hin zu mehr Wärme, Klarheit, Feinheit und Leichtigkeit. Die mächtigen Riffs weichen kleinen Gitarrentupfern und machen zum Beispiel ein Plurals oder Threaded zu zerbrechlich schönen Songs. Mit Trim Splint und Dovetail hat Cloudkicker überdies zwei seiner besten Songs überhaupt aufgenommen und auf die EP gepackt. Woum ist ein Highlight. Wieder einmal.

[Eigenvertrieb | VÖ: 28.10.15]


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Birds In Row – Personal War

Spätestens seit dem über Deathwish veröffentlichten 2012er Album You, Me & the Violence sind Birds In Row im Hardcore keine Unbekannten. Der Dreier aus Laval (Frankreich) wusste schon dort dringliche, beklemmende und ja, auch brutale Songs von meist sehr kurzer Spielzeit zu versammeln. Die nun vorliegende EP Personal War weiß sich ebenfalls dort einzuordnen und geht doch einen etwas anderen Weg als der deutlich längere Vorgänger. Denn Songs wie O’dear oder Worried legen die markerschütternde Härte kurzerhand beiseite und kommen fast schon feingliedrig und sanft daher. Was natürlich nicht viel daran ändert, dass Personal War ein biestiger Klotz bleibt, der nicht so leicht zu verdauen ist. Birds In Row teilen aus was das Zeug hält und fahren dabei mit die besten Hardcore-Songs auf, die in diesem Jahr zu hören waren. Da wären zum Beispiel ein Torches, das nach dem Intro auf wunderbar erbarmungslose Weise alles niederwalzt oder das finale Marathon, das mit seiner atmosphärischen Dichte und dabei doch eng getakteten Unverwüstlichkeit auf keinem Hardcore-Sampler des Jahres 2015 fehlen darf. Ganz großes Kino!

[Deathwish Inc. | VÖ: 30.10.15]


Dress - AngstDress – Angst

Wenn Dress ihren Proberaum in der Alten Mälzerei in Regensburg betreten, achten sie vermutlich erst einmal darauf, ob auch ja alle Reverb-Regler bis zum Anschlag aufgedreht sind. Erst dann kann es losgehen. Ihr shoegaziger Dreampop, den sie mit Angst in die nächste Runde schicken, nährt sich geradezu aus Hall. War das selbstbetitelte Debüt 2014 noch deutlich popaffiner und eingängiger, so hüllt Angst die Songs weitaus mehr in Atmosphäre, Effekte und Klangspielereien. Und das steht der EP auch gut zu Gesicht. Der Titeltrack verzichtet gänzlich auf Gesang, die nachfolgenden Songs nutzen ihn auch bloß als Beiwerk. Im Fokus stehen nicht etwa Text und auch nicht das einzelne Lied an sich, sondern das Gesamtbild, das sich nach und nach entfaltet. Die feinen Details, die sich in die Monotonie schleichen oder die Soundscapes, die die die kleinen und einfachen Melodien umhüllen und sich dennoch nicht scheuen auch einen Hit wie About The Sea von der Leine zu lassen. Stark.

[Eigenvertrieb | VÖ: 14.11.15]


second-youthSecond Youth – Glass Roof

Second Youth sind ein europaweit verstreutes Duo, das mit Glass Roof eine erste 3-Song-EP vorlegt, bevor bald ein richtiges Album nachkommen soll. Man kann an dem Vorboten problemlos ablesen, wohin die Reise von Second Youth gehen wird. Melodige Punkrocksongs mit weit ausgestreckten Armen, in einer Hand eine Kippe, in der anderen eine Pulle Bier, Geldbeutelkette mit Billardkugel, Hut, ranzige Jeansjacke, Halstattoo, Spinnwebentattoo auf der Geheimratsecke (kein Witz!). Tja, Social-Distortion-Fans bekommen schon jetzt leuchtende Augen und werden diese auch nach dem Hören von Glass Roof und weiteren fünf Bier beibehalten. Glass Roof und How It Was (das sehr zurückhaltende und kurze Keep On Dreaming eher weniger) gehen zielsicher in die Gehörgänge aller, die den groß gestikulierenden 90er-Punkrock schätzen und froh sein werden die Bouncing Souls in ihrer selten veränderten Playlist durch zwei neue Songs ersetzen zu können. Ansonsten ist aber nicht viel los bei Second Youth: Musik, die man schon tausendfach hören musste, schmalzig, schwülstig und völlig egal. Das nächste Bier bitte!

[Uncle M | VÖ: 04.12.15]

Baguette – Oh!Deu!Vre!

Baguette - OhDeuVre

Noisebrot

Preisfrage: Kann man eine Band, die sich selbst Baguette und ihr erstes Album Oh!Deu!Vre! nennt überhaupt ernst nehmen? Nun, eigentlich nicht. Den wildesten Assoziationen schwirren im Kopf herum, die Angst vor dem ersten Höreindruck ist groß. Der erste Blick auf die Tracklist macht es nicht besser: Fuzzelroller. Ah, mon Dieu!

Doch siehe da: Der Song kann ja was. Einiges sogar. Noisiger Lo-Fi-Indierock, der ein bisschen zersaust, vor allem aber energisch zu Werke geht, Cloud Nothings und Japandroids in Hörweite weiß, aber eher auf dem Punkstuhl daneben Platz nimmt. Das sitzt und zerstreut alle Bedenken. Die Grazer Baguette setzen lediglich auf Schlagzeug, Gitarre und stark verzerrten Gesang und denken nicht im Ansatz daran diese minimalistische Konstellation aufzuplustern. Warum auch? Songs wie Knappstrupper funktionieren auch so. Ein geschmeidiges Riff, ein stampfender Beat, fertig.

Doch täte man der Band unrecht sie ingesamt allzu minimalistisch anzusiedeln, weil sie in Songwriting und ihren Soundcollagen einige Haken zu schlagen weiß und eine reichlich experimentelle Ader auslebt. Zum Beispiel dann, wenn sich Leszek erhebt und als progressive Instrumentalnummer eine Achterbahnfahrt unternimmt oder wenn mit Hauli alle rhythmischen Gewohnheiten abgerissen werden. Das ist zuweilen anstrengend, aber gut.

Leider halten Baguette dieses Niveau nicht über die komplette Spielzeit. Vor allem in der zweiten Hälfte (von Hauli und Why You Came abgesehen) kommt zu wenig rum. Da treten die Songs eher träge und ziellos in ausgelatschten Rock’n’Roll-Pfaden herum und kosten das Album einigen Reiz, auch weil man ahnt, dass hier deutlich mehr möglich gewesen wäre. Letztlich ist es aber insbesondere die Kombination aus hakenschlagendem Noiserock und eingängigen Refrains, der Baguette zu einer spannenden Zweierformation macht und die mit Oh!Deu!Vre! sicherlich noch nicht das letzte Wort gesprochen hat.

6,5/10

Baguette – Oh!Deu!Vre! | Numavi Records | VÖ: 11.12.15 | LP/CD/digital