Fliehende Stürme | 11.09.15 | Goldenes Fass/Wilderer (Regensburg)

Fliehende Stürme

Fliehende Stürme

Einen Text über die Fliehenden Stürme zu schreiben ohne die Erwähnung von Chaos Z? Unmöglich. Denn Chaos Z – und das darf an dieser Stelle ruhig einmal gesagt sein – sind neben Slime und Schleim Keim die (vielleicht) wichtigste, einprägsamste und bedeutendste deutschsprachige Punkband. Klingt nach einer allzu steilen These? Mitnichten. Ohne den Frust, die Verzweiflung, die quälende Monotonie, den messerscharfen Geist und den kargen lyrischen Nihilismus Chaos Zs wäre die Entwicklung des Deutschpunk hierzulande ganz anders verlaufen. Deutlich schlechter als ohnehin schon – soviel ist gewiss. Doch geht es in diesen Zeilen eigentlich nicht um Chaos Z, sondern um die Fliehenden Stürme, wie die Band seit nun über 30 Jahren heißt. Ein eigentlich fließender stilitsischen Wechsel hat sich in der Konsequenz der Namensänderung vollzogen. Das war damals mutig und ziemlich einmalig und bildet sich heute noch in der eigenwilligen Publikumszusammensetzung ab. Fliehende Stürme bringen Szenen und Leute zusammen, die einander allenfalls vom Hörensagen kennen.

So geschehen auch in Regensburg im Goldenen Fass respektive Wilderer – wie sich der wintergartenähnliche Anbau nennt. Selten ist das Regensburger Publikum derart szenen- und generationenübergreifend zusammengesetzt wie hier. Geladen hatte an diesem Abend Regensburgs Goth/Dark-Wave-Community La Nuit. So wirklich heimelig kann sich aber eigentlich niemand in dem nervenaufreibenden, erschöpfenden und kathartischen Fatalismus der Stürme fühlen und doch fühlen sich gerade die verzweifelten Seelen aus Goth, New Wave, Punk und (Post-)Metal sich gleichermaßen angesprochen. Das Stimmungssetting wäre also schon einmal klar als die Fliehenden Stürme arg verspätet die Bühne betreten. Doch das Interieur will nicht ganz dazu passen. Räumlich ist das (oder der?) Wilderer vortrefflich konzertgeeignet, atmosphärisch hat es aber doch mehr von einem Vereinsheim oder einer Krankenhauskantine. Wenigstens bekommt man die Siffe vom Boden besser weggewischt.

Nach etwas hölzernem Beginn und unfertigem Soundmix, kommt die Band um Andreas Löhr nach und nach immer mehr und großartiger in die Gänge. Löhrs düstere und klagend-einzigartige Stimme drängt zunehmend in den Vordergrund und taucht das Vereinsheim mit den Plüschhirschköpfen an der Wand in eine noch trostlosere Stimmung. Ohnehin ist die Depression der Fliehenden Stürme ein Realitätscheck, der brutaler nicht ausfallen könnte. Bitterste Lyrik in dunkelstem Soundgewand, treffsicher, hoffnungslos und in dieser Hinsicht in der deutschsprachigen Musiklandschaft unerreicht. Großes Kino. „Ich bin Müll, doch ihr seid dreckig / Ich bin nicht stolz auf dieses Land.“ ‚Nuff said.

(Martin Oswald)

Pfingst Open Air 2015 – So war’s

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Bestes Wetter war dem Pfingst Open Air 2015 in Salching nicht vergönnt. Beste Musik auch nicht unbedingt. Aber, um das sogleich zu relativieren: So schlecht war beides auch wieder nicht. Der Regen im Vorfeld ließ zwar den Boden weich und matschig werden, was sich gerade in stark frequentierten Bereichen als Balancetest erweisen konnte; andererseits blieb ein Starkregen aus und lediglich Samstagnacht hat es sich etwas lästiger abgeregnet. Dass dies allerdings schon reicht, um das Festivalgelände unter dem Gestampfe von 8.000 Leuten – trotz stellenweise ausgestreuten Hackschnitzeln – in ein Schlachtfeld zu verwandeln, ist eigentlich auch keine Neuigkeit. „Pure Verwüstung“ titelt etwa idowa und klingt dabei einigermaßen überrascht. In der Tat mag man sich unmittelbar danach kaum vorstellen wie sich insbesondere die Park- und Campingplätze jemals wieder erholen werden. Aber sie werden es. Das POA 2016 ist natürlich bereits in Planung.

Doch kommen wir zurück zu diesem Jahr und lassen für ein paar Sätze die Wetterexpertise beiseite. Über 100 Acts auf 7 Bühnen hat das Pfingst Open Air in seiner vierten Auflage in Salching zu bieten. Stilistisch, wie immer, eine wilde Mixtur. Mit den Ausnahmen Skateopia, Elektrogelände und Spielwiese ist dabei nicht klar, ob die Bühnen und das Line-Up irgendeinem roten Faden folgen. Viel wahrscheinlicher ist das Gegenteil der Fall. Gerade die Mainstage hat keine musikalische Linie und scheint ihr Programm völlig willkürlich bzw. lediglich nach der ominösen „Bekanntheit“ zusammenzuwürfeln. Dazu, dass Jennifer Rostock der Gipfel einer solchen Willkür sind, kommen wir später. Auch das erstmals als Zirkuszelt aufgebaute K-Zelt, ist nur am Samstag als Hip-Hop-Bühne erkennbar. Von allem überall ein bisschen etwas ist zwar leider eine gewöhnliche, jedoch keine mutige, profilierte, stimmige oder – falls man es gehobener ausdrücken möchte – sinnvoll kuratierte Programmzusammenstellung. Und wenn man sich schon für eine immer breitere musikalische Mischung entscheidet, sollte der Hip-Hop-Anteil vielleicht nicht derart überrepräsentiert sein.

Neben kleinen Unannehmlichkeiten, wie etwa der dürftigen Ausschilderung, ist das POA allerdings vortrefflich organisiert. Zusätzliche, weit auseinander liegende Kassenhäuschen entzerren die Warteschlagen und verkürzen das Warten, die jeweiligen „Stationen“ (Bierstand, Cocktailbar, Infostand etc. und die einzelnen Bühnen) organisieren sich im einzigartigen POA-Charme selbst und das reichhaltige, wenngleich im Vergleich zum Vorjahr weniger vielfältige Verpflegungsangebot kommt meist ohne Wartezeiten und mit einigermaßen moderaten Preisen aus. Das sind hervorragende Bedingungen und dürfen reichlich Lob einheimsen.

Doch nun konkret zur Musik. Nachträglich könnte man sagen, der Freitag war so etwas wie der „Altes-Neu-Aufgewärmt-Tag“. Karate Andi etwa, der ultra-ironisch einen auf Proll macht, trällert derart langweilige Rapmusik mit möglichst häufiger Schlagzahl der Worte „Fotze“, „ficken“, „Junkie“ und „Hurensohn“ von der Bühne, dass man sich ernsthaft fragt, wen das eigentlich noch hinter’m Ofen hervorlockt. Gab es das nicht alles schon bis zum Erbrechen? Ist da nicht schon eigentlich alles gesagt? Wurde die anale Penetration mit der behaarten Mutter nicht schon häufig genug vollzogen? Offensichtlich nicht, POA und das überwiegend 15-Jährige Publikum kriegen einfach nicht genug davon.

Stilistisch ähnlich abgelutscht, aber doch um Längen interessanter: Wanda. Auch hier kreisen die feuchten Träume um tabuisierte sexuelle Verlangen, doch kann man bei all dem Wein- und Schnapskonsum sogar ein bisschen Nachsicht haben. Als frenetisch gefeierte Wiedergeburt des Austropop ziehen sie gerade ihre ranzigen Lederjacken durch alle möglichen Fernseh- und Radiostudios, sodass bloß zwei Worte genügen, um einen fiesen Ohrwurm zu setzen: „Amore“ und „Bologna“. Viel mehr muss man eigentlich gar nicht wissen, außer dass es Wanda freilich gelingt dem Pop eine Kerbe aufzureißen, die zwar nicht neu ist, die es aber schafft ein Stück Authentizität und Dreckigkeit in die Mainstream-Popmusikproduktion zu streuen. Zur Primetime auf einer Festival-Mainstage gibt man sich damit gerne zufrieden.

Für Genetikk, bei denen man unweigerlich an Biologie denken muss, gilt das nicht vorbehaltlos. Rapper mit Masken, deren Album auf Platz 1 der deutschen Charts einsteigt? Schon wieder. Das ist jetzt irgendwie auch nicht wirklich neu. Das Aufwärmen eines über 20 Jahre alten und deshalb nicht ganz peinlichen Songs der Toten Hosen ist allerdings gar nicht so übel. Welche besondere Strahlkraft Genetikk eigentlich auszeichnen soll, bleibt trotzdem eher ein Rätsel.

Ein Rätsel ebenfalls: GWLT auf der Skateopia-Bühne. Das Rätselhafte ist jedoch vielmehr woher die Münchner ihre ungeheure Energie nehmen. Ein rauer Hardcore mit einer sehr schmalen Grenze zum Hip-Hop, die jener regelmäßig überschreitet. Wie stilsicher und brillant sich Sänger David Mayonga in „beiden“ Genres bewegt, ist erstaunlich, zumal es ihm scheinbar mit Leichtigkeit gelingt das überwiegend hardcore-affine Publikum mitzunehmen.

Fotos vom Freitag:

Letzteres gelingt auch – und da sind wir schon am frühen Samstagnachmittag – Blackout Problems’ Mario Radetzky, der sich sogleich über den Bühnengraben ins Publikum stürzt. Bei so einem Festival wissen Blackout Problems aus ihren Songs im etwas seichten Fahrwasser von Fall Out Boy, My Chemical Romance oder (auch gerade der erstaunlichen stimmlichen Verwandtschaft wegen) 30 Seconds To Mars das beste zu machen, weil sie etwas haben, was ihnen auf Platte notorisch rausgebügelt wird: Power. Guter Auftritt.

Was beim Pfingst Open Air nicht fehlen darf: Eine Audiolith-Band. Regelmäßig beschickt die Hamburger Elektropunk-Schmiede das Pfingst Open Air mit Acts, diesmal sind Neonschwarz dran. Für die Hip-Hop-Formation um Johnny Mauser, Captain Gips und Marie Curry kommt sogar vereinzelt die Sonne raus, allzu passend zu den eher lockeren Beats und der smoothen Stimme Currys. Mit den Songs meinen sie es jedoch ernst, ist schließlich ein jeder davon ein politisches Statement. Mitreißend ist das nicht immer (zu schwach sind auch einfach manche Tracks), die Botschaften bleiben aber hängen. Eine ganz besonders: Refugees Welcome. Dieser Slogan und das dazugehörige ikonische Symbol sind ohnehin omnipräsent auf dem Pfingst Open Air. Das liegt an dutzenden Shirts und Pullovern, Transparenten und Pappschildern, aber auch an der Losbude von The Prosecution, die zugunsten von PRO ASYL allerlei Sachen verlosen. Das alles ist im Grunde genommen eine hervorragende Sache, drohte die Omnipräsenz nicht zugleich die politische Brisanz des Themas zum bloßen Lifestyle-Trend zu entpolitisieren. Die Gefahr der Banalisierung ist in der bloßen Zurschaustellung und Wiederholung linker (ja ehemals subversiver) Symbolik angelegt.

Ein gutes Anschauungsbeispiel hierfür bieten Jennifer Rostock, der Samstagsheadliner. Eine Band, die sich allzu gerne mit der Coolness linker Codes und Antifa-Symbolik schmückt, sich aber dennoch ausschließlich über die Haut ihrer Sängerin definiert. Dass die Band diesen Weg wählt und ihre Relevanz nicht durch die durchweg belanglose Musik zu erreichen versucht, ist allzu verständlich. Wie sehr hier Schein und Sein auseinander klaffen, ist umso offenkundiger. Dass sich jeder zweite Youtube- und Facebook-Kommentar in Zusammenhang mit Jennifer Rostock mit dem Aussehen, der „Geilheit“ oder Sexualität der Sängerin befasst, scheint die Band eben nicht zu stören. Im Gegenteil: Sie weiß um diesen Verkaufsschlager und darum, dass jedes Instagramfoto von Jennifer Weists Bikinizone bares Geld ist. Nun geht es hier keineswegs um eine völlig unangebrachte Anmaßung Weist irgendwelche Ratschläge zu erteilen, was sie wie mit ihrem Körper anzustellen hat, sondern um die Feststellung, dass die Bedienung sexistischer Muster und Duldung ebensolcher Verhaltensweisen Jennifer Rostocks täglich Brot ist. Jennifer Rostock ist nicht die Band als die sie sich gerne selbst inszeniert. Für einzelne Bandmitglieder mag dieses Urteil möglicherweise nicht in gleicher Weise zutreffen, für die Gesamtheit ihrer Band allerdings schon. Sie sind eine Firma – eine obercoole Firma im Antifa-Look, versteht sich.

Live trotzen Jennifer Rostock ihrem dünnen Songmaterial zwar ein bisschen etwas ab, doch ist all dies eben nicht mehr als Begleitmusik für die ausladenden Tanzvorführungen der Sängerin. Ganz allgemein ist der Auftritt mehr Entertainment als Konzert, was sich beispielhaft in den Saufspielchen und Anzüglichkeiten Weists zeigt und in einer völlig absurden Situation ihren Höhepunkt findet. Weist bitte zwei junge (teils minderjährige) Frauen aus dem Publikum auf die Bühne, um gemeinsam mit ihr Der Kapitän zu singen. Als eine davon das vor Aufregung nicht besonders gut gelingen will, gipfelt Weists Selbstdarstellungssucht in der Demütigung der jungen Frau vor tausenden Augen. Alles nur Spaß? Nein, asozial ist das. Furchtbare Band.
Das Gegenteil davon übrigens: KMPFSPRT. Gute Band. Die hatten zuvor auf der Skateopia-Bühne zwar sicherlich nicht das meiste Publikum, dafür aber die beste Show. Intensiv, authentisch, ein Hit gereiht an den nächsten. So läuft das. Ebenfalls sehenswert: Antilopen Gang, die sich mit den letzten Plattenerlösen im Auftrag von JKP wohl etwas auf dem Schrottplatz austoben durften, um ein „Schlagzeug“ sondergleichen zusammenzustellen (siehe Fotos).

Fotos vom Samstag:

Der Sonntag ist freilich der undankbarste Tag eines Festivals. Alles ist Matsch. Doch selbst hier gibt es Highlights. Tonbandgerät zum Beispiel, mit unprätentiös-zurückgelehntem Indierock zum Füße-in-die-Luft-Strecken oder Jesper Munk, der kontrastreich zu seinen noch jungen Jahren dem altehrwürdigen Blues einen zeitgemäßen Anstrich verpasst. Seiner herausragenden Stimme hat er das vemutlich am meisten zu verdanken. Stimmlich haben auch AnnenMayKantereit, die über den Status des Geheimtipps weit hinaus sind, zu bieten, viel mehr aber leider auch nicht. Zäh und träge ist die Show, so wirklich warm ums Herz will es nicht werden. Aber es ist ja auch alles Matsch am Sonntag, keine Sonne weit und breit.

Das Pfingst Open Air 2015 war gewiss kein großer Wurf, das Line-Up mit wenigen, dafür ziemlich guten Highlights, einigen Geheimtipps – die Bazzookas mit ihren Buskonzerten blieben noch unerwähnt, ebenso z. B. Nick & The Roundabouts, einigen Grottigkeiten, vor allem aber einer ansteckend guten Stimmung, die sich besonders auch in den „Nebenaktivitäten“ einfangen ließ. Der vortrefflich durchgeführte und moderierte Skate-Contest in der Miniramp etwa, der einen ausgesprochen unterhaltsamen Samstagnachmittag bereiten konnte. Ja, so lässt es sich aushalten. Dass die Wasserschlacht zwischen Bierstand und Cocktailbar ausblieb, ist allerdings unverzeihlich. Da besteht dringender Nachholbedarf. Nach einem insgesamt guten 2015, hoffen wir also einfach auf ein besseres 2016.

Fotos vom Sonntag:

(Martin Oswald)

Pfingst Open Air 2015

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Pfingsten steht wieder vor der Tür und in Ostbayern nicht nur im Zeichen der Ausgießung des Heiligen Geistes, sondern vor allem des Pfingst Open Airs. 100 Bands und Acts kommen in Salching zusammen, um 3 Tage auf 7 Bühnen an die 10.000 Menschen für insgesamt 67 Euro (3-Tages-Ticket) zu bespaßen. So viel zu den Zahlen. Eigentlich geht es aber gar nicht so sehr um Zahlen.

Vor einem Jahr haben wir geschrieben: „Provinzialität, Landluft und (nieder-)bayerische Folkore [sind seit Bestehen] Kernbestandteil des trotz Wachstum (zum Glück) immer noch überschaubaren und familiären Festivals. Da gibt’s zum Schafkopfturnier noch Irlbäcker Bier, Wasserbombenschlachten zwischen Bierstand und Cocktailbar und allerlei andere Albernheiten, die man eben nur beim POA findet.“

Das trifft ohne Einschränkung immer noch zu. Das POA entwickelt sich weiter, bleibt aber zugleich das was es ist. Ein mittelgroßes und entspanntes Festival, das sich mithilfe vielen ehrenamtlichen Helfer_innen dem ganz großen Kommerz entzieht, dabei aber durchaus namhafte Musik aus allen möglichen Genres an Land zieht. In diesem Jahr sind u.a. am Start: Genetikk, Jennifer Rostock, Moop Mama, Annenmaykantereit, Wanda, Antilopen Gang, Neonschwarz, The Prosecution.

Für Punk- und Hardcoreohren gibt es auch diesmal eine eigene Bühne (Skatetopia) auf der sich die vokallosen KMPFSPRT und GWLT, aber auch John Coffey, SickSickSick oder Hysterese tummeln werden.

Ein Besuch dürfte sich auch im Jahr 2015 lohnen, zumal die bisherigen Wetteraussichten gar nicht so schlecht sind.

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(mo)

Desmond Myers + Ibrahim Lässing | 08.05.15 | W1 (Regensburg)

Desmond Myers

Desmond Myers

Musikalisch passte das auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammen: Ibrahim Lässing und Desmond Myers. Dort ranziger Provinz-Rock mit Deutschpunkattitüde, hier metropolitaner Hip-Hop-Folk. Konnte man hierüber anfänglich skeptisch sein, zerschlug sich diese Skepsis recht schnell, denn das Konzert war trotz dieses Stilbruchs – ganz ohne Umschweife – ziemlich gut.

Da passt sogar gut ins Bild, dass es bei Ibrahim Lässing gelegentliche Soundprobleme, falsche Einsätze und verstimmte Instrumente gibt. Wer Perfektion will, sollte besser woanders suchen. Wer wiederum Sympathien für spaßiges Geschrammel hat, ist bei Lässing goldrichtig. Das Songwriting ist übrigens vortrefflich, Worte und die Bilder meist originell, der Humor wagt sich allerdings nur selten aus der Pubertät und ist stellenweise furchtbar nah an Joachim Deutschland (kennt den Vogel überhaupt noch jemand?). „Sie war wieder nicht auf meiner Party / Nur Behinderte auf meiner Party“ (Kleiner Gatsby). Saudumm. Lässing, der an eben diesem 08.05. das 7-Song-Album Kaugummiautomat veröffentlicht, ist ein gewiefter Entertainer, der mit Sprache umzugehen und geschickt von den peinlichen Momenten in seinen Songs abzulenken weiß.  Ja, nach ein paar Bier kann man das ziemlich gut finden.

Der Weltenbummler und Singer/Songwriter Desmond Myers, derzeit in Paris zuhause, bringt eine ganz eigene musikalische Mischung auf die W1-Bühne. Man müsste es eigentlich Crossover nennen, müsste man beim Lesen dieses Wortes nicht schon schmerzverzerrt die Zähne zusammenbeißen. Hip Hop wechselt sich ab mit Chansons, Folk mit Blues, Pop mit Rock. Singer/Songwriter ist für diese ungewöhnliche und gleichermaßen beeindruckende Mélange ein viel zu dünner Begriff. Myers, unterstützt von Bass und Schlagzeug, schickt seine Akustische durch so ziemlich alle Genres und Stile dieser Welt und reißt dabei auf ungemein talentierte Weise alle möglichen Grenzen ein. Er spricht deutsch, singt englisch, gelegentlich französisch. Er rapt, singt, fuchtelt, tanzt, kämpft, schwitzt und bewahrt sich dabei stets eine unnachahmliche Eleganz. Großartig.

Und die anfängliche Skepsis bezüglich Line-Up? Die bleibt anfänglich.

(Martin Oswald)

Tocotronic | 28.04.15 | STROM (München)

Tocotronic

Tocotronic

Die Herbsttour zum am 1. Mai erschienenen neuen TocotronicAlbum stand schon länger fest, die kleine Clubtour in den fünf größten Städten im deutschsprachigen Raum (inklusive eines tatsächlichen Überraschungskonzertes in Wien) kam umso überraschender. Wenig überraschend war wiederum, dass sie innerhalb weniger Tage (wenn nicht sogar Stunden) restlos ausverkauft war. Tocotronic wissen auch noch nach über 20 Jahren Publikum zu locken, das sich mittlerweile aus mindestens drei Musik-Generationen zusammensetzen dürfte. Die popkulturelle Relevanz der Tocs ist freilich einzigartig und die Fachpresse hinsichtlich der Veröffentlichung des mittlerweile elften und sogenannten Roten Albums im Ausnahmezustand. Intro, Spex, Musikexpress und wie sie alle heißen – niemand im Blätterwald, der der Kritiker_innen liebsten Band nicht eine Titelstory widmet.

Während es sich der Rest also im November im riesigen und klanglich unterirdischen Zenith gemütlich machen kann, hatten diejenigen, die schnell etwas mitbekommen, dabei auch noch schnell schalten und ebenso schnell einen Computer bedienen können, bereits jetzt die Gelegenheit Tocotronic bei der Vorstellung ihres neuen Albums im vergleichsweise intimen Rahmen zu sehen. 

Die Rede von Intimität ist hierbei übrigens nicht eine bloße Floskel, sondern für die thematisch mit „Liebe“ überschriebene Platte und der körperlich verausgabenden Atmosphäre im STROM mehr als passend. Denn heißer hätte es kaum werden können – in so ziemlich allen Bedeutungen dieses Wortes. „Heiß ist es bei euch!“ – Dirk von Lowtzow, dessen meist im Takt seiner eigentümlichen Silbenaussprache wippender Kopf förmlich glühen musste, entging natürlich auch nicht, dass es im Raum – mit Verlaub – pervers heiß war. Eine Sauna war das. Aber das nur nebenbei.

Tocotronic

Tocotronic

Mit den neuen Stücken Prolog und Ich Öffne Mich eröffnen Tocotronic den Abend. Und hört man auf dem Album gerade diesen Songs eine ausgiebige Popattitüde an, so bleibt von letzterer live gar nicht mehr viel übrig. Jan Müllers Bass brummt voran, Arne Zank kann mittlerweile ordentlich die Bass Drum treten und Rick McPhails Gitarrenarbeit (insbesondere in Ich Öffne Mich) ist ohnehin mehr Prog Rock als Pop. Allgemein haben Tocotronic auf der Bühne mehr Biss als ein Studio jemals aus ihnen herauskitzeln könnte. Das mag zu einem gewissen Anteil auch an der besagten Intimität liegen, auf jeden Fall aber an der Wirkungs- und Strahlkraft des tocotronischen Textguts, das mit Hingabe mitskandiert wird. Im STROM wirken Songs respektive Slogans wie Aber Hier Leben, Nein Danke!, Hi Freaks oder Samstag Ist Selbstmord noch ausdrucks- und bedeutungsstärker als sie es ohnehin schon sind. Oder in all den Jahren waren. Die Band versteckt sich nicht hinter der ultraintellektuellen Nerd-Aura, in die sie schon so häufig gehüllt wurde und sich hüllen ließ, sondern verausgabt sich förmlich. Mein Ruin oder das fantastische Live-Erlebnis Explosion stehen sinnbildlich und exemplarisch dafür, dass Tocotronic nicht eine Sekunde daran denken sich auf dieser kleinen Tour zurückzuhalten. Sie geben alles.

Drei Zugaberunden sind es am Ende, die Tocotronic mit einem Bogen zur Intimität und ihrer Liebesplatte, mit der sie eigentlich unterwegs sind (obwohl sie am Merchtisch noch gar nicht ausliegt), schlagen: „Bis wir zusammen sind / bis wir“ (Drüben Auf Dem Hügel). Näher könnten sie ihrem Publikum nicht sein.

(Martin Oswald)

Left In Ruins + Sømerset + Malatesta | 25.04.15 | L.E.D.E.R.E.R. (Regensburg)

Sømerset

Sømerset

Es kommt einem schon wie eine halbe Ewigkeit vor, aber es ist doch erst etwas über ein Jahr her, dass das Moloch Kollektiv im L.E.D.E.R.E.R. einmal im Monat Konzerte veranstaltet hat. Wenn die Rechnung stimmt, waren es 13 an der Zahl, das 14te am 25.04. sollte zugleich das letzte im „sozio-kulturellen Begegnungszentrum“ in der Lederergasse sein. Das Schicksal des L.E.D.E.R.E.R. sollte hinreichend bekannt sein, für die Vollständigkeit der Chronik sei es an dieser Stelle dennoch in aller Kürze erwähnt: Nach 8 Jahren und aufgrund andere Pläne der Hauseigentümer mit der Immobilie, musste das L.E.D.E.R.E.R. Ende April schließen. Ob und wie es an einem anderen Ort weitergehen kann, ist noch offen. Entsprechende Bemühungen gibt es.

Wie dem auch sei: Unter das Motto „Au revoir, LEDERER“ hat das Moloch Kollektiv seine letzte Show in der Stammlocation gestellt. Vor – wie gewohnt – vollem Haus wurden von Malatesta, Sømerset und Left In Ruins verschiedene Facetten des Hardcore Punk abgeklopft bzw. gedroschen. Während Malatesta aus München ihrem Hardcore einen spröden und trockenen Crustsound verpassen und stimmlich dafür sorgen, dass man im Verlauf des Auftritts (das gilt auch für die konsequent neben das Mikro gesprochenen Ansagen) kein einziges Wort versteht, haben Sømerset einen differenzierteren, wenngleich nicht minder trockenen Klang parat. Die Riffs und wütenden Vocals lassen fast schon an Black Metal denken, kommen aber trotzdem meist sehr zügig zum Abschluss.

Den eher knackigen Song pflegen auch Left In Ruins aus dem italienischen Trento, die in ihrer 20-minütigen Spielzeit vermutlich mehr als 15 Songs unterbringen. Pünktlich um 23 Uhr ist dann aber Schluss. Ja, selbst beim allerletzten Konzert hält man sich brav an die verordnete Livemusikruhe, die seit jeher lästig war, aber im Sinne einer DIY-Konzertstätte stets verantwortungsbewusst in Kauf genommen wurde. Das spielt jetzt aber auch keine Rolle mehr. Au revoir, L.E.D.E.R.E.R.!

(Matin Oswald)

Against Me! + Roger Harvey + Caves | 21.04.2015 | Backstage (München)

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Against Me!

Das Münchner Backstage hatte sich dieses Mal etwas ganz Besonderes ausgedacht: Einen ausgewachsenen Kulturclash. Wer zu den schlampig gespielten Powerchords will, muss erst mal durch eine Schar Fußballfans, spielen doch Against Me!Roger Harvey und Caves zeitgleich mit dem nicht nur in München wohl bekannten FC Bayern. Punkrock und so-called Königsklasse innerhalb weniger Quadratmeter, das Backstage macht’s möglich. Wie man das findet, können zum Glück alle für sich selber entscheiden, ein bisschen seltsam wird sich diese Location mit ihrer Bauwagenplatzromantik allerdings ohnehin immer anfühlen.

Seltsam ist dann auch der Kontrast nach Betreten der noch ziemlich leeren Halle, schließlich läuft da statt Sky Refused in voller Lautstärke. Orte, an denen man bis zu den ersten Tönen verweilen möchte sind also rar gesät. Dann aber geht es endlich los mit Caves, deren Merch das sattsam bekannte A.C.A.B. in „All Cats Are Beautiful“ umdeutet. Die sich allerdings auch mit einem Sound herumschlagen müssen, der jeder Beschreibung spottet. Selbst wenn das Trio auf der Bühne sichtbar kompromisslos in die Vollen geht und sich eher wenig um ein differenziertes Klangbild schert: So darf das nicht klingen. Jeder Kellergig, bei dem „die Technik“ schon mit acht Oettinger Export in der Birne ankommt, hört sich besser an. Verpasst haben dadurch aber auch wirklich nur diejenigen etwas, die auf völlig wüst durcheinander stolpernden Punkrock stehen:

Über schlechten Sound kann sich Roger Harvey im Anschluss nicht beklagen. Und über mangelnde Reaktion aus dem Publikum sowieso nicht, werden die Stücke doch ziemlich frenetisch aufgenommen. Böse Zungen würden behaupten, dass man mit einer Mischung aus Dave HauseThe Gaslight Anthem und ein bisschen Conor Oberst auch kaum verlieren kann. Doch das ist natürlich Mumpitz. Diese Songs muss man schließlich auch erst mal so schreiben. Sollte jemand den nächsten Punk-Singer/Songwriter suchen, den es groß zu machen gilt: Hier ist er. Dass sich Harvey und Band auch noch äußerst sympathisch gerieren und man ihnen die Freude über den Auftritt tatsächlich abkauft, ist dem Gesamteindruck alles andere als abträglich. Und man ist nach dem Set entsprechend gut aufgewärmt für das, was da noch kommen sollte.

Was da noch kommen sollte, war nämlich so vielleicht nicht unbedingt zu erwarten. Klar, dass Against Me! jetzt nicht unbedingt die langweiligste Liveband sind, dürfte allen geläufig sein. Mit welcher Vehemenz sich die Band um Laura Jane Grace allerdings durch ihre Songs spielt, überrascht dann aber doch. Knappe 90 Minuten voller Einsatz sind das, die nichts auslassen. Vom Aufmacher I Was A Teenage Anarchist über Pints Of Guiness Make You Strong bis zu Black Me Out, das das reguläre Set beschließt, wird hier mit einer beeindruckenden Verve gezockt. Schön sind auch die mehr oder weniger neu interpretierten Trash Unreal und How Low. Richtiggehend grandios wird es dann, wenn die Band plötzlich das sonst eher selten gehörte Turn Those Clapping Hands Into Angry Balled Fists auspackt. Da stellt man plötzlich fest, wie viel Atmosphäre in so einen Punkrocker passt und wie viel Power diese Band auf der Bühne entwickelt. Beim Stichwort „Power“ sei überdies Drummer Atom Willard erwähnt, der eine sichtliche Gaudi bei seiner Arbeit hat. Wie überhaupt die gesamte Band, die zwar außer einigen Dankesbekundungen kaum Worte verliert, aber trotzdem nie den geringsten Zweifel daran aufkommen lässt, wie viel Bock man auf die eigenen Songs hat. Am Ende hört man dann im Vorbeigehen von irgendwoher ein Ich hätte nicht gedacht, dass die SO gut sind.“. Das unterschreibt man blind. Against Me! sind wieder weg von breitbeinigen Rockern der Marke Bamboo Bones und können sich mittlerweile den Luxus erlauben, Sink Florida Sink erst ganz zum Schluss zu spielen. Und der FC Bayern gewinnt nebenan 6:1. Kurzum: Alle glücklich.

(Martin Smeets)

No Weather Talks + Modern Saints + Deadends | 21.03.15 | Büro (Regensburg)

No Weather Talks

No Weather Talks

Die Wizard Cat hat ihr sogenanntes Frühlingsfest in zwei Teile geteilt. Teil 1 fand am 12.03. mit Teen Agers und Salsa Shark in der Alten Mälzerei statt. Weil wir dort nicht waren, sind wir hierzu eigentlich zum Schweigen verdammt, aber eine unleugbare Ahnung beschleicht uns doch: gegen Teil 2 eine Woche später hat die erste Ausgabe vermutlich abgestunken. Das mag weniger an Teen Agers und Salsa Shark, sondern vielmehr an Deadends, Modern Saints und No Weather Talks gelegen haben. Ein Line-up wie es im Punkrocklehrbuch nicht besser stehen könnte.

Einen besonders frühlingshaften Abend hatte man sich für Frühlingsfest II zwar nicht ausgesucht, aber wir wollen ja auch nicht unnötig über’s Wetter reden. Reden wir lieber über melodischen Punkrock, den es gleich dreimal in hochwertigen Ausführungen gibt. Da wären zunächst einmal Deadends aus Graz, die nicht nur mit dem breitesten steierisch zu amüsieren wissen, sondern eben auch mit einem Dutzend Songs, die schwungvoll und melodiebeladen trotz gelegentlichen Holprigkeiten an der Schießbude glatt und direkt ins Ohr gehen. Das ist ziemlich gut und kommt selbst im klanglich wenig optimalen Büro eine ganze Ecke knackiger daher als auf Deadends‘ ein bisschen kraftlos produzierten Veröffentlichungen.


Ähnlich, aber etwas schnauzbärtiger: Modern Saints. Nicht zu verwechseln mit Modern Baseball oder Modern Pets, aber vielleicht so etwas wie die Mischung aus beiden. Für Pop-Punk zu rock’n’rollig, für Rock’n’Roll zu pop-punkig. Auf jeden Fall aber: überzeugend.

 

Über No Weather Talks muss man sowieso nicht mehr viel sagen. Nach zwei starken EPs steht endlich eine LP bei Gunner Records in den Startlöchern, die es irgendwie schon gibt, offiziell aber irgendwie doch noch nicht. Die Songs darauf gibt es jedenfalls und die wissen sich nebst dem älteren Material – live – vortrefflich einzuordnen. Das muss jedenfalls gesagt werden: Wer No Weather Talks bisher (ob live oder auf Platte) verpasst hat, sollte sich eine Runde schämen.

(Martin Oswald)

Swain + Direct Effect | 14.03.15 | L.E.D.E.R.E.R. (Regensburg)

Direct Effect

Direct Effect

Das L.E.D.E.R.E.R. ist bekanntlich in den letzten Atemzügen und damit auch die seit ziemlich genau einem Jahr regelmäßig stattfindenden Moloch-Kollektiv-Konzerte. Zumindest in dieser Lokalität. Das L.E.D.E.R.E.R. war in keiner Hinsicht perfekt, aber es war perfekt, dass es da war. In Zukunft muss man woanders hin ausweichen.
Swain aus den Niederlanden und Direct Effect aus Florida durften im Rahmen ihrer gemeinsamen Eurotour das erste und zugleich letzte Mal in den Genuss kommen. Mit ihrem begeisterten Oettinger-Konsum unterboten sie dabei sogar noch das Grintigkeitslevel der Location. Kann also eigentlich nichts mehr schief gehen.
Gut, bei Direct Effect sind zwar die Töne schief, aber das gehört bei dieser Noise-Auslegung des Hardcore zum Programm. Letzteres ist auch gar nicht so übel, der Kellersound, der diesmal noch viel mehr nach Keller klingt als sonst, kommt dem auch ganz gut entgegen. Die vergleichsweise kraft-, lust- und am Mikrofon obendrein noch recht stimmlose Vortragsweise ist der Hoffnungslosigkeit der Musik und des Oettinger-Konsums zwar angemessen, hätte aber dennoch etwas mitreißender sein dürfen.

Wie das geht, wissen Swain. Die sind zwar szeneuntypisch in der Verwendung von Gaffer Tape äußerst ungeübt – das Flicken des Gitarrengurtes ging ja noch, aber was Sänger Noam dann am Mikrokabel veranstaltete, spottet jeglicher Beschreibung -, in der Darbietung ihres Hardcore Punk umso geübter. Kaum ein Song, der sich jenseits der Zweiminutengrenze abspielt, einige kommen weit darunter zum Abschluss. Das akzentuierte Songwriting findet in den für Regensburger Verhältnisse durchaus heftigen Mosheinlagen seine Entsprechung. Dass die Gesangsmikrofone dabei immer wieder Aussetzer haben, stört nicht wirklich, ist aber auch nicht verwunderlich, wenn ein Dutzend Leute über die Kabel trampelt. Nicht zuletzt mit Songs wie etwa Asleep haben Swain eine ungeheure Livepräsenz und -energie, die sich eine Band nicht einfach so aus dem Ärmel schütten kann. Das muss man drauf haben, egal was schief geht.

(Martin Oswald)

The Prosecution + The Gogets + Smile And Burn | 06.03.15 | Alte Mälzerei (Regensburg)

The Prosecution

The Prosecution

Genau eine Woche war The Prosecutions drittes Album Words With Destiny alt und Regensburg – nach Abensberg, versteht sich – die zweite Releaseshow-Station. Dass dies ein ganz besonderes Konzert werden sollte, war natürlich vorher schon klar. The Prosecution müssen sich ohnehin längst keine Sorgen mehr machen, ihre Tickets nicht loszukriegen, insbesondere in Regensburg nicht und insbesondere nicht bei ausgesprochen moderaten 8 Euro im Vorverkauf. Und weil bei The Prosecution Musik und politischer Einsatz ganz enge Verbündete sind, wird mit dem Konzert eine Kleiderspende für Geflüchtete in der Regensburger Erstaufnahmeeinrichtung verknüpft. Das Feld ist also bereitet.

Und so stehen bereits um neun bei Smile And Burn geschätzte 350 Leute im Raum, die Hälfte von ihnen direkt vor der Bühne, die andere Hälfte in der Getränkeschlange. Manche fühlen sich von Smile And Burn – nicht zu Unrecht übrigens – animiert sich als Spidermen zu betätigen und Wände und Decke zu besteigen.

Was The Gogets angeht, so hätte man sich lieber eine ausgedehnte Zigarettenpause gönnen sollen. Die Band ist eine einzige Übertreibung. Übertriebene Gesten, übertriebene Melodramatik und Theatralik. Hier ein bisschen AFI, da ein bisschen Rise Against, ansonsten ganz viel Bon Jovi. Ja, richtig gehört. Es wäre keine Überraschung, wenn hier plötzlich It’s My Life geträllert würde. Es wäre nur konsequent. In einigen Momenten ist das zwar alles harmlos und belanglos, in einigen ist es aber wirklich schlimm. Bei Captain zum Beispiel, das so übertrieben auf Formatradio getrimmt ist, dass man sich die Wiener selbst im Refrain den Text sparen können. „Badadada badababa badadada badadababa“. Ist ja eh wurscht. Zu sagen hat die Band ohnehin nichts. Die Hoffnung bleibt aber, dass The Gogets nur die alberne Spaßband von Turbobier-Chefdrangla Dominik Wlazny ist, der auch hier unlängst von Bass auf Hauptgesang und Gitarre und damit zum Oberanimierer umgestiegen ist. Mit Hüsn klappt das allerdings deutlich besser.

The Prosecution zeigen dann unmittelbar das symptomatische Gefälle des Ska zwischen Platte und Live. Der musikalische Eindruck des Ersteren kann mit Letzterem schlichtweg nicht mithalten. Niemals. Die Dynamik des Live-Erlebens von acht herumhumpelnden Gestalten können Plattenspieler oder iPod nicht ersetzen. Insbesondere dann nicht, wenn eine der besten Bands des Genres in der weiteren Umgebung (von St. Pauli einmal abgesehen) ihr durchweg passables Material mit Hingabe, Leidenschaft und großer Spielfreude darzubieten weiß. Da macht es auch nichts, wenn die Bläsersätze zu laut abgemischt sind oder die Backing Vocals abschmieren. Dem Skacore kommt dieses Bisschen Imperfektion ohnehin zugute. Die Songs, ob alt oder neu, ob Sofa Spuds oder Liars, kommen sowieso direkt aus dem Tanzbein und sind für eben jenes bestimmt. Reihenweises Crowdsurfing (selbst über Stufenabsätze hinweg) kommt übrigens in der Mälze auch nicht täglich vor. Da braucht es schon jemanden wie The Prosecution.

(Martin Oswald)